Ich gehe ungefähr so gern zum Friseur, wie ich zum Zahnarzt gehe. Das Problem ist beim Friseur allerdings weniger der drohende körperliche Missbrauch, sondern der mühsame Versuch von Smalltalk. Ich kann keinen Smalltalk. Da ich über den Friseur nichts weiß und er nichts über mich, gibt es allerdings auch nichts anderes als Smalltalk, über das/den man reden könnte. Darum habe ich vor einigen Jahren begonnen, mir Friseure zu suchen, die ihr Handwerk nicht als plauderigen Zeitvertreib sehen, sondern als Akkordarbeit.

Kurden, missgelaunt und verschwitzt, ziehen mir seitdem grob den Bartschneider über den Hinterkopf (9 Millimeter), sprühen dann oben ein bisschen, schnipp schnapp. Kein Gel, ich fahre Roller. Maximal noch auswuchernde Einzelhaare in den Augenbrauen stutzen und mit dem Feuerzeug die Ohrmuscheln abfackeln. Fertig. 12-15 Minuten, in denen ich drei Worte zu hören bekomme: „Willstu Tee?“ und „Neun“. Ich gebe 12 und antworte mit „passt“. Genau SO muss ein Friseurbesuch ablaufen.

Nun bin ich ein paar Mal umgezogen und musste feststellen, dass das kurdische Barbier-Handwerk in Baden-Baden eher mager repräsentiert ist. Der „türkische Meisterfriseur“ in der Nähe sollte eine gute Alternative sein, aber der wechselt alle drei Monate den Besitzer. Läuft wohl nicht so gut.

Aktuell ist ein junger Albaner im Laden. Schwer zu schätzen, aber nie im Leben älter als 20 oder 22. Auf dem Flachbildfernseher laufen DJ Sets aus aller Welt über einen persischen Satellitensender. Man bemüht sich um die Kundschaft: Es gibt extra für die Pennäler von der Schule nebenan einen günstigen „Schülertarif“. Die warten ja sowieso immer an der Bushaltestelle vor der Tür – da können sie sich auch gleich mal stylen lassen. Es ist aber trotzdem nie viel los – wenn ich komme, bin ich auch sofort dran. Ich fürchte, ein neuer Eigentümerwechsel steht zum Sommer bevor.

Mein Problem mit dem jungen Albaner: er redet gerne. Beim ersten Besuch erzählt er mir gleich seine ganze Flüchtlingsgeschichte, die zugegebenermaßen beeindruckend ist. Und das brüchige Deutsch, in dem er mich zutextet, hat er in gerade mal sechs Monaten gelernt. Respekt dafür. Er macht einen fleißigen, ehrlichen Eindruck – dass ich keinen Bock auf die Konversationen habe, dafür kann er nichts.

Wegen zu wirren Wuchses und mangels einer Alternative bin ich auch vorgestern wieder hin.15 Minuten werde ich seine osteuropäischen Abenteuergeschichten schon aushalten. Natürlich ist der Laden leer, er bedeutet mir freundlich, mich zu setzen. Ich ziehe mein Hemd aus, weil ich gerieseltes, kratziges Resthaar im Kragen hasse. „Wie lang?“. „Hinten und an der Seite 9 Millimeter“.

Er ist diesmal etwas ruhiger, über den Spiegel schaue ich mich im Laden um. Skrillex auf dem Flatscreen. Ich sehe einen kleinen Tisch, auf dem Flaschen mit Fanta, Cola und Mineralwasser stehen, dazu Pappbecher. Auf dem Tresen an der Kasse: eine große Glaskugel mit Lutschern. Hier ist man auf die jüngste Zielgruppe eingestellt und den quengelnden Nachwuchs, wenn Mama sich die Dauerwelle machen lässt, denke ich.

Die Tür geht auf. Ein dicklicher Junge kommt rein, vielleicht 10, 12 Jahre alt. Tornister auf dem Rücken. Er schaut den Friseur an, der nickt freundlich. Ich vermute Verwandtschaft. Der Junge nimmt sich einen Becher, schüttet sich Fanta ein und fragt dann: „Kann ich auch noch einen Lolli?“

„Ja, aber nur einen“, sagt der Friseur. Der Junge geht zum Tresen, greift in die Glaskugel. Was er sich nimmt, drückt er mit seinem Handy zusammen auffällig fest an die Brust, als er an uns vorbei schleicht. „Danke“, murmelt er. Ich denke: höflich.

Der Friseur schaut den Jungen nochmal an: „Nur einen, was? Einen für heute und einen für morgen?“. Erst jetzt sehe ich, dass der Junge offensichtlich zwei Lollis genommen hat, was er zu verbergen sucht. Er schüttelt den Kopf, verlässt mit sichtlich ertapptem Gesichtsausdruck den Laden. Der Friseur seufzt.

Kaum zwei Minuten später kommen zwei weitere Jungs mit Schulranzen rein spaziert: „Können wir was zu trinken?“. Ich frage mich, wann das Hilfsverb „haben“ abhanden gekommen ist. Die beiden nehmen sich Getränke. Dann: „Kriegen wir auch noch einen Lutscher?“

Ich merke, wie der Friseur innehält, dann nickt er: „Nehmt euch jeder einen raus.“

Mir wird klar, dass hier nicht die Verwandtschaft durchgefüttert wird. Der Friseur hat Getränke aufgebaut, damit die Kinder nach der Schule was zu trinken holen können, während sie auf den Bus warten. Und zum Getränk gehört für die Steppkes offensichtlich auch ein Lolli. It’s all part of a complete breakfast.

Schon wieder geht die Glocke an der Tür. Diesmal ist es ein Mädchen. Vermutlich so alt wie die Jungs, aber schon einen Kopf größer. Sie lächelt hübsch: „Darf ich mir etwas zu trinken nehmen?“. Der Friseur nickt, während er konzentriert mein Haupthaar stutzt. Sie gießt sich Mineralwasser ein, schaut dann in Richtung Tresen: „Bekomme ich auch einen Lolli?“

„Einen“, sagt der Friseur knapp. Man merkt, dass es ihm zu viel wird. Die Sache ist etwas entglitten. Das Mädchen greift in das Glas. Als sie am Friseur vorbei geht, spricht er sie noch einmal an: „Einen für heute und einen für morgen, was?“. Sie versteht erst nicht, was er meint, dann läuft sie rot an. Der Friseur baut ihr eine goldene Brücke: „Komm – einen für dich und einen für mich.“

Sie gibt ihm einen der zwei Lollis, die sie aus dem Glas genommen hat. Der Friseur nimmt ihn und steckt ihn – nachdem sie wieder aus dem Laden gegangen ist – ins Glas zurück. Dann kommt er wieder zu mir. Und beginnt zu erzählen.

Er erzählt, dass in der Schule der Ausländeranteil bei „mindestens 99 Prozent“ liege. Meistens Flüchtlingskinder. Syrien, Nordafrika, die üblichen Ecken. Er, der selber kaum deutsch spricht und über Land illegal einreisen musste, hält das für katastrophal: „Die lernen nix von deutsch, weißt du? Wenn du hast andere Kinder, die was deutsch sind, dann lernst du rein nach Deutschland. Aber so?“

Er erzählt, dass die Kinder nur zusammen hängen, ohne soziale Kontakt zu gleichaltrigen deutschen Kindern. Mit 11, 12 Jahren fangen sie an zu rauchen, stehen bei ihm im Hauseingang und verschrecken die Kunden. „Geht nicht“, sagt er. „Was soll werden mit denen? Dann fangen die an zu klauen. Geht so nicht.“

Natürlich ist das „anekdotische Evidenz“, basierend nur auf dem limitierten Ausschnitt seiner kleinen Welt. Und ich bezweifle auch seine Zahlen: „Wenn du hast 40 Prozent Ausländer und was 70 Prozent deutsch, geht noch“. Geht nicht. Zumindest nicht nach Adam Riese.

Ich erinnere mich, dass zu meiner Zeit, Anfang der 80er, eine Klasse „mit gefährlich hohem Ausländeranteil“ bei ca. 30 Prozent lag. In langen, schwierigen Diskussionen wurde lamentiert, dass so natürlich kein geregelter Unterricht möglich sei, „die Ausländerkinder können nicht integriert werden und das Lernthema ist für die deutschen Kinder unangemessen abgebremst“. Bei 30 Prozent.

In den knapp 20 Minuten, die ich im Salon verbringe, holen sich sechs Kinder Getränke und Lollis. Alle haben – soweit ich das beurteilen kann – einen Migrationshintergrund.

Mir wird klar, dass mein junger albanischer Friseur die Getränke aufgebaut hat, um den Kids einen Anlaufpunkt zu geben. Einen Ort, an dem sie ihr Getränk nicht klauen müssen und an dem sie nicht auf dem Bürgersteig sitzen. Etwas bekommen, ohne etwas dafür geben zu müssen. Und sie nehmen es an. Kommen rein, fragen ordentlich, benehmen sich, sagen „danke“ und gehen wieder.

Es sind die zwei Lollis, die mir Sorgen machen. Der Friseur sagt sehr klar, dass sie nur einen nehmen sollen. Sie nehmen zwei. Fast alle. Warum? Ist ihnen nicht klar, dass so ein Verhalten das Risiko erhöht, dass der Friseur sein Angebot einstellt? Dass man die Hand, die einen füttert, nicht beißen sollte? Und warum überhaupt zwei? Sie können ja jederzeit wiederkommen und einen weiteren Lolli holen. Ist der kurzfristige Gewinn eines zweiten Lollis den Betrug, die Lüge wert?

Der Friseur schwankt auch, das merke ich. Zwischen der Menschenliebe und der Freude, den Kids eine Kleinigkeit bieten zu können – und der Frustration, dass sie es ausnutzen. Er erzählt mir, dass sein „Schülertarif“ ein totaler Flop ist. Die meisten dieser Kinder bekommen die Haare daheim geschnitten, kostenlose Fanta hin oder her. Die Lollis hatte er eigentlich für die Kinder von Kundinnen angeschafft, aber als die Schüler die kostenlosen Getränke entdeckt hatten, war es zum kostenlosen Lutscher nur ein kleiner Sprung. Gerne auch zwei oder drei. Das hat sich verselbstständigt und der Friseur weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Er kann sich die Getränke und die Lollis ja selber kaum leisten.

Ich bin nachdenklich, als ich an den Tresen trete, um zu bezahlen, und gebe ein sehr gutes Trinkgeld. Schon als Gimmick hätte ich mir eigentlich jetzt einen Lolli genommen – aber nach den Erlebnissen eben lasse ich es. Ich wünsche einen gute Tag und gehe raus. Zwei Kids sitzen auf der Treppe des Salons im Weg, machen nur widerwillig Platz. Drei weitere hocken auf der Bank an der Bushaltestelle. Einer hat einen Becher in der Hand und einen Lolli im Mund.

Ich halte mich für das, was man einen wertkonservativen Menschen nennt. Meiner üblichen Philosophie nach hätte ich dem Friseur empfehlen müssen, eine Woche lang einen Zettel an die Glaskugel zu kleben: „Jeder nur 1 Lolli!“. Wenn das nicht greift: weg mit den Lutschern. Sonst lernen die das nie. Strafe muss sein.

Stattdessen schaue ich mir in der Spiegelung des Schaufensters meinen neuen Haarschnitt an und mache eine mentale Notiz, nächste Woche bei der Metro einen Eimer voll Lollis und ein Großgebinde zuckerfreie Cola zu kaufen. Wird Zeit, mal wieder was zu spenden.



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