Es gehört zu den Vorzügen einer Beziehung, vermisst zu werden. Früher, wenn ich lange unterwegs war, kam ich in ein kaltes und leeres Haus zurück. Klar konnte das auch entspannend sein, aber in den letzten Jahren wärmt es doch das Herz, wenn hinter der Tür jemand aufgeregt auf und ab springt, weil man endlich wieder da ist. Und aufgeregt auf und ab springen, das kann die LvA gut.

Und nicht nur die.

Wir sind es gewohnt, dass unsere Katzen sich merklich freuen, auch wenn wir nur einen Tag lang nicht daheim waren. Dann schleichen sie uns um die Beine, springen auf die Anrichte, um sich streicheln zu lassen, sind generell ganz außer sich. Nach zehn Minuten überdreht ihre Begeisterung so sehr, dass sie sich durch die Wohnung jagen und kräftig kloppen. Es ist ja endlich wieder jemand da, der es merkt.

Wenn ich alleine „außer Haus“ bin, ist das gewöhnlich anders. Die Katzen wirken dann auf den ersten Blick deutlich entspannter, geben nachts Ruhe und holen sich alle benötigten Kuscheleinheiten bereitwillig von meiner Frau. Die kann das auch. So manches mal hatte ich den Eindruck, dass unsere Katzen mich nicht als integralen Bestandteil des Haushalts betrachten, sondern als glorifizierten Poopie-Schaufler.

Diese Woche ist das aber anders.

Mir war schon aufgefallen, dass Rufus sich in den letzten Monaten immer mehr auf mich fixiert hatte. Nachts quengelt er mich ja gerne mal aus dem Bett, weil er ein paar Schmuseminuten allein haben will. Es ist sehr deutlich, dass er mich manchmal exklusiv braucht – Becky ist da nicht anders, aber gewöhnlich nicht so penetrant. Rufus sucht dieses „wir beide Kerle“-Gefühl. Er ist ein sensibler Rebell.

Dieser Tatsache kann man sicher auch zuordnen, dass er in den letzten Wochen einen neuen Lieblingsplatz entdeckt hat. Unsere Putzfrau hat ein Katzenkissen aus dem Wohnzimmer ins Arbeitszimmer auf die Kommode gelegt. DAS findet Rufus großartig, weil er dort auf Augenhöhe nur 60 Zentimeter von meinem Arbeitssessel entfernt liegen und mich beobachten kann.

I always feel like somebody’s watching me:

Soll mir recht sein, ich habe den Schmusebär gerne in der Nähe.

Nun bin ich aber derzeit im hohen Norden unterwegs, übernachte aktuell in einem schönen Landhotel nahe der dänischen Grenze. Seit vier Tagen müssen nicht nur die LvA und Becky, sondern auch Rufus auf mich verzichten. Und den Aussagen meiner LvA nach kann Rufus das nicht gut ab.

Wie es scheint, ist der Kater verdächtig ruhig, wirkt sogar etwas melancholisch, auch wenn ich diese Vermenschlichung normalerweise ablehne. Zwar lässt er sich von der Chefin gerne beschmusen, aber immer wieder sucht er das Arbeitszimmer auf – in dem ich ja gerade nicht weile. Er würde vermutlich seufzen, wenn er könnte.

Besonders auffällig: die Nächte verbringt Rufus aktuell halb und halb: halb im Schlafzimmer – auf meiner Bettseite, und halb im Arbeitszimmer – auf meinem Sessel. Zuerst habe ich Scherze gemacht, dass der Kater vermutlich meine Position im Haushalt usurpieren will, aber die LvA ist ernsthaft der Meinung, dass er unruhig darauf hofft, dass ich wiederkomme. Besonders der Platz im Sessel entspricht einer Sehnsucht.

Wie gesagt: Ich halte nicht viel davon, Katzen zu vermenschlichen. Aber Thais sind bewusst mit einem starken Bezug zu „ihren“ Menschen gezüchtet worden und dass unsere beiden Lieblinge uns gerne um sich haben, ist offensichtlich. Und so macht es mir auf schöne Weise das Herz schwer, wenn ich von den Leiden des jungen R. höre.

Durchhalten, Tiger, der Chef kommt diese Woche noch heim!



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Dietmar

Ich denke ehrlich: Tieren Stimmungen, Gefühle und Charakter zuzusprechen ist noch keine Vermenschlichung.

S-Man
S-Man

Ich glaube auch, dass Tiere durchaus Gefühle haben. Bei meiner Katze kenne ich ähnliches Verhalten, wie du es beschreibst. Er ist sehr auf mich fixiert und er tobt nur, wenn ich da bin – niemals so ausgelassen bei anderen…

CthIngo
CthIngo

Die Wissenschaft nähert sich ebenfalls dem an, was für viele Menschen, auch mir, längst völlig klar ist.

https://www.tz.de/leben/tiere/tiere-emotionen-wissenschaftler-erkennen-gefuehle-6566325.html

Das sich mancher schwer damit tut wird wohl daran liegen, dass wir – auch nur Tiere – damit ein uns selbst verordnetes Alleinstellungsmerkmal verlieren.

Martin Däniken
Martin Däniken

Normalerweise kriegt man Katzen immer mit Kartons in den Griff!
Ich weiss nicht was evolutionstechnisch da gelauen ist aber Katzen und Kartons sind wie Politiker und die VDS ;-)!