Dafür, dass ich immer noch gerne SPIEGEL online lese, habe ich eine erstaunliche Abneigung gegen die meisten Kommentatoren dort. Fleischhauer und Augstein finde ich oft unsäglich rechthaberisch und eitel, Sibylle Berg arbeitet sich nur an Binsenweisheiten ab und die Stokowski – nein, da sage ich lieber nix.

Mir ist durchaus bewusst, dass das auch gewollt ist. Solche Kolumnen sollen die Streitkultur fördern – wie ginge das, wenn sie keinen Streit auslösen würden? Mit schnieken „sowohl als auch“-Essays kommt kein Dampf in die Diskussion. Konversation braucht Provokation, auch wenn (ausgerechnet!) Campino das anders sieht:

Ich hatte das auf Facebook bereits geschrieben:

Ich glaube, Campino hat nicht verstanden, was Provokation ist – oder Punk. Seine weichgespülte Vorstellung von Provokation darf niemanden erschrecken. Und „Im Prinzip halte ich das für gut, aber…“ ist die Linksvariante von „Ich bin kein Rassist, aber“ – ihr folgt immer der Ruf nach (Selbst)zensur.

Darum überrascht es mich umso mehr, dass ich heute ausgerechnet dem Fleischhauer zustimmen muss – bei diesem Text über die offensichtliche Naivität von Redakteurinnen und Praktikantinnen, was der Altschreiberling wohl will, wenn er um 3 Uhr morgens in sein Hotelzimmer ruft. Besonders gut hat mir diese Passage gefallen:

Sonia Mikich hat im SPIEGEL-ONLINE-Interview einen bemerkenswerten Satz gesagt. Gefragt, wie sie selber mit sexueller Belästigung umgegangen sei, antwortete sie: „Ich habe immer gesagt ‚Hau ab, Du Blödmann‘.“ Das habe immer geklappt, im WDR, außerhalb des WDR, im Privatleben.

Die Idee, dass Frauen nie ahnen können, was Männer wollen, verwirrt mich. Ist die #metoo-Debatte auch die Forderung nach dem Recht auf totale Naivität, die Aufgabe jeglicher Eigenverantwortung? Wenn ein Starlet mit einem Filmproduzenten in seiner Hotelsuite nackt in die Badewanne steigt, kann sie dann wirklich noch für sich reklamieren, sie hätte seine Absichten nicht ahnen können?

Das alles ist nun aber wahrlich oft genug diskutiert worden – und hier eben auch von Fleischhauer. Mir geht es noch um einen anderen Aspekt. In allen diesen Diskussionen gibt es eine klare Narrative: Der Mann ist der Predator, das Raubtier, der Ausbeuter, der Täter. Die Frau ist die Beute, die Ausgebeutete, die Unschuld, das Opfer. Er weiß, was er will: Sex. Die Frau weiß das nicht. Sie weiß nur, was sie nicht will: Sex.

Genau diese Grundannahme ist grundfalsch. Flirten, Dating, Sex sind extrem komplexe, interaktive Vorgänge, voller Fallstricke und Missverständnisse. Sie sind die intimsten Bereiche, in denen wir am verletzlichsten sind – und das gilt eben nicht nur für Frauen. Das liegt auch an den Extremen, die mit sexuellem Interesse verbunden sind: der gleiche Vorgang kann (wenn die unterliegenden Gefühle und Interessen geteilt werden) zu ewiger Liebe oder (wenn sie extrem abgelehnt werden) zu einer Klage wegen sexueller Belästigung führen. Die Offenlegung sexuellen Interesses ist ein Vabanquespiel mit hohem Einsatz. So wie Frauen nicht ansatzweise so oft keine Ahnung haben, dass das Spiel bereits begonnen hat, so sind Männer nicht ansatzweise so souverän darin, die Kugel ins Rollen zu bringen.

Und weil es immer besser ist, wenn solche Diskussionen nicht nur theoretisch geführt werden, öffne ich heute meine Anekdotenkiste und mache mich damit sehr, sehr angreifbar. Das ist mir bewusst. Sei’s drum.

Ladies and gentlemen, the story you are about to read is true. The names have been changed to protect the innocent.

Vor langer, langer Zeit, es mögen 25 Jahre sein, war ich Redakteur. Und ich hatte Umgang mit Praktikanten. Das hat mir Spaß gemacht. Ich mochte den Umgang mit wissbegierigen Einsteigern, gab mein Erfahrungen gerne weiter und ja – die Bewunderung besonders der weiblichen Praktikantinnen war mir angenehm. Wer wird nicht gerne für toll gehalten?

Es ergab sich die Gelegenheit, zu einem Medienevent in eine andere Großstadt zu reisen. Die Praktikantin war SEHR interessiert, mich zu begleiten. Aber auch wenn Herr Fleischhauer das für kaum möglich halten mag: ein Extrazimmer hätte der Arbeitgeber nicht bezahlt. Begleitung war nicht vorgesehen. Ich war kein „ladies man“ damals, kein Hallodri, und auch als solcher nicht bekannt. Also schlug ich der Praktikantin vor, sie könne mitkommen, müsse sich dann aber mit einem eigenen Bett im großen Hotelzimmer zufrieden geben.

Hier bricht die aktuell übliche Narrative: Kein „aha, der Schmierling wollte die kleine Praktilette in sein Zimmer lotsen!“. Nichts dergleichen. Ich hatte keinerlei weiterführende oder gar lüsterne Absichten. Ich wollte lediglich einer Praktikantin ermöglichen, bei einem tollen Event dabei zu sein. Und ich freute mich, da nicht alleine über den roten Teppich stiefeln zu müssen.

Die Praktikantin stimmte zu, wir fuhren zu der Premiere, wir teilten uns das Hotelzimmer, wir fuhren zurück nach München. Tschö mit ö.

Schon das widerspricht den meisten Vorstellungen, wie so eine Sache ablaufen muss. Nach aktuellem Diskussionsstand wäre klar, dass ich die Anfängerin flachlegen wollte. Und dass sie mich entweder schockiert zurückgewiesen oder mir unter Tränen und Trauma nachgegeben hätte. Das Lamm und der böse Wolf.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Es wird noch besser.

Jede Praktikantenzeit ist irgendwann vorbei, die junge Dame verließ die Firma, wir hatten über Bekannte nur noch sehr peripheren Kontakt. Zwei, drei Jahre später traf ich sie bei einer Party, wir plauderten angeregt, in den frühen Morgenstunden bot ich ihr an, sie nach Hause zu bringen. Sie nahm dankend an.

Im Auto kam das Gespräch auf die Premiere damals. Sie war immer noch begeistert von dem Glamour und der Aufregung. Nur… warum sei damals eigentlich nix gelaufen zwischen uns? Ich war ob der Frage ein wenig baff. Hätte ich was versuchen sollen? Sie lachte. Schließlich hätte sie zugestimmt, mit mir in einem Hotelzimmer zu übernachten. Sie wäre ziemlich überrascht gewesen, dass ich keine Anstalten gemacht hätte, bei ihr zu landen. Und ich hätte landen können.

Um das klar zu machen: ICH habe sie in mein Hotelzimmer eingeladen. SIE kam mit der Erwartung, dass wir Sex haben würden. Und SIE war enttäuscht, als es nicht so kam.

Der Witz ist: Nicht nur denke ich, dass ich damals im Hotel die Signale übersehen habe. Heute denke ich, auch das Gespräch im Auto war ein Signal. Und ich hab’s wieder nicht gepeilt. Ich habe sie nach Hause gebracht und mich verabschiedet. Tschö mit ö.

Das ist nicht die erste und einzige Geschichte dieser Art, die ich kenne. Und nicht nur von mir. Ich behaupte, viele Männer haben solche Erlebnisse gehabt. Weil wir eben nicht alle die Alphatiere sind, die Frauen nicht kennen lernen, sondern erlegen. Die „Mädels klarmachen“. Wir sind genauso unsicher und manchmal betriebsblind, wie es die Frauen aktuell für sich reklamieren. Was wir falsch machen können, machen wir falsch. Aber es ist nicht immer Absicht, nicht immer Niedertracht dahinter. Das würde nämlich bedeuten, dass wir auch immer wissen, ob, was und wieviel die Frau will. Und DAS gehört bekanntermaßen zu den großen Mysterien des Universums.

Eine Frau in sein Hotelzimmer zu rufen (auch nachts, auch per SMS) und ihr Avancen zu machen, ist keine sexuelle Belästigung. Eine sexuelle Belästigung ist es erst, wenn die Frau andere Interessen hat und sich deshalb belästigt fühlt. Und OB sie sich davon belästigt fühlt – tja, das müssen halt doch meistens immer noch wir Männer antesten.

Mit vollem Risiko.



6
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
6 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
5 Comment authors
frater mosses von lobdenbergDietmarMarcusKaiThor Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Thor
Thor

Volle Zustimmung 😀

Kai
Kai

Ach, ich bin auch oft so ein Dork.

Marcus
Marcus

„Vor Jahren hatte er einer Praktikantin weisgemacht, sie müsse mit ihm aus Kostengründen ein Zimmer teilen: Der WDR erlaube wegen des Sparzwangs nur Doppelzimmer. Auch hier stellt sich die Frage, wieviel Weltfremdheit eigentlich erlaubt ist. Mir ist es jedenfalls ein Rätsel, warum jemand unbedingt Journalist werden will, dem man offenbar die haarsträubendsten Geschichten auftischen kann, ohne dass er Zweifel bekommt.“

This.

Dietmar

Das ist nicht die erste und einzige Geschichte dieser Art, die ich kenne. Und nicht nur von mir. Ich behaupte, viele Männer haben solche Erlebnisse gehabt.

Äh….ja. Exakt. Immer wieder mal trudeln bei mir Geschichtchen ein von nicht erkannten Chancen, die ich hatte.

*krawatte gerade zieh/räusper* Selbst in jüngerer Zeit gab´s welche (und mittlerweile erkenne ich sie etwas zuverlässiger). Aber da läuft nix mit mir. Keine Chance.

Das ist wieder so ein Artikel, der mich an schmerzhafte Online-Debatten erinnert: Auf einem anderen Blog (der Betreiber vertritt unter anderem die Ansicht, dass das generische Maskulinum dafür sorgt, dass Frauen sich unterdrückt fühlen müssen, weshalb dieser Genus abgeschafft gehört oder so) habe ich versucht, etwa dieses zu sagen:

Flirten, Dating, Sex sind extrem komplexe, interaktive Vorgänge, voller Fallstricke und Missverständnisse.

Ist mir offenbar nicht gelungen. Denn er hatte mich daraufhin aus der Debatte suspendiert und mich per Mail abgemahnt.

Dietmar

Naja, und letztlich ist es doch wohl so:

Frauen sind auch nur Männer.

Sie geben es nur nicht zu.

🙂

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Immer, wenn ich den Campino sehe oder höre, frage ich mich, ob er noch weiß, warum seine Kapelle so heißt. Mir hat er‘s damals erzählt, bevor er versuchte, meine (damalige) Freundin in die Kiste zu kriegen (um beim Thema zu bleiben 😉 …