USA 2017. Regie: Nikolaj Arcel. Darsteller: Idris Elba, Matthew McConaughey, Abbey Lee, Tom Taylor, Katheryn Winnick, Jackie Earle Haley u.a.

Offizielle Synopsis: Revolvermann Roland Deschain ist der letzte seiner Art und gefangen in einem ewigen Kampf mit Walter O’Dim, auch bekannt als der Mann in Schwarz. Roland ist fest entschlossen, ihn daran zu hindern, den Dunklen Turm zu Fall zu bringen, der das ganze Universum zusammenhält. Das Schicksal aller Welten steht auf dem Spiel, als das Gute und das Böse in einer ultimativen Schlacht aufeinanderprallen. Denn Roland ist der Einzige, der den Dunklen Turm vor dem Mann in Schwarz verteidigen kann.

Kritik: „Dark Tower“, die lang erwartete Adaption von Stephen Kings mehrtausendseitigem opus magnum, ist schon vor dem Kinostart FUBAR (fuck up beyond all recognition):

  • Zu viele Köche.
  • Die Story erzählt nicht die Romane nach, sondern versucht dem Dark Tower-Universum eine Art stringente Parallel-Geschichte mit dem vorhandenen Personal abzuringen, die gleichzeitig während und nach der Ereignisse der Bücher spielt.
  • Die Inhaltsangabe des Verleihs (siehe oben) hat nichts mit dem Film zu tun.
  • Der Film versucht, ein in acht Bänden und diversen Ablegern entwickeltes Universum in 95 Minuten zu etablieren.
  • Noch vier Wochen vor Verleihbeginn gab es keine aussagekräftigen Trailer und die Marketingmaschine blieb bis zum Start fast stumm.
  • Die Vorabkritiken waren desaströs.
  • Die Macher planten erst mit einer Kino-Franchise, dann mit einer TV-Serie basierend auf dem Kinofilm – und distanzieren sich mittlerweile schon vom Kinofilm, um für die TV-Serie noch einmal neu anzufangen.
  • Aktuell sieht so aus, als würde „Dark Tower“ neben „Valerian“ und „Ghost in the Shell“ die dritte große Genre-Adaption des Jahres werden, die am Startwochenende unter 20 Millionen Dollar einspielt.

Ihr könnt euch vorstellen, dass meine Erwartungen gebremst waren, als ich gestern ins Kino ging – obwohl ich dafür extra nach einer harten Reportagewoche von Nürnberg nach München gefahren war. Andererseits war ich in der perfekten Ausgangssituation, den Film neutral anzuschauen: Ich gebe nix auf PR-Geplapper und die Bücher habe ich nie gelesen (was mich in den 80ern zum Außenseiter in vielen Geekgruppen machte). 95 Minuten sind zudem für mich kein Nachteil – ich mag straffe Filme.

„Der dunkle Turm“ mag eine miserable, vielleicht sogar beleidigend schlechte Adaption der King-Franchise sein. Das kann ich nicht beurteilen. Wer ins Kino geht, weil er die Bücher mochte, der wird vermutlich mit einem Gesicht zur Faust geballt rauskommen. Man hat zeitweise das Gefühl, ohne Vorankündigung nicht in den ersten, sondern in den fünften Teil einer Franchise geworfen worden zu sein. Wo kommt der Turm her? Wer ist der Scharlachkönig? Was soll das Shining von Jake sein? Was ist Walters Backstory? Nichts wird erklärt, nichts wird aufgelöst.

Der Wahnsinn hat in diesem Fall Methode, wie das Presseheft zu erklären versucht:

When it came to the screenplay adaptation, because King’s approach is, in his words, so “instinctive” (“I’m not somebody who plans things out in advance,” he says), the filmmakers faced an unusual challenge in bringing The Dark Tower to the screen. With so much material, where to begin? “How do you present this to the moviegoing audience so they’ll understand it and feel like they’re immediately in the story, whether or not they’ve read the books?” King asks. The answer for the screenwriters came in looking at The Dark Tower as a whole, drawing elements from several of the books in the series. “It’s a classical thing – they call it in medias res, which means ‘begin in the middle of the story.’ You begin in the middle and then fill everybody in, and it just moves ahead like a freight train from that point,” King continues.

Das kann man für einen praktikablen Ansatz halten. In diesem Fall funktioniert es aber nur sehr begrenzt. Der Mythos des „dunklen Turms“ bleibt erschreckend vage.

Als Blockbuster für die Sommersaison taugt der Streifen auch nicht. Dafür ist er zu unspektakulär. Es fehlen die ganz großen „action set pieces“, die aufwändig realisierten fremden Welten, die ins Bild gerückten bizarren Wesen. Man wird das Gefühl nicht los, dass entweder von vorne herein zu wenig Geld da war – oder man in vorauseilendem Gehorsam der geplanten TV-Serie keine zu hohe Messlatte legen wollte. Im Jahr 2017 ist nichts, was „Dark Tower“ zeigt, nicht auch im Fernsehen realisierbar – inklusive der Besetzung. Der tatsächliche Gegenwert für das Eintrittsgeld ist begrenzt.

Ihr konntet ihn den letzten zwei Absätzen das „aber…“ schon förmlich riechen, oder?

Aber… „Dark Tower“ ist ja nicht nur eine Ansammlung von Erwartungen, eine Romanvorlage, eine Reihe von Produktionsproblemen. Es ist auch ein Film mit Darstellern, einer Geschichte, einem Anfang und einem Ende. Und wenn man sich mal nur darauf beschränkt, was da tatsächlich über die Leinwand flimmert, dann gibt es nichts, worüber man sich ärgern müsste. Der Film „Dark Tower“, nicht das Hollywood-Debakel „Dark Tower“, ist in seinem Aufbau und seiner Action sympathisch oldschool, etabliert klare Helden und Bösewichte, setzt Fähigkeiten und Ziele wie ein klassisches Videospiel, und versucht eben NICHT, einen Mangel an Substanz mit einem Übermaß an CGI und Schnittgewitter zu zu scheißen.

He who only wants over the top spectacle, has forgotten the face of his father.

Im Mittelpunkt steht hier Jake, und seine physische wie metaphysische Reise ist dem Handbuch des „hero’s journey“ von Campbell entnommen. Das haben wir schon tausend Mal gesehen (die Bestimmung, der Widerstand, der väterliche Freund, die Konfrontation mit der Macht, etc.), in seiner reinsten Form bei „Star Wars“, aber natürlich auch bei „Matrix“, „Ender’s Game“, „Herr der Ringe“, etc. Das macht das Konzept nicht schlechter, denn es funktioniert immer noch prima. „Dark Tower“ hat keine Probleme, damit die Aufmerksamkeit der Zuschauer 95 Minuten zu halten.

Zu straffen Laufzeit gesellt sich auch die kompakte Inszenierung aller Effekt- und Action-Szenen. Keine minutenlangen Zeitlupen, die Epik vortäuschen, keine endlosen Prügeleien, die inhaltlich folgenlos die Handlung strecken. Der Film bleibt ständig in Bewegung und sieht sich nicht nur als Aneinanderreihung von Spektakeln. Das spiegelt sich auch in der Qualität der Darsteller, die allesamt wirklich Einsatz zeigen: Idris Elba cool, aber sympathisch, McConaughey sinister, Tom Taylor gänzlich unnervig.

In seinem Bemühen, die gigantomane Vorlage einzudampfen und den Erzählfokus neu zu setzen, erinnert „Dark Tower“ letztlich an Young Adult-Kinofilme wie „Maze Runner“, „Hunger Games“, „Divergence“ und „Robot Overlords“. Hier wird nicht das große Rad gedreht, aber es wird auch nichts wirklich falsch gemacht. Am Ende wird das „Fortsetzung folgt“ zwar nicht explizit auf die Leinwand getextet aber doch klar impliziert. Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn es weiterginge.

Und so kam es, dass ich mich zum Nachspann zu Peter Osteried umdrehte und flüsterte: „War doch gar nicht so schlimm – there, I said it.“

Fazit: Wer eine respektable Adaption von Kings Meisterwerk erwartet, ist hier falsch. Wer einen Fantasy-Blockbuster erwartet, ist hier auch falsch. Wer einen straffen und spannenden Abenteuerfilm mit sympathischen Figuren sucht, ist hier richtig. Gehört demnach unschön zwischen die Kategorien „Die Guten“ und „Die Guckbaren“, was den allgemeinen King-Kanon angeht.

Und nun zum Gewinnspiel:

Ich verlose den ersten Band der King-Reihe im neuen, an den Film angelehnten Cover-Design. Die Spielregeln sind einfach. Ich habe mir willkürlich den Titel eines King-Films ausgesucht – Badmovies-Master Markus Nowak kennt ihn schon, um als neutraler Juror Schmu zu verhindern. Jeder Leser darf unten in den Kommentaren EINEN Titel nennen. Wer als Erster den richtigen Titel nennt, bekommt das Buch von mir geschickt.

GO!



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Alain Courtois
Alain Courtois

ES

Daniel Spiegelberg
Daniel Spiegelberg

Ich ahnte es, und als ich gestern die erste (Kurz-)Kritik vom Rolling Stone las, wurde ich zornig. Ich hatte bis dato keine Ahnung, dass die was anderes machen, als einfach das erste Buch der „Turm“-Reihe zu verfilmen, und freute mich auf also den, und die sechs weiteren, die noch folgen würden. „Der dunkle Turm“ ist für mich ein Heiligtum, ich meine das ernst, ohne religiös, geschweige denn fanatisch klingen zu möchten. Den ersten habe ich mir mit 12 Jahren in der Stadtbücherei zu Düsseldorf/ Kaiserswerth ausgeliehen, ausgestattet mit einer ausdrücklichen Erlaubnis-Erklärung meiner Mutter – das Bücherei-Personal hatte sich zuvor standhaft geweigert, dem kleinen Steppke da Bücher vom (damals noch) Horror-Papst mitzugeben. Der Rest ist Geschichte. Ich kann die komplette Geschichte aller Bücher, ohne nachzugucken, am Lagerfeuer erzählen.

Dann das. „Wie, ein Film, alles drin, häh?“ Wohl bescheuert, oder was?“, war mein erster Gedanke. Und ich empfand aufrichtigen, weißglühenden, unendlichen Hass.

Deshalb: Danke für die versöhnlichen Worte. Kann ich mir jetzt gut vorstellen. Ein guter Film, im Universum des dunklen Turms, und eben nicht die Roman-Adaption, auf die ich gehofft hatte, aber immerhin. Das ist ja nicht nichts. Ich werde ihn gucken. Und wahrscheinlich ein bisschen fluchen, aber auf eine wohltemperierte, wohlmeinende Art und Weise.

Achso, das Gewinnspiel. Ich tippe auf „Carrie“: Falls das stimmt, und ich der erste bin, schenk es einem Bedürftigen. Ich hab’s sogar doppelt.

Thorben
Thorben

Carrie

Torsten Scheib
Torsten Scheib

Creepshow

Teleprompter
Teleprompter

Christine

Marko

Misery

sergej
sergej

„Noch vier Wochen vor Verleihbeginn gab es eine aussagekräftigen Trailer und die Marketingmaschine blieb bis zum Start fast stumm.“
Der Satz hört sich an, als ob was fehlt.

Lösungswort:
Der dunkle Turm

Martin Däniken
Martin Däniken

Elba und McConaughey hatten nur einen gemeinsamen Drehtag und dann 1 oder 2 Wochen Promotour…laut Elba bei Jimmy-Fallon
und meinem Gedächtnis!
Elba ist nicht besonders gut darin gewesen
die Qualität des Films herauszustellen,druckste herum,zwar professionell aber man merkte mit ein bisserl Medienerfahrung;war nicht sein Ding.
Weil er war ganz anders als über seine (kurze)DJ-Karriere bei einem Krankenhaussender erzählte 😉

Thomas Hortian
Thomas Hortian

Maximum Overdrive

Jörg B.
Jörg B.

Running Man

Gerry
Gerry

«Cujo»

Dr. Acula

f.d.R. 🙂

gerrit
gerrit

Stephen King interessiert mich normalerweise nicht. Habe nur von den vielen Sachen, die ich angelesen, aber nicht durchgehalten habe, einen Essay im Hinterkopf, der war geil, erschienen in „Batman 400“. Aber: Daniel Spiegelberg, solltest du jemals was veröffentlichen, ein Käufer wär dir sicher. Echt jetzt.

Gerry
Gerry

Yeah! Die Adresse hast du zwar schon (vom Nu-Food/Frankenfood Gewinnspiel), aber ich maile sie Dir selbstverständlich noch mal. Vielen Dank schon mal.

Das waren sie dann wohl, meine Momente des Internet-Fame…

Tobi
Tobi

Needful things

Kaio
Kaio

Ich habe nur das erste Buch vor einiger Zeit mal gelesen und fand das damals ziemlich mies. Von daher hat mich der Hype um den Film irgendwie ziemlich kalt gelassen. Wenn es als in sich abgeschlossener Film aber gut taugt – vielleicht hab ich sogar mehr davon als vom Buch.

Anne
Anne

Carrie

Dietmar

Okay. Als Nichtkenner der Romane bin ich jetzt interessiert. Danke wieder einmal!

Jake
Jake

Danke für die Kritik! Ins Kino werde ich dafür nicht gehen. Wird geguckt, wenn er mal über VoD verfügbar ist. Die ersten vier Bände hatte ich Ende der Neunziger „in einem Rutsch“ durchgelesen. Leider dauerte es dann über vier Jahre, bis der nächste Band veröffentlicht wurde. Hatte bis dahin jedoch schon wieder so viele Details der Handlung vergessen, dass ich wieder mit Band 1 hätte beginnen müssen. Hatte ich aber keinen Bock drauf…

Marcus
Marcus

Psst! Mach den Titel des Beitrags mal richtig, bevor das noch einer merkt! 😀

Ansonsten alles richtig. 😉