Originaltext Januar 2014:

Hummer, Regenschirme, Unterwäsche: Es gibt mittlerweile kaum etwas, das sich nicht am Automaten kaufen lässt. Im Gegensatz zum Ladengeschäft spart der Anbieter Fläche und Personal, damit Geld. Nun versucht sich auch Online-Riese Amazon am Straßenverkauf.

Der Automat ist ein treuer Begleiter des Menschen durch das Zeitalter der Industrialisierung. Seine Bedienung ist eine perfekte Metapher für den globalisierten Markt: Der Kunde gibt sein Geld, die Maschine spuckt ein Produkt aus. Woher die Ware kommt, wer den Automaten bestückt, was die Strukturen dahinter sind? Es braucht den Käufer nicht zu interessieren.

Die größte Verbreitung hatten über Jahrzehnte Kaugummi- und Zigarettenautomaten (seit 1954). Sinkende Raucherzahlen und verstärkter Jugendschutz sind verantwortlich, dass ihnen langsam die Softdrink-Automaten den Rang ablaufen. Eher Exoten: Regenschirme in Schwabing (4 Euro) und Lesehefte auf Sylt (1 Euro).

Verbesserte Technik und die Anbindung an Stromnetz und Internet erlauben mittlerweile auch den Verkauf von Produkten, die verderblich sind oder erst in der Maschine zu Ende produziert werden. Rund um die Uhr kann der Bedarf an (lebendem!) Hummer ebenso gedeckt werden wie an Kaviar oder Pizza. Ob man lebende Tiere oder gebrauchte Schlüpfer öffentlich und anonym zum Verkauf anbieten sollte, darüber lässt sich trefflich streiten. Auch darüber, was die Zielgruppe für Gold-Automaten ist.

Weil der Kunde zum Automaten nicht die gleiche Beziehung aufbaut wie zum menschlichen Verkäufer, setzen Anbieter verstärkt auf Apps, die soziale Interaktion simulieren. So installiert Georgia Coffee in Japan eine virtuelle junge Dame im Smartphone, die mit aufmunternden Worten dazu rät, auch mal eine Pause einzulegen – am besten bei einer frischen Tasse Kaffee.

Preisverfall und immer kürzere Produktzyklen sind dafür verantwortlich, dass auch Unterhaltungselektronik den Nimbus von Mitnahmeprodukten bekommt. So tauchten in den letzten Jahren an deutschen Flughäfen Automaten von Saturn auf, die dem Reisenden den Kauf von vielleicht vergessenen Ohrhörern, aber auch von tragbaren Spielekonsolen ermöglichen.

Trotzdem war die Branche überrascht, als Amazon ohne Ankündigung die ersten Kindle-Automaten installierte, an denen man verschiedene Tablets „ziehen“ kann. Gibt es wirklich eine Zielgruppe, die im Vorbeigehen denkt: „Ach ja, einen Ebook-Reader könnte ich mir auch mal fix mitnehmen?“. Wäre es nicht vernünftiger, kleine Automaten anzubieten, an denen man (in Ermangelung eines Internet-Zugangs oder eines Amazon-Kontos) die entsprechenden Romane auf den Reader spielen kann?

Andererseits: Den einfachsten Kindle-Reader bekommt der Kunde (Kundle?) teilweise schon für 39 Euro, was in München Ungefähr den Parkgebühren am Flughafen entspricht – für einen Tag. Und bevor man sich auf dem Langstreckenflug nach New York langweilt, weil man seinen Ebook-Reader zu Hause vergessen hat, mag es in der Tat denkbar sein, dass man ein Ersatzgerät am Automaten kauft und hinterher als Geschenk mit heimbringt.

Momentan sind die Amazon-Automaten eine Spielerei, ein Testballon. Bei Erfolg ist allerdings nicht auszuschließen, dass mittelfristig immer mehr Hardware über schrankgroße „stille Verkäufer“ angeboten wird – vielleicht stehen Schlangen von aufgeregten Kunden in ein paar Jahren nicht mehr vor dem Apple-Store, sondern vor Apple-Automaten, wenn das neue iPhone auf den Markt kommt…

NACHTRAG 2017: Es hat sich seither erstaunlich wenig getan. Der Automat an sich bleibt weiterhin ein Exot.



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