USA 2017. Regie: Marc Meyers. Darsteller: Ross Lynch, Anne Heche, Dallas Roberts, Miles Robbins, Alex Wolff, Tommy Nelson, Vincent Kartheiser

Offizielle Synopsis: Wir schreiben das Jahr 1978. Jeffrey Dahmer geht auf eine ganz normale Highschool mitten im Nirgendwo von Ohio. Er ist ein blasser und schlaksiger Typ, dem Loser ins Gesicht geschrieben steht. Von seinen Mitschülern gehänselt, wird er zum Klassenclown und schart ein kleines, exzentrisches Grüppchen Bewunderer um sich, die seine Andersartigkeit feiern. Dass er zwischendrin gern allerhand Kleintiere tötet und sich mit Begeisterung der Erforschung ihres blutroten Innenlebens widmet, irritiert zwar auch seine engsten Freunde, doch noch ahnt niemand, wozu Jeffrey wirklich imstande ist.

Kritik: Vor dem Screening von „My friend Dahmer“ kam es zu einer Szene, die wie kaum eine zweite das Dilemma des diesjährigen Festivals beschreibt. Einer der Mitarbeiter des Veranstalters trat vor das Publikum, um zwei Dinge zu verkünden:

  1. Der Film hat noch keinen deutschen Verleiher gefunden
  2. Es säße hoffentlich niemand im Publikum, der einen Serienkiller-Film erwarte – es käme nun ein „coming of age“-Drama

Zu 1: Verständlich ist das. Zu 2: Klar, warum sollte man bei einem Horrorfilmfestival und einem Film über einen Serienkiller, der 17 Menschen getötet, posthum geschändet und teilweise aufgegessen hat, irgendwelche Genre-Elemente erwarten?!

Man fasst es wirklich nicht. Irgendwie stellte ich mir die Veranstalter vor, wie sie hinter der Leinwand einander zuprosten: „Die Deppen da draußen haben wirklich gedacht, ein Film über Jeffrey Dahmer würde was mit serial killing zeigen!“

Coming of age. Wieder mal. Und wieder mal in Retro-Zeit, diesmal Ende der 70er. Das ist gut rekonstruiert, sowohl in der Ausstattung als auch im Zeitgeist absolut treffsicher. Besonders die kaputte Ehe der Dahmer-Eltern ist (basierend auf den tatsächlichen Fakten des Falls) authentisch: Daddy ist ein Weichei der 70er, verunsichert von „women’s lib“ und dem Mangel an maskuliner Herausforderung, Mommy schluckt Pillen und verschluckt sich schon an den einfachsten Hausarbeiten. In so einer Familie wird jemand mit psychopathischen Neigungen wie Jeffrey keinen Halt finden, hier muss er abrutschen. Weder kann er seine morbiden Ideen kanalisieren noch seine aufkeimende Homosexualität. Er ist wie kein anderer, darum hat er auch niemanden.

Obwohl er – gegen die üblichen Klischees – nicht massiv introvertiert ist und sogar eine kleine Clique um sich scharen kann, ist sehr früh absehbar, dass dieser Teenager ein isoliertes Leben außerhalb der Normen führen wird – und dass man eigentlich hoffen MUSS, dass es wenig Schnittpunkte zur „normalen“ Welt gibt. Denn an diesen wartet nur Sprengstoff – und Blut.

Wie gesagt: das ist schön rekonstruiert, vergleichsweise stimmig, toll (besonders von Anne Heche) gespielt, auch wenn der Film (basierend auf einem Bestseller) natürlich keine Antworten geben kann, wo es keine gibt. Dahmer hatte keinen konkreten Grund, Kannibale zu werden, es gab keinen traumatischen Auslöser – wie sollte der auch aussehen? Letztlich kann lediglich über ein paar Monate beobachtet werden, wie der Teenager Dahmer sich mit der Pubertät immer stärker seinen dunklen Trieben hingibt. Und wenn der Killer Dahmer schließlich das erste Mal vollends geformt erscheint – ist der Film vorbei.

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob die Veranstalter hier einen bewussten Etikettenschwindel versucht haben. Wer kam, um einen Film über den Serienkiller Jeffrey Dahmer zu sehen, wurde enttäuscht. Aber als „spinoff“ der Geschichte ist „My friend Dahmer“ durchaus potent und es ist legitim, eine andere Facette dieses Subgenres zu zeigen. Jeffrey Dahmer ist nicht Victor Crowley. Andererseits mag es der bisherigen Verweigerung des Festivals, tatsächlich das Genre zu bedienen, geschuldet sein, dass man sich doch ein wenig veralbert fühlt. In einem ausgeglicheneren Programm wäre dieser Film vermutlich gut für die Mischung gewesen, angesichts des diesjährigen Lineups ist er aber eher ein weiterer Sargnagel.

Fazit: Die Leiden des jungen D. – als nächstes verfilmen sie vermutlich die Kindergarten-Zeit von Jason Vorhees. Als Jugenddrama aus den 70ern gut beobachtet, zum vollständigen Verständnis des Falls Dahmer geeignet, als Serienkiller-Film hingegen eher unbefriedigend. Weil aber nie behauptet wird, es wäre ein Serienkiller-Film, verdient sich „My friend Dahmer“ noch solide 6 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Langweilig und nichtssagend.“

Next up: Marlina



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Pogopuschel

Der Film basiert übrigens auf einem Comic, der von einem Mitschüler von Dahmer geschrieben wurde.

Peroy
Peroy

Hier, die bessere Dahmer-Bio…

https://www.youtube.com/watch?v=HxLaxQyBGjE