Der Kollege Mario Sixtus, nie um ein klares (wenn auch nicht immer wahres) Wort verlegen, bezeichnete den Verursacher des tödlichen Dooring-Unfalls in Berlin kürzlich als „rücksichtsloses Arschloch“ – und in dem Atemzug gleich alle Autofahrer, die beim Öffnen der Tür Unfälle verursachen.

„Außerdem finde ich, „rücksichtslose Arschlöcher im Auto“ sollte man „rücksichtslose Arschlöcher im Auto“ nennen und nicht „Dooring“.“

Die Wutbezeichnung klingt gut, streitsam und holt angesichts des aktuellen Falls Beifall. Billigen Beifall, wie ich finde, aber man ist da ja nicht notwendigerweise wählerisch. Die Facebook-Crowd, sie kradolft entsprechend. Die böse, wir gut.

Ich sehe das anders. Komplett anders. Zum Verständnis sollte man etwas über Sixtus wissen und etwas über mich.

Sixtus hat (wenn ich mich recht erinnere, er möge mich da korrigieren) keinen Führerschein. Er hat deshalb auch kein Auto. Er ist kein Autofahrer. Er weiß nicht, wie das ist. Er kann nicht beurteilen, wie die Verkehrssituationen für Fahrer sind, wie unübersichtlich manche Ecke, wie gefährlich der tote Winkel. Dass es passieren kann, auch wenn man kein „rücksichtsloses Arschloch“ ist. Weil die Interaktion von Menschen keine exakte Wissenschaft ist und auch bei größter Vorsicht Dinge einfach passieren können. Shit happens. Fast jeder Unfall hat ein Opfer – nicht jeder hat einen Täter.

Die Tatsache, dass Mario Sixtus kein Fahrer ist, macht die Bezeichnung „rücksichtslose Arschlöcher“ natürlich auch leicht, denn sich selbst KANN er ja nicht meinen.

„Wie jetzt? Sind Leute, die ihre Wagentüren aufreißen und andere Verkehrsteilnehmer damit vom Bike säbeln, etwa KEINE rücksichtslosen Arschlöcher?“

Gestatten: Torsten Dewi. „Rücksichtsloses Arschloch im Auto“.

Es war 1992 oder 1993. Ich fuhr stolz meinen ersten Wagen, einen alten nachtblauen Renault 18. Aus irgendeinem Grund musste ich zum Abend noch mal in die Redaktion. Vor dem Eingang in der Nordendstraße sah ich eine ausreichend lange Parklücke, in die ich geschmeidig einfahren konnte. Handbremse, Licht aus, Zündung aus, Gurt weg.

Ich WEISS, dass ich nach hinten geguckt habe. Über die Schulter UND im Rückspiegel. Ich weiss NICHT, ob der Fahrradfahrer, den ich dabei übersehe, sein Licht angesichts der Dämmerung schon angeschaltet hatte.

Was ich weiß und was ich nicht weiß, ist unwichtig in den Moment, als ich die Tür aufstoße und nur ein knapp gebrülltes „Scheiße!“ höre. Es tut einen dumpfen Schlag, bevor ich realisiere, was los ist. Ein Fahrrad knallt in die Innenseite meiner Fahrertür, der Radfahrer segelt darüber hinweg und schlägt auf den Asphalt.

Ich atme ein, zwei Sekunden lang durch, vermutlich werde ich kreidebleich, aber das sehe ich ja AUCH nicht. Dann springe ich aus dem Wagen und eile zu dem Mann, der sich erstaunlicherweise schon wieder aufrappelt. Er flucht, sein Hemd ist an der Schulter zerrissen, aber darüber hinaus scheint er halbwegs in Ordnung zu sein. Ich bin kein Mediziner und maße mir kein Urteil an.

„Wie geht’s Ihnen? Soll ich einen Krankenwagen rufen? Mann, das tut mir so leid. Ich habe Sie wirklich nicht gesehen. Wollen Sie sich hier auf die Bank setzen?“

Er winkt ab, schaut sich sein Fahrrad an. Wie der Besitzer ist es überraschend maßvoll beschädigt. Der Lenker steht schief und ein Reifen ist verbogen. Ich vermute eine leichte Gehirnerschütterung oder allgemeine Verdatterung, denn er meint, dass er direkt um die Ecke wohne und jetzt erstmal nach Hause gehen wolle.

Ich werfe einen Blick auf meine Wagentür. Am Anschlag ist ein hässlicher Knick im Blech. Wurscht. Der Wagen ist alt und Blut wäre schlimmer. Ich frage den Mann noch mal, ob ich nicht zur Sicherheit eine Ambulanz rufen soll. Oder die Polizei. Die natürlich auch, wenn er das ordentlich aufgenommen wissen will. Könnte für die Versicherung wichtig sein.

Er ist entspannter als ich, winkt wieder ab. Nein nein, er wird sein Fahrrad hier stehen lassen und zu Fuß heim gehen. Ich bitte darum, wenigstens den Schaden zu begleichen, die Reparatur und das Hemd. Meine Visitenkarte muss ich ihm förmlich aufdrängen. Ich habe das Gefühl, er stimmt nur mir zuliebe zu, die Rechnungen zu schicken. Irgendwann legt er mir die Hand auf die Schulter: „Kann passieren. Ehrlich. War jetzt hauptsächlich ein ziemlicher Schreck, wohl für uns beide.“

Menschliche Größe und non-konfrontatives Miteinander, so können sie aussehen.

Er zupft sich das zerrissene Hemd zurecht, schließt sein Fahrrad an eine Laterne und macht sich auf den Weg. Ich möchte ihm noch mal einen Krankenwagen anbieten, beiße mir aber auf die Zunge. Wenn er doch nicht will.

Ich habe nie wieder von ihm gehört. Fahrrad und Hemd hat er wohl auf seine Kappe genommen. Die Reparatur meiner Wagentür kostet fast 400 Mark. Ein kleiner Preis – was wäre gewesen, wenn der Mann ernsthaft verletzt gewesen wäre? Eine Rechnung, die ich nicht mit Geld hätte begleichen können. DAS wäre ein zu hoher Preis gewesen.

Die Geschichte verfolgte mich damals monatelang, blitzt heute noch in meinem Kopf auf, wenn ich parke und die Tür öffne. Ich mache es genau so vorsichtig, wie ich es damals getan habe – und ich weiß, dass das keine Garantie ist. Für nix. Shit happens.

Nein, Mario, ich sehe mich nicht als „rücksichtsloses Arschloch“. Und zu meiner Überraschung hat mich auch der Typ auf dem Fahrrad nicht als „rücksichtsloses Arschloch“ gesehen. Wer gibt dir das Recht?

P.S.: Facebook-Kommentator Florian Hoppe erinnerte mich gerade an ein Gegenbeispiel. Meine Frau und ich waren vor sechs Wochen in München. Am Oberanger standen wir mit ca. acht Personen an der Ampel, es wurde grün. Meine Frau ging los. Ein Rennradfahrer kam mit mindestens 40 km/h angeschossen, machte nicht einmal den Versuch, zu bremsen oder zu klingeln oder auszuweichen. Ich habe meine Frau am Arm zurück gerissen, es war eine Sache von Millimetern. Bei dem Tempo – schwere Brüche, mindestens. Er raste weiter, ohne sich überhaupt umzudrehen. Hätte ich eine Chance gehabt – ich wäre hinterher und hätte ihn verdroschen. Der Typ war ein mieses rücksichtsloses Arschloch. Sind deshalb alle Rennradfahrer, die nicht jede Gefahrensituation vorhersehen und vermeiden können, rücksichtslose Arschlöcher?



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