Ich habe mich komplett mit Kommentaren zurückgehalten, was den G20-Gipfel angeht – aus einem eher banalen Grund: ich bin momentan privat zu sehr eingespannt und finde das Thema obendrein unfassbar ermüdend. Nun fühle ich mich aber doch gerufen.

Allen, die sich über die Ausschreitungen empören, möchte ich sagen: Echt? Das hat euch irgendwie überrascht, entsetzt, verärgert? Machen wir uns doch nichts vor: selbst wenn wir die Polizei komplett aus der Analyse subtrahieren, war das nicht nur vorhersehbar – es war unvermeidlich. Die große Politik kommt mit Pomp in die Stadt – die kleine Antifa macht Rabatz. Steine fliegen, Wasserwerfer spritzen, Kostümierte gegen Vermummte. Scheiben gehen zu Bruch, Autos in Flammen auf. Zahlt die Versicherung, redet nach zwei Wochen kein Mensch mehr von. Kein Protest – ein Ritual.

In der „Systempresse“ sind es die linken Terroristen, die Gewalt schüren, in den linken Kanälen wird das Klischee vom brutalen Polizeistaat gepflegt, der eigentlich friedlich geplante Proteste hat eskalieren lassen. Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte – aber wen schert heutzutage denn noch die Mitte?!

Vielleicht ist es eine Frage des Alters, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals anders war. Angefangen beim Besuch des Schah in Berlin 1967 (ihr erinnert euch vielleicht an die „Jubelperser“), über die RAF-sympathisierenden Straßenschlachten mit dem „System“ im deutschen Herbst, bis zum militanten Arm der Ökopaxe und der „Friedensbewegung“ in den frühen 80ern. AKW neee. Hausbesetzer gegen „Schweinestaat“. Schieß doch, Bulle. Die Randale zum 1. Mai in Berlin war über Jahre so fest terminiert, dass man vermutlich professionell gedruckte Kalender mit einem entsprechenden Eintrag kaufen konnte. Mittlerweile: there’s an app for that.

Wie ist es möglich, dass wir jedes Mal so reagieren, als hätten wir das noch nie erlebt, als wären das Abgründe, als erreiche „der Terror eine neue Qualität“? Pustekuchen. Hamburg 2017 war bestenfalls Mittelmaß in der Disziplin Gewalt gegen Menschen und Sachen. In Sachen „Sinn“ und „Systemkritik“ sowieso. Während es der Linken gelungen ist, ihr Aggressionspotenzial über Dekaden zu konservieren, hat sie jede Form von tatsächlichem gesellschaftlichen Gegenentwurf schon lange aufgegeben. Für nennenswerte Friedensmärsche reicht die politische Überzeugung schon lange nicht mehr, aber Bullen aufmischen ist immer drin. #eiskalt #durchgezogen.

Ich kann mich darüber nicht aufregen. Auch deswegen nicht, weil ich jenseits der Politik hier auch evolutionsbiologische Mechanismen am Werk sehe. Das klingt verharmlosend, ist es aber nicht: eine ganze Menge junger Menschen „braucht“ Randale als Ventil. Das sind Revierkämpfe wie in der Wildnis, da wollen zu kurz gekommene Alphatiere sich messen, wollen sie die Rudelführer attackieren. In einer Gesellschaft, die sich immer mehr ins Virtuelle verlegt, in der Konflikte über die Tastatur ausgetragen werden und das Körperliche verloren geht, stauen sich Energien auf, physische Energien. Und die Energie muss irgendwo hin – mit Betonung auf „irgendwo“. Das ist nicht politisch. Ganz platt gesagt: würden die Spacken von der Antifa für einen Marathon trainieren, kämen sie bei Demos nicht auf die Idee, Autos anzuzünden. Politisch wird die „Entladung“ erst, weil die Demonstranten sich natürlich dort entladen, wo sich ein nahezu rechtsfreier Raum dafür bietet und aus der sozialen Sphäre sogar noch Anerkennung winkt. Das blaue Auge vom Bullenknüppel ist ein Ehrenmal. Mit Politik hat das nichts zu tun.

Die Mechanismen vom G20-Gipfel unterscheiden sich nicht nennenswert von denen der Hooligans oder den Nazi-Aufmärschen. Neanderthaler, Stammesdenken, die geradezu groteske Fehlinterpretation von Begriffen wie Ehre, Gerechtigkeit, Freiheit. Jungbullen, die brüllend mit Eiern schaukeln und Hörner zeigen. Weil hier Urviecher von Urtrieben gepeitscht werden, ist auch jeder politische oder pädagogische Ansatz Makulatur. Ob Deeskalation oder konsequente Eindämmung – Hormone und Adrenalin lassen sich nicht steuern.

Terroristen? Nein, in meinen Augen sind das keine Terroristen. Es sind Arschlöcher. Die sind nicht weniger gefährlich. Nur dümmer. Meistens.

Nimmt man meine These in den vorigen Absätzen an, dann ergibt sich eigentlich logisch, dass solche Zusammenstöße nicht nur unvermeidbar sind, sondern dass man sie sogar zulassen muss, um Druck aus den extremen Randgruppen zu nehmen. So wie junge Hunde am Rad drehen, wenn sie nicht ab und an mal rennen dürfen, muss ein bestimmter Anteil des Jungvolks offensichtlich ab und an mal die Sau rauslassen. Viele kanalisieren das in Kirmes und Kneipe, andere pumpen Eisen in der Muckibude. Ich kenne Menschen, die sich primär auf da Oktoberfest freuen, weil da neben Sauferei und Frauen angrabbeln sicher auch ein paar Schneidezähne auf ihre Fäuste warten. Ein Abend zwischen Polizeirevier und Notaufnahme gilt denen als „carpe diem“.

Es geht hier auch um Männlichkeit, um ihre Zwänge und ihre Notwendigkeiten. Wir mögen das „Dampf ablassen“ nicht akzeptieren wollen, weil wir es archaisch und albern finden. Aber das wird es nicht ändern. Die Möglichkeit zum Streamlining, zur Perfektionierung des Menschen findet ihre Grenzen. Bei jeder Frau, die beim Anblick eines Schuhs jauchzt. Bei jedem Mann, der mit Genuss aufs Gaspedal tritt.

Politik verursacht Protest. Mal weniger, mal mehr. Einige werden vernünftig argumentieren, während andere schon die getränkten Lappen in die Flaschen popeln. Ein junger Polizist wird hoffen, dass es heute ruhig bleibt, während sein Kollege schon hibbelig den Schlagstock streichelt, als müsse er sein Machtinstrument masturbieren. Beide Seiten der Absperrungen werden sich nicht einigen, werden keine friedliche Lösung finden – weil sie nicht gekommen sind, um friedlich zu sein.

Doch es gibt eine positive Seite der Medaille: nichts davon ist von Dauer. Es sind Entladungen, und die Energien sind schnell aufgebraucht. Keine Bewegung, kein Protest, keine Demo hat die Republik je ins Wanken gebracht. Keine Seite hat je die Grundfesten dieser Demokratie erschüttert. In diesem Wissen liegt Beruhigung.

Nächstes Mal sehen wir uns wieder. Dann wird es schlimmer. Oder auch nicht.

Ich meine es nicht defätistisch, wenn ich es sage: nehmen wir es hin. Versorgen wir die Verletzten, fegen wir die Scherben weg, wischen wir noch einmal feucht durch.

Dies ist Deutschland, aufräumen können wir.



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