FFF13So, für mich ist das Festival rum, ich sitze in München und bereite die nächsten Reportagen für mein „anderes Leben“ vor. Außerdem steht ein kurzer Urlaub an, aber dazu und darüber beizeiten. In den nächsten Tagen wird es hier noch ein paar Reviews von „Nachzüglern“ geben, die ich bisher nicht unterbringen konnte, und eventuell eine Nachbetrachtung des gesamten Festivals, so wie ich es wahrgenommen habe.

VHS 2

S-VHS
(aka VHS 2)

Ich geb’s zu: den ersten „VHS“ habe ich nicht gesehen, weil die Meinungen dazu zwar gemischt waren, aber auf diese Sorte hippen Neo-Splatter schließen ließen, den ich so gar nicht abkann. Allerdings sagte eine Frau, die kompetent erschien, dass der zweite Teil der Anthologie-Reihe, die Found Footage-Elemente mit POV-Sichtweisen kombiniert, erheblich besser sei. Und da ich zur Wiederholung von „S-VHS“ zufällig Zeit hatte, fand ich mich im Kino ein – und musste wieder diesen unangenehmen Typen abwehren, dem „Raze“ gefallen hatte und der mich in ein Gespräch darüber verwickeln wollte. So merkbefreit, wie der sich darstellte, passt er genau in die Zielgruppe, wie ich sie mir vorstelle.

„S-VHS“ bedient sich einer banalen Rahmenhandlung über Sammler obskurer Videokassetten, um insgesamt vier Geschichten verschiedener Länge zu erzählen:

– Ein junger Mann bekommt eine Art Kamera ins Auge eingebaut, mit der er viel mehr sehen kann, als ihm lieb ist

– Ein Radfahrer wird von Zombies attackiert und infiziert – und seine Helmkamera läuft und läuft und läuft…

– Ein Kultführer lässt erstmals ein Kamerateam auf das Gelände seiner Sekte. Er predigt das Ende der Welt – und liegt damit augenscheinlich gar nicht so falsch…

– Merkwürdige Aliens greifen Kids und Teens an – passenderweise hat der Schoßhund des Hauses eine Kamera um den Hals gehängt bekommen.

Ich würde mich ja gerne aufregen, aber Tatsache ist: „S-VHS“ macht Spaß. Auf eine pubertäre, laute und „ewww, gross!!!“-Art, die im Rahmen eines Festivals super funktioniert und auch den Heimzuschauer begeistern dürfte, der schon alle Saw / Hatchet / Hostel-Teile durch hat. Natürlich nervt das Gewackel der Kameras und selbstverständlich ist die Bildqualität dem Medium Video angepasst mau, aber man spürt das Herzblut der Macher, von dem auch einiges über die Leinwand spritzt.

ampel-gruen

Versteht mich nicht falsch: „S-VHS“ ist kein guter Film. Die Regie ist gerne mal konfus, die Storys sind qualitativ sehr variierend und nicht immer so clever, wie sie zu glauben scheinen. Aber ähnlich wie in „Chillerama“ und im Gegensatz zu „Little Deaths“ steht hier nicht der Zynismus, sondern der Fun im Vordergrund, die Lust an der splatterigen Exzesse.

Tres60

Three-60

Student Guillermo stößt auf einen Hinweis, dass sein Kinderfreund Ivan seinerzeit nicht einfach verschwand, sondern von einer Organhändler-Mafia entführt wurde. Zusammen mit seinem neunmalklugen Bruder und seiner neuen Freundin Daniela versucht er, das über zehn Jahre alte Verbrechen aufzuklären und die Schuldigen zu finden – die immer noch fleißig dabei sind, Nieren und Lebern meistbietend international zu verhökern…

„Three-60“ ist sicher der konfuseste Film des Festivals, weil er sich sogar nicht entscheiden mag, WAS er eigentlich sein will. 95 von 100 Minuten sind ein super softes Mystery, das auch unter dem Titel „Fünf Freunde und das Geheimnis der alten Fotos“ laufen könnte. Da werden „Erwachsene“ belauscht, Kameras installiert, Beweise gesammelt – alles in einem atemlos-pubertären „Schaut mal, was ich gerade gefunden habe!“-Tonfall, den man aus „Drei ???“-Büchern kennt. Die aufkeimende Romanze von Guillermo und Daniela ist so keusch, als habe ein 12jähriger aufgeschrieben, was er unter „großer Liebe“ versteht. Ich stellte mich darauf ein, erstmals einen FFF-Film nicht nur für die Freundin, sondern auch für den kleinen Bruder zu empfehlen.

Und dann – dreht der Film. Unmotiviert, hanebüchen konstruiert und an keiner Stelle logisch stellt er im Finale alles, was wir bisher gesehen haben, auf den Kopf. Er wird zynisch und als sei das noch nicht Wende genug, bekommen wir doch noch eine fette Sexszene zwischen Guillermo und Daniela zu sehen.

ampel-rot7Nun ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Film sich selbst dekonstruiert, um den Zuschauer unerwartet in eine neue Richtung zu zerren. Aber hier ist es tonal und emotional unbefriedigend und unglaubwürdig. Die Wende ergibt sich auch nicht aus den vorherigen Geschehnissen, sondern aus reinem Zufall. Es ist einfach nicht stimmig.

Das Programmheft schreibt übrigens:

„Apropos attraktive Bilder: Sara Sálamo bewirbt sich mit THREE-60 hochambitioniert als „Miss Eye-Candy“ des aktuellen Festivaljahrgangs.“

Das stimmt:

sara-salamo-galeria-04

The last days

The Last Days

Eine weltweite Katastrophe (deren Ursache und Wirkung uns lange vorenthalten wird) hat die Zivilisation zusammen brechen lassen. In Barcelona machen sich der Programmierer Marc und der Sanierer Enrique auf, um durch die Ubahn-Schächte zu ihren Liebsten durchzudringen. Es wird eine Odyssee, die zwei sehr verschiedene Männer zusammen schweißt und am Ende kein Reboot, sondern einen Neuanfang der gesamten Menschheit einleitet.

ampel-gruenEs ist versöhnlich, wenn  bei einem Festival, das primär viel versprochen, aber erschreckend wenig gehalten hat, ausgerechnet der letzte Film eine unerwartete Perle ist. „The Last Days“ ist eine Mischung aus Katastrophen- und Apokalypse-Streifen, hat stramm inszenierte Actionszenen, solide Effekte und gute Darsteller. Was ihn aber vom üblichen Festival-Futter abhebt, ist das durch und durch emotionale Skript, das bekannte Klischees (Schwangere Freundin retten! Kranken Vater finden!) glaubwürdig in den Figuren verankert und auf ein Finale hinsteuert, das nicht nur Showdown sein will. Im Gegensatz zu „Carriers“ von den gleichen Regisseuren ist das Ende von „The Last Days“ nicht nur befriedigend, es ist wunderschön und hoffnungsvoll, ohne kitschig zu sein. Vor allem zeigt es im Gegensatz zu vielen Filmen dieses Subgenres nicht nur den Aufbruch in eine neue Welt – sondern auch, wie diese aussehen könnte.



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Big Al
Big Al

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Peroy
Peroy

War „The Last Days“ nicht der Film mit der Prämisse, dass Menschen draufgehen, wenn sie…

SPOILER

…weite Räume betreten…? War das der?!? Was’n Kack…

Mai
Mai

Nachzügler-Kommentar (hier läuft das FFF noch…): Mich irritiert es profund, dass du häufig schreibst, den einen oder anderen Film könne man mit seiner Freundin gucken, oder eben nicht. Ja, der Anteil an männlichen, bewampten Metal-Shirt-Trägern beim FFF ist hoch und der Frauenanteil niedrig. Aber: Es gibt durchaus Frauen, die Spaß an solchen Filmen haben. Und ich fühle mich irgendwie verkohlt, wenn mir eine Rezension implizit erklärt, ich dürfe zum Beispiel „Sin City“ nicht mögen, obwohl der geschlechtsunabhängig großartig ist, genauso wie die Comics. (Das hat in diesem Fall allerdings filmszene.de behauptet.) Ja, das ist mein Problem, und nein, ich will dir nicht im Namen der PC vorschreiben, was du zu schreiben hast – nur anregen, zu überdenken, ob die Kategorie „girlfriend-tauglich“ noch brauchbar ist.

Mai
Mai

Weil ich dich für schlauer halte als die Typen von Filmszene. Und dachte, dass die Bitte (nicht Forderung), die Kategorie „girlfriend-tauglich“ zu überdenken, hier nicht auf das Unverständnis und den Spott stoßen würde, auf den Themen, die irgendwie nach „Gender-Gedöns“ riechen, sonst halt meisten so stoßen. Wenn du ein Überdenken für unnötig hältst, geht die Welt natürlich auch nicht unter, ich lese dein Blog trotzdem weiter – es macht halt nur immer kurz *autsch*, wenn bei FFF-Besprechungen mal wieder steht, ein Film sei nix für die Freundin. Bloß eine Leserinnenmeinung, die zu ignorieren dir selbstverständlich völlig freisteht.

Mai
Mai

Ich wollte dir nicht unterstellen, Frauen abzuwerten! Ich verstehe, was du meinst – eine gute Intention, eigentlich. Ich wollte nur meinen Unmut darüber ausdrücken, dass bei vielen Rezensionen zu Horrorfilmen und Comicverfilmungen dieses „Das ist aber nix für die Freundin“ zum Ausdruck kommt, das ich in seiner Umfänglichkeit mittlerweile für überholt halte und das mich persönlich immer nervt. Das Blog hier ist wahrscheinlich die falsche Plattform für solche Kritik – sorry dafür, wollte keine Geschlechterkämpfe in deinen Kommentarspalten beginnen. Dein Blog ist eben eine meiner Lieblingsquellen für Filmrezensionen (gerade zum FFF), deshalb vielleicht… also, kurz gesagt: weitermachen!

Howie Munson
Howie Munson

„Freundin tauglich“ ist was anderes als „tauglich für Frauen die sich auch fürs Genre interressieren“….

Und nun die Preisfrage: wären die „untauglichen“ Filme was für (alle) deine Freundinnen?

Mai
Mai

Ich schätze: Für 90 Prozent meiner Freundinnen schon. Bin lediglich der Ansicht, dass die Einteilung in „Frauensachen“ und „Männersachen“ (allgemein, nicht hier im Blog!) auch Männern letztlich keinen Gefallen tut. Wann, oh wann wird RTL entdecken, dass auch weibliche Gamescom-Besucher agora- und soziophobische, ungewaschene Nerds sein können… (Anwesende ausgenommen)

Peroy
Peroy

„Sin City“ ist geschlechtsunabhängig für’n Arsch.

Mai
Mai

Quatsch. „Sin City“ ist die beste Comicverfilmung bisher.

DMJ

Einigen wir uns darauf, dass Peroy geschlechtsunabhängig für’n Arsch ist. 😉

Peroy
Peroy

„Sin City“ ist ein Haufen Brutalo-Scheisse für moralisch verkommene Idioten. Möglicherweise eine adäquate Umsetzung der Vorlage…

Marcus
Marcus

Three-60: war über weite Strecken durchaus unterhaltsam. Das Ende ist aber wirklich fürn Arsch. 6/10.

The Last Days: What he said. 9/10.

Ach ja: „Sin City“ – 2/10. 😀

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