USA 2017. Regie:  Christopher Radcliff, Lauren Wolkstein. Darsteller: Alex Pettyfer, James Freedson-Jackson, Emily Althaus, Gene Jones, Owen Campbell, Marin Ireland, Cindy Cheung, Melanie Nicholls-King

Offizielle Synopsis: Diners, Tankstellen, Motels. Zwischen den Orten ziehen am Autofenster Wälder und Weite vorbei, Tag wird zur Nacht. Zwei geheimnisvolle Geschwister sind unterwegs durch das fast mythische amerikanische Niemandsland. Dieser Roadtrip, den wir durch die Augen des jüngeren Bruders Sam miterleben, muss mehr sein als ein einfacher Ausflug. Eine Flucht, ein Rachefeldzug, eine Rettung? Wir wissen es vorerst nicht, stecken aber gleich mittendrin im erd- und laubfarbenen Dickicht des Films, der schnell einen düsteren Sog entfesselt. Schleichend weicht die Monotonie der Reise einer existenziellen Beklemmung – und bald einer leisen Ahnung von Terror.

Kritik: Neues Spiel, neues Glück – und schon wieder verloren: ein weiterer „coming of age“-Film ohne Genre-Elemente. Ich unterstelle mittlerweile, dass das Festival ausschließlich zu meinem persönlichen Ärgernis organisiert wurde. Und den letzten Satz der Inhaltsangabe vergessen wir auch mal ganz schnell. „existenzielle Beklemmung“ ist eher „existenzielle Banalität“ und die „leise Ahnung von Terror“ entspricht einer „leisen Ahnung von Langeweile“.

„The strange ones“ (ein wirrer wie unzutreffender Titel) möchte wieder mal durch minutenlanges Schweigen und lange, farbentsättigte Aufnahmen Einsamkeit und Sprachlosigkeit suggerieren, als wären das cineastische Werte an und für sich. Die Tatsache, dass so ein Ansatz ohne Empathie für die Figuren oder Kenntnis ihres Schicksals schnell in dröges Non-Kino umschlägt, übersehen die Macher in ihrer Selbstbesoffenheit.

Hinzu kommt, dass „The strange ones“ sich eines unredlichen Tricks bedient, um den Zuschauer so lange wie möglich im Dunkeln zu lassen, was den (mageren) Plot angeht: Alle Charaktere reden nur in extrem vagen und unglaubwürdigen Dialogen über das, was passiert ist. Da wird angedeutet, aber nicht ausformuliert.

Und so schleppt sich der Film über eine Stunde hin, bis halbwegs klar wird (Spoiler), dass Nick mit Sam abgehauen ist, weil dieser wohl seinen gewalttätigen Vater erschlagen hat. Mehr bringt „The strange ones“ an Handlung nicht zusammen.

Nun könnte man über die Flucht der beiden Freunde durchaus ein spannendes Roadmovie erzählen, in dem man z.B. aus Nicks Versuchen, eine Art Ersatz-Familie zu bauen, Konflikte zieht. Das Motel, die Rezeptionistin Kelly – es ist Sam, der sich widersetzt. Und irgendwann muss Nick einsehen, dass Sam durch die Gewalt seines Vaters vielleicht irreparabel gestört ist und ein neuer Anfang unmöglich.

Das ginge. Es ist nur nicht der Weg, den die Regisseure gehen wollen. Stattdessen entsorgen sie Nick nach der Hälfte der Laufzeit unspektakulär und wir bleiben bei dem bleiern langweiligen Sam, der erst in einer Art Ferienlager und dann in einer Pflegefamilie landet, ohne dass damit seine persönlichen Erfahrungen oder seine Entwicklung thematisiert werden. Statt sich aus dem Setup zu entwickeln, wechselt „The strange ones“ die Richtung und bleibt dann einfach stehen.

Da von den Figuren bewusst Sprachlosigkeit und Lethargie verlangt wird, lässt sich die schauspielerische Leistung kaum bewerten, weil kaum etwas geleistet werden muss. Erstaunlich nur, dass Alex Pettyfer, der vor ein paar Jahren noch als „upcoming leading man“ in Hollywood gehandelt wurde, mittlerweile in solchen Klein(st)filmen mitspielt.

Und so bleibt eigentlich nur die Frage, ob man bei „The strange ones“ wenigstens ein Fleißkärtchen ob des Themas häuslicher Missbrauch verteilen soll. Meine persönliche Antwort darauf: nein. Weil er das Thema zwar anspricht (nicht zeigt, wohlgemerkt), aber dann verfehlt.

Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass es beim nächsten „coming of age“-Drama im Cinemaxx zu einem Ausbruch häuslicher Gewalt kommt.

Fazit: Ein missglückter Versuch, häusliche Gewalt und die Suche nach Familienersatz als Roadmovie umzusetzen. Der Plot für eine halbe Stunde wird unangemessen und teilweise unfair gestreckt. Da auch sonst keinerlei Mehrwert für den Zuschauer drin ist, gibt’s nur 3 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Der Versuch, die relevanten Informationen erst weit nach Einführung der Figuren zu geben, missglückt. Zumal alles sehr fahrig erzählt wird.“

Next up: Memoirs of a murderer



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Tantejay
Tantejay

4 von 10? Nach der Rezension hätt ich 1 von 10 erwartet *g*

Gregor
Gregor

Deine Kritiken werden um so unterhaltsamer je schlechter die Filme. Soll ich mir jetzt schlechte Filme für Dich wünschen?

DMJ

Du scheinst ja unter einem wahren Coming-of-Age-Filmfluch zu leiden! Man sollte mal nach dem Festival ein Gesamtbild machen, ob es wirklich so grotesk viele waren, oder du nur, von bösen Gestirnen geleitet, alle mitgenommen hast.

Thies
Thies

Zumindest die Filme die für den „Fresh Blood“-Award zur Wahl stranden schienen beinahe ausschlieslich nach diesem Kriterium ausgewählt worden zu sein. Was auch nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie sich in der Qualität an „It“ orientiert hätten, aber mit Ausnahme von „Super dark times“ waren sie beinahe zuschauerfeindlich dröge.

Marcus
Marcus

The Sleepy Ones. 5/10.

OnkelFilmi
OnkelFilmi

THE STRANGE ONES ist einer dieser Filme, bei denen ich mir denke, dass sie uns erspart blieben wären, wenn es das VERZAUBERT noch geben würde (das LGBT-Filmfestival, das Rosebud früher veranstaltet hat).