Es war ein harter Tag, dieser Dienstag. Von morgens 8.00 Uhr bis abends 21.15 Uhr beruflich unterwegs. 500 Kilometer im Mietwagen durch Schneefall, Gebirge, vereiste Autobahnen. Dunkelheit, Hunger, die wie immer nagende Sorge, dass die sorgfältige Planung sich nicht auszahlt, dass was dazwischen kommt, dass das Ergebnis den Aufand nicht rechtfertigt.

Ich bin fertig, als ich daheim in den Sessel falle. Und allein. Die LvA ist ebenfalls unterwegs, den ganzen Rest der Arbeitswoche noch. Ich skype sie im Hotel an, wir erzählen unseren Tag, vermissen uns. Als ich die Verbindung beende, ist es 23.15 Uhr.

Entsetzlicher Hunger. Auf Reportage bin ich immer zu aufgedreht, um ordentlich zu essen, das rächt sich nun. Kein Eiweiß mehr für ein Omelette, kein Mehrkornbrot für eine Stulle. Ich bin schlecht vorbereitet und einfach zu hungrig, um hungrig ins Bett zu gehen. Heute darf es mir egal sein, heute muss meine Diät eine kleine Pizza vertragen, weil der Bringservice in der Nähe bis Mitternacht auf hat. „Klar, kein Problem, kommt in 15 Minuten“. Erfreulich.

Es klingelt zeitnah, ich erwarte den Boten an der Wohnungstür. Er entspricht diesem Klischee, das ich kenne, aber nicht verurteilen mag: Mitte bis Ende 30, strähnige lange Haare, Tattoos und ausgelatschte Turnschuhe. Man muss nicht gemein sein, um zu vermuten, dass er ausreichend Erfahrung mit Drogen, Knast und Schulden hat. Der Job ist vielleicht – hoffentlich – so was wie ein Anker. Keine Karriere, aber ein Halt vor dem Absturz. Ehrliche Arbeit, so albern das klingt.

Vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht hat er zu Hause eine Frau und zwei Kinder, die Tattoos sind Jugendsünden von der Bundeswehr und mit den Pizzas verdient er sich den Mallorca-Urlaub dazu.

Er ist freundlich und versucht einen Blick in unsere Wohnung zu erhaschen, als er mir die Pappbox reicht. Warum? Er grinst mich an: „Na? Ist der Panther wieder unterwegs?“

Ich brauche keine Sekunde, um zu verstehen, was er meint. Er weiß es nicht. Er war vielleicht ein oder zweimal letztes Jahr hier, als ich mich noch nicht so gesund ernährt habe. Als ich noch öfter Pizza bestellte.

Als Abby noch da war.

Sie hat jeden Besuch des Pizzaboten genutzt, um in den Hausflur zu flitzen. Sie liebte es, nach oben zu laufen, an den Türen und Fußabtretern der Nachbarn zu schnuppern. Das war für sie Abenteuer. Und nun fällt es mir auch wieder ein – es war dieser Pizzabote, der sie damals mal mit einem schnellen routinierten Griff gepackt und wieder in unsere Wohnung geschoben hatte.

Ich schaue ihn an. Ich nehme die Pizza und sage: „Nein, sie ist nicht da. Sie ist… nicht mehr da.“

Er schaut mich an. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er sagt: „Ich sage wohl besser nichts“. Wir schweigen, während ich das Geld rauskrame. Das Schweigen macht es schlimmer, darum flüstere ich: „Ist nicht leicht. Ist es wohl nie“. Nun hat er das Gefühl, doch etwas sagen zu dürfen: „Ich habe einen Hund, der ist schon 15. Ich hatte immer Hunde und Katzen, mein ganzes Leben. Nein, einfach ist es nie.“

Es ist keine Plattitüde, kein leeres Gerede zweier Menschen, deren Leben sich nur marginal überschneidet und die einen betretenen Moment überwinden müssen. Er meint es wirklich so. Ich sehe ihm an, dass er in diesem Moment bei den schlimmen Momenten seiner früheren Haustiere ist und bei seinem altem Hund.

Er bekommt sein Geld, aber ich will ihn nicht so bedrückt gehen lassen. Bemüht lässig winke ich ab: „Wir haben uns schon Nachfolger ausgesucht. Dann geht’s wieder rund.“

„Ist sicher gut“, murmelt er, bedankt sich für das Trinkgeld und rafft sich auch noch mal zu einem Lächeln auf. „Ich wünsche Ihnen einen wirklich schönen Abend.“

Ich schließe die Wohnungstür, lege die Box auf die Kommode und fange an zu heulen. Ich bin müde, ich bin hungrig – es war einfach ein zu langer Tag.

Danke, Mr. Pizzabote. Ganz ehrlich. Danke.



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