Ich schreibe nicht das erste Mal über unausgestrahlte Pilotepisoden von Fernsehserien. Mich faszinieren solche Projekte. Da wird mit viel Aufwand, Stars und Mühe eine neue Serie entwickelt – und noch bevor ein Zuschauer sich eine Meinung dazu bilden kann, zieht der Sender bereits den Stecker.

Man darf nicht naiv sein – in dene meisten Fällen lässt sich gut nachvollziehen, warum. Es ist viel Ausschuss darunter. Andererseits habe ich hier auch ein paar Piloten rumliegen, die absolut das Zeug zum Quotenerfolg gehabt hätten: die sympathische Krimiserie „Soccer Moms“ oder die grandiose Star Trek-Parodie „Star Patrol“.

Es ist nicht mehr so schwer wie früher, „unaired pilots“ zu sehen – man muss einfach nur den Begriff bei YouTube eintippen. Dann findet man Versionen von „Buffy„, „Charmed“ und „Big Bang Theory“ mit anderen Darstellern, den kurzen Piloten des zynischen Reboots der 70er Jahre-Superheldinnenserie „Electra Woman and Dyna Girl„, sogar einen entsetzlichen Versuch, aus Kevin Smiths „Clerks“ eine Sitcom zu stricken.

Allerdings fällt auf, dass es letztlich immer die gleichen Piloten sind, die da rotieren. Ein Dutzend, zwei vielleicht. Selten kommt mal was Neues dazu – wie neulich ein Clip aus der nie fertig gestellten ersten Folge der „Dark Shadows“-Serie von 2004:

Es gibt in den Archiven der Sender und der Produktionsfirmen mittlerweile Hunderte, Tausende von unausgestrahlten Episoden. Nur selten wird mal ein Special fürs Sommerloch produziert, in dem Ausschnitte präsentiert werden – achtet mal auf Minute 35:20:

Das unkenntlich gemachte Gesicht gehört Robert Wagner („Hart aber herzlich“), der nicht erlaubt hat, dass Szenen mit ihm öffentlich gezeigt werden. Hier kann man sehr schön sehen, was das Problem der meisten unausgetrahlten Episoden ist: Sie sind für die Veröffentlichung gesperrt, aus den verschiedensten Gründen. Und jeder, der sie einfach mal so bei YouTube hochlädt, muss mit einer Abmahnung rechnen.

Im Giftschrank sind sie gelandet, im Giftschrank sollen sie bleiben.

Manchmal gibt es allerdings Mutige, die Zugriffe auf Senderarchive haben und die „lost episodes“ ins Netz pumpen. Dann heißt es: Download anwerfen, bevor das Konto wieder dicht macht.

Gestern bin ich zufällig auf Unknown Archive TV gestoßen, einen Kanal bei Daily Motion, wo man etwas weniger auffällig als bei YouTube seine Sammlung präsentieren kann. Und wahrlich, ich sage euch, da bin ich auf Gold gestoßen.

Über 100 rare und teilweise unbekannte Pilotepisoden!

Genauso überrascht wie die Videos hat mich die Tatsache, dass der Account seit 2012 anscheinend ungestört existiert. Entweder haben die Sender ihn noch nicht entdeckt oder man lässt langsam die Zügel schleifen. Soll mir nur recht sein.

Ich stelle euch hier mal die Perlen vor, die ich bisher entdeckt habe.

Young MacGyver

Klingt wie die Parodie „MacGruber“, ist aber tatsächlich ein Versuch von 2003, aus der Franchise noch ein bisschen Saft zu quetschen. Richard Dean Anderson ist nur auf Fotos zu sehen, nicht mal für einen Gastauftritt von Nebendarstellern wie Bruce McGill hat es gereicht. „Clay MacGyver“ wird von Jared Padalecki gespielt, der zwei Jahre später mit „Supernatural“ den Jackpot ziehen sollte. Regie führte immerhin der Regisseur von „Critters“, „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“ und „Mighty Ducks“. Allerdings ist das Drehbuch erbärmlich und das Konzept extrem unausgegoren:

Area 57

Sprach ich gerade von Bruce McGill? Der ist zwar nicht in „Young MacGyver“ dabei, aber in der Matthew Lillard SciFi-Comedy „Area 57“ von 2007, die ich eigentlich sehr lustig finde. Paul Reubens als arschlöchriges Alien – das hat was:

Modesty Blaise

Nun ist es eine Sache, relativ aktuelle Piloten zu checken – eine andere, sich durch die Jahrzehnte zu schauen. So hatte ich vor ein paar Jahren den Kinofilm zu „Modesty Blaise“ aus den 60ern besprochen. In den 80ern gab es einen sehr stylischen Versuch, die Comics für das Pantoffelkino aufzuarbeiten:

LA Confidential

Die Idee, aus Kinofilmen Fernsehserien zu machen, ist selten von Erfolg gekrönt. Kein Wunder, dass man in dieser Liste viele gescheiterte Versuche findet – von „Adventures in Babysitting“, „Driving Miss Daisy“, „Legally Blonde“, „Darkman“ und „Der Prinz von Zamunda“ bis zur Tom Hanks-Klamotte „Turner & Hooch“. Manchmal ist der betriebene Aufwand beträchtlich, z.B. bei „LA Confidential“ mit Kiefer Sutherland in einer „24“-Drehpause:

Coneheads

Wir reden übrigens nicht nur von Live Action-Serien – es war ja bekannt, dass seinerzeit versucht wurde, die „Teenage Mutant Ninja Turtles“ als CGI neu aufzulegen und „Buffy“ als Zeichentrick. Dass auch die unsäglichen „Coneheads“ in diese Kategorie gehören, war mir neu:

Stick around

Einige der kuriosesten Fundstücke stammen sowieso aus der SF-Ecke – wie die Sitcom „Stick around“ mit Andy Kaufman, die wirklich extrem unkomisch ist:

NYPD 2069

Deutlich besser, wenn auch erzählerisch etwas unbeholfen ist „NYPD 2069“. Die Idee, Science Fiction und Krimi zu paaren, ist nicht neu – Beispiele gibt es schon aus den 60er und 70er Jahren. Es ist aber halt immer eine Frage, welchen Mehrwert es bringt, Straftaten einfach ein paar Dekaden in die Zukunft zu verlegen:

Escapade

Zu modern? Lieber sowas wie „Hart aber herzlich“ mit ein bisschen futuristischem Geplänkel? Willkommen zu „Escapade“:

Ultraviolet

Ihr steht mehr auf Fantasy und Horror? Zwar hat das Unknown Archive TV die „Van Helsing Chronicles“ ebenso wenig wie den Piloten zu „The Omen“, aber die US-Version der britischen Vampir-Miniserie „Ultraviolet“, mit einem im Jahr 2000 noch völlig unbekannten Idris Elba:

The World beyond

Am Konzept von „The World Beyond“ (erklärt im Prolog) aus den 70ern fällt vor allem auf, dass es die ganzen „Sixth Sense“-Variationen der letzten 20 Jahre vorweg nimmt:

Lost in Oz

Auch „Lost in Oz“ mag einfach ein paar Jahre zu früh dran gewesen sein. Diese „dark fantasy“ hat immerhin den Autor von „X-Men“ und „Watchmen“, den Regisseur von „Stephen King’s The Stand“ und die Hauptdarstellerin von „Legende“ an Bord. Zehn Jahre später, zwischen „Grimm“ und „Once upon a time“, hätte das zum Hit werden können:

Making it legal

Natürlich gibt es auch was zum Lachen – so ist „Making it legal“ mit hochkarätigen Serienstars besetzt und keinen Deut schlechter als andere Beispiele des Genres:

Nobody’s watching

Richtig schräg ist dagegen diese Meta-Sitcom, die von den frustrierenden Versuchen erzählt, eine Meta-Sitcom zu produzieren. Mir gefällt’s – und Taran Killam ist mittlerweile eine feste Größe bei „Saturday Night Live“:

Tja, das sind so die ersten bemerkenswerten Perlen, die ich in diesem großartigen Kanal ausbuddeln konnte. Sicherheitshalber habe ich mir gestern eine Stunde Zeit genommen, ALLE Videos auf die Festplatte zu ziehen. Man weiß ja nie, wann denen die Einstweilige Verfügung ins Haus flattert.



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Gregor

„Man weiß ja nie, wann denen die Einstweilige Verführung ins Haus flattert.“

😀

Gregor

Ich fand den Verschreiber eigentlich sehr hübsch. 🙁

John
John

Gibts ne Quelle dafür das angedacht war Buffy als Animated weiterzuführen? Weil seit Ende der TV Serie, wird diese als Comic weitergeführt:
https://en.wikipedia.org/wiki/Buffy_the_Vampire_Slayer_comics

bullion

Den „Nobody’s Watching“-Pilot fand ich großartig! Es gab von den beiden ja sogar noch einige Auftritte bei u.a. HIMYM und anderen bekannteren Shows, um Promo dafür zu machen. Hat aber leider nicht geklappt…

Baumi
Baumi

Bei Reddit gab’s gesten auch eine Reihe von Links zu diesem Thema:

http://bit.ly/1E66xen

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[…] mag, dem kann ich die Seite nur empfehlen. Einige spezielle Tips hält der Wortvogel auch in seinem Blogbeitrag […]

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[…] Festplatte. Perfekt, wenn man sich für den Urlaub etwas "offline" mitnehmen will oder ein Video aus verschiedenen Gründen womöglich eine begrenzte Lebenszeit auf YouTube hat. Obendrein beherrscht Downie nicht nur […]