Lotta in Love – Eine Story mit Folgen IV (Premium-Multimedia-Edition)
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Die Sache mit dem Titel der Serie machte mich nicht glücklich: Der Sender versteifte sich auf „Lotta in Love“. Zuerst einmal fand ich den Namen Lotta langweilig und hausbacken, und das „in Love“ war so völlig abgegriffen. Aber man hatte gerade mit „Sarah & Marc in Love“ einen großen Erfolg gehabt, und das Marketing beharrte darauf. Auch das neue Logo fand ich nicht so schön wie den ersten Entwurf – mir sah es mit den Ranken zu sehr nach Karnevals-Tätowierung aus.
Nun gibt es Sachen, mit denen findet man sich ab – dazu gehört das Logo. Und es gibt Sachen, bei denen man einfach Protest einlegen muss: Vorspann und Marketing-Kampagne. Wir hatten von Anfang an und immer wieder betont, dass es wichtig ist, sowohl auf den Postern als auch im Vorspann ganz klar das Grundkonzept (junge Frau wird Popstar- Doppelgänger) darzustellen. Leider hörte man nicht auf uns: Man produzierte wunderschöne Plakate, die aber gar nichts über den Inhalt der Serie aussagten, und der Vorspann half keinem Zuschauer, in den Kontext der Serie einzusteigen.
Hinzu kam ein Sendeplatz, den ich bestenfalls für riskant hielt: Wir warfen mit „Lotta in Love“ nicht nur eine Folge Simpsons raus (und es war klar, dass wir damit der Zielgruppe vors Schienbein traten), sondern mussten uns auch noch gegen zwei etablierte Soaps der ARD behaupten. Hinterher ist man immer schlauer – ich gebe aber zu, dass auch ich damals gedacht habe, wir könnten das Zielgruppenmonopol von „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ knacken. Selten habe ich so daneben gelegen.
Allerdings hat mich die massive Kampagne gegen “Lotta in Love” schon ein wenig überrascht – zuerst einmal wurde ein Format kritisiert, das niemand gesehen hatte, und dann ging es ja auch gar nicht darum, die “Simpsons” aus dem Programm zu werfen – es ging um die Streichung EINER WIEDERHOLUNG (die zweite Folge des Doppelblocks blieb unangetastet). Und bezeichnend war auch, dass die große “ProSimpsons”-Webseite, die zum Protest aufrief, selber aus einer ganz obskuren Ecke kam (ich will das jetzt gar nicht weiter ausführen – ad acta damit).
Trotzdem nahm ich den Protest durchaus ernst, und gab bei mehreren Meetings zu bedenken, dass wir damit gleich zum Start einen Klotz am Bein haben, und man müsse sich die Frage stellen: “Kann es sein, dass speziell das ProSieben-Publikum auf ’seinem’ Sender gar keine Telenovela will?”. Mir widersprach dabei aber die Marktforschung, die in prima bunten Powerpoint- Präsentationen Kuchengrafiken und Schnittmengen zeigten, die von der Begeisterung der Zuschauer für “Lotta” kündeten…
Es gab in dieser Zeit auch massiv viele Meetings zum Thema „Musik“. Ich habe dabei gelernt, wie moderne Pop-Soundtracks entstehen, wie man sich die richtigen Stücke aus dem Katalog der Anbieter raussucht, und wie man mit Produzenten über die musikalische Ausrichtung diskutiert. Das war eine tolle Erfahrung, und es ist wirklich grandios, wenn man sich zu bestimmten Szenen die Stücke regelrecht aussuchen kann. Dieser Bereich hat mir ganz neue Sachen beigebracht.
Ich hatte ja gestern erzählt, dass die Musiker auch selber ihre Instrumente beherrschten, aber am Set kein Originalton aufgenommen wurde, wenn sie in die Tasten (oder Saiten) griffen. Nun ist es aber so, dass analoge Musikinstrumente trotz allem Geräusche produzieren, wenn man sie anfasst. Ich dachte, es interessiert euch vielleicht mal, wie sich eine beliebige Probe-Session von Alex’ Band anhörte, bevor die Mischung den Studio-Track drüberlegte:
Begeistert war ich von Anfang an von der Titelmusik, weil sie in meinen Augen ganz bezaubernd das schaffte, was Vorspann und Kampagne vernachlässigten – die Vermittlung des Inhalts unserer Serie auf sehr emotionaler Ebene.
Aber auch im Bereich der Musik gab es hin und wieder böse Überraschungen: Den Jahreswechsel 2005/6 verbrachte ich in Düsseldorf, und den Silvesterabend im “Schmidts Katz” (wenn ich mich recht erinnere, war u.a. noch ein gewisser Elektrischer Reporter live vor Ort). Dort trat eine Sängerin auf, um jeden Versuch, den Jahresabschluss noch einmal besinnlich zu besprechen, abzuwürgen. Mein Bruder, dem ich am selben Tag auf meinem Notebook die frisch eingespielte Titelmelodie von “Lotta” vorgespielt hatte, stupste mich plötzlich an: “Hör mal – kommt dir das nicht bekannt vor?”.
Ich hörte hin – und wurde bleich.
Die Sängerin in der Kneipenecke bot gerade “I go to sleep” von den Kinks dar, wie ich dank kurzer Nachfrage herausfand.
Hier also 15 Sekunden aus der Pretenders-Fassung von “I go to sleep”, gefolgt vom Intro von “Wer bin ich wirklich?”:
Gruselig, oder? Ich schickte sofort eine Email an den “Musikbeauftragten” der Serie mit der Bitte um Klärung. Man prüfte, analysierte, checkte – und kam zu dem Ergebnis, dass beide Songs keine rechtlich relevante Übereinstimmung boten. Und wenn man sich beide Lieder GANZ anhört, ist das eigentlich auch klar. Es zeigt aber, wie leicht man da auf dünnes Eis gerät.
Ist ja nicht so, dass das neue Jahr in München nicht mit genügend anderen Problemen begann…
Überraschung: Dejan Jocic, der das Projekt vorangetrieben hatte, wurde von einem Tag auf den anderen durch Andreas Bartl ersetzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass neue Senderchefs alle Projekte ihrer Vorgänger kippen, um sich zu etablieren. Aber Andreas ist ein anderes Kaliber, er war auch nicht zum ersten Mal bei ProSieben, und er unterstützte LiL vorbildlich.
Es ist schwer zu vermitteln, mit wie viel Eifer und Begeisterung sich alle Beteiligten in die Produktion gehängt haben. Oft denkt man, bei solchen Fließband-Serien wird Dienst nach Vorschrift gemacht, aber das ist komplett falsch. Bei LiL hat jeder nicht die versprochenen 110 Prozent, sondern 150 Prozent gegeben. Das gilt für die Produktionsfirma und das Team vor Ort (Nina, Michael, Jörg, Jens, Bülent – ihr wisst, wer ihr seid) ebenso wie für den Sender (Ariane, Daniela, Christian, etc.). Und darum hat es mir auch nichts ausgemacht, noch um drei Uhr morgens in der Bavaria im Tiefschnee auf meinen Roller zu steigen, um für fünf Stunden Schlaf nach Hause zu gurken.
Man muss auch mal was zum Thema Cast (jenseits von Janin) sagen: Ich bin kein Freund der ewig gleichen Soap-Nasen. Junge, hübsche Menschen mit nichtssagenden Gesichtern, die Emotionen spielen sollen, die sie nie selber empfunden haben. Es war mir von Anfang an ein Bedürfnis, die Figuren in “Lotta” deutlich gemischter zu setzen, mit allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten. Was wir letztlich bekamen, war besser als alles, was ich mir erhofft hatte:
- Der großartige Henner Quest, dessen Karriere bis zu den obskuren Softsex-Filmen der 70er zurückreicht
- Die charmante Veronika von Quast aus dem legendären “Kanal fatal”
- Die österreichische Sympathie-Garantin Susanne Czepl, die ich in den 80ern schon im Kabarett gesehen hatte
- Nils Brunkhorst, der kein bißchen unsympathischer ist als seine Serienfigur
- Stephan Lehnen, der endlich mal eine eigene Comedy-Serie verdient hätte
Und so weiter, und so fort. Ich kann sie alle gar nicht nennen – und sie haben massiv dazu beigetragen, meine Vorurteile gegen die Schauspieler von täglichen Serien abzubauen.
Anderswo lief es nicht so perfekt: Das Berliner Dramaturgen- Team wurde aus organisatorischen Gründen ausgetauscht, und es war nicht leicht, sich schon wieder auf neue “Komplizen” einzustellen.
Schließlich gingen die ersten Folgen vor die Kamera. Ich war nur selten im Studio, obwohl ich nur 50 Meter davon entfernt saß (wir waren mittlerweile von der Bavaria-Kantine in die ehemaligen Räume von RTL2 umgezogen). Insgesamt schrieben am Anfang fast ein Dutzend Autoren Dialogbücher für die Serie, und wir reduzierten die Zahl schließlich auf ungefähr ein halbes Dutzend, als absehbar wurde, wer der Herausforderung am ehesten gewachsen war. Das Team der Outliner und Dramaturgen zu leiten, gehörte für mich zu den unangenehmen Aufgaben, denn Teamarbeit ist nicht meine Stärke. Ich will andere Leute nicht rumkommandieren, und ich habe auch keine Ahnung, wie man das mit der notwendigen Authorität macht. Aber wenn ich muss, geht es.
Vielleicht sollte man mal erklären, dass Drehbücher für eine Telenovela komplett anders entstehen als für eine Wochen- Serie. Hier ist erheblich mehr Handwerk gefragt, und erheblich weniger „Vision“ des Autors. Man muss sich das ungefähr so vorstellen:
Der Headwriter hat quasi die großen Handlungsstränge bis zum Ende der Serie vorbereitet – diese kann man in der Serienbibel nachlesen. Danach gibt es (bei uns war das donnerstags – und ging von 9 Uhr bis in die frühen Morgenstunden) ein Story-Meeting, bei dem die Handlung für einen Block à 5 Folgen festgelegt wird. Das geschieht mit Hilfe einer Excel-Tabelle, die von einem Beamer an die Wand geworfen wird. Im Gegensatz zu z.B. „Soko 5113“ hat man bei einem täglichen Format nämlich Dutzende Einschränkungen zu beachten: Jede Folge hat exakt 16 Bilder (Szenen). Auf Grund der Kostümwechsel und des aufwändigen Makeups kann Janin nur in 25-28 Bildern pro Woche dabei sein, diese müssen also sorgfältig verteilt sein. Ebenso viele Bilder sollten sich inhaltlich nur um sie drehen, um die Figur nicht zu verlieren. Es müssen alle Sets halbwegs gleichmäßig bespielt werden, damit genügend Zeit bleibt, mit den Kameras zu wechseln. Alle Szenen, in denen Alex (früher Isi) und Lotta (früher Lena) gemeinsam auftauchen (Trickeffekt!) müssen Wochen im Voraus geplant werden – und „verbrauchen“ zwei Bilder, weil sie jeweils zweimal gedreht werden müssen. Außerdem ist zu beachten, dass im Frühjahr, wenn es noch früh dunkel wird, mehr Nachtszenen eingebaut werden können, während im Sommer fast nur Tagesszenen (oder Nachtszenen, die innen spielen) vorkommen sollten. Und schließlich darf jede Folge nur grob einen fiktiven Tag erzählen, weil sonst die Zuschauer „aus dem Tritt“ kommen (was z.B. auch dazu führt, dass praktisch keine Episode am Wochenende spielen kann). Nicht zu vergessen: Der Cliffhanger am Ende jeder Folge!
Das sieht dann ungefähr so aus (Kopf schräg legen!):

(Erklärung: Rote Szenen sind Bilder mit Janin, grau hinterlegt sind die Nachtszenen, L/A heißt “Lotta als Alex”)
Wenn man also die gesamte Handlung in 5 mal 16 (später 18) Bilder unter Berücksichtigung aller Produktionsnotwendigkeiten gepresst hat, machen sich die Outliner (die in diesen Sitzungen dabei sind und Notizen machen) daran, daraus Outlines zu machen. Diese sehen wie normale, etwas schmal geratene Drehbücher ohne Dialoge aus. Im Gegensatz zu normalen Dialogen haben sie aber in der Kopfzeile einen Hinweis, wer in der Szene vorkommt, welche Requisiten gebraucht werden, und was zu erwarten ist.
Diese Outlines werden vom Dramaturgen durchgesehen, der darauf achtet, dass alles in sich stimmig ist, und dass die Figuren sich über die Outlines verschiedener Autoren hinweg glaubwürdig verhalten. Diese Outlines gehen dann an die Dialogbuch-Autoren, die das Skript mit Dialogen „füllen“.

Danach muss der Dramaturg noch mal ran, und dafür sorgen, dass sich alles, was geschrieben wurde, auch umsetzen lässt. Er ist es auch, der im Falle von Produktionsschwierigkeiten bestimmte Skript-Teile anpasst.
Während dieser Phase ist auch der Sender stark eingebunden, denn es muss sichergestellt werden, dass alles nach Wunsch passiert. Die Redakteure von ProSieben schauten also nochmal über die Outlines und die fertigen Dialogbücher drüber. Natürlich ging das nicht immer ohne Konflikte ab, das ist normal und gesund: Mal sollte nur eine Zeile verändert werden, mal gab es Bedenken wegen eines ganzen Handlungsstrangs (was besonders bei einer Daily problematisch ist, denn alles ist ja sehr eng miteinander verzahnt). Am Ende fand man aber immer einen gemeinsamen Nenner.
Will man bei einer Telenovela mal „aus der Reihe tanzen“, bedarf das sorgfältiger und oft diplomatischer Planung: Ich wollte als „Zuckerl“, dass Lotta (in ihrer Rolle als Alex) ein Musikvideo für einen neuen Song drehen muss. Die Produktion wollte dafür irgendein Eckchen in der Halle freimachen, was aber sicher relativ langweilig ausgesehen hätte (es gibt nur wenig freien Raum, den man für wechselnde Sets nutzen kann). Da musste es doch Alternativen geben…
Direkt neben dem Produktionsgebäude von LiL befand sich die Halle mit den alten Sets von „Enemy Mine – geliebter Feind“ von Wolfgang Petersen. Ich schrieb die alte Raumstation kurzerhand in das Drehbuch – und nach einigem Murren mietete die Produktion das Set tatsächlich für einen Tag, damit „Alex“ ihr Musikvideo in spaciger Umgebung drehen konnte. Sah in der Episode ziemlich klasse aus. Kleines Infobit: Der „Regisseur“ des Musikvideos in der Episode wurde von unserem Casting-Chef gespielt – er sieht sowieso aus wie George Lucas.
Natürlich ist so harte Arbeit frustrierend, wenn man kein Feedback bekommt. Der Sender fand das, was mir machten, ganz prima – aber es ging ja um die Zuschauer. Mittlerweile war auch die Werbekampagne angelaufen, und wir waren heiß darauf, ob das Publikum Gefallen an LiL finden würde. Die Produktion hatte sich auch halbwegs eingeschliffen, und der enorme Druck des Jahreswechsels war einer leicht euphorischen Grundhysterie gewichen.
Wir waren auf der Zielgeraden…
Lesen Sie morgen: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat 12,2 – und Janin trägt Negligé dazu…