andron-9Italien 2015. Regie: Francesco Cinquemani. Darsteller: Alec Baldwin, Danny Glover, Margareth Madè, Michelle Ryan, Deborah Dyer (aka Skin) u.a.

Story: Zehn Person erwachen ohne Gedächtnis in einer nicht näher definierten Zukunft in einer Industriebrache. Ohne Ziel und permanent von maskierten Truppen gehetzt, versuchen sie ihre Aufgaben und ihr Ziel zu dechiffrieren. Wie es scheint, sind sie Bestandteil der bei den Sklavenmassen populären TV-Show „Redemption Games“, die der skrupellose Produzent Adam hinter den Kulissen nach seinen Interessen steuert. Schnell wird deutlich, dass „gewinnen“ keine Option ist – das unmenschliche Spektakel muss durchbrochen werden…

Kritik: Oh, goody – schon der erste Film, den ich mir für meinen Urlaubs-Filmmarathon ausgesucht habe, entpuppt sich als Totalausfall. Es ist nicht so, dass man es nicht hätte ahnen können: Mag Alec Baldwin noch mildes Interesse erregen, gehen bei Danny Glover alle Warnsignale an. Der Mann hat sich in den letzten Jahren fast ausschließlich in D-Klasse-Ausschussware verdingt. Michelle Ryan als Eye Candy, Skunk Anansie-Sängerin Skin als Gimmick, ein paar Leute aus dem Parkour- und Martial Arts-Segment: Hier hat wohl die Marketing-Abteilung das Casting übernommen.

Aber das ist nicht das Problem.

Gedreht wurde (abgesehen von ein paar Studioszenen vor Bluescreen und einer großen Halle, die ausschließlich Baldwin vorbehalten bleibt) in italienischen Industriebrachen und Steinbrüchen, was fast schon drollig ist, behaupten die Italiener doch seit den 80ern stur, die postapokalyptische Zukunft bestünde mit Sicherheit aus… genau, Industriebrachen und Steinbrüchen. Angesichts der völlig anderen Tonalität ist jedoch auszuschließen, dass „Andron“ eine Hommage sein soll.

Aber das ist nicht das Problem.

Nun ist die Idee, den Appeal von „Hunger Games“ (und italienischen „Klassikern“ wie „Die Schlacht der Centurions“) mit knalligen Schlägereien in ausgemusterten Fabriken zu kombinieren, nicht per se schlecht. Man muss halt in der Lage sein, das fettfrei, schmerzhaft und originell über 90 Minuten zu bringen, bevor der Zuschauer merkt, wie billig das alles ist. Leider kann Regisseur Cinquemani, der bisher primär durch Kurzfilme und Werbevideos aufgefallen ist, genau das nicht: Die Action ist nicht ausgefeilt genug, die Fatalitys sind seltsam stumpf und beiläufig, die Geschehnisse „innen“ und „außen“ scheinen sich nie wirklich zu befruchten.

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Aber das ist nicht das Problem.

Das Problem von „Andron“ ist das Drehbuch – falls es eins gab. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der so ad hoc improvisiert wirkt, als hätten sich die Beteiligten nur von Szene zu Szene gehangelt à la „Okay, wie wäre es, wenn als nächstes…“. An keiner Stelle werden die Regeln des „Spiels“ gesetzt oder befolgt, wir wissen genau so wenig wie die Spieler, was die ganze Aktion soll, es gibt kein Ziel, keine erkennbaren Spielelemente. Da die Teilnehmer nicht mal wissen, wo sie sich befinden, ist jeder Schritt voran willkürlich und unbegründet. Es gibt keine Handlung – Dinge passieren. Wie in einem Videospiel. Dazu passt, dass die lediglich zur Erhöhung des Action-Quotienten eingestreuten Angriffe durch die Network-Truppen wie Kämpfe mit geklonten Horden eines beliebigen Shooters aussehen.

Der Regisseur (der auch Autor ist) beherrscht die wirklich grundlegendsten dramaturgischen Spielregeln nicht: Keine der Figuren hat einen Charakter oder eine Backstory, keine Figur bildet einen Mittelpunkt. Wer wissen will, wie die Teilnehmer heißen, muss in der IMDB nachschlagen – die Namen werden im Film gar nicht erst erwähnt. Wir erfahren nie, was die Figuren antreibt. Die Hoffnung, der Film würde sein Konstrukt fortschreitend offenbaren, trügt. Es wird nicht mal erklärt, was oder wer Andron ist.

Hinzu kommt, dass das Drehbuch scheinbar nur sehr grob aus dem Italienischen ins Englische übersetzt wurde oder der Autor nur ein rudimentäres Verständnis für die Fremdsprache hat. Der Prolog, die Dialoge, die eingestreuten Monologe von Baldwin – all das ist so wirr, unzusammenhängend und schlicht blöd, dass man von Zeit zu Zeit meint, sich verhört zu haben. Hier passen gestellte Fragen nicht zu den Antworten, scheinen Personen konsequent aneinander vorbei zu reden, werden Dinge vorausgesetzt, die nicht passiert nicht. Ich kann mir nur vorstellen, wie die englischsprachigen Darsteller einander in den Drehpausen angeschaut haben müssen, mit aufgerissenen Augen und einem „WTF???“ im Blick.

Stellvertretend sei hier der Prolog genannt, der das „Redemption Game“ wie folgt erklärt:

„Ten must enter the challenge.“

Ten what?! Men, players, contestants, prisoners, fluffy bunnies?

„The goal is the conquest of freedom.“

How is freedom „conquered“? What does that even mean?

„Welcome to the season premiere of the Redemption Games – a sophisticated machine designed to select the strongest, the most cunning, and the best.“

The game is a machine? Again: What does that even mean?

„Even you can win… wealth, fame, and freedom.“

Even I can win? Well, thanks!

„The bets are now open. We are ready to begin. May the best win.“

The best WHAT???

Danach wird es nicht besser. „Andron“ ist voll von Perlen wie:

“Did you hear that?”
“I didn’t hear anything.”
“Exactly!”

Das „world building“ ist äquivalent behämmert – angeblich sind 9 Milliarden Menschen (nach aktuellem Stand also 120 Prozent der Weltbevölkerung) bei einer atomaren Katastrophe ums Leben gekommen, aber es sind immer noch Milliarden übrig, die als Sklaven in Fabriken wie im 19. Jahrhundert schuften, obwohl es Hightech wie Raumschiffe und Hologramme gibt. Am Ende sollen die „Redemption Games“ dazu dienen, die hungernde Bevölkerung auszudünnen – die man als „Besitz“ der neun großen Corporations auch einfach über den Haufen schießen oder per implantiertem Chip abschalten könnte, ohne den unnötig komplizierten Weg über eine „TV“-Sendung zu gehen. Hier passt wirklich gar nichts, die dystopischen Elemente scheinen von einem Zufallsgenerator ausgewürfelt worden zu sein.

Am Ende scheint selbst das Drehbuch entnervt die Hände in die Luft zu werfen und zu verkünden: „Sind halt alles irgendwie Simulationen innerhalb von Simulationen – ich weiß es doch auch nicht!“

Ist aber auch wurscht: Letztlich schauen wir ein paar undefinierten Spacken zu, die sich in ein paar alten Fabrikhallen verhauen und beschießen, zwischendrin verdient sich Alec Baldwin mit (in maximal zwei Tagen) separat gedrehten Szenen als Programmdirektor einen Luxusurlaub in Italien. Die Idee, mit einem „name star“ in massiv reduzierter Gastrolle Blockbuster-Aufwand zu simulieren, hat bekanntermaßen die Firma Emmett Furla perfektioniert, bei der Bruce Willis in den letzten Jahren ungefähr ein Dutzend stressfreier Millionenschecks eingestrichen hat. Es wundert mich, dass sich Alec Baldwin nun auch in dieser Liga prostituiert. Zumindest bei mir hat der Trick funktioniert. Dafür schäme ich mich ein bisschen.

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Sängerin Skin (von Skunk Anansie, wem das noch was sagt) sollte das mit der Schauspielerei gleich wieder lassen.

Fazit: Billig zusammen gestümperter Mischmasch aus Tournamentfilm-Klischees, dessen Dialoge so wenig Sinn machen wie der Plot und den lediglich eingekaufte Professionalität in Sachen Cast und CGI vor dem Amateurfilmstatus rettet. Gehört selbst in „20 Actionkracher für 10 Euro“-Boxen ganz nach hinten.



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AndyEaronnWortvogelDietmarFake Recent comment authors
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Christian Siegel

Wunderbar geschrieben, und wohl mit ziemlicher Sicherheit unterhaltsamer als der Film selbst. Danke für die „Warnung“! 🙂

Fake
Fake

Auch wenn ich deine Kritik im Ganzen für nachvollziehbar halte, finde ich das bei den Textbeispielen weniger angebracht:

„Ten must enter the challenge.“
Ten what?! Men, players, contestants, prisoners, fluffy bunnies?

Entspricht imo etwa „Zwei Mann geh’n rein, ein Mann geht raus.“ aus Mad Max 3
Der Rest klingt einfach nach Werbung für Spielshows, also einer Mischung aus Übertreibungen und Unsinn. „Die härteste, beste Show / ausgewählt aus 100000 Kandidaten [die sich online beworben und schon vom Computer abgelehnt wurden]

“Did you hear that?”
“I didn’t hear anything.”
“Exactly!”

Ist eine Phrase die andeuten soll das etwas nicht stimmt/eine Gefahr lauert da absolute Stille, z.B. im Dschungel, eher selten ist – verbunden mit einer müden Form von Ironie. (und wahrscheinlich aus einem anderen Film geklaut ist …)

Dietmar

Hier passen gestellte Fragen nicht zu den Antworten, scheinen Personen konsequent aneinander vorbei zu reden, werden Dinge vorausgesetzt, die nicht passiert nicht.

Das bildet doch eigentlich die Realität ganz gut ab…

Andy
Andy

Ach das waren noch Zeiten wo es hin und wieder einmal einen gut oder sagen wir zu mindestens sehr unteraltsamen “B“ Sci-Fi Filme gab!
Denke das war so in den 80er-90er.
Dabei hätte man doch heute viel bessere Möglichkeiten!
Woran liegt es an den Drehbüchern? Regisseure? Produzenten?

Earonn
Earonn

@Fake
Ich denke, was der Wortvogel meint ist: wir haben auch erst nur von den „Glorreichen Sieben“ gehört, aber da hat der Film uns wissen lassen, wer die 7 sind. Hier scheinen wir aber nie zu erfahren, wie die 10 ausgewählt wurden, ob es Sportler, Glücksritter, zufällig Ausgewählte etc. sind.
Motive der Handelnden sind so enorm wichtig, da sollte man schon wissen, warum die Leute teilnehmen. Aber wie zuvor erwähnt, scheint Charakterisierung ja nicht so gewollt gewesen zu sein.

Andy
Andy

@Wortvogel : Andy: Die gibt es. Und die kommen hier auch noch.
Danke und da bin ich schon sehr gespannt!