Indonesien 2017. Regie: Mouly Surya. Darsteller: Marsha Timothy, Yoga Pratama, Egy Fedly, Dea Panendra u.a.

Offizielle Synopsis: Ein Mann auf einem Motorrad erreicht eine abgelegene Hütte. Als ob es die alltäglichste Sache der Welt wäre, verkündet er der dort lebenden Marlina, dass seine sechs Banditenkumpel ebenfalls bald eintreffen werden. Die Gang wird all ihr Geld und all ihr Vieh stehlen, wenn Zeit bleibt, mit der Witwe schlafen und sie so „zur glücklichsten Frau der Welt“ machen. Aber bevor es so weit ist, soll Marlina erst noch eine Hühnersuppe für ihre „Gäste“ kochen.

Kritik: Indonesien. Weiß ich so gut wie gar nix drüber. Weder touristisch, noch historisch, noch cineastisch. Nach diesem Film habe ich auch keinen großen Drang, hinzufahren. Wirkt eher karg und lebensfeindlich.

Filme wie „Marlina“ gibt es auf dem FFF immer mal wieder, sie sind nicht – wie viele andere Beiträge dieses Jahr – ein Beleg für die Missachtung des Zuschauerwillens, sondern für die Möglichkeit der Erweiterung desselben. Wo Splatter, Sex und Serienkiller den Ton angeben, ist immer auch Platz für ein leises Drama, für den Ausflug in eine fremde Kinowirklichkeit. Das Adrenalin fährt runter, die Pupillen weiten sich, das Herz geht auf. „Beasts of the Southern Wild“, „Marshland“, „Hunt for the Wilderpeople“, um nur ein paar zu nennen. Wer die Reise mitmacht, wird reich belohnt.

Der Film ist in vier Akte unterteilt: Der Raub, die Reise, das Geständnis, die Geburt. Glaubt man im ersten Akt noch, es handele sich um ein intensives, intimes Vergewaltigungsdrama, schwenkt der zweite Akt in ein Roadmovie um, gefolgt von einer Art Verfolgungsjagd. Das Ende ist nicht nur die Auflösung der konkreten Probleme, sondern auch die Schaffung eines neuen, weiblich loyalen Lebensentwurfs.

„Marlina“ zeigt ein Indonesien, in dem die Frauen die Arbeit leisten, die Kinder bekommen, die Entscheidungen treffen – und die Männer als parasitäre Gewalt auftreten. Marlina ist eine stolze Frau, die ihr Schicksal meistert, ohne es untertänig hinzunehmen. Im Vergleich zu ihr sind alle Männer klein und armselig, egal wie viel körperliche und zahlenmäßige Überlegenheit sie mitbringen. Und so kann die Konsequenz auch nur die Schaffung einer (vorerst) männerlosen Utopie sein.

Marlina nimmt den Kampf auf, wehrt sich, verlangt Verantwortlichkeit von Anderen und für sich selbst, geht leise den beschwerlichen Weg mit Bus, auf dem Pferd, oder auch zu Fuß. Die Frauen, denen sie begegnet, die berührt sie auch: Ob die schwangere Nachbarin oder das Mädchen im Restaurant – es ist unzweifelhaft, dass alle von der Stärke Marlinas lernen und profitieren werden.

Regisseurin Surya hat dabei keine Probleme, trotz des ständigen Wechsels von Brutalität, Humor und Absurdität den emotionalen, fast zärtlichen Ton zu halten. Die struppige, strohige Landschaft bekommt durch den weichen Blick eine ganz eigentümliche Schönheit und die reduzierte Geschwindigkeit der Erzählung ist hier keine Langeweile, sondern Kontemplation.

Kurioserweise passt „Marlina“, obwohl er keine phantastischen Elemente mitbringt, deutlich besser in das Festivalkonzept als z.B. „Darkland“ oder „Land of the little people“, weil er genau genommen ein rape & revenge-Film ist – wenn auch ein sehr sensibler, so bizarr das klingen mag.

Fazit: Ein exotisches, wunderschön bebildertes, lakonisch-skurriles Frauendrama über eine Welt, in der das Patriarchat nur mit Gewalt gebrochen werden kann. Sicher auch kein Genreknaller, aber hier verstehe ich wenigstens den Wert für die Festival-Mischung, darum 8 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Bietet interessante Einblicke in eine fremde Welt. Schweift dabei auch immer wieder in skurrile Gespräche ab. Für mich ein Highlight – aber ich stehe eben auch solche Exoten.“

Next up: The strange ones

 



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Stimme dem Wortvogel gänzlich zu. Wunderschön gefilmt und toll gespielt. Ein eher langsamer Film, der mich trotzdem an keiner Stelle verloren hat – im Gegensatz zu „Super Dark Times“. Um noch eine Lanze für die Herren zu brechen: Wenigstens einer Männer im Film durfte anständig sein.
Aber so langsam muss man den indonesischen Film wohl echt im Auge behalten. Nachdem „The Raid 1 & 2“ schon für ordentlich Furore im Action-Bereich gesorgt haben, überraschen die uns jetzt mit sowas.
Zum Schluss ein Wort zur Landschaft: Hat mich auch überrascht. Indonesien sollte eigentlich großflächig von tropischem Regenwald bewachsen sein. Aber wo der schon abgeholzt ist, oder der Boden zu felsig ist, sieht das wohl so aus…