Gestern kommt ein neues Update-Paket für mein Macbook Air rein – das Betriebssystem wird auf den aktuellen Stand gebracht und das neue „Photos„-Programm installiert. Über 2 Gigabyte muss ich dafür aus dem Netz ziehen.

Als ich am Abend meinen Fernseher einschalte, begrüßt mich Kabel Deutschland mit der Nachricht, es gäbe ein Update für meinen Receiver. Die Installation und die danach notwendige Aktualisierung der Programmdaten verschiebt meine Abendunterhaltung um 20 Minuten nach hinten.

Zwei Stunden später stecke ich mein Telefon an die Steckdose, schaue kurz auf das Display – Android möchte gerne 12 Apps aktualisieren. Der separate Amazon Appstore zwei.

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie sehr es nervt, dass immer mehr Geräte in meinem Umfeld sich immer öfter aktualisieren wollen, als seien sie permanente „works in progress“. Dass in Zukunft vermutlich auch Armbanduhren und Glühbirnen permanente Wartung verlangen.

Aber ich musste über was anderes nachdenken. Es gibt keine Updates für Menschen. Zumindest keine automatischen.

Wann habe ich das letzte Mal neue Fähigkeiten erhalten, einen neuen Look, eine flottere Arbeitsgeschwindigkeit? Wäre das nicht toll, wenn man zur Nachtruhe ein „personal update“ starten könnte und man am nächsten Morgen ohne Pickel, mit einem besseren Haarschnitt und gerade Zähnen aufwachte? Wenn man plötzlich fließend französisch spräche oder Ski fahren könnte? Wenn man einen neuen Wagen in der Garage hätte?

Wem das zu radikal ist, der könnte ja auch nur ein Update der Themes und der UI wählen – neue Kleidung, etwas mehr Charme in der Rhetorik, ein schickeres Sofa im Wohnzimmer. Und wenn es einem wider Erwarten nicht gefällt, kann man wieder downgraden auf die alte Version. Allerdings mag dann die Kompatibilität hapern, wenn die Freunde plötzlich sagen: „Alter, fährst du immer noch auf 05/2014? Was geht denn bei dir?“

Wenn ich mal abstürze, heißt es nicht „Du brauchst vielleicht einen Patch“, sondern „Du musst echt lernen, dich zu benehmen“. Eine automatische Rechtschreibprüfung kann ich mir auch nicht aufspielen.

Stars haben es da besser – die kriegen ihre Villen „in einem Rutsch“ eingerichtet, die haben persönliche Chefköche und Trainer, die ihnen die gewünschten Life-Upgrades nicht problemlos, aber doch stressfreier einrichten. Abstürze bringen ihnen keinen Ärger, sondern Schlagzeilen.

Wenn ich eine neue Fähigkeit haben will, muss ich sie erlernen. Neue Kleidung muss ich kaufen. Will ich schneller und besser werden, muss ich Sport treiben und mich gesund ernähren. Eine neue Wandfarbe für mein Arbeitszimmer wähle ich nicht im Untermenü „Hintergründe“, sondern im Bauhaus.

Ich bin eben kein Sim. Im Gegensatz zu einem PC-Betriebssystem sind mein Bios und mein Kernel uralt, die gesamte aktuelle Optik basiert immer noch auf einem veralteten System von 1968. Was sich da an Datenmüll angesammelt hat, möchte ich gar nicht wissen. Defragmentieren geht nicht, einmal drüber formatieren und neu installieren auch nicht.

Im Gegensatz zur digitalen Welt sind Updates in der analogen Welt eine ziemlich mühselige Sache.

Ich tröste mich, dass ich damit eigentlich meinem guten alten C64 ähnlich bin – der bekam in seiner ganzen Lebenszeit auch keine Updates, weil sein Betriebssystem fest installiert war und die Hardware nicht ausgetauscht werden konnte. Man konnte ihm nicht immer mehr abverlangen und sagen „Brauchste halt ’ne größere Festplatte oder eine bessere Grafikkarte“. What you see is what you get. Die Programmierer lernten, aus den Vorgaben immer mehr rauszuholen, die Software passte sich dem Gerät an und nicht umgekehrt. Die Spiele und Dienstprogramme (so nannte man das damals!) wurden immer besser, obwohl der „Brotkasten“ sich nicht veränderte.

Ich glaube, damit kann ich leben. Ich brauche keine Updates. Die Welt wird besser, weil sie sich mir anpasst – und nicht umgekehrt. Ich bleibe bei meiner lahmen Betriebsgeschwindigkeit, dem veralteten Interface, der überholten Systemsprache und den immer langsameren Bootvorgängen am Morgen.

Wenn eines Tages gar nichts mehr geht, wenn auch kein „haben Sie es mit ein- und ausschalten versucht?“ mehr hilft – dann kann die Welt sich gerne einen neuen Wortvogel anschaffen. Der kann sicher mehr, ist schneller, flexibler, schöner und stärker – aber ich hoffe, dass so mancher abends davor sitzt und denkt: „Ich vermisse den alten Wortvogel. Der war nicht perfekt, klar, aber der hatte was.“

Dann bin ich posthum retro-chic.



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Ferdinand Fröhlich
Ferdinand Fröhlich

„mich gesund ernähren“

Zumindest das hast du erfolgreich umgesetzt.
Das ist beachtenswert.

Mic
Mic

Schöner Artikel!

Aber man darf nicht drüber nachdenken, sonst startet der Prozess „Melancholie 1.0“, der leider eine fiese Zeitschleife eingebaut hat und wegen eines Fehlers im System auch nie geupdated (upgedated?) wird.

Inzwischen gibt es übrigens auch jede Menge Upgrades für den C64 …

sergej
sergej

in den letzten Woche wäre bei mir ein aktuelles Antivirenprogramm und eine Firewall sehr von Nutzen gewesen.

Der Mensch durchläuft doch ein großes Update, mehrjährig, es werden Betaversionen des endgültigen Programmes getestet und für die Mitmenschen ist es nicht immer leicht oder schön mit anzusehen. Nennt sich Pubertät.

Marcus
Marcus

Naja, nach dem SNOWPIERCER-Review hätte ich dem Filmgeschmack schon ein Upgrade gewünscht. Wenn der alte inzwischen so oft abstürzt… 😀

coke
coke

… das ist deprimierend; Mic hat leider recht! Kann jemand mal RUN/STOP + RESTORE drücken, dass man aus Melancholie 1.0 wieder ‚raus kommt?

John Lenin
John Lenin

Also, mir kommt das abendliche Schlafengehen schon wie Runterfahren vor (inklusive manches Absturzes), und morgens beim Booten brauche ich auch immer länger …

Dietmar

Mir würde schon ein Antivirenprogramm sehr gefallen, das die aktuellen, die meine Leistungsfähigkeit gerade seit einer Woche stark beeinträchtigen, einfach so entfernen könnten. So hilft nur abwarten.