03
Feb 2008

Off the record – Interview-Erinnerungen (1)

Themen: Neues |

(c) PixelioInterviews habe ich in meinem Leben wahrlich genug geführt. Meistens steht dann in den dazugehörigen Artikeln nur das, was gesagt wurde – nicht das, was ich mit den Stars erlebt habe. Ich habe auf Ibiza mal eine Weile in meinen Erinnerungen gekramt, und ein paar Geschichten ausgegraben, die ich gefahrlos erzählen kann, weil ich meine Gesprächspartner dabei nicht der Lächerlichkeit preisgebe.

Auch hier gilt wie so oft: Es sind persönliche Reminiszenzen, verblasst in zwei Jahrzehnten, und sicher nicht tauglich als allgemeingültige Charakterprofile der vorkommenden Personen.

Clive Barker, Horrorautor

Es war eines meiner ersten Interviews für den GONG (natürlich wurde es nie verwendet – was sollte der GONG mit einem Barker-Interview?!), und ich war komplett unvorbereitet. Damals war Barker gerade das Wunderkind des Horrors, und hatte seine Reputation noch nicht mit fast King’scher Konsequenz ruiniert. Im Gegensatz dazu tippte ich beim GONG die Programmspalten von SAT.1, und hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, mir ein Diktiergerät zu kaufen. Der stellvertretende Chefredakteur kramte aus irgendeiner Schublade einen Kassettenrekorder vom Format einer Schuhschachtel hervor, der so alt war, dass er schon wieder als retro-futuristisch durchging.

Anlass des Interviews war der Deutschland-Start von „Nightbreed", und ich traf den entspannten und oberflächlich gut gelaunten Autor in einer Münchner Hotel-Suite. Im Hintergrund wuselte permanent ein in seltsame Lederklamotten gekleideter „Assistent" herum – ich wusste damals nicht, dass Barker schwul war, und gerne sein „boy toy" dabei hatte. Kein Problem. Obwohl der Autor etwas gelangweilt wirkte, spulten wir die erste Runde an Fragen professionell herunter, und er gab auf die üblichen banalen Fragen die üblichen banalen Antworten: Dreharbeiten waren toll, alle Schauspieler super, eigene Vision verwirklichen, etc. pp. Ein bisschen Spaß hatten wir, als ihm auffiel, dass mein uraltes Diktiergerät gar nicht lief, und wir eine Viertelstunde daran herumfummelten, bis es ging.

Clive BarkerUnd dann machte ich einen bösen Fehler: Ich hatte „Nightbreed" nämlich im Gegensatz zu meinen Kollegen schon gesehen – als drittklassige Raubkopie auf Video. Und er hatte mir nicht gefallen – die Mythologie war komplett unausgegoren, die menschlichen Figuren ohne Tiefe, und das Ende war blödes Remmidemmi. Natürlich konnte ich das Barker nicht sagen – also behauptete ich, vor kurzem in Irland gewesen zu sein, wo der Streifen schon gezeigt worden war. Barker horchte merklich auf, und wollte wissen, wie ich „Nightbreed" fand.

Merke: Auf Promotiontouren sind kritische Fragen unerwünscht, und die Meinung des Interviewers ist sowieso irrelevant. Die Stars sind ausschließlich vor Ort, den Start ihres Produkts anzukurbeln, und werden einen Teufel tun, ehrliche Antworten zu geben. Es ist eine Werbeveranstaltung. Ebenso könnte man verlangen, dass Mercedes im Werbespot für den neuen 180er sagt „Gut, die Heckpartie ist uns nicht so gut gelungen, aber man kann ja nicht alles haben". Um ehrliche Antworten von Stars zu bekommen, muss man sie außerhalb der Pressereisen erwischen, wenn sie nichts zu verkaufen haben. Vielleicht bei einem Bier.

Aber das wusste ich damals leider nicht. Und deshalb sagte ich Barker vorsichtig, dass ich „Nightbreed" ganz gut fand, aber das Ende doch vielleicht etwas unbefriedigend sei?! Schlagartig fiel die Maske, und Barker funkelte mich wütend an. Na, das sei doch wohl nur meine Meinung, grummelte er. Überhaupt, das Ende sei sehr stimmig. Nein, also es stünde mir kaum zu, so zu urteilen, wo ich doch offensichtlich seine Intention nicht verstanden hätte.

Das Interview dauerte noch zwei gequälte Minuten. Dann war ich draußen – und hatte meine Lektion gelernt.

Katey Sagal, Schauspielerin – „Peggy Bundy"

Ich traf sie in der Bar eines Münchner Hotels, das muss wohl 1994 gewesen sein. Sie war angereist, um ihre neue Platte bei „Wetten dass…?" vorzustellen. Interessant war sie für die meisten deutschen Medien trotzdem nur als schrille Trash-Mutter aus der Erfolgsserie „Eine schrecklich nette Familie". Mir fiel auf, wie komplett sie diesem Image widersprach – eine schöne, reife Frau mit brünetten Haaren, angenehm dunkler Stimme, und einer eher vorsichtigen Art.

Müde war sie. Und ein halbes Dutzend Interviews hatte sie bereits hinter sich. Ihre Antworten fielen dementsprechend professionell-knapp aus. Man merkte, dass sie weder Lust auf Plauderei noch auf Anekdötchen hatte – und damit nicht ergiebiger war als ein beliebiger Pressetext.

Katey SagalIch hatte mich vorher im Mikrofiche-Archiv des GONG schlau gemacht: Katey war vor einigen Monaten (und geraume Zeit nach einer in der Presse breitgetretenen Fehlgeburt) Mutter geworden. Also entschloss ich mich zu einer frechen Lüge, um sie ein wenig aus der Reserve zu locken: Ich erwähnte ganz beiläufig, dass ich rechtzeitig Feierabend machen müsse, weil meine Freundin zu Hause das gemeinsame Kind versorge. Der Effekt war erstaunlich: Katey war schlagartig hellwach, zog ein Bild ihrer Tochter aus der Handtasche, sprach von den Freuden der Mutterschaft, und den Schwierigkeiten, das alles mit einer Karriere unter den Hut zu bringen. Über diesen Bogen kamen wir auch auf ihren Vater, den legendären Regisseur Boris Sagal.

Es wurde ein spannendes, informatives Interview, und am Ende gingen wir wohl beide zufrieden auseinander.

War es okay, dass ich Katey Sagal angelogen habe, um das Interview in die Gänge zu bekommen? Vielleicht nicht. Ich fand es aber legitim – zumal keine Lüge im gedruckten Interview erschien. Was der Leser bekam, war authentisch. Letztlich hätte ich Katey auch über die Liebe zur Musik oder zu Venedig aus der Reserve locken können. Es sind die kleinen Tricks, die ich durchaus akzeptabel finde. Ich habe ihr dafür nie vorgemacht, ihr bester Freund und Vertrauter sein zu wollen – wie es viele Kollegen als „Türöffner" gerne tun.

Coming up: Christopher Lambert, Virginia Madsen, Brian Bosworth, Wolf Larsen, Don Bluth, Gates McFadden, George Takei, Chris Carter, JMS, und viele mehr…



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Marcel Anacker
Marcel Anacker
3. Februar, 2008 02:18

Interessant. Durch das Magazin GALORE habe ich das Interview als Textform wirklich schätzen gelernt und finde solche Hintergünde durchaus wissenswert. Als Babylon-5-Fan bin ich insbesondere auf Details zu JMS gespannt.

corax
corax
3. Februar, 2008 02:22

Haha,

von Clive Barker las ich das erste mal eine Kurzgeschichte im Playboy, ich glaub um 1988. Vom Geyatter und dem Gurkenhändler Jack. 'Que sera, sera. Ich fand die so klasse, dass ich sie unbedingt anderen leihen wollte, damals war halt aber alles analog, weshalb ich zunächst jede Seite einmal verstohlen fotokopierte, für 10 Pfennig das Stück, dann jeden „Playboybezug“ einzeln rausschnitt, war mir peinlich – das mit dem Playboy, und dann nochmals kopierte, für 10 Pfennig pro Seite.
Sind das dann jetzt 20 Jahre? Shit; komm ich mir alt vor.

Von Kate hab ich damals auch gehört, dass sie keine schlechte Sängerin sei, hab meines Wissens nach aber leider nie irgendwas von ihr gehört. Wie ist denn ihre Stimme so im Vergleich zur deutschen Synchro?

Lambert, aha. Gibt’s ne Antwort darauf wieso der seit Highlander und Subway prinzipiell nur noch Scheiße gedreht hat?
Dr. Beverly, soso. Ihr Seriensohn ging mir mächtig auf die Nüsse, aber mächtig. Aber nette Dinger kursieren da im Netz. 🙂

Ich freu mich jedenfalls schon tierisch auf mehr.

Glück auf!

Marcel Anacker
Marcel Anacker
3. Februar, 2008 03:05

@corax:

Kateys Singstimme kenn ich zwar auch nicht, aber was ich von ihr aus Futurama kenne ist durchaus vergleichbar mit ihrer deutschen Synchronstimme. Insbesondere in Futurama Episode 2×13 "A Bicyclops built for two" hört mal die Ähnlichkeit des "Al!"-Ausrufs recht deutlich heraus. 😉

Wolfgang Hömig-Groß
Wolfgang Hömig-Groß
3. Februar, 2008 10:20

Ich habe wenig Verständnis dafür, dass Herr Barker es nicht erträgt, wenn jemand anderer Meinung ist als er – ich finde das enorm egozentrisch. Gerade wer so öffentlich produziert muss doch wissen, dass man es nie allen recht machen kann und wer klug ist, versucht es auch gar nicht. Und jemanden mit anderer Meinung rauszuschmeißen befördert seine Interessen auch nicht gerade …

Wortvogel
Wortvogel
3. Februar, 2008 11:52

@ Marcel: Hier checken: http://www.youtube.com/watch?v=R9gmyFmbkeU

Das ist auch ungefähr die Zeit gewesen, als ich sie getroffen habe. Und ja – Galore ist klasse.

@ Wolfgang – wie gesagt: ALLE Stars sind bei Promotouren empfindlich, weil sie Angst haben, dass ihr Produkt floppt. Aber etwas mehr Größe hätte er schon zeigen können.

Julian
3. Februar, 2008 12:44

Das mit den Promo-touren kann ich nur bestätigen, eine ehrliche Antwort kriegt man in den seltensten Fällen.

Mein schlimmstes Interview war mit Dennis Quaid, da hatte ihn gerade Meg Ryan verlassen, und er war dermaßen down, daß er die Pflicht-Tour gerade mal so runterriß. Er antwortete immer nur mit "ja" oder "nein", keine Details, keine Erzählung, gar nichts. Es war furchtbar für ihn, aber auch für uns, weil wir ja auch nicht einfach gehen konnten, ohne unseren gemeinsamen Job zu machen.

Eines meiner besten Interviews war mit Jon Turteltaub zu "Instinct": Wir waren zu dritt, der Kollege konnte allerdings praktisch kein Englisch (in diesem Beruf eigentlich ein absolutes no-go), und so schwätzen Turteltaub und ich einen auf, rutschten währenddessen sogar gemütlich auf den Boden. Dann kam die Pressefrau rein (die meines Wissens jetzt einen Buchladen führt), um die nächste Runde zu ermöglichen, da sagte Turteltaub zu ihr: Ach, verdammt, schon jetzt? Ich hab die ganze Zeit von Baseball erzählt, die Jungs haben noch gar keine Frage gestellt! Ich brauch nochmal eine halbe Stunde, danke. Und schickte sie weg.

Na, wenn das nicht urig war. Interview-Erinnerungen find ich eine spannende Idee, eigentlich viel zu schade für einen Blog.

Wortvogel
Wortvogel
3. Februar, 2008 13:25

"eigentlich viel zu schade für einen Blog"??? Schäm dich, Julian! Es gibt nur "gerade gut genug für den Blog"!!! Wo, wenn nicht hier?! Außerdem hast du doch selber gute Anekdoten – rauf damit auf deine Seite!

Lukas
3. Februar, 2008 15:15

Eine sehr schöne Idee, mal die Begleitumstände eines Interviews aufzuzeigen. Du kannst sicher sein, dass ich die noch mal klauen werde!

Atum4
Atum4
3. Februar, 2008 16:47

Katey Sagal bei youTube.
http://youtube.com/watch?v=OYyhbbouixE

Ja klingt gut.

Peroy
Peroy
3. Februar, 2008 19:09

"Und dann machte ich einen bösen Fehler: Ich hatte „Nightbreed” nämlich im Gegensatz zu meinen Kollegen schon gesehen – als drittklassige Raubkopie auf Video. Und er hatte mir nicht gefallen – die Mythologie war komplett unausgegoren, die menschlichen Figuren ohne Tiefe, und das Ende war blödes Remmidemmi."

Na, dafür hast du’s auch nicht besser verdient. "Cabal" ist großartig.

nameless
nameless
6. Februar, 2008 23:10

naja, "cabal" ist okay. ich hatte den aber besser in erinnerung, kein vergleich zu "hellraiser" oder gar "lord of illusions". barker selbst ist wohl auch nicht so zufrieden mit dem zerstückelten ergebnis…

Peroy
Peroy
7. Februar, 2008 01:18

"Hellraiser" ist ein mülliger Ekelfilm, für den hätte Barker angepflaumt werden sollen…

Der sollte allerdings wirklich wieder mal einen Film drehen, anstatt weiter langweilige Bücher über schwule Tierfotografen zu schreiben…

daLoT
daLoT
5. Februar, 2009 17:59

ob Barker’s "Boy-Toy" Vegetarier war?

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[…] habe Clive Barker Anfang der 90er mal getroffen. Damals klang er noch ungefähr […]