Ruf die 11511: Düsseldorfer Kino-Kultur – eine ganz private Spurensuche
Düsseldorf war mal eine große Kino-Stadt: 1959 gab es unglaubliche 59 Kinos, 1970 immerhin noch 28. 1980 war die Zahl schon auf 20 geschrumpft, 1990 auf traurige 14.
Düsseldorf war mal meine große Kino-Stadt.
Mein Onkel erzählt, dass er nach dem Krieg in Düsseldorf-Wersten seine ersten Filme in einem alten Bunker gesehen hat. Privat wurden dort auf altersschwachen Projektoren Laurel & Hardy-Stummfilmrollen gezeigt. Man hatte ja sonst nichts. Tatsächlich gibt es noch ein Foto von Dieter und seiner „Posse“ – rechts hinten ist der Eingang des „Kino-Bunkers“ zu erkennen:

Als dann die ersten Kinos aufmachten, kostete die Vorstellung 50 Pfennige für Kinder und Jugendliche. Dieter erzählt, dass es in unserem Viertel (Eller) das „Deli“ gab, das „Rondell“, und die „Schlossburg“. Dazu auf der Kölner Straße das „Veronika“ “Victoria” und das „Scala“.
Das ist lange her. 40, 50 Jahre.
Diese Kinos gab es größtenteils schon nicht mehr, als ich in Düsseldorf aufwuchs. Aus den Vorstädten und Randgebieten zogen sich die Lichtspielhäuser in den mondänen Stadtkern zurück.
Multiplexe gab es in meiner Jugend keine, dafür jede Menge „reguläre“ Kinos, teilweise bis zu 80 Jahre alt, Jugend-Matineen während der Sommerferien, und Schuhschachteln, deren Leinwände heutigen Flachbild-Besitzern ein müdes Lächeln ins Gesicht treiben.
Das ist ebenfalls lange her. 30, 35 Jahre.
Heute dominieren drei Multiplexe (Hauptbahnhof, Hafen, Oberkassel) das Düsseldorfer Stadtbild, nach und nach ist fast alles drum herum eingegangen. Das, was sich gehalten hat, verdient Beachtung, denn es kann vielleicht als Beispiel dienen.
Begleitet mich auf eine hemmungslos nostalgische Reise in meine Kino-Jugend. Erste Station: Die frühen 70er.
Der Wahrheit verpflichtet möchte ich an dieser Stelle einschieben, dass meine erste Film-Vorführung mit keinem Kinobesuch verbunden war. Damals gab es nämlich auf dem Dorf noch Vorführungen in Gemeindezentren und Schulaulas, zu denen die Verleiher ihre ausgelutschten Kopien mitbrachten. Und so saß ich als ca. vierjähriger Steppke in Monheim auf einem Klappstuhl, als meine Kinoleidenschaft das Licht eines altersschwachen Projektors erblickte. Diese Ehre gebührt der Disney-Teenie-Komödie „Es kracht, es zischt, zu seh’n ist nischt“ (doch doch, der hieß so – schlagt es nach!).
Kurz vor meiner Einschulung zogen wir von Monheim wieder nach Düsseldorf-Eller, wo sich der Großteil meiner Familie heute noch rumtreibt. Meine Mutter erzählt, dass es in Eller in den 60er Jahren noch vier Kinos gab. Als ich alt genug war, um zu wissen, was ein Kino ist, war nur noch eins übrig. Dieter meint, das sei das „Deli“ gewesen. Dort habe ich meine ersten beiden „richtigen“ Kinovorführungen besucht: „Bambi“ und „Ein Käfer auf Extratour“. Fand ich massiv knorke, so mit fünf oder sechs Jahren.
Das Haus, in dem ich cineastisch defloriert wurde, sieht heute so aus:
Es ist schon lange kein Kino mehr: Mitte der 70er wurde es ein Teppich & Farben-Laden. Seither hat Eller kein Kino mehr.
Hilden geht es besser – marginal. Bei einer Fahrt durch Kleinstadt stieß ich neulich auf das bezaubernd original-retro aussehende „Lux Kino“, bei dem die Filmtitel noch oldschool mit Plastikbuchstaben zusammen gesetzt werden:
Wer genau hinsieht, entdeckt auch das legendäre Marketing-Logo der Filmbranche aus den 70er Jahren – “Komm wir geh’n ins Kino!”. Hätte nicht gedacht, dass das noch irgendwo im Einsatz ist. Wenn der Laden mal dicht macht, kaufe ich mir die Leuchtreklame für mein Arbeitszimmer.
Das „Metropol“ in der Brunnenstraße war schon früher eine Ausnahmeerscheinung. Hier läuft seit jeher Arthouse, Kunst, Independent, Mini-Festivals. Also alles Kram, der mich als Teenager einen knappen Furz interessierte. So kam es auch, dass ich erst mit 20 das erste Mal ins „Metropol“ ging, als dort eine Retrospektive von Jack Arnold-Filmen lief, und zwar in 3D mit Brille!

(Der Wortvogel ist der Hungerhaken in der Mitte!)
Mit seinem eklektischen Programm und den vielen Originalversionen hat das „Metropol“ immerhin bis heute überlebt, und das, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen: es sieht immer noch eher düster und runtergekommen aus.
Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich damals nie in der Zeitung nachschlug, was wann wo im Kino läuft. Wir hatten nämlich nie die passende Ausgabe vom „Express“ griffbereit. Es gab aber eine Kino-Ansage, die man anrufen konnte (ich meine, die Nummer wäre 11511 gewesen). Dort wurde von einer leidlich freundlichen Damenstimme vom Band das gesamte aktuelle Programm samt Laufzeiten vorgelesen. Praktische Sache, die über die Jahre regelrechte Konditionierungserfolge zeigte: Das „Berolina“ war für mich nicht das „Berolina“, sondern bandgemäß „dasberolinatheaterberlinerallee“.
Eines der von mir am häufigsten besuchten Kinos war das üppige „Residenz Center“ (unter Kennern nur „Resi“ genannt). Zuerst einmal hatten die einen der größten Säle der Stadt (das „Resi 1“), und auch die anderen Säle waren verschwenderisch ausgestattet. Außerdem war das Resi recht früh sorgsam renoviert worden, und hatte das wieder in Mode gekommene „Theater-Flair“ (dicker Vorhang, samtrote Sitze, Raucher-Kabinen auf der Hinterseite). Man musst dort nur manchmal nervig lang anstehen.
Das Resi hat vor bestimmt schon zehn Jahren dicht gemacht, und obwohl der Name überlebt hat, ist es kein schöner Anblick:
Der tollste Film, den ich dort gesehen habe: „Der dunkle Kristall“. Ich wollte eigentlich „Die Mächte des Lichts“ von Roger Corman sehen, weil die Aushangfotos knackige Fantasy-Möpse versprachen, aber mein Vater bestand darauf, dass ich den Dreikäsehoch seiner Lebensgefährtin mitnehme (er selbst schaute sich in der Zeit „Kiez – Aufstieg und Fall eines Luden“ an). Der letzte Film, den ich dort gesehen habe: „Der Mann im Hintergrund“. Die Ex-Freundin meines Bruders saß an der Kasse, und nach dem Zivildienst konnte ich nachmittags umsonst reinschleichen. Bei diesem Film war ich allein im Saal.
Das „Savoy“ (in dem ein Freund von mir Kartenabreißer war) hat eine interessante Wandlung durchgemacht: In den 70ern wurden hier die Sommer-Jugendprogramme gespielt, dank derer ich u.a. „Batman hält die Welt in Atem“ und „Monster des Grauens greifen an“ für drei Mark sehen konnte. Dann wurde aufwändig renoviert, auch das „Savoy“ wurde ein edles „Theater-Kino“. Leider bezog sich das nicht auf die im Haus befindlichen „Linse“-Kleinstkinos, die für jeden Fan der Horror waren. Passend, dass der letzte Film, den ich dort gesehen habe, einer der späteren Freddy Krueger-Heuler war. Im „Savoy“ selbst versaute ich mir letztmalig mit dem grottenschlechten „Moontrap“ die Laune.
Heute ist das Savoy tatsächlich Theater und Kleinkunst-Bühne, und scheint als solches ganz gut zu laufen. Das „Atelier im Savoy“ gibt es immer noch, nur spielt man dort extravagante Sonderwünsche:

Manchmal gibt es sogar Live(!)-Übertragungen New Yorker Opern:
Auch das „Rex“ hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. In dem Kino am Hauptbahnhof habe ich Trash-Knaller wie „Timerider“ und „Hercules“ gesehen, für „Octagon“ mit Chuck Norris war ich leider zu jung. Wenn was mit sexy Mädels lief, drückte ich mir oft genug die Nase an den Schaufenstern mit den Aushangfotos platt. Das verkürzte die Wartezeit auf den Bus, der direkt vor dem Kino losfuhr. Im „Rex“ wurde ich auch mal heftig von einem Schwulen angebaggert – ich glaube, es war bei einem „Poltergeist“-Sequel.
In den 80ern wurde das Rex renoviert, und hieß fortan „Neues Rex“. Die hatten sogar Pärchensitze, und veranstalteten einmal im Monat eine „Sneak Preview“. Die Idee war brandneu, und wir fanden es sensationell – am Tag der Vorführung musste man schon sehr früh da sein, um noch Karten zu bekommen. Bei der allerersten Sneak zeigte Warner zusätzlich zum Film eine halbstündige Rolle mit frischen Trailern von der Filmmesse, was für ein großes Hallo im Saal sorgte (es war meine erste Begegnung mit Stevel Seagal – der Trailer von „Above the Law“ rockte!). „Beetlejuice“ bekamen wir mehr als ein halbes Jahr vor dem US-Kinostart zu sehen, und mussten hinterher einen Fragebogen ausfüllen: ob es z.B. besser wäre, den Film in Deutschland „Bieteldschus“ zu nennen…
Normalerweise halte ich jeden Sneak-Film bis zum bitteren Ende durch, weil sich das aus Respekt vor den Machern so gehört. Außerdem habe ich Eintritt bezahlt. Manchmal wird man ja auch positiv von Filmen überrascht, die man sich sonst nicht angesehen hätte, zum Beispiel Robert Redfords „Milagro – Der Krieg im Bohnenfeld“. Aber einmal startete der Film, und nach zwei Minuten war klar: Kriegsfilm. Mit Michael J. Fox. Nun kann ich auf Kriegsfilme gar nicht. Ich gab „Die Verdammten des Krieges“ noch zehn Minuten, dann verdrückte ich mich. Ich war damals Zivi, und musste früh raus (Sneak ging immer erst um 23.00 Uhr los).
Ins „Neue Rex“ ging ich auch mit meiner ersten großen Liebe, passenderweise in einen Film, auf den ich keine große Lust hatte, der aber bis heute mein Lieblingsfilm ist: „Harry und Sally“. Ich glaube nicht, dass ich das je vergessen werde.
Das „Neue Rex“ hatte das Problem, gleich schräg gegenüber des ersten Düsseldorfer Multiplexes zu stehen – es hat den Kampf schnell verloren:
Das „Europa-Center“ birgt auch viele Erinnerungen. Dort habe ich zum ersten Mal „Star Wars“ gesehen. Und zum zweiten Mal. 1978. Da standen in der Vorhalle auch Spielautomaten wie „Asteroids“, was ein Knaller war. Später hatten sie den einzigen „Dragon’s Lair“-Automaten in Düsseldorf, zu dem ein Minderjähriger wie ich Zugang hatte. Ich spielte nicht selbst (nicht genug Geld, keine große Fingerfertigkeit), aber ich sah anderen Kids gerne dabei zu, wie sie ihr Taschengeld verzockten.
Im „Europa“ habe ich auch meine erste Filmnacht mitgemacht: „Drachentöter“, „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, und „Krull“. Da war ich schon in der Tanzschule, und tatsächlich in weiblicher Begleitung. Ich meine, die gleiche Begleitung hätte ich auch bei dem letzten Film dabei gehabt, den ich in einem der Schuhschachtel-Nebensäle des „Europa“ gesehen habe: „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“. Ich weiß noch, dass das Bild sehr unscharf war. Wir haben uns geärgert.
Wenn man nicht weiß, wo das „Europa“ war – man würde das Haus nicht mehr erkennen:
Auf dem selben Abschnitt der Graf Adolf-Straße gab es zwei weitere Kinos, die ich heute immer verwechsel: Die „Kamera“ und das „ABC“. Gesehen habe ich in in einem dieser Kinos den japanischen Zeichentrick-Zusammenschnitt „Goldorak“, der mich damals mächtig beeindruckte (Riesenroboter!). Und Disneys „Die Katze aus dem Weltraum“, zusammen mit meiner Cousine. Dort bin ich auch erstmals in einen Film geschlichen, für den ich laut Freigabe zu jung war: „Jäger des verlorenen Schatzes“. Was für ein Erlebnis! Eines der Kinos wurde in den 80ern durch die Bhagwan-Disco ersetzt, in den Räumen des anderen befindet sich heute ein Wellness-Center. Vielleicht erinnere ich mich da aber auch falsch.
Das „Bambi“ war das erste Programmkino in Düsseldorf, und eröffnete 1965. Es lag immer sehr versteckt in einer Seitenstraße – und da liegt es heute noch:
Auch hier wird, wie im „Metropol“, das Programm für die Minderheit gemacht, die sich im Multiplex nicht gut bedient fühlt. Deutsche Filme, Arthouse, Wiederaufführungen. Ich meine, dass ich ein einziges Mal als Teenager im „Bambi“ war, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, in welchem Film.
Ein anderes kleines Independent-Kino in der Altstadt, das „Cinema“, habe ich auch nur zweimal besucht: „True Stories“ mit einer Klassenkameradin, die auf David Byrne und Talking Heads stand, und vor ein paar Jahren Enki Bilals „Tykho Moon“, den ich bis heute für verquaste Intellektuellen-Scheiße halte.
Auch das schon erwähnte „Berolina“ hat, wie das „Residenz“, den alten Namen behalten – aber hinter der schön geschwungenen Neonschrift verbirgt sich heute eine Lounge Bar:
Mein letzter Film im „Berolina“ (mit einem Mädchen, das mich nicht verdient hatte): „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“.
Bis zur Unkenntlichkeit von einem Möbelhaus verschandelt ist ein echter Klassiker der Düsseldorfer Kino-Kultur – nur an dem geschwungenen Vordach erahnt man noch die Vergangenheit:
Ich kann mich an den Namen beim besten Willen nicht mehr erinnern. Hier stand das “Universum” (danke, Mario!). Aus irgendeinem Grund war es nie mein „cinema of choice“, vielleicht weil es mir missfiel, zu den großen Sälen in den Keller gehen zu müssen (wenngleich über eine schöne alte Marmortreppe). Kurz bevor es zumachte, sah ich dort mit einem Kumpel noch „Kopf über Wasser“ mit Cameron Diaz und Harvey Keitel.
Nicht mehr ausmachen konnte ich die ursprüngliche Location der “Lichtburg” auf der edlen Einkaufsmeile Königsallee. Hier lief über Jahrzehnte in der Dauerschleife die Doku „Panamericana – Traumstraße der Welt“, bis die Kopie praktisch zu Staub zerfiel. Als letzten Film habe ich dort „Die Braut des Prinzen“ gesehen (mit einem Mädchen, das die Genialität des Films nicht zu schätzen wusste!). Als das Kino 2004 zumachte, berichteten viele Lokalmedien darüber – kein Wunder: sechs Jahre später hätte man dort das 100jährige Bestehen feiern können. Geblieben ist aber eine Webseite über die Geschichte des Kinos.
Das waren sie also, ein paar der Orte, in denen ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Jugend verbracht habe. Kinos, von denen jedes einzigartig war, mit eigenen Gerüchen, Farben, Lichtern. Darum fällt es mir auch nach 30 Jahren noch leicht, einzelne Filme den entsprechen Sälen zuzurordnen.
Seit die Cineplexe den Markt übernommen, hat sich auch das Erlebnis Kino verändert: die meisten jungen Leute, die ich treffe, gehen nicht mehr ins Kino, um einen bestimmten Film zu sehen, der sie interessiert. Man trifft sich „fürs Kino“, und sucht sich dann unter den 10-12 angebotenen Filmen spontan was aus. Früher wäre das nicht gegangen, man musste schon wissen, wo was läuft. Man war vorbereitet.
So sieht „Kino“ in Düsseldorf heute aus – es könnte auch Berlin, München, Köln, oder Frankfurt sein:
Die 11511 ist auch schon lange abgeschaltet.
