Dies ist mal wieder eine der ärgerlichen Geschichten, die einem in dieser Branche passieren, über die man sich aber nicht aufregen darf. Manchmal hat niemand Schuld. Shit happens. Darum lasse ich auch Namen, die ich nennen könnte, im Folgenden weg.

6CEDD3C741FE40338885B8682F40786B_Erler_ReinerIch hatte schon mal erwähnt, dass es mir vergönnt war, als erstes professionelles Interview meines Lebens den Regisseur Rainer Erler auszufragen. Besser kann man es sich nicht wünschen: artikuliert, aber präzise; charmant, aber unaufdringlich; intellektuell, aber nicht herablassend. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie ein gutes Interview abläuft – und daran konnte ich prima die ganzen Arschlöcher messen, die mir in den Folgejahren vor das Mikro kamen.

Bei unserer ersten Begegnung war ich ein Fanzine-Schreiber, noch im Zivildienst und hatte keinen Plan. 10 Jahre später, als ich ihn in seinem Haus südlich von München besuchte (er lebt im Wechsel dort und in Perth/Australien), war ich Redakteur bei ProSieben und hatte eine Idee.

Ym4yNTI2MA==Erler erzählte mir, dass er seinen letzten Film für das ZDF kurz vor Drehbeginn abgeblasen hatte. Er machte aus dem Stoff dann den Roman „Ein Feuerzeichen“. Regie führte er nicht mehr, hatte er auch kein allzu großes Interesse dran. Wir plauderten über alte Zeiten, „Die Delegation“, „Operation Ganymed“, natürlich „Das blaue Palais“. Ich erwähnte, dass es doch schön wäre, einige seiner Stoffe – ein“best of“ quasi – noch mal neu zu verfilmen. Für eine neue Generation.

Die Idee gefiel ihm.

Ich bat um die Erlaubnis, sie in ein Konzept zu fassen, das ich bei ProSieben zu präsentieren gedachte. In meinem Kopf stellte ich schon die vier Filme zusammen, die ich thematisch für geeignet erachtete: „Die Delegation“, „Operation Ganymed“, „Die letzten Ferien“ – und „Ein Feuerzeichen“ als Weltpremiere. Was für ein Coup, den letzten Film Erlers doch noch in die Realität zu hieven!

FleischIn der Folge sprach ich mit einem der leitenden Redakteure des Senders über die Idee. Er stammte selber aus dem Fandom und war sofort Feuer und Flamme, schlug aber statt „Die letzten Ferien“ den Organklau-Thriller „Fleisch“ zum Remake vor. Damit hatte er Recht und ich übernahm die Idee sofort. „Fleisch“ ist immer noch ein hoch aktueller Stoff, dessen Postermotiv mit der flüchtenden Jutta Speidel jedem über 40 bekannt ist.

Erler selbst ist übrigens überzeugt, dass es sich bei Larry Cohens „The Ambulance“ um einen Ripoff seines Films handelt. Aber das nur am Rande.

Obwohl die Stoffe verschiedene Schwerpunkte hatten, meine ich immer noch, dass sie ein homogenes Paket bilden und auch zum damaligen Profil des Sender ziemlich gut passten.

„Die Delegation“ – ein Conspiracy-Thriller im Found Footage-Format. „Akte X“ meets „Aspekte“.

„Operation Ganymed“ – ein futuristisches Survival-Drama mit überraschendem Ausgang.

„Fleisch“ – ein internationaler Actionkrimi zu einem Thema, das bei jedem Zuschauer Gänsehaut verursacht.

„Ein Feuerzeichen“ – ein okkultes Mystery mit faszinierendem Aufhänger und großen Bildern.

Ende der 90er war es notorisch schwierig bei ProSieben, die Chefetage für eine Präsentation an einen Tisch zu bekommen. Es dauerte Wochen, bis alle Termine koordiniert waren und auch Rainer Erler zur Verfügung stand. Ich hatte eine kleine Ansprache vorbereitet, ein paar Szenenausschnitte, ein kurzes Pitch Paper. Erler war eine Legende und ich rechnete mir gute Chancen aus, den Viererblock TV-Filme als „Rainer Erler Classics“ in die Produktion zu bekommen. Oder wenigstens zwei der Filme. Oder einen – als Testballon.

operationganymedEs war, wenn ich mich nicht völlig falsch erinnere, im Oktober 1998. Rainer Erler fand sich in Unterföhring ein, ich sollte ihn bis zum Meeting mit Kaffee und Keksen bespaßen. Es zog sich. 10 Minuten, 30 Minuten, schließlich eine Stunde über die Zeit. Verspätungen waren zwar normal, aber das fand ich respektlos und unangebracht. Was zur Hölle war los?

Nach ungefähr 90 Minuten kam der Leiter des Senders endlich rein, etwas atemlos. Er drückte Rainer Erler freundlich die Hand und erklärte, dass man ihn gerade gefeuert habe: „Aber ich wollte wenigstens mal guten Tag gesagt haben.“

Peng.

Damit war die Sache eigentlich durch. Die neue Chefetage hatte erwartungsgemäß kein Interesse, die Projekte der alten Chefetage zu entwickeln. Die „Rainer Erler Classics“ waren vom Tisch. Ich verließ den Sender 1999 und ging zu Tandem. Die Idee nahm ich mit. Weil sie immer noch gut war. Der Beweis: kaum ein Jahr später drehte SAT.1 unter dem doofen Titel „Einladung zum Mord“ ein Remake von Erlers „Die letzten Ferien“.

Es ging Zeit ins Land, ich hatte andere Projekte am Bein und konzentrierte mich auch immer mehr auf meine Karriere als Autor. Zu Erler hielt ich sehr losen Kontakt – ich hatte immer das Gefühl, ihn hängen gelassen zu haben. Er konnte es mir nicht ausreden.

Um 2007 saß ich mit einem alten Kollegen von ProSieben beim Bier und nölte, dass ich die „Rainer Erler Classics“ für DIE verpasste Chance meiner Zeit beim Sender hielt. Er sah mich überrascht an: „Wieso? Wir machen doch gerade das ‚Fleisch‘-Remake.“

fleisch2Und hier ist der Punkt, an dem man die Geschichte EIN BISSCHEN hakelig finden kann. Erinnert ihr euch an den leitenden Redakteur, der sich für meine Idee begeistert hatte? Der war bei einem weiteren großen Chefroulette mittlerweile an die Spitze gekommen – und hatte sie selbst auf die Startrampe gebracht. Ohne Rückfrage, ohne Beteiligung, ohne Kontakt. Legal und durchaus verständlich, aber nicht wirklich fair, wie ich fand.

Ich kontaktierte Rainer Erler, der mir ebenfalls von dem Remake erzählte – und sich schon gewundert hatte, warum ich daran nicht beteiligt war. Was sollte ich sagen? Ideen sind nicht schützbar und ich war ja nicht mal mehr Mitarbeiter des Senders.

So kam es, dass ProSieben tatsächlich ein „Fleisch“-Remake drehte. Ohne mich. Es war auch recht erfolgreich. Rainer Erler fand es sogar in vielerlei Beziehung besser als sein Original. Eine Weile lang wurde wohl an einem Sequel gedoktort, aber da kam nichts bei raus. Es blieb auch das einzige Erler-Remake des Senders.

Vor zwei oder drei Jahren habe ich den zuständigen Senderchef anderswo noch mal getroffen und ihm gesagt, dass ich es ziemlich arm fand, in das Erler-Remake nicht involviert worden zu sein. Er war ehrlich überrascht und versicherte mir, sich an den Versuch von 1998 nicht zu erinnern. Und wisst ihr was? Ich glaube ihm. Kommt vor. Shit happens.

Es sollte jedoch nicht die einzige Enttäuschung sein, die ich mit dem Namen Rainer Erler verbinde. 2008 wurde der Regisseur, Autor und Produzent 75. Weil augenscheinlich niemand darauf kam, einem der bedeutendsten und prägendsten Filmemacher des ZDF die Ehre zu erweisen, holte ich mir von ihm die Erlaubnis, eine offizielle Dokumentation über sein Dekaden umfassendes Werk anzubieten. Ich wurde mit dem Konzept bei diversen Produktionsfirmen vorstellig.

No takers.

Man schaue sich mal an, was auf dem ZDF und seinen diversen Ablegern für abstruse Dokus zu den hanebüchensten Themen laufen – aber für eine Low Budget-Produktion über Erler war weder Platz noch Geld. Ich bekam bei einer Produktionsfirma ernsthaft den Satz zu hören: „Wen schert denn heute noch Rainer Erler?“

Mich schert er, ihr Pfosten!

fuchs

Trotzdem würde ich gerne irgendwann noch „Ein Feuerzeichen“ fürs Fernsehen schreiben. Oder das Remake von „Operation Ganymed“. Bis dahin empfehle ich einfach mal die sehenswerte „Kultfilme“-Box von Erler und für die ganz Harten unter euch „Das blaue Palais“.



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Dr. Acula

„Das blaue Palais“ ist wirklich… speziell. Aber auf „Ganymed“, „Fleisch“, „Delegation“ & Co. lass ich nix kommen.

Doc Knobel
Doc Knobel

Diese „Hinter den Kulissen“ Geschichten sind immer meine kleinen Highlights hier, besten Dank. Ich hatte auch die Freude, mit Erler in Kontakt treten zu können, allerdings weilte er da gerade in Australien. Habe ihn auch als sehr angenehm in Erinnerung.Allerdings war mir bis gerade tatsächlich unbekannt, dass es ein Remake zu „Fleisch“ gibt. Mein Favorit ist ja ohnehin “Ganymed”. Interessant auch die Parallelen zu „Ambulance“ – gar nicht so abwegig der Gedanke.

Peroy
Peroy

Ich will ja nix sagen, aber an dem „Fleisch“-Remake NICHT beteiligt gewesen zu sein war vielleicht doch die glücklichere Fügung…

DMJ

Das erinnert mich wieder daran, dass ich noch viel zu wenig von Erler kenne und mir wohl die Kultfilm-Box zulegen sollte. Das „Fleisch“-Original hingegen schon und auch, wenn es mich nicht wirklich mitriss, weiß ich noch, dass ich das Remake furchtbar fand.

„Die Delegation“ ist toll und seiner Zeit voraus, aber da wäre zumindest heute ein Remake recht sinnlos, da es halt soviel an Found-Footage-Zeugs gibt… aber hätte man damals auf dich gehört, hätte man früher mit dabei sein können.

Peroy
Peroy

„@ Peroy/DMJ: Dem aufmerksame Leser fällt auf, dass ich das “Fleisch”-Remake selber nicht bewertet habe…“

Das brauchst du auch nicht, ich hab‘ die DVD…

heino
heino

Ach ja, so einen wie Rainer Erler bräuchte die deutsche TV-Landschaft mal wieder. Aber der würde vermutlich niemals einen Finanzier finden:-(

Dietmar
Dietmar

„Fleisch“ fand ich damals sehr eindrucksvoll. Jutta Speidel und Herbert Herrmann habe ich sowieso gemocht, und dadrin waren die klasse.

Man könnte denken, es wäre gut, dass Ideen nicht einfach umgesetzt werden können, sondern durch Feuerproben müssen. Wäre aber Quatsch. Ich denke, es wird durch solche Niggeligkeiten zu viel Gutes verhindert.

Karlheinz Stockhausen soll nach vielen Jahren in den Kölner Radiosender gegangen sein, mit dem er in den Siebzigern seine großen Werke neuer Musik produzierte. Der zuständige Redakteur wusste nicht einmal, mit wem er da spricht. So erzählte mir ein ehemaliger Schüler von ihm. Ich finde schon, dass es da wie Erler gegenüber schlicht an Respekt fehlt. Trifft nach meinem Gefühl auch verdächtig oft gerade die sympathischen und vernünftigen Leute.

TimeTourist
TimeTourist

Jutta Speidel in Fleisch….mmmh – der Traum meiner pubertierenden Nächte

Mencken
Mencken

@Dietmar: Mit Respekt hat das nichts zu tun, ist einfach mangelndes Wissen (und meinetwegen noch generell zusehends schlechter werdende Umgangsformen).

Dr. Acula

@Mencken, Dietmar

Ich gehe davon aus, dass das zu einem guten Maß daran liegt, dass „moderne“ Redakteure keinen persönlichen Bezug zu dem haben, was sie da redegieren. Die könnten genau so gut Bohrmaschinen, Heizdecken oder Zigaretten verkaufen, da ist kein Interesse an dem Produkt und demzufolge auch nicht an seiner Geschichte und Kultur.

Dietmar
Dietmar

@Mencken, Dr. Acula: Gute Gedanken. Werden meinem reichen Argumenten-Schatz hinzugefügt. 😉

TomHorn
TomHorn

Die DVD-Box zu „Das blaue Palais“ habe ich mir erst letzten Herbst zugelegt, bin aber noch nicht dazu gekommen, es zu glotzen. Was Erler betrifft, bin ich eh noch recht unbeleckt, „Fleisch“ habe ich irgendwann mal im TV gesehen, ich glaube, das ZDF brachte den anläßlich des Remake nochmal im Nachtprogramm. „Operation Ganymed“ habe ich sogar noch als Original-VHS. Was sollte man sonst noch von ihm gesehen haben?

Dietmar
Dietmar

Das fällt mir jetzt gerade auf: Jutta Speidel flüchtet in Panik. Alles, ihre Mimik, ihre Körperspannung drückt Panik aus. Die Schauspielerin, deren Namen ich zu faul bin zu suchen, joggt mit offenem Mund. Sie sieht wie eine routinierte Läuferin aus. Schnitte man den jeweiligen Hintergrund weg, wäre Speidel immer noch die panisch Flüchtende, die andere eine Läuferin, die vielleicht gerade einem Taxi nachläuft oder so.

Dietmar
Dietmar

Wobei ich Jutta Speidel zutraue, das auch gestellt so hinzubekommen: Schließlich ist sie im Film ja auch nicht real vor Mördern geflüchtet. 😉

Wolfman17
Wolfman17

Keine Doku zu Rainer Erler? Das ist doch ein Armutszeugnis für das ZDF! Auf den digitalen Ablegern wie ZDF Neo sollte doch Platz dafür sein. Ich kann mich erinnern, dass Erlers Filme eine ganz eigenständige Atmosphäre hatten. Ob Jutta Speidel einsam und verloren in der US-Landschaft, Dieter Laser (unterstützt von einer ganzen Reihe weiterer bekannter Gesichter) als veirrter Astronaut in „Operation Ganymed“, Erler schaffte es immer, mir ein unbequemes Gefühl zu vermitteln, das auch noch lange nach dem Abspann blieb.

Möglicherweise wird das heute als „wird den veränderten Sehgewohnheiten nicht mehr gerecht“ eingestuft. Ich kann das sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen, die 70er konnten sich eine langsamere Erzählweise leisten, weil sie weniger Angst vor dem Zappen des Zuschauers zum nächsten Sender haben mussten. Trotzdem schade. Eine Erler-Retrospektive auf Arte wäre eine nette Sache.

Dietmar
Dietmar

@Wolfman17: Ich habe mich gerade dabei ertappt, altväterlich sinnierend mit dem Kopf genickt zu haben, als ich Deinen Kommentar las; insbesondere die „langsamere Erzählweise“ sorgte für diese Pendelbewegung.

Rainer Erler
Rainer Erler

Ich bin sehr beeindruckt, von allem, was ich da eben gelesen habe!
Danke meine Fans! Und besonderen Dank an Torsten Dewi!
Übrigens: Die fliehende Jutta Speidel vor der Ambulanz habe ich persönlich fotografiert. Wie alle Standfotos. Es war also ein „gestelltes“ Bild.
Aber wenn die Speidel spielt ist sie immer voll da!
Herzliche Grüße – Rainer Erler

DMJ

Ich weiß: Im Internet kann jeder vorgeben jeder zu sein, aber ich bin jetzt mal gutgläubig und glotze baff über Kommentar #20. O_O

DMJ

*grellkreisch*

Awesome! 😀

comicfreak

*WOW*

Dr. Acula

*mitkreisch*

G

*inohnmachtfall* 😀

Marcus
Marcus

*neben G hinfall* 😀

OnkelFilmi
OnkelFilmi

Wir sind unwürdig, wir sind unwürdig!

Peroy
Peroy

Das ist mal sehr edel…

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[…] 90ern ist abgeebbt. Aber es war nicht alles schlecht: Von Rainer Erler-Filmen wurden tatsächlich Remakes gedreht – wenn auch nicht die, die ich hier vorgeschlagen hatte. Seine Filme gibt es auch bequem auf […]