Neuseeland 2016. Regie: Taika Waititi. Darsteller: Julian Dennison, Sam Neill, Rima Te Wiata, Rachel House, Rhys Darby, Cohen Holloway, Stan Walker, Taika Waititi

Offizielle Synopsis: Der dicke Ricky ist ein Problemkind mit hohem Verschleiß an Pflegefamilien. Die grummeligen Hinterwäldler Bella und Uncle Hec sind seine letzte Chance, die drohende Erziehungsanstalt zu verhindern. Doch kaum hat sich der dreizehnjährige Pechvogel eingelebt, kommt es zu einem unerwarteten Schicksalsschlag. Eine Katastrophe, die Ricky und Uncle Hec bald durch den tiefsten neuseeländischen Busch stapfen lässt, ständig auf der Flucht vor durchgeknallten Kopfgeldjägern, machtbesessenen Sozialarbeiterinnen und gereizten Wildschweinen. Aus einem harmlosen Trip wird plötzlich eine der größten Hetzjagden des Landes. Und unter den Augen von Medien und Sympathisanten steigt das ungleiche Duo zu Volkshelden auf. Doch die Schlinge zieht sich immer enger um die beiden zusammen. Oder, wie Ricky sagen würde: „Shit just got real!“

Kritik: Ich weiß, dass ihr jetzt die Augen verdreht und denkt: „Schon wieder? Alter, wie oft willst du das noch sagen?!“. Aber es muss gesagt werden: J’accuse! Was zur Hölle macht mittlerweile die Definition von Fantasy im Kontext des Fantasy Filmfest aus? War schon „My big night“ im letzten Jahr weit über die Maßstäbe hinausgeschossen, ist dieses Jahr „Hunt for the Wilderpeople“ ein Beitrag, dessen Auswahl die Stirn runzeln lässt. Es ist die Verfilmung eines Kinderbuches ohne jegliche Genre-Elemente. Ein Jugendfilm über das erwachsen werden, über die Möglichkeit, sich in der Natur neu zu justieren. Es kann doch nicht sein, dass die Veranstalter sich damit rechtfertigen, der Regisseur habe aber mit „What we do in the Shadows“ vor nicht allzu langer Zeit einen echten Festival-Favoriten abgeliefert. Nach diesem Maßstab müsste man hier auch „Die Farbe Lila“ zeigen, weil Spielberg vorher „Der weiße Hai“ gedreht hat.

That said…

„Hunt for the Wilderpeople” ist ein ganz erstaunlicher, sanfter, anrührender Film mit viel Humor und Herz, der im Grunde eine Variante von “Heidi” erzählt: Die kleine Waise landet im abgelegenen Tal beim grummeligen Eremiten, der ihr Natur und Eigenverantwortlichkeit näherbringt. Als das Kind in die Zivilisation zurückgeholt werden soll, kommt es zum Konflikt.

In Waititis Adaption wird die Figurenkonstellation entscheidend erweitert: Ausgangspunkt ist die freundliche, gutmütige Bella, die den als hoffnungslosen Fall eingestuften Ricky auf ihre Farm holt, wo sie schon den knorrigen Hector vom alkoholisierten Totalausfall zum verlässlichen Helfer umgeschult hat. Sie ist das Herz der kleinen Familie, alles kreist um ihre Wärme – als sie plötzlich stirbt, hinterlässt sie ein für alle Beteiligten unfassbares und unfüllbares Loch. Die Satelliten des Planeten Bella müssen nun lernen, umeinander zu kreisen.

„Hunt“ erzählt diese alte Geschichte mit gänzlich modernen Figuren: Ricky trägt ein blingbling-Hoodie und nennt seinen Hund Tupac, die Fürsorge setzt zuerst die Polizei, später sogar Helikopter und Panzer auf die Flüchtlinge an. Sogar für eine putzige Anspielung auf „Der Herr der Ringe“ ist Zeit. Sind Ricky und Hector noch vergleichsweise normal, wenn auch typisch für Kinderbücher etwas überzogen gezeichnet, lässt der Film bei den Nebenfiguren die Sau raus – sie sind reiner Cartoon, überspitzte Katalysatoren und Comic Relief.

Am meisten hat mich erstaunt, wie mühelos die Elemente ineinandergreifen, wie sich Herzschmerz und Humor abwechseln, die Härte der Natur und ihr Frieden nahtlos ineinander übergehen. Der Film hat einen steten, nie überhasteten Fluss, kein erzählerischer Misston stört den Genuss.

Fazit: Ein bezaubernder Abenteuerfilm für Jung und Alt, der streng genommen nichts auf dem Fantasy Filmfest zu suchen hat, aber trotzdem niemals fehl am Platze wirkt. Ein Kleinod. Seltene 9 von 10.

Shriek of the Yeti:

„Hat nun eigentlich wirklich nichts auf dem FFF verloren (außer, dass er halt vom „What we are in the shadows“-Regisseur ist), ist aber ein ungeheuer sympathischer und emotional befriedigender Abenteuerfilm 8,5/10.“



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heino
heino

Der war wirklich Herz erwärmend und sehr lustig. Klar hat der nichts im Programm zu suchen, aber das trifft meist auf die besten Filme des FFF zu.

9/10

Marcus
Marcus

Witzig, spleenig, herzerwärmend. Toll, toll, toll. Um nicht zu sagen – „majestical“. 10/10.

Peroy
Peroy

Directed by Tonka Wackytits…

trackback

[…] des Fantasy Filmfests? Nein. Es ist aber der beste FILM des Fantasy Filmfests, wie neulich erst „Hunt for the Wilderpeople“. Wenn die tatsächlichen Genrebeiträge nicht mit den Außenseitern mithalten können, ist das […]