Deutschland/Kanada 2017. Regie: Norbert Keil. Darsteller: Rebecca Forsythe, Lucie Aron, Barbara Crampton, Sean Knopp

Offizielle Synopsis: Kira leidet unter einem unbekannten Syndrom, das ihre Haut im Zeitraffer altern lässt. Da sie nicht als Mumie herumlaufen will, sucht sie Rat bei Dr. Crober. Darüber hinaus lindert sie ihren Kummer bei ihrer Nachbarin Sophia. Schnell stellt sich heraus, dass Kira ein Talent zur Transplantation in eigener Sache hat – leider akzeptiert ihr geschundener Körper nur Spenderhaut lebender Opfer…

Kritik: Ein cronenberg’scher „body horror“ mit italienischem Flair und osteuropäischer Atmosphäre – gedreht in Unterföhring bei München. Immer, wenn man denkt, man hätte alles schon gesehen…

„Replace“ versucht für einen deutschen Film ungewöhnlich deutlich, international zu spielen, gleichauf mit der Konkurrenz aus Kanada oder England. Hier gibt es keine teutonische Handschrift, der globale Markt ist das Ziel und darum wird entsprechend besetzt und englisch gesprochen (leidlich, wie im Fall Lucie Aron). Das ist grundsätzlich zu begrüßen, denn ich verlange ja oft genug, dass die deutschen Filmemacher sich endlich mal der Konkurrenz stellen müssen.

Leider ist „Replace“ nur eine sehr mangelhafte Visitenkarte für den deutschen Film, weil er neben einigen technisch beeindruckenden Leistungen vor allem zeigt, dass die großen Erzählregisseure nicht aus unserem Land kommen. Es ist fast putzig, dass es so sehr dem Klischee entspricht: das Handwerk ist des Deutschen Domäne, nicht das Herz.

Und so kann man sich durchaus an farbsatten, an fiebrige Giallos erinnernde Bildern besaufen, an extrem lange Einstellungen mit fast unmerklichen Kamerafahrten, an einer düsteren Großstadt-Atmosphäre und dem Kontrast zwischen der artifiziellen, aber mit Erinnerungen gefüllten Wohnung von Kira und der nicht minder artifiziellen, aber lebensfeindlich kalten Atmosphäre der Hautklinik.

Beeindruckt hat mich die Bereitschaft der Macher, in Sachen Ekel „all in“ zu gehen. Der Hautverfall von Kira ist wirklich fies anzusehen und mitunter suhlt sich „Replace“ förmlich im Look & Sound reißender und ratschender Haut. Da windet sich so mancher Zuschauer in seinem Kinosessel.

Ebenfalls auf der Haben-Seite: Ein manchmal etwas überdramatischer, aber knackiger Score im italienischen 80er-Stil und Scream Queen Barbara Crampton, die entschlossen scheint, nach fast 20 Jahren Genre-Abstinenz auf ihre alten Tage hin doch noch als Horror-Ikone zu reüssieren.

Doch leider, leider ist sich „Replace“ mal wieder selbst der größte Feind, was vielleicht auch an der Produktionsgeschichte liegen mag, die der Regisseur und der Produzent nach dem Screening erzählten. Das Drehbuch war wohl auf deutsch geschrieben und übersetzt worden, was zu einer sehr halbgaren Fassung führte, die man ausgerechnet Richard Stanley (Hardware, Dust Devil) zur Überarbeitung anbot. Dieser machte Nägel mit Köpfen und schrieb wohl den größten Teil neu. Das verwundert, denn es sind immer noch viele der Dialoge, die unauthentisch und schlecht übersetzt klingen. Man hört in jeder Szene durch, dass hier keine Muttersprachler am Werk waren.

Die hohlen und teilweise redundanten Dialoge leiden auch an Rebecca Forsythe, die zwar ganz hübsch aussieht, aber so lethargisch und ätherisch spielt, dass man ihren inneren Konflikt an keiner Stelle durchschimmern spürt.

Letztlich ist das aber alles hinfällig, denn das zentrale Problem von „Replace“ ist die Regie, die alle wichtigen Momente schlabberig unterinszeniert, den erzählerischen Fokus samt Kamera grundsätzlich falsch aufstellt und Szenen abbricht, die schlicht noch nicht auserzählt wurden. „Replace“ besitzt null „flow“, Übergänge holpern wie Schlaglöcher und elementare Entwicklungen und Entscheidungen passieren offscreen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Als Kira das erste Mal jemanden tötet, um sich Spenderhaut anzueignen, scheint das perfekt zu funktionieren. Nach jeder Logik müsste man sie nun eine zeitlang glücklich zeigen – sie glaubt, das Problem dauerhaft gelöst zu haben, feiert ausgelassen, genießt ihre Jugend und Schönheit. DANN der Schock: Die Hautalterung setzt erneut ein, Kira muss erkennen, dass sie immer wieder wird töten müssen. Ein Bruch, ein elementarer Scheideweg für den Charakter. All das zeigt „Replace“ NICHT. Von der ersten Spenderhaut wird direkt zu den neuen Alterungen gesprungen. Jede Chance, Kiras Verhalten zu verstehen und sie damit dem Zuschauer näher zu bringen, wird vertan. Und das ist kein vereinzeltes Defizit: das Gespür, welches Element und welche Emotion erzählt werden müssen, fehlt Regisseur Keil leider völlig.

So bleibt ein Film, dessen Story besser ist als das Drehbuch und dessen Technik besser ist als die Regie. Im Vergleich zu anderen deutschen FFF-Präsenzen wie „Figaros Wölfe“ sicher ein Fortschritt, aber trotz der vergleichbaren Produktionsmittel immer noch kein ernsthafter Konkurrent selbst für die kanadische Mittelklasse.

Fazit: Ein durchaus bildstark und mit solidem Einsatz von Splatter punktender Body Horror, der allerdings durch ein zu vages Skript, hummeldumme Dialoge und eine Sackladung falscher Regieentscheidungen den meisten Impact seiner interessanten Geschichte wieder zunichte macht. Weil ich in diesem Fall den Willen für die Tat nehme, schafft das noch 5 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Optisch gelungen, aber merkwürdig erzählt.“

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Nummer Neun

Ohne jetzt groß spoilern zu wollen: Aber das letzte Drittel des Films erzählt dann einen anderen Aspekt des Films, als der, weswegen man ihn sich ansieht. Die Frau, die gezwungenermaßen zum Killer wird und damit fertig werden muss – das wäre die Story gewesen.