USA / D / Singapur 2012. Regie: Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski. Darsteller: Tom Hanks, Hugo Weaving, Halle Berry, Susan Sarandon, Jim Broadbent, Ben Whishaw, Jim Sturgess, Hugh Grant u.a.

Story: Sechs Geschichten aus sechs Epochen – Sklaverei und Befreiung, Dandy-Liebeleien, Atom-Skandal, Nervenheilanstalt, Robotopia und die Post-Apokalypse wechseln sich ab, springen in- und zueinander, mit wechselnden und bleibenden Darstellern, erzählen von Helden und Feiglingen, deren Karma durch die Jahrhunderte wirkt und die einander prägen, ohne sich je gesehen zu haben.

Kritik: Ich sage das nicht, um ihn zu ärgern oder einen billigen Lacher zu bekommen, aber: der wird Thomas Thiemeyer gefallen…

Es ist drei Wochen her, seit ich „Cloud Atlas“ gesehen habe. Und ich weiß immer noch nicht, was ich davon halte. Das kommt bei mir selten vor, sollte aber nicht voreilig als Ablehnung oder Anerkennung missverstanden werden. Seht diese Kritik eher als eine Suche nach Eindrücken, die ich kaum in eine kohärente Meinung pressen kann.

Vorab: Ich habe das Buch nicht gelesen. Über den Film wusste ich fast nichts, als ich den Kinosaal betrat. Ambitionierte Adaption eines Weltbestsellers, der als unverfilmbar galt, hatte ich gehört. Angeblich ein Schinken, der die Welt in Anhänger und Gegner teilt wie „Atlas shrugged“ und „Die Prophezeiungen von Celestine“. Unabhängig finanziert, teilweise mit Gebührengeldern der ARD – warum auch immer. Eine Zusammenarbeit von Tom „Lola rennt“ Tykwer mit dem „Matrix“-Duo (Brüder kann man die Wachowskis ja nun nicht mehr nennen). Bruchstücke.

Was „Cloud Atlas“ sein möchte, ist die eine Frage. Was er davon schafft, eine andere. Es ist offensichtlich, sicher zu offensichtlich, dass hier der ganz große Pinsel geschwungen wird. Nicht weniger als als das übergreifende und durchdringende Karma des Menschen soll sichtbar werden. Das, was uns über das Mensch-sein hinaus zur Mensch-heit macht. Die Geschichte vom Schmetterling, der in Brasilien mit den Flügeln schlägt und damit einen Tornado in Texas auslöst – nur gedehnt über Jahrhunderte, Generationen und Kontinente. Everything is connected. Ein Tod kann eine Entscheidung sein, eine Erlösung, ein Opfer. Was wir tun, hat nicht nur unmittelbare Konsequenzen. Jeder von uns ist das Glied einer Kette und bestimmt ihre Stärke. Die Taten des ersten Menschen werden das Schicksal des letzten Menschen bestimmen.

Diesen Anspruch setzt „Cloud Atlas“ in wuchtige Bilder um, in kräftige Farben und ausladende Bauten. Jede Szene versucht, die Quintessenz ihrer Zeit zu sein, ein Konzentrat des jungen Amerika, der dekadenten 30er, der wilden 70er, der futuristischen Roboter-Gesellschaft. Das ist auch notwendig, denn wenn sich die Episoden zum Teil im Minutentakt abwechseln, ist augenblickliche Orientierung zwingend. So ist „Cloud Atlas“ ein Film der zum Staunen einlädt über den schieren getriebenen Aufwand. Reines Kino, großes Kino, schönes Kino. Wo sonst kann man vom majestätischen Segelschiff zur Roboter-Armee reisen, vom studentischen Lotterleben zu den wilden Horden?

So, wie „Cloud Atlas“ durch die Jahrhunderte reist und sie verdichtet, so komprimiert er auch die klassischen Filmgenres. Seine sechs Episoden sind gebaut aus sattsam bekannten Elementen, aus „Amistad“ und „Maurice“, aus „China-Syndrom“ und „Soylent Green“, aus „One flew over the cuckoo’s nest“ und „Blade Runner“. Nichts ist neu, die Vorbilder werden offen referenziert, als dürfe der Zuschauer angesichts der komplexen Erzählstruktur nur mit bekannten visuellen Versatzstücken gefüttert werden, einem kompetent geflochtenen „best of Hollywood“.

Inhaltlich bleibt die Verbindung zwischen den Geschichten flüchtig – hier ein Buch, dort eine Symphonie, auch ein Muttermal. Als müsse dieser lockere, nicht zwingend wirkende Zusammenhang verstärkt werden, setzen die Regisseure auf wiederkehrende Gesichter in wechselnden Masken: Hugh Grant mal als skrupelloser Handlanger der Öl-Lobby, dann als krude bemalter Krieger der Post-Apokalypse, Halle Berry erst als taffe Reporterin, plötzlich als zartgliedrige Jüdin mit Hormonstau. Auch sie unterstreichen das Thema: nichts vergeht. Unsere Schwingung lebt weiter, vielleicht nicht in unseren Kindern, vielleicht aber in irgendwem. Sie lebt weiter.

In diesem Kontext gelingen dem Film immer wieder verblüffend kleine, emotional starke Szenen, Details in Darstellung und Dramaturgie, die den pompösen Ansatz erden, getragen von engagiert wirkenden Schauspielern im vollen Breitwand-Modus. Die Kälte und die Leere der „Matrix“-Sequels wird vermieden, auch wenn (oder gerade weil) die besten Sequenzen von Tykwer inszeniert wurden.

Somit steht das Konzept auf sicherem Boden und es hat Regisseure, die nicht nur auf Geld, Effekte und Stars der A-Liga zurück greifen können, sondern auch auf das notwendige Ego (man mag es Größenwahn nennen), um aus „Cloud Atlas“ mehr zu machen als einen Kinofilm. Eine Meditation nicht über einige Menschen, sondern über alle. Die große Antwort, die eben nicht nur 42 lautet.

Und genau da verstolpern sich die Beteiligten. Weil am Ende nur Budenzauber bleibt, aufwändige Kulisse, ein eitles Feuerwerk voller Phrasen und Klischees, dessen gesamte Message hinter der komplexen Narrative lautet: irgendwie hängt alles zusammen. „Cloud Atlas“ ist ein Kalenderspruch mit strengem New Age-Geruch, der meint, etwas unglaublich Profundes sagen zu können, dabei aber nicht über das Niveau des Kumpels hinaus kommt, der einem in der Kneipe auf die Schulter schlägt und sagt: „So ist das Leben eben, Alter“.

Das hätte man auch mit weniger als 100 Millionen Dollar sagen können.

Es ist eine banale Erkenntnis, die mit größtmöglicher Eleganz erzählt wird und der es drei Stunden lang FAST gelingt, damit durchzukommen. Eine cineastische Mogelpackung, ein Light-Produkt wie „Avatar“, das sättigt, ohne satt zu machen. Das blendet, ohne zu leuchten. Absolut ausreichend als prächtige Unterhaltung – wenn nicht nur so schmerzlich klar wäre, dass das Regie-Trio so unendlich viel mehr erreichen wollte.

Es geht mir gerade auf, dass vielleicht nicht die Banalität der Antwort das Problem ist, sondern der Mangel an Fragen. Gutes Kino (gute Bücher, gute Gedanken) handelt von Fragen, die uns umtreiben. Diese sind komplex, kennen keine einfachen Antworten, ändern sich, bedingen einander. „Cloud Atlas“ müht sich zu wenig an den Fragen, weil er zu besoffen ist von der empfundenen Brillanz seiner Antwort: everything is connected.

Wow, langsam lichtet sich der Nebel. Ich hatte oben ja schon 42 erwähnt. Und Douglas Adams Szene aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist vielleicht tatsächlich der Schlüssel zum letztlichen Scheitern von „Cloud Atlas“: mit unangemessenem Aufwand wird hier eine klare und ultimative Antwort gegeben – deren emotionale Resonanz uns verborgen bleibt, weil die Fragen dahinter nie ausformuliert wurden.

»Sie wird euch bestimmt nicht gefallen«, bemerkte Deep Thought.
»Sag sie uns trotzdem!«
»Na schön«, sagte Deep Thought. »Die Antwort auf die Große Frage…«
»Ja…!«
»… nach dem Leben, dem Universum und allem…«, sagte Deep Thought.»Ja…!«
»… lautet…«, sagte Deep Thought und machte eine Pause.
»Ja…!«
»… lautet…«
»Ja… !!!… ???«
»Zweiundvierzig«, sagte Deep Thought mit unsagbarer Erhabenheit und Ruhe.
Es dauerte lange, lange, ehe wieder jemand sprach.
Aus den Augenwinkeln sah Phouchg unten auf dem Platz das Meer gespannter und hoffnungsvoller Gesichter.
»Jetzt werden sie uns wohl lynchen, was meinst du?« flüsterte er.
»Es war eine sauschwere Aufgabe«, sagte Deep Thought mit sanfter Stimme.
»Zweiundvierzig!« kreischte Luunquoal los. »Ist das alles, nach siebeneinhalb Millionen Jahren Denkarbeit?«
»Ich hab’s sehr gründlich nachgeprüft«, sagte der Computer, »und das ist ganz bestimmt die Antwort. Das Problem ist, glaub ich, wenn ich mal ganz ehrlich zu euch sein darf, dass ihr selber wohl nie richtig gewusst habt, wie die Frage lautet«

Deep Thought könnte genau so gut der Film sein, Phouchg und Luunquoal die Kinozuschauer, die ihn nach seinen Themen und Botschaften fragen. Die Antwort: 42 – oder eben „everything is connected“. The Meaning of Liff.

Zur inhaltlichen Diätkost gesellen sich  bei „Cloud Atlas“ dann noch ein paar technische Patzer, die auf administrativen Fehlentscheidungen beruhen und den Zuschauer immer wieder aus der ansonsten so perfekt gebauten Illusion reißen: So makellos die verschiedenen Makeups der Darsteller sind – sie werden genauso wie die Darsteller überfordert, wenn Kaukasier plötzlich als Asiaten auftreten müssen und umgekehrt. Hugh Grant und Jim Sturgess als Schlitzaugen? Sehen aus wie Vulkanier. Bae Doo-na als Südstaaten-Belle? Sieht aus wie ein Albino. Hugo Weaving als Krankenschwester? Sieht aus wie eine hässliche Transe. Identitäten, Rassen und Geschlechter sind eben nicht so austauschbar, wie sich die Regisseure (besonders Lana, steht zu vermuten) das in ihrer multikulturellen Utopie gerne vorstellen. Und daran zerbricht die filmische Realität mitunter.

Es bleibt ein zwiespältiger Film: er ist ambitioniert, wird als ambitioniert verkauft, basiert auf einer ambitionierten Vorlage. Er hat den Aufwand und die Stars, verhaspelt sich nicht bei der Action und den vielen Rhythmus-Wechseln – und genau deshalb kann man sich als Zuschauer genug auf die Botschaft konzentrieren, um sie als den Mann hinterm Vorhang beim „Zauberer von Oz“ zu erkennen. Oder als Kaiser ohne Kleider. 42.

Fazit: Ein technisch souverän erzähltes, aber in seiner Vision und Quintessenz erschütternd mageres Sextett von inhaltlich zu lose verbundenen Geschichten, das von einer mir fremd bleibenden Zielgruppe vermutlich als Meisterwerk verehrt werden wird.

P.S.: Drüben bei Collider gibt es ein total wirres Editorial von Matt Goldberg, in dem er unter anderem die abstruse Behauptung aufstellt, am Erfolg von „Cloud Atlas“ hänge die Zukunft des Mainstream-Independent-Kinos. Ich würde mir den Spass machen, seinen hanebüchenen Thesen argumentativ zu begegnen, wenn er nicht selbst schon William Goldman mit der einzig richtigen Aussage zum Thema zitiert hätte: „Nobody knows anything“. Trotzdem lesenswert.



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