Film-Kritik: I PLAY ROCKY


USA 2026. Regie: Peter Farrelly. Darsteller: Anthony Ippolito, AnnaSophia Robb, Matt Dillon, P.J. Byrne, Toby Kebbell, Tracy Letts, Jay Duplass, Stephan James, Kiki Seto, Robert Morgan u.a.

Story: "Mike" Stallone schlägt sich in New York mit Kleinstrollen in miesen Filmen durch und träumt davon, als Schauspieler respektiert zu werden. Die Liebe zu Sasha gibt ihm die Kraft, es in Hollywood zu versuchen. Dort ist man allerdings eher an seinen Drehbüchern interessiert als an dem Nachwuchs mit dem Boxergesicht und dem Sprachfehler. Als Stallone ROCKY schreibt, wollen die Produzenten daraus tatsächlich einen Film machen – unter der einen Bedingung, die für ihn unannehmbar ist: sie wollen einen Star wie James Caan oder Charles Bronson für die Hauptrolle. Stallone bleibt stur und gegen jede Vernunft bei seinem Mantra: I play Rocky.

Kritik: I PLAY ROCKY erzählt keine neue oder bisher unbekannte Geschichte – die Parallelität von Stallones Kampf um seine erste Hauptrolle und Rocky Balboas Kampf um den Weltmeistertitel ist Hollywood-Legende. Stallone war zeitweise obdachlos, musste seinen Hund verkaufen, hatte eine schwangere Frau und Mietschulden – und lehnte dennoch immer exorbitantere Angebote ab, ROCKY für einen anderen Darsteller freizugeben. Hier eine dokumentarische Aufarbeitung, die ihr NICHT anschauen solltet, wenn ihr noch ins Kino gehen wollt:

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Stallones singuläre Entschlossenheit sollte seine Karriere prägen, die immer wieder von Rückschlägen, aber auch von fulminanten Comebacks geprägt war.

Jedem STOP ODER MEINE MAMI SCHIESST! folgte ein CLIFFHANGER, jedem OSCAR ein COPLAND, jedem DRIVEN ein ROCKY BALBOA. Und als man dachte, er habe es sich mit den EXPENDABLES auf dem Kreuzfahrtschiff MS Retro gemütlich eingerichtet, erfand er sich als TULSA KING einfach noch einmal neu. Stallone ist Rocky, Rocky ist Stallone – immer noch Sprit im Tank.

Und jetzt? Jetzt ist Anthony Ippolito Stallone als Rocky – und die Umkehrung funktioniert immer noch: Rocky ist Stallone ist Ippolito. 

Es gibt in Sachen Bio-Pics zwei Denkschulen: Man kann den Schauspieler der gespielten Person (auch mit Makeup und Prothesen) so ähnlich wie möglich nachbilden. Mehr Doppelgänger als Darsteller, mehr Mimikry als Mimik. Oder man verzichtet auf die äußerliche Deckungsgleichheit und überlässt es dem Schauspieler, in seiner Darstellung den tieferen Kern des Dargestellten zu finden. Letzteres gilt unter Schauspielern als ungleich befriedigender.

Anthony Ippolito schafft den Drahtseilakt, der beides verbindet: Er sieht wie eine Wiedergeburt des jungen Stallone aus, Muskeln und Manierismen inklusive – und spielt ihn, als habe er das Vorbild in sich aufgesogen, bis seine eigene Persona dahinter völlig verschwand. Wüsste man es nicht besser, müsste man unterstellen, dass hier eine CGI-Kreation über die Leinwand geschoben wird, weil es schlicht unfassbar ist, wie deckungsgleich Ippolito und Stallone erscheinen.

Der Film spielt permanent mit der Doppelung von Fakt und Fiktion, wenn z.B. Regisseur Avildsen beteuert, ROCKY sein kein Boxfilm, sondern ein Drama über einen Mann, der nur zufällig boxt – und so ist I PLAY ROCKY auch kein Film über die Dreharbeiten eines Boxfilms, sondern ein Drama über einen Mann, der nur zufällig Drehbücher schreibt. Von den Boxszenen sind nur ein paar kurze Clips im Nachspann verstreut.

In seiner monströsen Unterhaltsamkeit und der detailverliebten Rekonstruktion des Filmbusiness der 70er Jahre erinnert I PLAY ROCKY sowohl an ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD als auch an MAXXXINE. Die Mechanismen der Filmbranche werden präzise offen gelegt und es dürfte so manchen Zuschauer überraschen, unter welchem Druck und welchen Entbehrungen ROCKY gedreht werden musste. Als jemand, der selber peripher in dem Business unterwegs war und mit genug Hollywood-Produzenten gesprochen hat, kann ich versichern: that’s what it’s like.

Obendrein ist I PLAY ROCKY noch erfrischend witzig und ironisch. Ich musste schwer lachen, als die Produzenten im Wohnmobil während der Dreharbeiten auf einem schrabbeligen Kassettenrekorder erstmals das unsterbliche ROCKY-Theme von Bill Conti hören – und es als zu pompös und eher zu einer Parade passend abkanzeln.

Wie gesagt: etwas Neues hat I PLAY ROCKY nicht zu erzählen. Etwas Skandalöses auch nicht. Der Film unterwirft sich ganz dem ersten Triumph Stallones, dem klassischen "against all odds"-Narrativ, das vor allen späteren Fehltritten und Unappetitlichkeiten der Hollywood-Legende in den Nachspann geht. Dieser Teil der Biographie ist nicht nur sauber, sondern rein. Es gibt auch keine Bösewichte, sämtliche Hindernisse sind mechanischer und systemischer Natur und können von Stallone durch schiere Willenskraft überwunden werden.

Aber wahrlich, wie die ROCKY-Filme funktioniert auch diese Story nach 50 Jahren noch, weil sie der uns alle verbindende Traum ist, das Versprechen des "moment in the sun", wenn wir nur hart genug an ihm und an uns arbeiten. Erneut spiegelt I PLAY ROCKY in der Entstehung des Films den Film selber: Die Dreharbeiten als der große Fight, die Kinopremiere als der Triumph über alle Widerstände.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zum Nachspann vom meinem Sitz aufspringen und Beifall klatschen wollte.

Da ist es nur stimmig, dass der Film tatsächlich eine großartige Meta-Post-Credit-Sequenz mitbringt – sitzenbleiben lohnt demnach.

Fazit: Ein großer Film über die große Geschichte einer großen Geschichte eines großen Films – bekannt, aber mit Wucht erzählt und für Filmfans meiner Generation ein absoluter Gänsehaut-Garant.

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P.S.: Ich wüsste gerne, wie der österreichische Bodybuilder Roland Kickinger, der in Sitcoms und als Arnold-Double eine überschaubare Karriere hinter sich gelassen hat, hier einen Produzenten-Credit ergattern konnte.

P.P.S.: Ich widme diese Kritik Markus Elf, dem vermutlich größten Sammler von ROCKY -Memorabilia in Europa. Sein viel zu früher Tod im Februar hat ihn der Chance beraubt, diesen Film zu sehen. Was für eine karmische Ungerechtigkeit.



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jimmy1138
23. September, 2026 22:19

Anthony Ippolito hat ja schon in der Serie "The Offer" von Paramount+ über die Produktion des Paten als Al Pacino mitgespielt, wo die Parallele ist, daß die Produzenten den auch nicht als Hauptdarsteller wollten.

Edin Basic
24. September, 2026 05:52

Beim Trailer Anschauen habe ich eine Gänsehaut verspürt wie beim Original vor 50 Jahren.

24. September, 2026 12:18

"Erneut spiegelt I PLAY ROCKY in der Entstehung des Films den Film selber: Die Dreharbeiten als der große Fight, die Kinopremiere als der Sieg des Titels." Nur, dass Rocky den Titel im ersten Film nicht gewonnen hat ;-).

Markus Wolf war mir bislang zugegebenermaßen kein Begriff, die Widmung ist aber eine sehr schöne Geste, und auch wenn ich ihn nicht kannte tut es mir sehr leid, dass er diesen Film als großer Fan nicht mehr sehen konnte.

25. September, 2026 12:21
Reply to  Torsten Dewi

Ich vermisse seine begeisterung bei der Erzählung über seine Sammlung oder beim Treffen mit Krähen

Frank B.
24. September, 2026 15:54

Für die (buchhalterische) Genauigkeit: Die Serie heißt TULSA KING.

Edin Basic
27. September, 2026 08:49