22
Jul 2017

Unwritten: Miss President of the United States

Themen: Neues |

Vorwort: Ich sitze in einem Hotel in Niedersachsen. Gestern Abend fiel mir wieder ein, wann ich das letzte Mal in einem Hotel in Niedersachsen gesessen habe: in der US-Wahlnacht 2016. Ich kann mich gut erinnern, es ist einer dieser "wo warst du, als…?"-Momente gewesen. 

Um 3.00 Uhr morgens, Ablauf und Ergebnis der Wahl schienen ausgemacht, schrieb ich den nachfolgenden Text. Gegen 4.30 Uhr war mir klar – ich werde ihn nicht veröffentlichen können. Um 5.00 Uhr schaltete ich den Fernseher aus. Fassungslos.

Es sind seither acht Monate vergangen – und alle düsteren Befürchtungen haben sich nicht nur bestätigt, sie wurden weit übertroffen. Amerika wird von einem tollwütigen, grenzdebilen und rachsüchtigen Idioten regiert. 

In diesem Sinne ist das hier ein "was wäre wenn…?"-Text zum Denkanstoß:

Ich verfolge die US-Präsidentschaftswahlen seit 2000 live. Heute nacht habe ich in einem Hotel in Niedersachsen gesessen – mit Cola, Chips und CNN. Und noch nie hatte ich einen solchen Knoten im Magen, soviel Wut im Bauch. Weil es diesmal – weit mehr als bei Bush oder Obama – nicht nur um das Schicksal der USA ging. Es ist eine Richtungswahl gewesen.

Und nach meinem politischen Verständnis ist es gut gegangen. Glimpflich, aber gut. Manchmal reicht das, weil es reichen muss.

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Es ist historisch: Nach dem ersten schwarzen Präsidenten haben die USA nun die ersten Präsidentin gewählt. Damit sind die Regierungschefs von drei westlichen Großmächten Regierungschefinnen – USA, Großbritannien und Deutschland. Auch dieses Detail sollte nicht unterschätzt werden.

Doch es hätte nicht so knapp sein müssen. Es hätte nie so weit kommen dürfen. Dass es die am besten vorbereitete Demokratin brauchte, um den am schlechtesten vorbereiteten Republikaner zu schlagen, ist Grund zur Sorge. Die Hälfte der Amerikaner hat einen Orang(e)utan ohne Impulskontrolle gewählt. Diese Menschen bleiben, auch wenn Trump geht. Diese Ignoranz bleibt, auch wenn Trump geht.

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Die Wahl hat eine Gewinnerin – aber viele Verlierer: Donald Trump, die republikanische Partei, die US-Presse, das politische Selbstverständnis der USA, mein Respekt vor Amerika.

Man kann nur hoffen, dass Clinton das Land nachhaltig genug stabilisiert, um den Schaden aufzuarbeiten, den Trump angerichtet hat. Er hat die Impotenz der Medien aufgezeigt, wenn ein Kandidat sich schlicht nicht um die Wahrheit schert – und damit Anhänger ködert, die es auch nicht tun. Es zeigt sich die Gefahr der "filter bubble" und des "confirmation bias", die dafür sorgen, dass Menschen sich den ganzen Tag lang in Propaganda suhlen können, ohne mit der Wahrheit (oder wenigstens den Fakten) konfrontiert zu werden. Sieht man sich die Vorgänge in Ungarn an, in Polen, in Frankreich, in Großbritannien – vielleicht müssen die liberalen Kräfte sich neu formieren, eine neue Identität finden und ihren Bevölkerungen die demokratische Basis neu lehren. Es geht längst nicht mehr um links oder rechts – es geht um die Zivilgesellschaft.

Und so erhebe ich mein Glas auf Hillary Clinton – und lege gleichzeitig eine Schweigeminute für das demokratische Rückenmark der USA ein. Denn die "richtige" Seite mag gewonnen haben – aber sie ist angeschlagen und muss sich schon vor dem nächsten Gegner fürchten.

Es gibt jetzt viel zu tun.



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Jake
Jake
22. Juli, 2017 13:08

"Man kann nur hoffen, dass XYZ das Land nachhaltig genug stabilisiert, um den Schaden aufzuarbeiten, den Trump angerichtet hat."

Diesen Satz wirst Du nach der nächsten Wahl 1:1 wiederverwenden können. Nur wird der hinterlassene Trümmerhaufen dann leider ungleich größer sein…

Martin Däniken
Martin Däniken
22. Juli, 2017 20:21

Würde mich nicht wundern,nein ich erwarte der nächste Presi ist was ultra-rechts konservatives mit ganz viel Gottvertrauen
-sowas wie Cliff Robertson in Escape from L.A…!
Das wird dann echt gruselig

Flossensauger
Flossensauger
22. Juli, 2017 23:52

Es ist schon jetzt gruselig.

Martin Däniken
Martin Däniken
23. Juli, 2017 02:06

Momentan "Gespenst von Canterville"-gruselig aber noch nicht "Event-Horizon"-Horrormässig

Teleprompter
Teleprompter
23. Juli, 2017 11:43

"Würde mich nicht wundern,nein ich erwarte der nächste Presi ist was ultra-rechts konservatives mit ganz viel Gottvertrauen
-sowas wie Cliff Robertson in Escape from L.A…!
Das wird dann echt gruselig"

Das ist dann doch eher unwahrscheinlich. Trump war ja auch eine Reaktion auf Obama, nach ihm (seine Abwahl mal als ziemlich sicher unterstellt, aber das galt ja auch für seine Niederlage gegen Clinton) wird das Pendel wahrscheinlich wieder in die andere Richtung schwingen. Hätte Clinton gewonnen und wäre (was gar nicht so unwahrscheinlich ist) mit den meisten ihrer Projekte am Kongress gescheitert, wäre ein Präsident von ganz rechts aus der religiösen Ecke ein durchaus plausibles Szenario.

DJ Doena
23. Juli, 2017 17:18

Ich habe bisher zwei US-Wahlen live vor dem Fernseher verbracht. Bei der ersten hatte ich genuines Interesse, wie es ausgehen würde. Das war 2009 für Obama I. Und ich habe mich gefreut, wie es ausgegangen war, auch wenn ich dem ganzen Yes-we-ca-Messias-Gehabe vorher nichts abgewinnen konnte und damit in den folgenden 8 Jahren auch nicht so enttäuscht wurde, wie manche anderen.

Dann hatte ich 2016 bereits den Brexit korrekt vorrausgesagt, sogar noch am Wahltag, als es angeblich 52:48 gegen Brexit stand.

Als ich am 8. November die Arbeit mit den Worten verließ, dass ich heute Nacht zugucken würde, wie Donald Trump Präsident wird, hab ich nur ein paar schräge Blicke bekommen. Zu sehr waren die meisten drauf "geprimet" worden, dass der Käs doch schon gegessen sei.

Wollte ich, dass Donald Trump gewinnt? Ne, nicht wirklich. Es war mir aber auch ganz ehrlich nicht so wichtig, dass er nicht gewinnt. In dieser Nacht war ich eher in einer Stimmung die am ehesten mit dieser Szene aus "The Dark Knight" beschrieben werden kann

https://www.youtube.com/watch?v=efHCdKb5UWc

"Some men just want to watch the world burn"

Auch wenn ich die Welt vielleicht nicht brennen sehen wollte, so fand ich die Idee von Trump als Präsident so unterhaltend, dass ich sehen wollte, was dabei rauskommen würde.

Und bis jetzt wurde ich ja nicht enttäuscht. Geändert hat sich rein gar nichts in der Welt mit ihm. Es geht genauso weiter wie vor ihm auch. Allerdings gibt es jeden Tag lustige Nachrichten über den Mann und die Presse kann sich selbst einfach nicht helfen und muss über jeden noch so kleinen Pfurz berichten.

Er wusste nicht, wie komplex das Gesundheistssystem sei. Wer brauch noch Comedians, wenn man sowas auch vom Supreme Mugwump zu hören bekommt?

Das Pariser Klimaabkommen, aus dem er jetzt "ausgetreten" ist? Da waren die USA nie drinne, alles nur smoke & mirrors.

Der Muslim Ban? Da sieht man höchstens, wie wenig Trump vom Staatstheater versteht, Obama hat und Clinton hätte das einfach nur anders aufgezogen und wäre damit durchgekommen.

4 Jahre Trump bedeutet 4 Jahre relativen Stillstand während die Welt (zu der Deutschland gehört) ihren Vorteil ggü. den USA ausbauen können. Und wenn wir ganz viel Glück haben, werden es 8 Jahre Trump werden – glaube bitte niemand, dass die Wiederwahl schon abgeschrieben werden könne.

Dirk
Dirk
23. Juli, 2017 20:01

Fun Fact: Seit dem 2. Weltkrieg ist es nur einmal vorgekommen, dass die regierende Partei nicht 2 Amtszeiten hatte, nämlich nach Bush Sr. Ansonsten sind die ganz regelmäßig alle 8 Jahre am Wechseln. Eine Wiederwahl ist also statistisch sehr wohl möglich.

@ DJ Doena Das ist recht zynisch. Es hat sich nichts geändert? Es wurden bei Drohnenangriffen der USA seit Trumps Amtsantritt mehr Zivilisten getötet als unter Obama insgesamt, Ölbohrungen und Pipelines werden weiter ausgebaut, was direkten Einfluß hat auf alle hat, nicht nur Amerikaner. Denn wenn das Klima im Arsch ist, ist es das überall. Sehr lustig, bitte weiter so.

DJ Doena
23. Juli, 2017 20:37

Zynisch? Jupp. Magst du recht haben. Den Fehler den ich nur nicht mache, ist das zu verwechseln, was die Leute sagen und was sie dann tatsächlich tun. In der Beziehung ist Trump so ziemlich WYSIWYG (What You See Is What You Get).

Andere Politiker sind so ziemlich genau das: Politiker. Wenn sie nicht gerade Babies küssen, dann klauen sie ihnen ihre Lutscher (Zitat "Jagd auf 'Roter Oktober'").

Nehmen wir doch mal Trumps "Wir bauen ne Mauer" Getöse. Von 1892 bis 1997 also inklusive der ersten 4 Clinton Jahre wurden 2,1 Mio Menschen aus den USA deportiert. In den letzten 4 Jahren unter Clinton waren es dann 870.000. Unter Bush jr. waren es 2,1 Mio in 8 Jahren. Unter Obama 3,2 Mio. in 8 Jahren. Trump ist lediglich Hofnarr und König zugleich, er spricht die Wahrheiten aus, über die der König normalerweise schweigt und die der Hofnarr ausprechen darf.

Bzgl deiner Ölpipeline: Wie ich schon gesagt habe, die USA haben das Pariser Klimaabkommen nie ratifiziert, auch Kyoto nie. In dieser Beziehung ist jeder US-Präsident relativ machtlos, weil er es einfach nicht vom Kongress abgesegnet bekommen. Ob da ein Obama nun schöne Reden hält, oder nicht.

Bezüglich deiner Drohnentoten kann ich deine Behauptung so nicht verifizieren. Laut dem Bureau of Investigative Journalism gab es in 2016 (nicht Obamas ganze Amtszeit, nur sein letztes Jahr) folgende Zivilistentote in Pakistan / Jemen / Somalia / Afghanistan: 1 / 0 / 3-5 / 64-105 = 68-111. Seit Januar 2017 gab es 0-3 / 33-40 / 0 / 29-30 = 62-73.

Die Zahlen sind nicht schön aber weit entfernt von "als unter Obama insgesamt".

Sigur Ros
Sigur Ros
23. Juli, 2017 23:05

Ich kann Torstens Fassungslosigkeit nach der Wahl gut nachvollziehen – so ging es mir am "Tag danach" auch.
Bezüglich Trumps Präsidentschaft kann ich jetzt aber nicht sagen, dass meine Befürchtungen bestätigt oder gar übertroffen wurden. Klar benimmt er sich wie der letzte Idiot, aber das war ja weissgott nicht anders zu erwarten. Dennoch haben die politischen Ereignisse des letzten halben Jahres in den USA aber auch gezeigt, dass so einer eben nicht mit allem durchkommt, da er seine politischen Ziele bislang zu nahezu 100% verfehlt hat: Obamacare-Abschaffung und Steuerreform wurden verhindert, das Einreiseverbot für Muslime gleich wieder gekippt, für die Mauer fehlt es an Geld und politischer Unterstützung. Das gibt mir meinen Glauben an die Menschheit und die USA im Speziellen dann doch wieder etwas zurück. Und da die Schlinge für ihn derzeit eh immer enger wird, besteht Grund zur Hoffnung, dass der Spuk bald eh vorbei ist.
Auch sonst gibt es bezüglich der Rechtspopulisten in aller Welt Zeichen der Hoffnung, dass diese bald wieder in dem braunen Sumpf, aus dem sie gekommen sind, verschwinden werden, ohne allzu großen Schaden anzurichten: Le Pen wurde nicht Präsidentin Frankreichs, und die AfD ist auf dem absteigenden Ast und derzeit auf einem gnadenlosen Selbstzerstörungstrip, auch wenn sie die 5%-Hürde im Herbst wohl leider schaffen werden.

Heino
Heino
24. Juli, 2017 06:57

"Auch sonst gibt es bezüglich der Rechtspopulisten in aller Welt Zeichen der Hoffnung, dass diese bald wieder in dem braunen Sumpf, aus dem sie gekommen sind, verschwinden werden, ohne allzu großen Schaden anzurichten: Le Pen wurde nicht Präsidentin Frankreichs, und die AfD ist auf dem absteigenden Ast und derzeit auf einem gnadenlosen Selbstzerstörungstrip, auch wenn sie die 5%-Hürde im Herbst wohl leider schaffen werden."

Da bin ich noch nicht von überzeugt. Man muss sich ja nur mal ansehen, was in Polen, Ungarn und der Türkei abgeht und wie hilflos die EU dabei agiert. Ganz von dem zu schweigen, was in Venezuela los ist, und das ist nicht mal eine rechte Regierung. Nur eine, die sich so aufführt.

Spätestens, wenn uns die momentane Situation der Flüchtlinge im Mittelmeer um die Ohren fliegt, kriegt die AfD wieder Aufwind. Die sind wir noch lange nicht los.

Andy Simon
Andy Simon
24. Juli, 2017 10:36

@Dirk: "Fun Fact: Seit dem 2. Weltkrieg ist es nur einmal vorgekommen, dass die regierende Partei nicht 2 Amtszeiten hatte, nämlich nach Bush Sr. Ansonsten sind die ganz regelmäßig alle 8 Jahre am Wechseln. Eine Wiederwahl ist also statistisch sehr wohl möglich."

Stimmt nicht ganz: Jimmy Carter und die Demokraten hatten auch nur eine Amtszeit.

@Torsten: in der Fehleinschätzung warst Du ja wirklich nicht alleine. Die Uni Regensburg hatte sogar schon eine Vorlesung im WS verkündet: "warum Hillary gewonnen hat" und die Inauguration der ersten Präsidentin als Live-Event ins Vorlesungsverzeichnis aufgenommen.

http://www.uni-regensburg.de/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/internationale-politik-transatlantische-beziehungen/medien/plakat_vl_decision16_final.pdf

Teleprompter
Teleprompter
25. Juli, 2017 10:29

Der Begriff Kanzlerbonus ist aber in der Tat sehr deutsch, das trifft auf die übrigen (europäischen) Länder mittlerweile praktisch nicht mehr zu, die meisten Amtsinhaber werden abgewählt oder müssen empfindliche Verluste hinnehmen wie Frau May. Die Diskrepanz zwischen den Versprechungen bei der Wahl und den realen "Erfolgen" wird ja auch nicht nur gefühlt immer größer.

Für die USA muss man es wohl differenziert sehen; Bush jr. im zweiten Anlauf war eigentlich abgewählt, hat sich aber mit Tricks und etwas Hilfe an der Macht gehalten. Obama 2 – da war auch durchaus Unzufriedenheit, aber die Republikaner haben aus ihrer eh dünnen Personaldecke damals den Ausschuss an die Front geschickt, weil sich die Alphatierchen gegen den nächsten Demokraten mehr Chancen versprachen (schwerer Fehler).

Bei Trump glaube ich einfach nicht an eine 2. Amtszeit. Vielleicht verzichtet er ja auch, altersbedingt (wäre dann ja schon 75), wegen Chancenlosigkeit (Modell Hollande) oder "freiwillig" mit etwas Überredung. Und wenn er antritt, wird er gefühlt wenig Chancen haben, aber das wird natürlich wieder eine Lotterie und hängt auch stark von seinen "Erfolgen" in den nächsten Jahren und natürlich seinem Gegner ab.

Martin Däniken
Martin Däniken
25. Juli, 2017 17:36

Eine der dramatischsten Entwicklungen ist das Dems und Reps nicht mehr mit einander reden…früher konnte man sich gemeinsam des Abends an die Bar setzen und gemeinsam den Tag Revue passieren lassen.
Das ist Geschichte!
Und man darf bei Trump nicht vergessen,er hasst das System Washington und will es zerstören-bislang mit wenig Erfolg aber hat ja noch über 3 Jahre und wenn er sein Ziel erreicht hat ,ja dann wird es Zeit für einen Retter in Gods own Country und es wird keine Spielart von Kaiser Norton sein!!!
Sondern etwas religiöses Hardcore-Mässiges!