parallels posterUSA 2015. Regie: Christopher Leone. Darsteller: Mark Hapka, Jessica Rothe, Eric Jungmann, Constance Wu u.a.

Story: Ronan und seine Schwester Beatrix bekommen einen Anruf ihres Vaters – sie sollen zu einem eigentümlichen, verlassenen Hochhaus in der Innenstadt kommen. Ihr Nachbar Harold schließt sich ihnen an. Kurioserweise entpuppt sich das Gebäude als Fokuspunkt, der alle 32 Stunden zwischen verschiedenen Parallelwelten hin und her springt. Das Trio trifft die junge Asiatin Polly, die mehr weiß und ihnen die „do’s and don’ts“ der Trips erklärt. Das Problem: Niemand weiß, wie man wieder zur Ausgangserde zurück kehren kann. Und niemand weiß, wo die „Kern-Erde“ ist, der vermutliche Herkunftsort des Hochhauses. Sicher ist nur – da draußen sind eine Menge Leute, die keine Weltenspringer mögen…

Kritik: Es gibt zwei Themen in der SF, die eigentlich immer gehen – Zeitreisen und Parallelwelten. Das ist einfach immer spannend, da muss man sich schon schwer mühen, um es zu vergeigen. Weil jeder Zuschauer sich schon mal „was wäre wenn…?“ gefragt hat. Was wäre, wenn ich ins Alte Rom zurück reisen könnte? Was wäre, wenn die Nazis des Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten?

Hinzu kommt, dass beide Konzepte sich perfekt für TV-Serien eignen, weil sie inhärent episodisch sind – so kann jede Woche eine neue Epoche oder eine neue Parallelwelt „angesprungen“ werden. Man erinnert sich an „Time Tunnel“ oder das großartig startende, später aber massiv einbrechende „Sliders“. Etwas ältere Nerds kennen eventuell noch den niemals ausgestrahlten Piloten „Doorways“ von George R.R. Martin aus dem Jahr 1993, der in Amerika eine gesuchte Rarität ist, in Deutschland aber problemlos auf Video als „Die 4. Dimension“ erhältlich war.

Aktuell gibt es mit „The Man in the High Castle“ eine recht aufwändige Variante der Parallelwelt-SF zu sehen, die sich allerdings vollständig auf ein Szenario (die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen) fokussiert.

„Parallels“ ist ein Versuch von Netflix aus dem vorigen Jahr, aus dem Thema eine action- und episodenorientierte Serie zu zimmern, dem leider kein großer Erfolg beschieden war. Zu meiner Freude hat man den spielfilmlangen Piloten aber dennoch veröffentlicht.

Und das bringt mich zu meinem zweiten Abstecher, bevor ich zum eigentlichen Review komme. Ich vermisse die Zeit, als (ausgestrahlte wie unausgestrahlte) Pilotfilme in Spielfilmlänge weltweit auf Video ausgewertet wurden. Das war bis in die späten 90er eigentlich die Norm, Videotheken waren voll von Kassetten mit den Pilotfilmen zu „Lois & Clark“, „Adventures of Brisco County jr.“, „Der unglaubliche Hulk“, aber auch obskurem Kram wie „Steel Justice“, „Quicksilver Highway“ und „Something is out there“. Dadurch konnten die Produktionskosten wenigstens teilweise wieder eingespielt werden, auch wenn die Serie nicht in Produktion ging. Es war ein nettes Zubrot.

Mittlerweile ist der spielfilmlange Pilotfilm ein Auslaufmodell, praktisch ausgestorben. Man ordert gleich halbe oder ganze Staffeln und da Serien längst komplett auf DVD oder als Streaming vermarktet werden, ist eine separate Veröffentlichung des Piloten relativ sinnlos. Was ich schade finde – gerade 90minüter lassen sich gut am aktuellen Kinostandard messen, bieten quasi „Film für die Mattscheibe“.

Und damit endlich zu „Parallels“, einem sehr auffällig als Serie konzipiertem Projekt, dessen Pilotfilm nun alleine sehen muss, wie er klar kommt. Der überschaubare Cast wird nicht mehr von Parallelwelt zu Parallelwelt reisen, wir werden nie hinter die Kulissen des Hochhauses schauen und nie erfahren, was aus der Mutter der Geschwister wurde – oder was es mit der „Kern-Erde“ auf sich hat…

parallels-front

Vergleicht man den Piloten mit früheren Produktionen zum Thema Parallelwelten, merkt man deutlich, dass die Ansprüche der Sender, aber auch des Publikums sich geändert haben. Zuerst dachte ich, es sei nur eine weitere Variante von „Sliders“. Nach der Hälfte der Laufzeit merkte ich, dass es ja doch eine etwas komplexere Mythologie entwickelte. Am Ende der 90 Minuten fürchtete ich dann bereits, das könnte schon zu kompliziert für meinen Geschmack sein. Man muss konzentriert dran, bleiben, um sich nicht verwirrt am Kopf zu kratzen. Hier wird nicht einfach von einem Abenteuer ins nächste gesprungen, es muss übergreifende Handlungsstränge geben, „big bads“, mysteriöse Mechanismen im Hintergrund.

Wer den Einsatz bringt, auch wenn er mit keiner folgenden Serie belohnt wird, dürfte trotzdem gut unterhalten werden – „Parallels“ hat serientypisch sympathische Figuren zu bieten, ein hohes Tempo und solide Schauwerte. Die Spielregeln der Parallelwelten werden Stück für Stück enthüllt, wobei kaum eine Figur ohne größeres Geheimnis bleibt.

Ich weiß nicht, nach welchem Maßstab Netflix seine Serien ordert – geht es ausschließlich nach den bezahlten Abrufen des Pilotfilms? Das wäre schade, denn auch wenn „Parallels“ keine großen Wellen gemacht hat, sind Konzept und Produktion doch allemal eine komplette Serie wert. Ich für meinen Teil wäre auf jeden Fall dran geblieben – solange ich hätte glauben können, dass die Macher wissen, worauf das am Ende alles hinaus laufen soll.

Wir werden es nie erfahren…

Fazit: Interessanter, mit hübschen Details gespickter Pilotfilm einer dann doch nicht produzierten Parallelwelt-Serie. Aufgrund des offenen Endes nicht vollends befriedigend, aber trotzdem spannend und unterhaltsam.



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invincible warriorWortvogelPeroyAlphaOrangepa Recent comment authors
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Hatte den vor Monaten gesehen und für interessant befunden. Meines Wissens nach, ist der Pilotfilm aber nicht von Netflix produziert worden, sondern von Fox Digital Studios. Nachdem kein Sender daran interessiert war, gelang irgendwie ein Deal mit Netflix ihn dort zur Schau zu stellen.

Es gibt ein Reddit-AMA mit dem Autor/Regisseur hier: https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/2z1ch1/i_am_christopher_leone_writerdirector_of/
Der war übrigens auch an The Lost Room beteiligt.

AlphaOrange
AlphaOrange

Im Punkt 90-minütige Pilotfilme kann ich dir nur zustimmen, die vermisse ich auch sehr. Allerdings weniger wegen der Einzelauswertung sondern eher dadurch, dass Pilotfolgen heutzutage extrem gehetzt sind, Exposition von Charakteren, Story, eine exemplarische Episodenhandlung und das Anteasern von übergreifenden Elementen – alles muss rein in 42 Minuten. Da bleibt die erzählerische Qualität vieler früherer 90-Minüter leider auf der Strecke und es bleibt ein komprimierter Pitch von allem, was man später in der Serie sehen soll. Und das übrigens gerade bei Serien, die erst auf Basis dieses Piloten bestellt werden – daher finde ich das Argument, dass das am veränderten Bestellprozess liegt nicht stichhaltig. Ist auch schon weitaus länger so als es (relevantes) Streaming gibt.
Ebenso vermisse ich seit langem die Doppelfolge, die heutzutage fast gar keine Anwendung mehr findet. Dabei ist das eigentlich ein schönes Mittel, sich mal mehr Zeit für eine größere Handlung zu verschaffen, wenn man keine Laufzeit-Flexibilität wie bei manchen Streaming-Diensten hat.

Peroy
Peroy

„Etwas ältere Nerds kennen eventuell noch den niemals ausgestrahlten Piloten „Doorways“ von George R.R. Martin aus dem Jahr 1993, der in Amerika eine gesuchte Rarität ist, in Deutschland aber problemlos auf Video als „Die 4. Dimension“ erhältlich war.“

Furchtbarer Scheissdreck. Unwatchable.

invincible warrior
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Der Film kommt übrigens Freitag Nacht (0:30 Uhr) auf Pro7

invincible warrior
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Habs mir nun angeschaut und muss sagen, dass ich froh bin, dass das nicht in Serie gegangen ist. Die Darsteller waren ja mal eine reine Katastrophe und typisches YA Casting. Bei solch ner Serie sind die Charaktere nunmal recht wichtig und da hatte Sliders zB doch massiv einen Vorteil mit John Rhys-Davies voran und Charmebolzen Jerry O’Connell, hier gibts dagegen nur Schauspieler aus der dritten Reihe, die man ohne weiteres auswechseln koennte ohne damit die Serie zu gefaehrden.
Die Story an sich ist ja OK, aber wirklich nur aus dem kleinen 1mal1 fuer SciFi. Ausserdem haette das Hochhaus doch einige Plotholes mitgebracht, denn wieso faellt das zB im Aegyptensetting nicht auf? Um das zu vermeiden, koennte die Welt also nicht viel anders aussehen, ansonsten wuerde ja jede zweite Folge nur davon handeln, dass die Einheimischen das komische Gebaeude belagern. (in aehnlichen Parallelwelten akzeptiere ich, dass das Hochhaus da in anderer Iteration eben steht oder die Menschen einfach oberflaechlich wie sie sind, das nicht wirklich bemerken).