09
Sep 2010

Zur Auswahl: Videos, die den Tag retten – oder ihn vollends ruinieren (siehe: Boll)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Pissed off turtle is pissed off:

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Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, dass MEINE Schildkröte nicht zur Gewalt neigt, und uns allenfalls auf der Suche nach einem warmen Fuß für ein Nickerchen nachsteigt.

Und damit kommen wir zu Uwe Boll.

Darfour, Vietnam, Tiertötungen, Siegburg. Er lässt kein kontroverses Thema aus, um sich in die Öffentlichkeit zu drängeln. Den Versuch, durch inszenatorische Qualitäten aufzufallen, hat er längst ad acta gelegt.  Jetzt gilt: je krasser, desto besser. Die empörten Reaktionen plant er ein, nutzt sie zur Promotion, geriert sich als letzter Aufrechter einer durch und durch korrupten und schwanzlosen Branche.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis Boll zum Reizthema Nr. 1 kommen würde – und ich tue ihm den Gefallen, das zu vermelden. Angesichts der drastischen Bilder lege ich den "Teaser" allerdings hinter eine Klickwand:

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Ja genau, Herr Boll: never forget. Weil es Ihren Film braucht, damit die Deutschen den Holocaust nicht vergessen.

Wenn hinter solchen Bildern eine Aussage steckt, eine Botschaft – bon. Kino ist kein Kindergarten. Wenn jemand aber mit Schock-Bildern auf den niedersten Instinkt zielt, Altbekanntes in der aufmerksamkeitsheischendsten Form denkbar vor die Kameras zerrt, ohne dabei irgendeine erzählerische/historische Relevanz auch nur vorzuheucheln – das ist ekelhaft.

Gratulation, Herr Boll, Ihr offensichtlicher Ehrgeiz, sich mit jedem Film aufs Neue zu unterbieten, hat Sie nicht im Stich gelassen. Wer geglaubt hatte, "Siegburg" oder "Seed" seien Ihr Bodensatz gewesen, hat nun einen neuen Maßstab.

Es ist dabei eine interessante Randnotiz, dass Boll eine Weile lang im Gespräch war, mit "Silent Night in Algona" ein eher sanftes Melodram vor dem gleichen Hintergrund zu drehen – die Produktion ist mittlerweile implodiert, die Beteiligten verklagen einander, die Webseite ist abgeschaltet.



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AlphaOrange
9. September, 2010 14:48

Ninja Turtle! 😀

Den Teaser musste ich gestern schon sehen – bin aber weiterhin außer stande das irgendwie angemessen zu kommentieren.

Snyder
Snyder
9. September, 2010 15:36

Ignoriert den Boll und sein neuster Hirnfurz einfach, sowas verdient keine Aufmerksamkeit, so negativ sie auch sein mag.

Peroy
Peroy
9. September, 2010 15:39

Ich hab' mich schon gewundert, warum’s so lange gedauert hat bis der Wortvogel den Teaser bringt…

Nun ja, wenn’s s/w wäre, wär’s Kunst…

Mollari
Mollari
9. September, 2010 15:41

@AlphaOrange:

Falls du Inspiration benötigst – voilá, über einhundert Kommentare zum Thema bei den Filmfreunden:

http://www.fuenf-filmfreunde.de/2010/09/07/uwe-boll-regisseur-des-neuen-torture-shockers-auschwitz/#comments

Könnte dazu beitragen, dass sich so etwas hier nicht wiederholt, denn Gutmenschentum, Faschismus, Eitelkeit, Sarrazin, Spielberg… alles schon dort abgehandelt.

Mein Geheimtipp: Kommentator 66.

reptile
reptile
9. September, 2010 16:08

@Peroy
Oder wenn "Mel Gibson" drunter stehen würde.

Peroy
Peroy
9. September, 2010 16:16

Och nö, du fängst jetzt nicht auf die Tour an, oder… ?

PabloD
PabloD
9. September, 2010 16:34

Unfassbar! Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen.

Unfassbar, wie schnell die Schildkröte über die Dielen saust.

Nikolai
Nikolai
9. September, 2010 17:19

Die Schildkröte ist ja sau schnell O.o
Also…zumindest dachte ich, die wären langsamer.

Paddy-o
Paddy-o
9. September, 2010 17:24

Eben, hätte auch nicht gedacht, dass die so nen Zahn drauf haben können Oo

Wortvogel
Wortvogel
9. September, 2010 17:26

@ Nikolai/Paddy: Meine wäre auch so schnell, wenn ihre Krallen nicht so hinderlich lang wären…

Brandenburgerin
9. September, 2010 17:43

@Wortvogel: muss man die bei den Kröten nich auch regelmäßig schneiden, oder nutzt du die Länge absichtlich als Bremse?

DMJ
DMJ
9. September, 2010 17:57

Der Schildkröte ein lauttönendes "YAY"! Zu sehen, wie sie das Katzenpack aufmischt ist Balsam für die gequälte Katzenhasserseele. Saucooles Viech!

Zum Boll hingegen natürlich ein "NAY", auch wenn ich dazu jetzt vorverurteile, da ich den Film ja nicht gesehen habe.
Wie es der Lindwurm anderenorts so treffend ausdrückte, dass ich die Forumulierung hier gleich zum zweiten Mal klaue, ist Boll auch in seinen anderen Filmen durch emotionale Impotenz aufgefallen. Sie strahlten ständig aus, dass ihm alle Menschen und Figuren vollkommen scheißegal sind. Das ist bei Splatterfilmen nicht soooo schlimm (wenn es natürlich auch den Rest Identifikationsmöglichkeit verhinderte und sie recht öde machte), bei einem Holocaustfilm jedoch verspricht es desaströs zu werden.
Ich freue mich aber auf die zu erwartende mediale Schlammschlacht, die der Film auslösen wird – selbst, wenn er tatsächlich gut sein sollte.
Nicht, dass ich die Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehe…und selbst wenn: einfach mal so ein bisschen "Gaskammeraction" als Teaser ins Netz zu werfen, ist allein für sich schon eine derartig trampeltierige Geschmacklosigkeit, dass ich ihm einfach nicht abkaufe, irgendein echtes Interesse am Thema zu haben.

Comicfreak
Comicfreak
9. September, 2010 18:08

..abscheulich.

Marcus
Marcus
9. September, 2010 19:44

Beware of the turtle! 😯

Zum Boll: der Gedanke, dass dieser profitgeile Vollpfosten, diese künstlerische Null-Lösung, dieser Dorfdepp des Unterhaltungsfilms, einen Film über den Holocaust macht, ist ja schon eklig genug.

Aber dieser Clip…. dieser Clip….. nur 2 Minuten verreckende Juden in der Gaskammer als Teaser für seinen neuen Film ins Netz zu stellen…. bäh.

Und dann ging mir auf, dass der pennende SS-Wachmann vor der Gaskammer ja Boll selber ist.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man dazu diverse gemeine Sprüche auf Bolls Kosten reißen kann. Aber mir fällt gerade kein einziger ein. Warum, Uwe? Was zum Henker willst du uns damit sagen????

Immer, wenn man denkt, man hätte schon alles gesehen….

Mollari
Mollari
9. September, 2010 19:53

…rennt eine Schildkröte los, wie man es noch nie gesehen hat.

Dafür auch noch mal von mir tiefempfundener Respekt.

Lukas
9. September, 2010 22:02

Was ich im BM-Board schon geschreiben haben, hier noch mal für den Rest der Welt:

Auf verschlungenen Pfaden bin ich an folgende Interna gelangt: Boll ist offenbar davon ausgegangen, dass sein "Darfur" ein Schweinegeld einspielen würde – der hatte dem Vernehmen nach echt gehofft, dass da ganze Schulklassen reingekarrt würden, von wegen relevantes Thema und so. Als das nicht geklappt hat, hat er sich halt einen Stoff gesucht, mit dem in Deutschland eher Kasse zu machen ist (und meinen Informanten im Vorfeld ganz stolz erklärt, er wolle auch sterbende Juden in den Gaskammern filmen, denn "Das hat vorher noch kein Film gebracht!").

Wie die Presse auf den Bollfilm reagieren wird, ist eigentlich absehbar: erst fassungsloses Entsetzen, dann Empörung, dann muffige Feuilleton-Debatte darüber, wie nun, da die Zeitzeugen ausgestorben sind, deutsche Geschichte dargestellt werden darf. Am Ende gibt es noch einen Aufschrei unter den Gorebauern, weil die Staatsanwaltschaft den Film kassiert, woraufhin Boll auf gekränkter Künstler macht und konstatiert, dass in Deutschland offensichtlich auch heute noch Nazimethoden an der Tagesordnung seien.

Thies
Thies
9. September, 2010 23:02

Zu Boll: weiß irgendwer mit Sicherheit, dass das nicht nur ein kranker Scherz ist? Ich konnte im Netz nirgendwo eine Silbe über den Film finden, die nicht alleine auf diesem "Teaser" basiert. Das wundert mich schon sehr, denn Boll hat in allen Interviews die ich von ihm gelesen habe, gerne sehr ausführlich über zukünftige Projekte gesprochen. Und die Imdb listet den Film noch nicht mal in Bolls Filmographie, dafür aber schon drei neue Filme für die nächsten zwei Jahre.

Sein aktuell in der Postproduktion steckender Film ist (ebenfalls laut Imdb) "Bloodrayne – The third reich". Vielleicht hatte er noch ein paar Mark,sowie ein paar Sets und Kostüme über und sich gedacht: "Ich dreh jetzt einfach mal den provozierensten Fake-Trailer den ich mir vorstellen kann und schaue genüsslich zu wie die Scheisse den Ventilator trifft."

Lukas
9. September, 2010 23:55

@Thies: Das wäre möglich – dagegen spricht, dass ich Leute kenne, denen er schon Anfang Juni von dem Film erzählt hat.

Blonder
Blonder
9. September, 2010 23:59

Boll ist angepisst und äußert sich jetzt selbst zu dem "bisschen irreführenden" Trailer:

http://www.viceland.com/blogs/de/2010/09/09/uwe-boll-schwadroniert-uber-seinen-auschwitz-film/

Selbstentlarvung erster Güte. Was auch sonst. Aber der Uwe soll sich nicht grämen. Er hat ja immer noch Ron Howard sein Friseur, der ihm bescheinigen kann, ein, zwei Meisterwerke gedreht zu haben.

Übrigens schön, dass er nicht müde wird, seinen Doktortitel in Literatur immer und immer wieder zu betonen. Vielleicht liest man da auch zuviel Arroganz rein. Könnte ja ein selbstironischer Running Gag oder eine clever versteckte Kritik an den damaligen Hochschulanforderungen sein.

Thies
Thies
10. September, 2010 00:31

@Lucas

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Regisseur, der sich selbst in "Postal" den Satz "My movies are finanzed with Nazi-Gold" in den Mund legte, den Anspruch erheben würde einen ernsten Film über Auschwitz zu drehen. Das von "Blonder" verlinkte Interview ist dann wohl der Sargnagel für meine Vermutung, dass es sich um einen bewusst als Skandal inszenierten Fake-Trailer handeln könnte.

Gleichzeitig ist das Interview ein weiterer Beleg dafür, dass seine Ansichten über seine Fähigkeiten und die daraus entstehenden Erzeugnisse und die allgemeine Rezeption derselben stark auseinandergehen. "Aber dann habe ich angefangen, wieder meine eigenen Filme zu schreiben, Postal, Seed, Tunnel Rats, UND DAS SIND ALLES GUTE FILME!" – Ähhh ja, klar….

Blonder
Blonder
10. September, 2010 00:56

Die Fake-Trailer Geschichte ist mir für den Bruchteil einer Sekunde auch zu Beginn durch den Kopf geschwirrt, unverzüglich gefolgt von dem Gedanken: Nee, so tief sinkt noch nicht mal Uwe Boll.

Dennoch: Aus dem Interview ist herauszulesen, dass er den Streifen quasi Back-to-Back mit 'BloodRayne 3 – The Third Reich' gedreht hat, weil er da halt noch ein paar Penunsen, Kulissen und Komparsen über hatte. Das muss man sich (mit dem selbstgerechten Interview im Hinterkopf) mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn Bolls Talent fürs Filmemachen nur einem Bruchteil seines Geschäftssinnes entspräche, würden solche Diskussionen hier gar nicht stattfinden.

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 01:14

Ich bin sprachlos und entsetzt. (Nicht über die Kröte.)

Lukas
10. September, 2010 02:52

@Mollari: Hab die Filmfreunde-Kommentare jetzt mal durchgelesen – "Ich freu mich schon auf Auschwitz" ist ein Satz, der in der Menschheitsgeschichte ansonsten bislang eher selten gefallen sein dürfte.

Howie Munson
Howie Munson
10. September, 2010 02:57

Aus obigen Interview:"Und ich habe nur deswegen den Wachtmann gespielt, weil wir in Kroatien, wo wir gedreht haben, keine deutschen Schauspieler für die kleineren Rollen finden konnten, also bot ich mich an."

Öhm und für den Hauptfilm "Bloodrayne: The Third Reich" brauchte Boll keine deutsch aussehende Komparsen??

…aber vielleicht bleibt der Film am Ende auch unveröffentlicht, weil kein Festival ihn zeigen wollte und/oder der Jugendschutz das/den künstlerische/n Werk/t zerstört hätte… oder noch bessere Ausrede: er wird von irgendwen auf Unterlassung verklagt…

Beno
Beno
10. September, 2010 05:40

"Es pisst mich an, dass jeder andere, der so einen Film machen würde, gleich im Rennen um den Oscar wäre"

Ich wollte gerade schreiben, dass wenn das ein Spielberg-Film wäre, man ihm wahrscheinlich schon Oskar-Qualitäten angedichtet hätte.

Comicfreak
Comicfreak
10. September, 2010 08:47

. es stimmt, dass ich noch keinen der nicht nur guten, sondern fantastischen Boll-Filme gesehen habe. Wann werden die gedreht?

Thies
Thies
10. September, 2010 09:13

@Comicfreak
laut Boll sind sie das längst: "meine Filme wie Rampage und Stoic und Darfur sind keine guten Filme, sie sind großartige Filme! Darfur ist besser als The Hurt Locker! Die Leute, die ihn auf Filmfestivals sahen, haben geheult!" – das kann natürlich auch bedeuten, dass sie dem verschwendeten Eintrittsgeld oder den vergeudeten 90 Minuten hinterhergeweint haben. 😉

Wortvogel
Wortvogel
10. September, 2010 09:55

Boll arbeitet pathologisch an seiner eigenen Märtyrisierung. Alle gegen mich, große Verschwörung, der kleine Rebell gegen das Establishment. Dazu muss er sich die Fakten hinbiegen, bis es kracht. Die Aussagen von Ron Howard würde ich gerne mal belegt sehen.

Vor allem aber: Er MUSS behaupten, dass seine Kritiker ihn nur nach seinen Filmen wie "House of the Dead" beurteilen, weil das ganze Konstrukt "Darfur, Rampage, etc. sind toll" sonst zusammen bricht. Es stimmt nur nicht. Ich habe die Filme gesehen, und sie sind scheiße. Anders scheiße als "Alone in the Dark", aber nichtsdestotrotz scheiße. Genau mit der Vorstellung mag Boll sich aber nicht auseinander setzen – dass man seine Filme tatsächlich um ihrer selbst willen ablehnt, und nicht aus Prinzip.

Übrigens bezeichnend, dass Boll erneut anfängt, gerade abgedrehte Filme schon wieder schlecht zu reden ("Auschwitz wird besser als Max Schmeling"). So macht er das ja immer.

Andererseits: Ich verstehe Bolls Problem aus eigener Erfahrung nur zu gut. Wenn du "Apokalypse Eis" und "Lotta in Love" geschrieben hast, wird es GANZ schwer, einer Produktionsfirma und einem Sender zu erklären, dass du auch "Hope" kannst. Einmal abgestempelt, kommst du aus der Schublade praktisch nicht mehr raus.

reptile
reptile
10. September, 2010 10:30

@Wortvogel
Das stimmt allerdings. In einem Forum hatte ich mal über irgendeinen Bericht hier in deinem Blog geschrieben, ich weiß nicht mehr was es war. Da kamen tatsächlich stimmen wie:

"Ach naja, der hat doch Apokalypse Eis und Sumuru gemacht. Das ist ja auch nicht gerade anspruchsvoll."

Das hat ein Spielberg natürlich super gelöst. Immer zwischen Mainstream und Anspruch hin und her pendeln.

Man stelle sich mal vor, die SAW Macher oder Eli Roth würden zu Lionsgate gehen und ein Drama pitchen. Die würden wohl auch nur ungläubige Blicke ernten.

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 10:30

@Wortvogel: Wobei: ,,Hope" IST etwas anderes als ,,Eis" und ,,Lotta". ,,Auschwitz" ist BEHAUPTET etwas anderes. Also, was das Niveau betrifft natürlich.

(Jetzt verteidige ich schon Dein Stück gegen Deine eigenen ,,Angriffe" … BEDENKLICH … vor allem, weil ich genau verstanden habe, was Du meinst)

Auf Beno gehe ich gar nicht erst ein. Oder doch: Wer ist ,,man"? Warum dichtet dieser Oscar-Qualitäten an? Genau das behauptet ja Dr. Boll. Wenn er denn aber weiß, dass der Film in sw als Kunst gewertet würde, warum dreht er das dann nicht so? Und, verdammt: Warum bekam Lommel keinen Oscar für ,,Daniel, der Zauberer"? Er hat doch auch erklärt, das sei Kunst. Kunst kann man aber nicht zur Kunst erklären, bzw. wird sie das nicht allein durch ihre Erklärung dazu.

Aber das weiß doch eigentlich jeder. Was mache ich hier gerade …

Lukas
10. September, 2010 10:59

Nachdem sich mit Beno offenbar einer der Fünf-Filmfreunde-Leser hierher verirrt hat (zumindest gibt es ähnliche Überlegungen unter den dortigen Kommentatoren zuhauf): Die Frage, wie man wohl reagierte, wenn der Film von einem anderen Regisseur wäre, stellt sich nicht. Kein Tarantino würde sterbende Juden in der Gaskammer als Reklame für seinen Film ins Netz stellen, kein Eli Roth oder Darren Lynn Bousman würde so tief sinken, sich eine SS-Uniform anziehen und sich selbst provokativ als Nazi-Massenmörder vor der Gaskammer inszenieren. Spielberg spare ich mal aus, denn wie die Argumentation dann weitergeht, kann man in zahlreichen Varationen bei den erwähnten Filmfreunden nachlesen: "Ja ja, einem Juden würdet ihr das durchgehen lassen, aber wenn wir Deutschen mal…"

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 11:29

@Lukas: Zudem stört mich auch die Form. Das ist ein voyeuristischer Blick, der für Filme wie ,,Piranhas 3D" ok und unterhaltsam ist, aber hier nicht passt. Dr. Boll sucht die Provokation und darüber den Erfolg. So sieht das für mich aus. Deshalb allein schon ist dieser Trailer als ernstes Anliegen unglaubwürdig und abstoßend.

Lukas
10. September, 2010 11:40

@Dietmar: Natürlich, das ist ja genau der Punkt – Die stumpfe Bande brüllt "Das muss man doch zeigen dürfen!" und verkennt dabei, dass das Thema eine Kontextualisierung erfordert. Andernfalls liegt der Mehrwert eines solchen Projekts einzig in der Befriedigung eines voyeuristischen Bedürfnisses beim Zuschauer und klingelnder Kasse bei Boll. Dass das problematisch ist, verstehen viele anscheinend nicht – ich musste spontan an die Szene aus T2 denken, in der John dem Terminator sagt, er könne nicht einfach Menschen umbringen, und der nur fragt: "Why?"

Wortvogel
Wortvogel
10. September, 2010 11:44

@ Lukas: Korrekt. Aber nur um der Diskussion willen: Was, wenn es Boll tatsächlich um die Kontextualisierung geht? Würden wir das (an)erkennen? Oder ist Boll zu verbrannt – "damned if you do, damned if you don’t"?

reptile
reptile
10. September, 2010 11:56

Also wenn der Film so aufgebaut ist, wie er in dem Interview beschreibt, klingt das zumindest interessant.

Der Ansatz so etwas fast dokumentarisch ohne jeglichen Heldenplot zu machen ist halt sein "Style".
Vielleicht in der Art von "Irreversibel" wo man die Vergewaltigung auch in Echtzeit "erlebt".

Wenn die reinen Gaskammerszenen wirklich nur ganz am Ende und nur ein paar Minuten gezeigt werden, ok. Boll sagte, soweit ich das raus gelesen habe, dass der Film das "Tagesgeschäft" im KZ zeigt. Er vergleicht es mit einem Schlachthof.

Wenn ich mir so eine Szene bildlich vorstelle: Da stehen zwei SS Leute vor der Gaskammer, unterhalten sich über alltägliche Dinge während man im Hintergrund die panischen Menschen sieht – das ist extrem verstörend und schlägt auf den Magen.

So hätte man den Teaser vielleicht auch aufbauen sollten. Die ganz expliziten Sachen hätte man nicht zeigen sollen.

Lukas
10. September, 2010 12:52

@WV: Das ist als Gedankenspiel wenig glaubwürdig, aber gut: Spielberg hat zwei Indy-Filme gedreht, in denen die Bösen von Comic-Nazis gestellt wurden. Als es hieß, er würde Schindler’s Ark verfilmen, war der Tenor, dass er nicht der Richtige dafür wäre. Boll hat einen Stoß comicartiger Videospielverfilmungen abgeliefert und wagt sich jetzt an den selben Themenkomplex. Die Ausgangslage ist also eine ähnliche wie bei Spielberg. Natürlich könnte man Boll zutrauen, dass er keinen reinen Torture Porn drehen möchte, fragwürdig sind seine Motive trotzdem. Spielberg sagte damals, seine Einnahmen an "Schindlers Liste" seien Blutgeld – er hat alles bis zum letzten Cent gespendet, weil er sich nicht am Holocaust bereichern wollte. Ob Boll das auch machen wird?
Wenn wir diese Dimension ausklammern und Boll nicht als Barbaren, als einen zivilisierten, aber moralisch degenerierten Menschen sehen wollen, sondern einfach als ambitionierten Filmemacher, dann können wir trotzdem festhalten, dass Spielberg schon vor "Schindlers Liste" als einer der besten Regisseure seiner Generation galt, und Boll vor "Auschwitz" als einer der schlechtesten. Im Rahmen dieses Gedankenspiels bleibt also nur die Frage, ob es einen schlechten, dumpf-prolligen Film über Auschwitz geben darf.

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 12:59

@Lukas: Sehr überzeugend, klasse!

Wortvogel
Wortvogel
10. September, 2010 13:19

@ Lari: Das geht am Thema vorbei. Ich fragte nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Boll einen guten Holocaust-Film dreht, sondern danach, ob wir es (an)erkennen würden.

Lukas
10. September, 2010 13:33

@WV: Ja, natürlich, das würde ich erkennen und anerkennen. Ich habe immer noch jedem Deppen noch eine Chance eingeräumt, und wenn sich andeuten sollte, dass "Auschwitz" ein inhaltlich und handwerklich dem Thema angemessener Film ist, dann wird sich bald niemand mehr daran erinnern, was Boll ansonsten für eine Wurst ist.
Nur: dieses Gedankenspiel ist müßig, weil es keinen Bezug zur Realität hat. Alles, was wir über den Film und über Boll wissen, deutet darauf hin, dass das eine ganz und gar abgründige Veranstaltung wird. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit könnte man fragen, was wäre, wenn Boll in Wahrheit der Satan persönlich wäre, sich selbst auf 200km Höhe vergrößerte und dann godzillamäßig durchs Rheinland trampelte.

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 13:45

Ich muss gestehen, ich hätte Schwierigkeiten, das anzuerkennen. Selbst wenn es ihm ernsthaft um die Sache geht, stoßen bei Äußerungen, wie etwa das habe es noch nie in einem Film gegeben, das Sterben in den Gaskammern zu beobachten, auf Abscheu. Mir erscheint das sensationsheischend. Etwas Ähnliches sagte er auch über Box-Szenen in ,,Schmeling". Das erscheint mir zu marktschreierisch und oberflächlich.

Ich glaube ihm nicht, und deshalb hätte ich auch Schwierigkeiten, eine quasi technisch gute Umsetzung anzuerkennen.

(Apropos ,,Technik": Eine technische, nichtironische, Frage: Ist Lukas mit Lari identisch?)

Lukas
10. September, 2010 13:57

@Dietmar: Das mit "Lukas" und "Lari" ist so ähnlich wie mit Bruce Wayne und Batman.

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 13:59

Ok. Und wer ist der Harte und wer der Softie?

Lukas
10. September, 2010 14:04

Viel entscheidender ist doch: Wer ist der mit dem Cape?

Dietmar
Dietmar
10. September, 2010 14:09

Der Harte natürlich.

Was für eine Frage.

*flaufühlimkopf*

Peroy
Peroy
10. September, 2010 16:59

"@ Lari: Das geht am Thema vorbei. Ich fragte nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Boll einen guten Holocaust-Film dreht, sondern danach, ob wir es (an)erkennen würden."

Ich schon. Du nicht.

DMJ
DMJ
10. September, 2010 17:15

Wie ich schon sagte: Selbst WENN der Film gelungen und sensibel sein SOLLTE (was ich nicht glaube, weil sich Boll auch jenseits sonstiger Schwächen einfach als ein Filmemacher zeigte, dem Menschen und Gefühle scheißegal sind – das muss nichts schlechtes sein, disqualifiziert aber für ein solches Projekt), hat sich Boll dennoch selbst in die Arschloch-Ecke gerückt, indem er einen solchen Teaser veröffentlicht.
"Bisschen irreführend"…klar! Wenn er wirklich nicht wusste, das GENAU das, was passierte, auch passieren würde, wenn er einen solchen Trailer raushaut, müsste er zu dämlich für ein solches Projekt sein, ich glaube aber eher, er wusste es und will halt der Märtyrer sein.
Denn die Leute mit einem Teaser, also einem "Lockmittel" zu ködern, welches kontextlos historisch bekanntes Sterben in der Gaskammer zeigt…das WIRD einfach den realen Geschehenissen, um die es geht, nicht gerecht. Man wirbt nicht für ein ernsthaftes Werk zum Thema, indem man den Gegenstand einfach als Schockeffekt nutzt.

Daher hat Boll jetzt schon und ungeachtet, wie der Film sein wird, damit bei mir geminuspunktet. Ich mag den Doktor an sich tatsächlich, weniger wegen seiner Filme, aber irgendwie als Gesamtkunstwerk, es geht mir also nicht darum, ihm eine reinzuwürgen, aber hier hat er vollkommen daneben gegriffen.

Brandenburgerin
10. September, 2010 17:18

@Lukas:
Edna 'E' Mode: No capes!

Wortvogel
Wortvogel
10. September, 2010 17:20

@ Peroy: Du mich. Echt auch.

Peroy
Peroy
10. September, 2010 17:41

Achso, die Frage war rhetorisch…

Marcus
Marcus
10. September, 2010 19:31

"Eine technische, nichtironische, Frage: Ist Lukas mit Lari identisch?"

"Das mit “Lukas” und “Lari” ist so ähnlich wie mit Bruce Wayne und Batman."

Also nich……

*schelmisch grinsend auf die aktuelle DC-Continuity verweis*

Marcus
Marcus
10. September, 2010 19:50

@Blonder: gute Güte. Das erste Mal, dass ich den Boll im O-Ton lese – ist der immer so drauf?

"50 Prozent aller Leute glauben nicht mal, dass der Holocoast stattgefunden hat…"

WTF? 😕

Andererseits:

"Ich glaube, mein Film wird für die meisten Leute nahezu nicht anzusehen sein."

Ach, Uwe, ich habe "Seed", "House of the Dead" und "Bloodrayne" gesehen – glaub mir, dass konnte man von denen auch behaupten…. 😀

reptile
reptile
10. September, 2010 22:41
Peroy
Peroy
10. September, 2010 23:26

Zu Bolls Ehrenrettung sei gesagt, dass "Darfur" und "Rampage" tatsächlich recht gut sein sollen… also "ernsthaft" gut. Man hört und liest jedenfalls größtenteils (verhältnismäßig) Positives darüber. Ich hätte "Rampage" gerne schon gesehen, aber ich verzichte auf eine Fassung, bei der 15 Minuten oder so fehlen…

Thies
Thies
10. September, 2010 23:26

@Reptile
Beide Meldungen sind recht überschwänglich formulierte Pressemitteilungen des Produzenten und Drehbuchautoren Chris Roland – eine neutrale Quelle sieht für mich anders aus. Alleine schon die Aussage, man wolle den Film dem amerikanischen Kongress vorführen und hoffe damit einen erneuten Kriegsausbruch im Sudan zu verhindern! An einem zu kleinen Ego scheint der Mann eher nicht zu leiden.

Zu der Preisverleihung – die hat offenbar tatsächlich stattgefunden:
http://nyfilmvideo.info/2010-summer-ny-awards/2010-summer-ny-awards.htm
Ich frage mich nur ob es Absicht ist, dass der Name des Festivals so abgekürzt wurde, dass man ihn evtl. mit dem demnächst startenden "New York Film Festival" verwechseln könnte, auf dem die neuesten Filme von David Fincher, Clint Eastwood und Julie Taymor gezeigt werden – eine Liga in der Uwe Boll sicherlich in nächster Zeit nicht mitspielen wird.

P.S. Das in der zweiten Meldung gezeigte DVD-Cover sieht dann auch noch wie eine typische Direct-to-DVD-Produktion aus. Aber ich gebe zu, das tat das deutsche Plakat für "The hurt locker" auch. 😉

Lindwurm
11. September, 2010 12:21

Mich hat der Boll-Trailer an den verunglückten Shoa-Film "Der Letzte Zug" (nicht zu verwechseln mit dem grandiosen "Zug des Lebens") erinnert. Da wurde ähnlich exploitativ mit der Kamera auf die Dehumanisierung von Juden draufgehalten, aber das einzige Entsetzen, das sich einstellte, war jenes über die Inkomptenz und Emotionskälte der Macher. Das fällt unter die Rubrik "Shoa-Porn". Dass Boll der Thematik auch nur ansatzweise intellektuell, künstlerisch und empathisch gewachsen ist, bezweifle ich stark. Und eine "Innenaufnahme aus der Gaskammer" im Boll-Stil hat die Welt nicht wirklich gebraucht, es sei denn als Wichsvorlage für Neonazis. Was Gaskammern bedeutet haben, weiß man, und falls es jemand nicht wissen sollte, sei ihm das Zitat des österreichischen Kabarettisten Josef Hader nahegelegt: "Das Gas ist schwerer als Luft. Die Kinder sterben zuerst. Nein, nicht die Kleinkinder, die werden von den Müttern über den Köpfen gehalten. Die, die zu schwer zum Heben sind, sterben zuerst. Die Schwachen sterben zuerst, denn die Stärkeren stützen sich unwillkürlich auf die Schwächeren im Kampf um den letzten Atemzug. Der Kräftigste stirbt zuletzt, auf einem Berg von nackten Leichen, mit dem Mund am Lüftungsgitter klebend."

Houdini
Houdini
11. September, 2010 12:49

Irgendwie muss ich an die Aktion von Jamie Oliver denken. Wo er einen ganzen Saal voller prominenter geladen hatte. Die freuten sich darauf von Englands Star Koch den ganzen Abend lang schön bekochen zu lassen.
Jamie Oliver vergaste dann live auf der Bühne kleine Küken. Die Gesellschaft war nicht amüsiert.

Oliver meinte dazu später, die Leute müssten mal mit eigenen Augen sehen, wie es in englischen Geflügelschlachthöfen zugeht. Holzhammermethode zwar aber es dürfte den meisten ziemlich auf den Magen geschlagen haben. Auf Hähnchen hatte bestimmt auch keiner mehr Hunger.

Peroy
Peroy
7. Februar, 2011 16:11
Wortvogel
Wortvogel
7. Februar, 2011 16:20

@Peroy: Eine faire und nachvollziehbare Kritik, auch wenn ich den Gedanken, die Ablehnung filmischer Konventionen sei ein Wert an sich, in diesem Maße nicht teile. Die Kinder-Interviews könnte man auch als Laufzeit-Schinderei sehen (zumal den Kids der Film ja garantiert nicht als "Aufklärung" gezeigt werden kann). Und der Soundtrack ist ein böser Lapsus, aber nicht verwunderlich.

Ich freue mich schon darauf, den Film ebenfalls "fair and balanced" zu besprechen.

Marcus
Marcus
17. Juni, 2011 18:44
Peroy
Peroy
17. Juni, 2011 18:53

Ein wichtiger Film, den jeder sehen sollte…

😀