Okay, weil heute anscheinend jeder noch mal den ESC rekapituliert, hier meine 2 Cents:

Ein guter Jahrgang, in dem deutlich mehr regionale Aspekte und Lokalkolorit präsentiert wurden. Ich begrüße die geringere Anzahl an Power-Balladen und Faux-Musical-Nummern, bei denen Damen in langen Kleidern melodramatisch die angespannten Hände gen Himmel strecken. Diesmal keine reine Gag-Nummer. Tolle virtuelle (durch reale Requisiten ergänzte) Bühnenbilder.

Auf der Minus-Seite: Entsetzliche Moderatoren. Die zweigeteilte Punktevergabe ist scheiße, bitte zurück zum alten System.

Ich kann mit dem Siegersong gut leben, habe die vielleicht einen Tacken zu hippe Heulnummer gestern so beschrieben: „Ein Song, zu dem ich in einsamen Nächten weinen werde und der mich versteht, obwohl ich ihn nicht verstehe. Wie die Frauen.“

Persönlich hätte ich Schweden, Moldau oder Italien genau so gerne auf dem Siegertreppchen gesehen.

Gehen wir die Teilnehmer mal durch:

1 Israel – Imri Ziv – I Feel Alive
Entsetzlich generischer Castingshow-Pop mit einem entsetzlich generischen Sänger. Genau das, wogegen sich der Sieger in seiner Dankesrede ausgesprochen hat.

2 Polen – Kasia Moś – Flashlight
Die erste Powerballade, leider gänzlich ohne „hook“ or nennenswerte Steigerung. Standard.

3 Weißrussland – Naviband – Story Of My Life
Kann man mitreißend und frisch finden, mich hat’s entsetzlich genervt.

4 Österreich – Nathan Trent – Running On Air
Generisch wie der israelische Beitrag, aber mit Ohrwurmqualität und einem sympathischen Sänger.

5 Armenien – Artsvik – Fly With Me
Ist nicht so meins. Sehr angestrengt. Aber die blonde Background-Tänzerin war klasse, erinnerte an George Michael- und Bryan Ferry-Videos.

6 Niederlande – O’G3NE – Lights And Shadows
Wilson Phillips sind wieder da? Sehr glatter, aber sehr schön emotionaler Pop. Ein Radiohit.

7 Moldau – SunStroke Project – Hey, Mamma!
Einer meiner Favoriten, mit sehr viel Spaß und Schmackes vorgetragen.

8 Ungarn – Joci Pápai – Origo
Großes Drama. Vielleicht nix für die Charts, aber von solchen Kleinoden lebt der ESC.

9 Italien – Francesco Gabbani – Occidentali’s Karma
Hätte gewinnen können und vielleicht sollen. Sehr lässig, sehr lebensfroh.

10 Dänemark – Anja Nissen – Where I Am
Eine in allen Bereichen übergroße Sängerin mit einem zu kleinen Song.

11 Portugal – Salvador Sobral – Amor pelos dois
Mutig, sperrig, wunderschön.

12 Aserbaidschan – Dihaj – Skeletons
Kunst. Kalt. Arrogant. Wäre auf der Documenta besser als auf dem ESC.

13 Kroatien – Jacques Houdek – My Friend
Beeindruckende stimmliche Leistung, aber ansonsten eher dünn.

14 Australien – Isaiah – Don’t Come Easy
Ich stehe nicht auf Teen-Traumboys und der hier wurde erheblich zu selbstverliebt inszeniert, aber der Song ist ein echter Ohrwurm.

15 Griechenland – Demy – This Is Love
Schöne Frau, schönes Lied, schönes Kleid, aber in der Summe viel weniger beeindruckend als erwartet.

16 Spanien – Manel Navarro – Do It For Your Lover
Surfer-Dudes. Ging gar nicht. Verdient letzter Platz.

17 Norwegen – Jowst – Grab The Moment
Für die ganze „dark electro“-Präsentation war der Song selbst zu soft.

18 Großbritannien – Lucie Jones – Never Give Up On You
Noch eine Power-Ballade, bei der ich der Sängerin wünschen würde, dass sie ihre Mimik besser in den Griff bekommt.

19 Zypern – Hovig Demirjian – Gravity
Keine große Nummer, aber catchy und mit Verve. Darf im Radio laufen.

20 Rumänien – Ilinca feat. Alex Florea – Yodel It!
Meine Frau fand’s entsetzlich, ich habe mich köstlich amüsiert, was sicher auch an den Beinen der Sängerin gelegen hat.

21 Deutschland – Levina – Perfect Life
In jeder Beziehung nett. Und das reicht halt nicht. Trotzdem wären ein paar Punkte mehr drin gewesen. Deutschland hat aktuell wenig Freunde in Europa.

22 Ukraine – O.Torvald – Time
Das Rock-Feigenblättchen. Solide.

23 Belgien – Blanche – City Lights
Der Song gut, aber die Sängerin zu schwach. Mir egal, ob das als Kontrast Konzept gewesen sein soll.

24 Schweden – Robin Bengtsson – I Can’t Go On
Robin Thicke is alive and well in Sweden. Sehr smooth, sehr arrogant, sehr trendy. Ich wollte es nicht mögen, wurde dann aber mitgerissen.

25 Bulgarien – Kristian Kostov – Beautiful Mess
Guter Song, gut gesungen, aber der Bengel ging mit entsetzlich auf den Keks.

26 Frankreich – Alma – Requiem
Tres sexy, oh là là!



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