18dyxzbulr29njpgIch dachte schon in den 90ern, als ich meine „Serien-Guides“ schrieb, im neuen goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben. Akte X, Babylon 5, Deep Space Nine, aber auch Northern Exposure, ER, New York Cops und Frasier waren Belege, dass die Dramaturgie erwachsener wurde, der Anspruch höher. Teurer waren Serien nie gewesen, mutiger auch nicht.

Im Nachhinein wirkt das naiv, lächerlich fast. Heute kosten Serien teilweise das fünf- bis zehnfache dessen, was vor 20 Jahren ausgeben wurde. TV hat kein Stigma mehr, sondern dem Kino auch als Event-Erzählmaschine auf vielen Ebenen den Rang abgelaufen. Stars geben sich bei den Sendern die Klinke in die Hand (Sharon Stone, Halle Berry, Jennifer Lopez, Dustin Hoffman, Thomas Jane, The Rock, Mena Suvari, Christina Ricci). Große Stoffe werden werkgetreu oder zumindest mit dem angemessenen Aufwand verfilmt.

Auch die Strukturen haben sich gelöst – Serien müssen nicht mehr episodisch und „open end“ konstruiert sein, sich nicht über maximale Folgenzahlen finanzieren. Teilweise werden abgeschlossene Handlungen in drei, fünf oder zehn Episoden gepackt, die sich dann als Streaming-Event oder auf Scheibe gut vermarkten lassen. Die Begriffe Reihe, Mehrteiler, Miniserie, Maxiserie und „reguläre“ Serie erodieren.

Mit den festen Programmschienen lösen sich endlich auch die Laufzeiten-Vorgaben auf. Es gibt schlicht keinen Grund mehr, warum eine Episode 50 Minuten oder 25 dauern muss. Spielfilmlange Folgen, Häppchen à zehn Minuten? Warum nicht? Ich begrüße diese Entwicklung ja auch im DVD-Bereich, wo z.B. Rückschauen auf größere Filmreihen mittlerweile auch mal vier, fünf oder sechs Stunden dauern dürfen – so erscheint die fünfstündige Hellraiser-Retrospektive demnächst exklusiv auf dem Label Wicked-Vision Media hier in Deutschland. Warum ich das explizit erwähne? Weil es Werbung im Dienst der guten Sache ist.

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Dann ist da noch die Sache mit der Verfügbarkeit. Früher musste man dankbar sein, wenn ein Sender eine US-Serie einkaufte und dann vielleicht sechs, zwölf oder achtzehn Monate später so lange ausstrahlte, wie es die Quoten erlaubten. Die neue Streaming-Welt ermöglicht den Zuschauern den Zugriff auf Serien aus aller Welt – am Tag der Veröffentlichung. Wenn noch keine fertigen Synchros vorliegen, gibt es zumeist wenigstens deutsche Untertitel. Die Wartezeiten tendieren gegen Null und „unaired episodes“ wären schlicht unökonomisch.

Was der User will, bekommt er auch, der Wechsel von „passiv vor dem Fernseher beten“ zu „aktiv auf das Laptop streamen“ ist ein kultureller Gezeitenwechsel, der in meinen Augen immer noch unterschätzt wird. Vergleichbar mit dem Handy, das den Nutzer unabhängig von seinem Festnetz gemacht hat, befreien Streaming-Portale den Nutzer von der Knechtschaft des Fernsehers. Fernsehen ist nicht mehr nur das, was aus dem Fernseher kommt. Fernsehen ist Software auf wechselnder Hardware. Fernsehen bekommt man nicht mehr geliefert – man holt es sich. Whatever, wherever, whenever.

Gute Beiträge zu dem Thema findet man auch bei ausgestrahlt.tv.

20935579Neue Produzenten und neue Vertriebswege stellen neue Anforderungen, bieten aber auch neue Möglichkeiten. Serien kommen nicht mehr nur von ARD, BBC und NBC, sondern von Crackle, Amazon und Netflix. Die klassischen Seasons und Staffeln sind weitgehend Geschichte. Eine Woche auf eine neue Folge warten? Größtenteils out. Es ist das Zeitalter des Bingewatching. Der User kauft à la carte, will kein ganzes Programm mehr, sondern nur noch das, was ihm schmeckt.

Das Ergebnis? Geile Serien überall, mutige Formate, neue Geschichten – auch wenn sehr viele der Macher letztlich aus der alten Garde stammen, die sich den neuen Gegebenheiten angepasst hat. Die Produzenten oben genannten Serien der 90er? Alle noch mit dabei.

Wo die Aufmerksamkeitsökonomie regiert, muss der Zuschauer anders geködert werden. Die neuen Serien sind deshalb auch vielfach kein Familienprogramm mehr, weil sie nur den zahlenden Kunden bedienen wollen, nicht aber seinen Anhang. Mit der Nische regiert das Extrem.

furorMehr Sex, Gewalt und Splatter war noch nie – und damit meine ich nicht nur im Fernsehen. Einige der neuen Horror-Shows können locker mit den italienischen Zombie-Schlachtplatten der 80er mithalten. Wenn man bedenkt, wie hart in den 80er und 90er Jahren um jede Arschbacke gekämpft wurde, um den Bildschirm sauber zu halten, dann ist man doch verwundert über die Leichtigkeit, mit der die neuen Outlets jede Form von Jugendschutz unterlaufen haben. Das muss man nicht notwendigerweise gut finden.

Beim Sex sind die Serien hingegen noch deutlich zurückhaltender, von plakativer Fleischeslust wie in „Game of Thrones“ mal abgesehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Serienkultur immer noch primär ein Kind der Amerikaner ist, die in unzensiertem rein und raus den Untergang des Abendlandes vermuten. Aber das wird sich, so meine Prognose, wenn auch nicht ändern, dann zumindest aufweichen.

Kurzum: Der Markt ist unglaublich „in flux“. Viele der neuen „player“ werden die Boomzeit nicht überleben, andere werden hinzu kommen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die alten Markführer konsequent genug anpassen können, um mitzuhalten – oder ob sie als Vertreter einer obsoleten Strategie am Ende unter der Erde landen. Besonders problematisch scheint mir dabei weniger das Schicksal der klassischen deutschen TV-Sender zu sein, die sicher noch Publikum für ein oder zwei Generationen besitzen. Schlimmer wird es eventuell für die in Deutschland immer noch lahmende Pay TV-Kultur, denn die spricht echte TV-Junkies an – und wer von denen will ein starres Programm, wenn er streamen könnte? Da müssen aus den Pay-Sendern sehr schnell Pay-Services werden…

Die Kehrseite des Booms ist natürlich: Der Markt wird zunehmend unübersichtlicher. Zuschauer müssen jedes Mal aufs Neue gefunden und umworben werden, weil sie keine festen Sendeplätze besuchen. Serien fallen durch den Rost, wenn es ihnen nicht gelingt, vom Start weg Aufmerksamkeit zu erregen, aufzufallen – sei es durch die Besetzung, das Thema oder die Vorlage.

Nach meiner eigenen Erfahrung gelingt es den klassischen TV-Zeitschriften noch immer nicht, diese neue Welt adäquat abzubilden. Sie sind Programmlistings und Senderinfos verhaftet. Dabei bräuchte der interessierte Zuschauer, der sich eben nicht auf 150 Webseiten auf der ganzen Welt informiert, kompetente Führung dringender denn je. Das ist mir besonders deshalb aufgefallen, weil einige der Serien, die ich nun kurz vorstelle, mir selber bis dato unbekannt waren. Klar wußte ich von „Jessica Jones“ und für „Man in the High Castle“ hatte Amazon ja nun wahrlich auf breiter Front geworben.

Aber „Neon Joe, Werewolf Hunter“ z.B., oder „South of Hell“? Die wären komplett an mir vorbei gegangen. Weil sie über Kanäle laufen, die in Deutschland kaum Berücksichtigung finden.

Betrachtet deshalb die nachfolgenden 16 Tipps für das Jahr 2016 nicht als umfangreiche Besprechungen oder kritische Analysen, sondern als Anregungen, Appetithäppchen, Anstupser. Aus diesem Grund habe ich auch (abgesehen von „Jessica Jones“) weniger die vermutlich sowieso bekannten Neustarts aufgegriffen, dafür aber viele Nischenserien.

Ich werde vier Beiträge à vier Serien an vier Tagen posten.

Es gibt sehr viel zu sehen da draußen, bzw. hier drinnen…

Jessica Jones

13 Folgen, Netflix. Basierend auf den Marvel Comics. Ex-Superheldin Jessica Jones wird durch den Telepathen Killgrave wieder in die Traumata ihrer Vergangenheit gesogen – und alle, die sie lieben, müssen den Preis dafür zahlen. Hochwertig produzierte Comic-Noir-Serie, die weniger auf Action und Superheroics setzt als „Daredevil“, dafür auf Introspektion und Beziehungen. Mutig in der Themenwahl, packend in den Dialogen und Konflikten – perfekt geeignet für „binge watching“. Die Optik erinnert ein wenig an Lexi Alexanders „Punisher: War Zone“, aber sorgfältiger umgesetzt. 2:0 für Marvel und Netflix.

Ash vs. Evil Dead

10 Episoden, starz. Basierend auf den „Tanz der Teufel“-Kinofilmen. Ash Williams provoziert nach 30 Jahren erneut die Deadites und macht sich mit ein paar Gefährten auf den Weg, die Macht des Necronomicon endgültig zu brechen. Knallbunt, pubertär und splatterig, leidet „Ash vs. Evil Dead“ daran, dass der Charakter des Protagonisten weniger an die Filme, sondern mehr an Bruce Campbells Clownereien in „My name is Bruce“ angelehnt wird. Statt einen knallharten Horror-Actionmythos weiter zu erzählen, begnügt man sich mit Comic-Eskapaden an wechselnden Schauplätzen und findet erst in Folge 8 zum Look & Feel der alten Filme.

https://www.youtube.com/watch?v=unnLg1TPCYM

The Frankenstein Chronicles

6 Episoden, ITV. Inspector John Marlott untersucht Gewaltverbrechen, die ihn vermuten lassen, dass ein Wissenschaftler daran arbeitet, die Toten wieder auferstehen zu lassen. Eine fast schon schwarzweiß düstere, brutale Mischung aus skandinavischen Depri-Krimis und Frankenstein-Saga mit Sean Bean im dreckigsten London, das jemals in einer TV-Serie zu sehen war. Mit persönlich ein bisschen zu freudlos und sicher kein bunter Fernsehabend für die ganze Familie, aber Freunde harter Kost (Deadwood, Carnivale, Game of Thrones, Vikings) dürften sich gut unterhalten fühlen.

You, me and the apocalypse

10 Episoden, Sky UK. Ein paar sehr unterschiedliche Menschen sitzen in einem Bunker in Großbritannien und erleben den Weltuntergang durch einen Kometeneinschlag – in Rückblenden werden ihre letzten Wochen erzählt, seit sie vom bevorstehenden Ende erfahren haben. Sicher eine der seltsamsten Mischungen aus Endzeit-Drama und Comedy, die je für das Fernsehen produziert wurde. Die hochkarätige Ausstattung, die internationalen Drehorte und die renommierten Hauptdarsteller (Rob Lowe, Jenna Fischer, Megan Mullally, Diana Rigg) lassen es umso erstaunlicher erscheinen, dass die Produktion kaum Wellen gemacht hat. Must Watch für Fans ungewöhnlicher Serienkost.



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Dietmar

Große Stoffe werden werkgetreu oder zumindest mit dem angemessenen Aufwand verfilmt.

Ich gucke gerade mit Daniel Stevensons „Schatzinsel“ mit Eddie Izzard als John Silver. Großartig!

SteffKo
SteffKo

Ich freue mich auf die neue Staffel von Shameless.

Dietmar

@Wortvogel: Das ist großartig gelungen. Bisher dachte ich, an die Weihnachtsserie von 1966 kommt nichts ran, aber das ist toll. Izzard ist irre gut! Seinen Silver liebt man und hasst ihn zugleich.

TomHorn
TomHorn

You, me and the apocalypse hört sich interessant an. Ash vs the Evil Dead werde ich noch sehen, auch The Last Panthers & Public Morals stehen noch an. Jessica Jones fand ich gut, hat mich aber nicht komplett überzeugen können.

McCluskey
McCluskey

Was mich bei der Euphorie um das Thema Streaming gedanklich immer umtreibt: das funktioniert doch eigentlich nur, solange das System der volumenunabhängigen Breitband-Flatrates aufrechterhalten wird. Da es bereits seit geraumer Zeit Diskussionen um Netzneutralität und Premium-Behandlung von Datenpaketen für entsprechend zahlende Kundschaft gibt, würde ich das nicht für alle Ewigkeiten in Stein gemeißelt sehen. Könnte ja irgendwann für die Anbieter nicht mehr kostendeckend/profitabel genug sein. Für mich persönlich ist das Thema eh derzeit indiskutabel, da ich hier am Stadtrand nur via LTE akzeptable Netzgeschwindigkeit habe. Ohne Volumenbegrenzung ist da nichts zu machen. Für normales Surfverhalten inklusive ausgiebiger YouTube-Nutzung völlig ausreichend, aber massenhaft Filme in HD-Qualität? Ähm…nee.

TimeTourist
TimeTourist

Das Beste an der neuen Streaming-Welt ist, dass hoffentlich bald die herkömmliche Ermittlung der Einschaltquoten (Stichwort Panelgruppe) wegfällt. So viele gute Serien wurden mangels Einschaltquoten abgesetzt (dabei kannten und liebten sie ein jeder in meinem Umfeld), aber Alarm für Cobra 11 läuft seit Jahren. Irgendwas muss in der Vergangenheit einfach schiefgelaufen sein (zumindest hoffe ich das….)

jimmy1138
jimmy1138

zu Jessica Jones: Ist Killgrave eigentlich tatsächlich Telepath? Er kann ja keine Gedanken lesen oder übertragen – die Leute tun halt, was er sagt (Warum, wäre wohl ein Spoiler). Bei der Serie bin ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob die Handlung nicht zu dünn für 10 Folgen war – ich möchte ja nicht von ewigem Hin und Her sprechen…
You me and the Apocalypse: War sehr gut und angesichts der Wende am Schluß wär’s sehr schad, wenn es keine neue Staffel gäbe.
Ash vs Evil Dead: Was mich an der Serie ein wenig stört – die Folgen sind einfach zu kurz.