watchmen1USA 2009. Regie: Zack Snyder. Darsteller: Malin Akerman, Billy Crudup, Matthew Goode, Jackie Earle Haley, Jeffrey Dean Morgan, Patrick Wilson, Carla Gugino u.a.

Dies wird keine normale Filmkritik. Ich sehe mich außerstande, einen Film objektiv zu besprechen, auf den ich 18 Jahre gewartet habe – seit ich bei einem Urlaub in Irland in einem Comicshop eine gebrauchte Gesamtausgabe von „Watchmen“ kaufte, und auf dem Rückflug in einem Rutsch durchlas.

Selbst für einen Atheisten wie mich ist „Watchmen“ Religion. Nicht ein Comic – DAS Comic. Kein Superheldencomic – ein Comic über das Superheldentum. Nur wenige andere Werke der grafischen Literatur reichen an „Watchmen“ heran: „Killing Joke“, „Dark Knight“, „Marvels“, „Maus“, „Kingdom Come“, „Death: The High Cost of Living“. Und selbst die rangeln sich nur um Platz zwei.

„Watchmen“ erfüllt das Versprechen der grafischen Novelle wie kein zweiter gezeichneter Roman: komplexe Charaktere, verschachtelte Erzählebenen, Abweichungen, Subplots, Ambivalenzen, Epos und Pathos, griechische Tragödie. Und doch ist der Kern der Geschichte auf eine einzige alberne Episode der alten „Outer Limits“-Serie zurückzuführen.

„The world will look up and shout „Save us!“… and I’ll whisper „No.““

Viele Regisseure haben sich in den letzten 20 Jahren am Versuch, „Watchmen“ zu verfilmen, die Zähne ausgebissen. Das großartige Buch „The greatest Sci Fi movies never made“ von David Hughes braucht acht Seiten, um alle Niederlagen aufzulisten. Burtons „Batman“-Autor Sam Hamm scheiterte ebenso wie Terry Gilliam, Joel Silver, und Darren Aronofsky.

Zwei Probleme lassen sich leicht identifizieren: die komplexe Narrative auf ein Maß herunterzubrechen, das ein Kinopublikum nicht überfordert; und die Tatsache, dass Watchmen bis in die 90er technisch nicht zu realisieren war. Das Budget hätte jedes Studio ruiniert – der gängige Witz lautete: „1 Million Dollar pro Seite“.

„You quit.“

Über die Jahre kam ich oft an den Punkt, an dem ich dachte: „Lasst es lieber. Warum etwas Unverfilmbares verfilmen?“. Selbst Autor Alan Moore äußerte sich ähnlich.

Nun ist „Watchmen“ da.

Verfilmt von Zack Snyder („Dawn of the Dead“, „300“), dem neuen Hollywood-Wunderkind. Man mag von seinen bisherigen Werken halten, was man will, besonders auf der ideologischen Ebene – aber er beherrscht seine Projekte mit einer Kraft, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Er ist in der Lage, die Kohle von komplexen Effekten, mehrschichtigen Geschichten, und aufwändiger Action tatsächlich zu einem Diamanten zu verdichten. Ihm läuft nichts aus dem Ruder, er ist der „Master and Commander“ seiner Filme. Und darum für mich auch der einzige, dem ich dieses Projekt zutraute.

„We can save this world.“

Wir haben alle die Bilder gesehen, die Trailer. Das ist die reine Lehre – „the panels come to life“. Nicht interpretiert, nicht adaptiert. Von der Seite auf die Leinwand, erweitert um die Magie der Bewegung. Nicht mehr – aber wer braucht schon mehr bei einem so übervollen Werk wie „Watchmen“?

watchmen2Schnell war klar: Visuell hat Snyder die Sache im Griff. Und die ersten Dialoge zeichneten sich durch große Vorlagentreue aus. Aber was würde Snyder (notwendigerweise) weglassen? Was würde er ändern (müssen)? Schon im Vorfeld brach ein Sturm der Entrüstung los, als Snyder ankündigte, das Ende nicht aus dem Comic zu übernehmen. Was würde aus den vielen Flashbacks werden? Welcher Raum blieb für die Geschichte vom „Black Freighter“, der Comic-Mythologie des Watchmen-Universums? Kann „Watchmen“ im Jahre 2009 ernsthaft noch im Jahr 1985 spielen, im Kalten Krieg, mit Nixon als Präsident der USA, und Anarcho-Punks auf den Straßen?

„I am not afraid.“

Würde Snyder scheitern, weil er sich zu weit von der Vorlage entfernt – oder weil er ihr zu sklavisch folgt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, den hauchdünnen Mittelweg zu finden, den Kompromiss, der Fans und die große Masse zufrieden stellt?

Ladies and Gentlemen – „Watchmen“ ist der hauchdünne Mittelweg.

Hart an der Vorlage, smart in der erzählerischen Dynamik, auf die ganz breite Leinwand mit kräftigen Farben gemalt, verschwenderisch in der Ausstattung und im Gefühl, kompromisslos im Anspruch, nicht einfach eine weitere Superhelden-Geschichte zu erzählen.

„Watchmen“ ist da – und siehe, es ist „Watchmen“.

Perfekter kann man es nicht machen, und die Änderungen und Kürzungen, die befürchtet wurden, haben dem Stoff nicht geschadet. Im Gegenteil. Die „Black Freighter“-Geschichte wurde zwar weggelassen, wird aber als eigener Trickfilm nächsten Monat auf DVD erscheinen. Das Ende bedient sich anderer McGuffins, wird aber besser im Kontext verzahnt als im Comic. Die Actionszenen sind nicht nur Zugeständnis an den Massengeschmack – sie sind perfekt choreographierte Beispiele, warum die „Watchmen“ so weit über den Normalsterblichen stehen. Ihre Kämpfe sind „poetry in motion“, schnell, hart, kontrolliert. Auch hier ist Zack Snyder Perfektionist.

„Never compromise. Not even in the face of Armageddon.“

Die Schauspieler – mein Gott, die Schauspieler! Die gehen nicht bloß in ihren Rollen auf: sie sehen aus, als hätte man sie aus der Comic-DNA geklont. Wie bei Robert Downey in „Iron Man“ kann man sich nach Filmende einfach keine anderen Gesichter zu den Figuren mehr vorstellen. Rorschach, Comedian, Silk Spectre, Dr. Manhattan (samt Penis), Nite Owl. Die Stimmen, die Manierismen, die Haltung – Übermenschen, und doch nur Menschen.

„Give me back my face!“

Kein Regisseur wird sich künftig bei einer Comic-Adaption mehr rausreden können: „Das kann man natürlich nicht alles 1:1 umsetzen“. Man kann – es ist am schwersten Beispiel von allen bewiesen worden.

Für mich als Fan (im ursprünglichen Sinne von „fanatisch“) ist „Watchmen“ ein wahr gewordener Traum, und die Ausnahme von der Regel: manchmal wird, was länge währt, tatsächlich gut, sogar spektakulär.

Man kann natürlich Fragen stellen: wäre dem Flow der Geschichte einfacher zu folgen, wenn Snyder ein paar der Flashbacks weggelassen hätte? Müssen wir den Background wirklich jeder Figur kennen? Hätte man „Watchmen“ so auch auf verdaubarere 2 Stunden bringen können?  Vermutlich. Mit der DVD wird man sicher testweise eine solche Version schneiden können – schneller, flüssiger, fettfreier.

Aber Snyder verlangt eben vom Publikum, sich dem Niveau der Stoffes anzupassen – und nicht umgekehrt. Er sucht nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, und nach den Erfolgen von „Dark Knight“, „24“, „Lost“ und „Battlestar Galactica“ ist es vielleicht tatsächlich an der Zeit, die Zuschauer nicht mehr chronisch zu unterschätzen.

Für echte „Watchmen“-Fans ist Weihnachten und Ostern gerade auf einen Tag gefallen.

„What, in life, does not deserve celebrating?“

http://www.youtube.com/watch?v=E4blSrZvPhU



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