Es ist ein Tag, der eigentlich nur Stress verspricht: eine Reportage schreiben, eilig benötige Informationen von Experten besorgen, die kein Konzept des Begriffes „eilig benötigt“ haben, dann 6 Kilometer Trainingslauf bei knapp 30 Grad (die Trainerin ist kostenpflichtig gebucht). Nur 10 Minuten für Dusche und Reisetasche, um den Trip nach Nürnberg zum B-Film Basterds Festival anzutreten. Bevor man frische Klamotten trägt, ist man schon wieder durchgeschwitzt. Nichts vergessen? Computer, Smartphone, Ladekabel, Schlüssel, Geldbörse, Sportkleidung? Frau geküsst?

Go, go, GO!

Schnell noch den Wagen tanken. Während der Diesel gluckert, sucht das Handy die Bluetooth-Verbindung zur Multimedia-Anlage des BMW. Hoffentlich ist die A5 nicht wieder dicht – leider Standard zwischen Rastatt und Karlsruhe. Aber am Feiertag muss man wenigstens nicht den Berufverkehr fürchten.

Keine Bewegung überflüssig, keine Minute verschwendet. Zügig, aber im Rahmen der StVO auf die B500 und dann auf die A5. Sieht gut aus. Wenig Verkehr. Gaspedal. 120, 140, 160. Ausreichend, um im Zeitplan zum ersten Film in Nürnberg zu sein. Trotzdem kurzer Anruf im Hotel: bis 18.00 Uhr wird das nix, also Zimmer fest reservieren. Kreditkarte habe ich zur Hand. Bitte sehr, bitte gern.

Hinter Karlsruhe merke ich, wie ich entkrampfe. Die Autobahn ist frei und mit dem Wechsel auf die A6 Richtung Heilbronn ist das Schlimmste geschafft – es sei denn, es kommt was dazwischen. Ich habe die Strecke auch schon als Horror erlebt.

Jetzt habe ich die Ruhe, über das Smartphone ein paar bezaubernd vorgelesene Kurzgeschichten einzuspielen. Eine halbe Stunde lang amüsiere ich ausgiebig und bedauere, nicht selber häufiger Kurzgeschichten zu schreiben. Die Klimaanlage hat den Innenraum des Wagens auf kühle 18 Grad gesenkt. Kein Hunger, kein Durst, keine Müdigkeit und keine Langeweile. Balance. Ausatmen.

Die Crackanory-Serie endet. Ich habe die gesamten zehn Stunden durch – und bin augenblicklich traurig darüber. Aber mein Smartphone hat noch mehr Programm und ich wechsle in den Ordner „Popmix“. Das sind MP3s von Liedern, die ich liebe, die mich geprägt haben, zu denen ich als ungelenker Teenager in den 80ern mit den Armen gerudert und mit desinteressierten Mädchen geschwoft habe. Komm steh auf, geh aufs Parkett, schüttel‘ was du hast, denn du bist kein Brett.

Bei „The sun always shines on TV“ von a-ha drehe ich die Lautsprecher auf 11 und singe lauthals mit. All my powers waste away, I fear the crazed and lonely looks the mirror’s sending me these days…

Mit dem Einbruch der Nacht kommen ein paar Songs, perfekt für die Dunkelheit, die Sehnsucht, die Momente, wenn „allein sein“ nicht „einsam sein“ bedeutet und das Ich wieder zu sich selbst findet:

Ich schaue eher beiläufig aus dem Fenster und sehe einen so absurd prächtigen Sonnenuntergang, dass es mir den Atem raubt. Orange, violett, tintenblau und quittengelb balgen sich die Farben am Himmel, wie ich es bisher nur auf Ibiza und in den Südstaaten der USA gesehen habe. Ich möchte anhalten, um es zu genießen, aber ich bin ein Mann mit Zeit und Ziel. Also halte ich nur kurz das Smartphone hoch und drücke auf den Auslöser. Es ist ein hilfloser Versuch, festzuhalten, was man nicht festhalten und nicht vermitteln kann:

Ein paar schnellere Songs: „You don’t always do“ von Black, „Mary’s Prayer“ von Danny Wilson. Dann wieder ganz langsam: „Delicate“ von Des’ree, „Some girls (classical version)“ von Belouis Some. Auch Country. Das habe ich von meinem Vater – was irgendwann mal dein Herz berührt hat, kann nicht falsch sein:

Obwohl ich noch fahre, komme ich schon an. Bei mir selbst. Ich spüre auf einmal, wie geschmeidig und weich sich meine Beine dank des Trainingslaufs anfühlen. Meine Atmung ist tief und ruhig, mein Rücken entspannt. Diese Musik, dieser Sonnenuntergang. Und die A6 immer wieder frei bis zum Horizont, als hätte man mir zum Gefallen heute Abend mal den konkurrierenden Verkehr abgesagt.

Ein perfekter Moment, in dem ich mich wie ein perfekter Mensch in einem perfekten Leben fühle. Ich atme ihn ein, sauge ihn auf. Mittelpunkt in meinem Universum, Held in meinem eigenen Film. Alles, was ich heute gebraucht habe.

Noch 6 Kilometer bis Nürnberg-Fürth. Da muss ich raus. Und ich merke, dass ich eigentlich nicht raus möchte. Ich möchte weiter fahren. Bis die Playlist am Ende ist oder die Sonne vollends untergegangen. Vielleicht länger.

Dann setze ich den Blinker und fahre ab. Lächelnd.



avatar
5 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
5 Comment authors
Hendrik MOliverChristianStuckimannHeispeed Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Heispeed
Heispeed

Toll.

Stuckimann
Stuckimann

Ohne Diesel wäre diese Geschichte nicht vollkommen gewesen.

Christian
Christian

Sehr schön geschrieben – danke!

Oliver
Oliver

Dies bei Kaffee und Croissant zu lesen war mein perfekter Start in den Tag. Danke, Torsten, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.

Hendrik M

Auch hier wieder eine sehr schöne Geschichte – immer wieder schön, sowas von dir zu lesen.