Australien, USA 2016. Regie: Chris Peckover. Darsteller: Levi Miller, Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Aleks Mikic, Dacre Montgomery, Patrick Warburton, Virginia Madsen u.a.

Offizielle Synopsis: Eigentlich ist Luke längst zu alt für einen Babysitter. Aber die Aussicht, einen gemeinsamen Abend mit seiner heißen Flamme Ashley verbringen zu dürfen, ist eine ganz andere Sache. Blöd nur, dass die Angebetete a) einen Freund hat, mit dem sie ständig telefoniert, b) es die letzte Gelegenheit für den Zwölfjährigen sein wird, sie klar zu machen, bevor ihre Familie am nächsten Tag wegzieht und c) plötzlich maskierte Typen auf der Veranda rumschleichen und anfangen, den Abend zu ruinieren. Dabei hatten Luke und sein Best Buddy, der nerdige Garrett, alles perfekt geplant! Als die Verbrecher ins Haus eindringen, wird es jedoch sofort tödlich ernst. Luke bekommt jede Gelegenheit, seine für sein Alter zweifelsfrei beeindruckende Männlichkeit und Reife unter Beweis zu stellen. Vor allem haben die Angreifer aber nicht mit dem Löwinnen- bzw. Killerinstinkt von Ashley gerechnet. Es beginnt eine lange, blutige und verhängnisvolle Weihnachtsnacht, in der nichts und niemand ist, wie es anfangs schien…

Kritik: „Safe Neighborhood“ ist wieder so ein Film, der neonostalgisch Klischees und Plots der 80er aufgreift, in diesem Fall das klassische „Home Invasion“-Szenario in Kombination mit einem Feiertag. Die Weihnacht steht bevor, die hübsche Babysitterin Ashley ist mit ihrem jungen Schützling Luke allein im Haus… da, ein Schatten am Fenster! Ein mysteriöser Anruf! Bedrohliches Klopfen an der Tür!

Schon das ist nett gemacht und mit viel amerikanischem Xmas-Sirup inszeniert, auf dass sich die vorweihnachtliche Kommerzidylle schön mit der ausbreitenden Gefahr kontrastiere. Kein Problem, diese „The call is coming from inside the house!“-Handlung nochmal und modern aufbereitet über 90 Minuten zu stricken. Aber Regisseur und Autor Chris Peckover hat größere Ambitionen und stellt nach dem ersten Akt unversehens alles auf den Kopf. Die verfolgte Unschuld selbst wird zur satanischen Bedrohung. Und sind die Masken im wahrsten Sinne des Wortes erstmal gefallen, eskaliert die Situation schnell und schrecklich…

Nun gut, man kann einige der extremen Entwicklungen in „Safe Neighborhood“ für überspitzt und sogar unglaubwürdig halten. Sind die Opfer wirklich so dumm bis hilflos, ist der Bösewicht wirklich so brillant und jenseits aller Moral? Aber Peckover ist sehr gut darin, diese legitimen Fragen durch eine flüssige Inszenierung und einen Sinn für das Absurde in den Hintergrund zu drängen. Das schiere Entertainment schlägt die Logik wie Stein die Schere.

Man sollte sich so einen unterhaltsamen, splatterigen und bösen „Kevin allein zu Hause“-Thriller nicht durch übermäßige postcinematische Analyse kaputt machen, aber dennoch wundert mich der Verzicht auf ein selbstverständliches Element: die Sexualität Ashleys. Sie ist letztlich der Auslöser der Handlung, sie gibt dem Babysitter spielerische Macht über alle männlichen Personen in ihrem Umfeld – doch selbst in höchster Not kommt sie nicht auf die Idee, ihre Werkzeuge auch nur andeutungsweise einzusetzen. Der Charakter verhält sich, als wäre ihre Ausstrahlung eine tabuisierte Waffe, deren Gebrauch selbst in höchster Not verboten bleibt. Ich kann nicht ausschließen, dass sich mir hier einfach eine Meta-Ebene nicht erschlossen hat, dass Regisseur Peckover damit irgendetwas sagen wollte. Hat jemand dazu eine Idee?

Technisch und darstellerisch spielt „Safe Neighborhood“ auf hohem Niveau, auch wenn der Anblick der gelifteten und in die Breite gegangenen Virginia Madsen mir einen Stich versetzt hat. Insbesondere bei der Kamera ist der Streifen erstaunlich, weil er die Weiterentwicklung der filmischen Möglichkeiten illustriert: vor 30 Jahren spielten diese Filme entweder ist stockdusterer Finsternis oder im Kegel von mehr oder weniger auffälligen Scheinwerfern. Die modernen Sensoren von Digitalkameras sind allerdings so feinfühlig, dass selbst in dunklen Szenen alle Details sichtbar und alle Farben kräftig bleiben. Das Objektiv wird ein immer souveräneres Auge, sein Blick immer präziser. Beeindruckend.

Fazit: Ein ironisch aufgepeppter „Home Invasion“-Thriller im Stil der 80er, der in der zweiten Hälfte eine überraschende Kehrtwende vollzieht und zunehmend boshaft eskaliert. Ideales Horrorfutter für den vierten Advent. Man sollte sich aber die gelungene Unterhaltung hinterher nicht durch zu viel Nachdenken verderben. 8 von 10.

Shriek of the Yeti:

„Schöner böser kleiner Thriller, der einen zunächst aufs völlig falsche Gleis führt und dann richtig boshaft aufdreht. 7,5/10.“

Kein Trailer auffindbar.



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heino
heino

Joah, der hat richtig Spaß gemacht. Fieser kann man den Zuschauer kaum aufs Glatteis führen.

8/10

Marcus
Marcus

Kurzweilig, fies, einfallsreich. Alles richtig gemacht. Und weil ich mich so amüsiert habe, frag ich nicht nach Logikfehlern. 8/10.

Peroy
Peroy

Der liest sich richtig gut… bis ich zu der Stelle mit den Twists komme. Da gehen bei mir die Alarmsirenen an…

noyse
noyse

Der Charakter verhält sich, als wäre ihre Ausstrahlung eine tabuisierte Waffe, deren Gebrauch selbst in höchster Not verboten bleibt.

Spoiler
Ich glaube das Problem ist das Alter des Jungen. Da musste man wohl vorsichtig sein um nicht den Anschein von Pädophilie zu erwecken

mm

Das halte ich für keinen legitimen Einwurf, da Ashley ja aus Notwehr handeln würde und niemand ihr tatsächliche Pädophilie unterstellen könnte.

noyse
noyse

das Alter und die abscheu durch die taten würden für mich schlüssig erklären warum sie sich da nicht hingibt. aber während des schauens hab ich mir, ehrlicherweise, diese Frage überhaupt nicht gestellt.

mm

Es geht überhaupt nicht ums „hingeben“ – es geht um die Frage, warum sie ihre sexuelle Ausstrahlung nicht einsetzt, z.B. um den Jungen um die Finger zu wickeln. Das ist ja, was er will – und sie hält es ihm nicht mal als Karotte vor die Nase.