Am Mittwoch Abend hatte Abby einen schweren Anfall. Es wurde auch über Nacht und am nächsten Morgen nicht besser. Donnerstag brachte ich sie zum Arzt, wo sie eine Beruhigungsspritze bekam, damit man ihr Blut abnehmen konnte. Die Ergebnisse sollten binnen 48 Stunden vorliegen. Daran sollte sich entscheiden, ob wir die Dosis anpassen oder auf ein anderen Mittel ausweichen. Zusätzlich bekam ich Valium ausgehändigt, um die Katze bis dahin in akuten Fällen etwas dämpfen zu können.

Es half nur nicht.

Die Nacht auf Freitag war der Horror. Abby war so schwach, dass sie gegen Türstöcke stieß und immer wieder mit den Hinterbeinen weg knickte. Gleichzeitig war sie hellwach und neurotisch, was die Gefahr steigerte, dass sie sich verletzte. Sie schien neben sich zu stehen, erkannte uns nicht, wollte ständig fressen, irrte ruhelos durch die Wohnung. Ich blieb die ganze Nacht bei ihr, immer bedacht, sie im Zweifelsfall heben zu können, wenn sie kraftlos auf das Sofa oder eine Kommode springen wollte. Der LvA und mir brach es das Herz. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als Verantwortung zu haben, aber nicht helfen zu können.

Es war der Punkt erreicht, über den Britta und ich einige Male gesprochen hatten. Unsere Katze war vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, Anti-Epileptika und Valium – trotzdem ließen die sie quälenden Anfälle nicht nach. Sie litt, es gab keine praktikable und zeitnahe Hoffnung auf Besserung mehr. Wir hätten sie noch zwei Monate zum Versuchskaninchen machen können, mit Klinikaufenthalten und ständigen Besuchen beim Tierarzt. Mit Autofahrten, die sie verstören. Mit Spritzen, die sie hasst. Mit Schmerzen, die sie nicht versteht. Das kam für uns nicht in Frage. Gegen 4 Uhr morgens schickte ich dem Tierarzt eine Email mit der Bitte, uns sofort beim Eintreffen in der Praxis anzurufen.

Liebe bedeutet, loslassen zu können. Am Freitag um 10.30 Uhr haben wir Abby gehen lassen.

Das Haus Wortvogel trägt Trauer. Wir hatten kaum ein Jahr, kein Weihnachtsfest und kein Silvester gemeinsam, nicht mal einen Geburtstag. Aber diese Zeit war reines Glück. Abby fand nach ihrer Odyssee bei uns ein Zuhause und zwei Menschen, die sich förmlich darin überboten, sie zu lieben. Und wir bekamen eine Dankbarkeit und Spielfreude zurück, die jeden Tag mit Leben füllte. Es war alles gut, es war alles richtig. Abby war Sonne, strahlend und warm.

Zu kurz die gemeinsame Zeit und doch für die Ewigkeit im Herzen.

Damit enden die „Abby Sundays“. Das ungeöffnete Futter werden wir dem Tierheim spenden, das Katzenklo steht bereits ausgewaschen im Keller. Die Spielsachen, die Katzentreppen, die Kratzbäume – sie bleiben. Nicht nur als Erinnerung. Nicht jetzt, nicht bald, aber in absehbarer Zeit hängen wir für die Abbey Road ein „Nachmieter gesucht“-Schild raus.



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