Under the Shadow

under-the-shadow posterIran/Jordanien/Katar 2016. Regie: Babak Anvari. Darsteller: Narges Rashidi, Avin Manshadi, Bobby Naderi, Arash Marandi, Ray Haratian, Hamidreza Djavdan, Soussan Farrokhnia

Offizielle Synopsis: Shideh ist eine Mutter in Teheran Mitte der 80er Jahre. Ihre Zukunft als Medizinstudentin wurde vom System verbaut und allabendlich muss sie mit ihrer Tochter in einen Bunker fliehen. Es herrscht Krieg zwischen Irak und Iran. Eines Nachts durchschlägt sogar eine Rakete Shidehs Hausdach. In diese widrigen Umstände kracht nun auch noch ein Dämon. Und als Shideh und ihre Tochter von ihm heimgesucht werden, ist die Bedrohung auch deshalb so greifbar, weil der Dämon Ausdruck ihrer Lebenssituation ist.

Kritik: Filme aus Ländern, die zum Genre bisher praktisch nichts beigetragen haben, sind immer schwierig zu bewerten. Gilt Welpenschutz? Muss man jede Kritik im Kopf mit einem wohlwollenden „immerhin…“ beginnen oder darf man ganz objektiv konstatieren, dass sich auch das iranisch-jordanische Kino an den Maßstäben Hollywoods oder der Hammer-Studios messen lassen muss?

Gerade im Kontext des Festivals neige ich zur Milde, freue mich über Abwechslung, nicht über Perfektion. Da müssen die „klassischen“ Horrorelemente nicht perfekt sitzen, wenn andere, bisher unbekannte Schauwerte geboten werden. „Under the Shadow“ ist ein gutes, wenn auch letztlich gescheitertes Beispiel dafür.

Ähnlich wie „Shelley“ traut sich Anvaris Film eine ganze Stunde lang nicht, überhaupt das Genre zu bedienen. Schämt man sich, einen Gruselfilm drehen zu wollen? Stattdessen: Spannungen und Familiendrama in einem Wohnhaus der gebildeten Mittelklasse Teherans in den 80er Jahren. Shideh muss seit der Kulturrevolution den Traum begraben, Ärztin zu werden. Der Mann wird zum Frontdienst abkommandiert. Die Tochter lässt sich von einem traumatisierten Nachbarskind Schauergeschichten erzählen. Dazwischen: Heimliche Aerobic vor dem verbotenen Videorekorder mit dem verbotenen Jane Fonda-Tape.

Das alles wäre wieder völlig uninteressant, gäbe nicht das Setting Auge und Hirn neues Futter. Einen Film, der die iranische Mittelschicht im Krieg gegen den Irak erzählt, der Luftangriffe in der (fast) Gegenwart zeigt? Den erzwungenen, nur halb gelungenen Schwenk von der inszenierten säkularen Schah-Gesellschaft zum menschenfeindlichen Ayatollah-Regime? Das ist in der Tat bisher ungesehen und hilft auch über die Längen beim Aufbau hinweg.

under the shadow

Erst im letzten Drittel konkretisiert „Under the Shadow“ die Gefahr endlich, etabliert den Djinn als tatsächliche übernatürliche Existenz. Das erhöht zwar das Tempo, bietet aber keine neuen Aspekte mehr – was nun kommt, haben wir schon in Dutzenden billiger US-Streifen gesehen, da kann man bis in die Stummfilmzeit zurück greifen. Das Setting ist zwar frisch, die Mechanismen des Spukfilms sind es allerdings nicht.

Und na ja, der Djinn… ich denke nicht, dass die Genremagazine und Webseiten mit Schlagzeilen aufmachen werden wie: „Erst die Cenobiten! Dann die Zombies! Jetzt kommt – das verfluchte TISCHTUCH!!!“

Neue Verpackung – alter, fader Inhalt.

Hinzu kommt, dass Protagonistin Shideh EXTREM unsympathisch gezeichnet wird. In ihrem Wunsch, Ärztin zu werden, ist sie empathielos, sie zeigt wenig Verständnis für ihren Mann, ist herrisch zum Kind, herablassend zu den Nachbarn. Das scheint mir dem kulturellen Background der Macher geschuldet zu sein – die weltlich/westlich geprägte Frau ist egoistisch und für Tradition und persische Werte blind.

Leider ist sie damit auch als Sympathieträgerin nur bedingt geeignet.

rotFazit: Ein schwach konstruierter, sehr banaler „Haunted House“-Streifen, der sich über viele Längen mit einem bisher unbekannten Setting und interessantem Zeitkolorit hinweg schummelt, letztlich aber keine tragende Substanz besitzt. Als Kuriosität gäbe das noch die gelbe Ampel, objektiv betrachtet reicht es dafür (knapp) nicht.

Philipp meint: Die Thematisierung der Bombardierungssituation in Teheran im ersten Golfkrieg ist sehr gelungen. Die Genreelemente wirken hingegen eher aufgesetzt.



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Michael

Schade, der Trailer sieht gar nicht so verkehrt aus.

Marcus
Marcus

Irgendwie wusste ich, dass ich den besser finde würde als der Hausherr. Nennt es den „Ti West“-Effekt. 😉 8/10.

Peroy
Peroy

Ich nenne es Saftsack-Arschkrampen-Sack…

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