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USA 2016. Regie: Chris Marrs Piliero. Darsteller: Grace Helbig, Hannah Hart, Andy Buckley, Christopher Coutts, Clayton Chitty u.a.

Story: Electra Woman und Dyna Girl sind seit Schulzeiten beste Freundinnen – und als Superheldinnen unterwegs. Dummerweise gibt es seit einem großen Sieg der vereinten Helden über das Böse kaum noch Arbeit für kostümierte Verbrecherjäger. Wer etwas werden will, lässt sich stattdessen von der Agentur CMM vermarkten. Als auch EW und DG unter Vertrag genommen und zur publizistischen Ausschlachtung aufgehübscht werden, kommt es zum Streit zwischen den Freundinnen: Dyna Girl will nicht immer in der zweiten Reihe stehen – und auch nicht als Sidekick bezeichnet werden. Und gerade jetzt taucht der erste Superbösewicht seit Jahren auf…

Kritik:
Hier braucht es ein wenig Background: „Electra Woman and Dyna Girl“ war eine schauderhafte Kinderserie in den 70ern, völlig unguckbar, wenn man aus den Windeln schon raus war. Die beiden „Heldinnen“ machten sich nicht mal die Mühe, ihre Superheldenexistenz irgendwie zu tarnen. Das Budget war unterirdisch, ein Fahrstuhl wurde mit flackernden Lichtern simuliert. Kein Wunder, dass es nur acht Episoden gab. Und ebenso wenig Wunder, dass es Leute gab, die diesen Schrott in den 80er und 90er Jahren zu Kult erklärten – irgendwann schreibe ich mal was zu diesem ekligen Trend, Dinge nostalgisch zu verklären, bloß weil man sich an sie erinnert.

Wo ein Kult ist, ist ein Remake nicht weit. 2001 wurde eine neue Pilotfolge von „Electra Woman and Dyna Girl“ produziert – als Sitcom. Die erstaunlich rüde und zynische Produktion wollte allerdings niemand sehen, weshalb man sie heute auf YouTube bewundern kann. Ich fand die Sitcom zwar etwas besser als die Original-Serie, habe mich aber damals schon gefragt. warum jemand das Remake zu etwas produziert, das er augenscheinlich verachtet.

Und damit kommen wir zur 2016er-Fassung von EW und DG, produziert als Webserie mit Spielfilm-Plot. Und die Spielfilm-Version ist es auch, die ich mir angesehen habe. Man verzeihe mir, dass ich nicht so tief in der Materie stecke, aber die beiden Hauptdarstellerinnen sind wohl YT-Persönlichkeiten mit eigenen Webshows, die sich nun als Schauspielerinnen versuchen. Immerhin schlagen sie sich dabei (pun intended) besser als ihre deutschen Kollegen mit „Kartoffelsalat“ und „Bruder vor Luder“.

Erfreulicherweise ist „Electra Woman and Dyna Girl“ als „echter“ Film produziert worden und nicht als episodischer Mischmasch, auch wenn man durchaus noch merkt, dass alle paar Minuten ein Break gesetzt werden konnte. Darüber hinaus haben wir es aber mit einer „normalen“ milden Superhelden-Parodie zu tun, deren Kern ein sehr oft durchgespieltes Szenario bildet: Erfolg droht, eine langjährige Freundschaft zu zerbrechen.

Der betriebene Aufwand ist dabei solide auf dem Niveau eines sauber produzierten Low Budget-Films oder eines TV Movies: Action, Kostüme und Spezialeffekte können sich sehen lassen, erzählerische wie technische Bäume werden allerdings nicht ausgerissen.

Letztlich setzt EW and DG voll auf das Interplay der beiden Hauptfiguren, was auf beiden Ebenen erfreulich gut funktioniert – Electra Woman und Dyna Girl beherrschen den mühelosen Schlagabtausch echter BFF’s und Helbig und Hart können vielleicht keine Oscars gewinnen, haben aber einen sehr natürlichen Charme, der von viel Kameraerfahrung in den Social Media-Sphären zeugt. Helbig wirkt zeitweise wie eine etwas massenkompatiblere Variante von Tina Fey. Beide Darstellerinnen sehen in ihren Kostümen gut aus und treten auch ordentlich Arsch.

Natürlich muss die ganze Chose furchtbar „self aware“ sein, Electra Woman versichert Dyna Girl gleich zu Beginn, ihre Arbeit mit CMM würde „sicher nicht zu einem Plot zweiter Freundinnen führen, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln und deshalb verkrachen“. Es werden so ziemlich alle Superheldenklischees durch den Kakao gezogen, Fan-Conventions inklusive. Aber das bleibt im besten Fall harmlos, im schlimmsten Fall zahnlos – gerade der Geek-Zielgruppe mangelt es ja mitunter an der Fähigkeit, Sarkasmus nicht persönlich zu nehmen.

Die Verbindung zur Originalserie ist nur oberflächlich, es könnte hier genau so gut um „Starlight Princess und Justice Lass“ gehen. Es bräuchte nicht mal Superheldinnen: Die Handlung könnte auch von Cheerleadern oder Hochzeitstorten-Bäckerinnen handeln, ohne nennenswert umgestrickt werden zu müssen.

So wandelt „Electra Woman and Dyna Girl“ den schmalen Pfad zwischen Heldenverehrung und Selbstparodie, ohne sich wirklich für eine Seite zu entscheiden.

So what? Ich habe mich amüsiert, die knapp 90 Minuten gingen schnell rum und es hat durchaus seinen Reiz, mal eine Superheldenparodie aus der weiblichen Perspektive zu sein. Nicht jeder Comic-Film muss Blockbuster oder die zynische Negierung eines solchen sein. Und da sich viele aktuelle Heldenserien sowieso zu ernst nehmen, hat mir die knallbunte Fluffigkeit von „Electra Woman und Dyna Girl“ prima gefallen.

Fazit: Launige, gagreiche und augenzwinkernde, wenn auch etwas vorhersehbare Parodie auf Superhelden und die Marketing-Maschine. Kann man zu hip und selbstreferenziell finden, muss man aber nicht.



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Ich mochte ja die Szene mit dem teuren neuen Auto 🙂