So, kommen wir zur zweiten Runde Festival-Berichterstattung. Nachdem wir „Perrak“ und „Paco“ überstanden hatten, warf uns Doc Acula zwei deutsche Amateur-Produktionen vor die Füße. Der Nachwuchs gehört ja gefördert.

Die Reiter

Es hört sich an wie ein gespielter Witz: Treffen sich drei Männer in der Kneipe (die aussieht wie ein dürftig dekoriertes Kellerloch). In wüstem Saarländisch werden Probleme und Problemchen besprochen, bis eine junge Frau dazu tritt, die endlich für Abwechslung sorgt: die Apokalypse ist da.

In den Dialogen ist der Kurzfilm nicht ganz so prägnant, wie die Macher mitunter zu glauben scheinen und eine etwas poliertere Produktion hätte dem Projekt sicher auch gut getan – aber die launig und mit viel Einsatz von allen Beteiligten hergestellte Farce über die Reiter der Apokalypse als saarländische Kneipenhocker überzieht ihr cineastisches und humoristisches Konto an keiner Stelle. Kurz, knapp, knackig – passt!

Brainstorming

Hätten die Macher mir „Brainstorming“ gepitcht – ich hätte mit einem einfachen Argument abgeraten: „Man sollte erstmal anständige Amateurfilme drehen können, bevor man einen Film ÜBER Amateurfilme dreht“. Damit hapert es hierzulande ja schon ausreichend.

Das Problem von „Brainstorming“ ist denn auch, dass die meisten Gags über abstruse Amateurfilmerei nicht zünden – weil Amateurfilmerei in Deutschland faktisch abstrus IST. Den schieren Wahnsinn und die Inkompetenz zu veralbern, ist zum Scheitern verurteilt. Hinzu kommt, dass die Macher ihrem Sujet nicht ausreichend überlegen sind: filmisch backen auch sie nur kleinste Brötchen. Wie macht man sich über die miese Kameraarbeit in Amateurfilmen lustig, wenn man selber nur miese Kameraarbeit aufbringen kann? Es gibt keine Distanz zwischen Technik und Thema, „Brainstorming“ ist als Parodie auf Amateurfilme genau so miserabel wie die parodierten Amateurfilme.

Die grundsätzliche Idee ist ja nicht schlecht, aber spielfilmlang Wackelkamera und null Beleuchtung mit ein paar sensationell unbegabten Amateurnasen vor dem Objektiv zerrt schnell an der Geduld und die wenigen Twists sind – wieder – nicht origineller als die Twists in den Filmen, über die man sich hier erheben möchte. So müssen sich die „Brainstorming“-Macher zu allem Überfluss auch noch Hybris vorwerfen lassen.

Vielleicht bin ich aber auch der falsche Zuschauer für so ein Projekt. Es mag sein, dass diverse Cliquen von Amateurfilmern landesweit viel Freude aus „Brainstorming“ ziehen können. So wie Trekker sich über Trek-Fanfilme amüsieren, die jedem technischen Mindeststandard spotten. Ich kann mir aber nicht helfen: eine clevere Parodie, die billige Amateurfilme gut genug durchschaut, um sie augenzwinkernd-clever auf die Schippe zu nehmen, würde mir gefallen. Dazu ist „Brainstorming“ allerdings nicht in der Lage. Es ist eine Idee für 20 Minuten, die auf 80 überstreckt wurde.

Fazit lautet trotzdem: Gut, dass auch sowas gezeigt wird. Die Bandbreite lässt auch Aussetzer verzeihen.

Ninja Terminator

Es wäre kein Doc Acula-Festival ohne hirnlosen Martial Arts-Klopper. Und diesmal hat der gute Doc ganz tief in die Trash-Wühlkiste gegriffen: „Ninja Terminator“ ist einer der Schnippselfilme von Joseph Lai. Man nehme ein dröges Crime-Drama, dessen Rechte man nachgeschmissen bekommt, schneide ein paar kaukasische Ninjas rein und drehe das unverdauliche Gebräu den pubertierenden Actionfans der 80er an. Hat jahrelang gut funktioniert – und Menschenleben ruiniert.

„Ninja Terminator“ passt oberflächlich genau in dieses Schema. Grundlage war wohl ein Hongkong-Krimi der späten 70er, den Großteil des Ninja-Materials bestreitet Trash-Recke Richard Harrison – und der „Plot“ müht sich verzweifelt, zwischen Szenen zu vermitteln, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Irgendwie geht es wohl um eine Ninja-Statuette, die unverwundbar macht.

Was „Ninja Terminator“ von den anderen Rotzproduktionen aus dem Hause Lai unterscheidet: er ist tatsächlich ein Kracher vor dem Herrn. Denn diesmal kommt die beste Action nicht von den Ninja-Inserts, sondern dem verwursteten Ur-Film. Es ist Jack Lam als ewig Kaugummi kauender und schmierig grinsender „Jaguar Wong“, der den Film trägt. Ach was Film: Im Grunde genommen trifft Jaguar Wong einfach an jeder Straßenecke zwei bis drei Spacken, die sich mit ihm prügeln wollen. Und die kriegen dann Dresche. Aber sowas von. Das ist deutlich besser und origineller choreographiert als alles, was ich bisher in Lai-Filmen gesehen habe. Warum aus Jack Lam kein Hongkong-Superstar wurde, ist mir ein Rätsel.

So sind die Szenen zwischen den Ninja-Auftritten erstmals bei Lai keine simplen Lückenfüller, sondern tatsächlich taugliches Klopper-Entertainment. Wenn Harrison und Kollegen den Kajal-Stift auftragen und mit ihren Schwertern Nebel und Feuer in die Luft blasen, wird es dagegen erfreulich kindisch: Spielzeugroboter überbringen Erpresservideos und unser Held kommuniziert per Garfield-Telefon.

Kurzum: Der perfekte Festival-Film und die ideale Wahl, wenn man einen bisher unbeleckten Kumpel von den Vorzügen der Lai-Streifen überzeugen will. Jaguar Wong ist mein neues Vorbild!

Ich empfehle hierzu des Doctors Original-Review.

Auch diese Granate vor dem Herrn gibt es auf YouTube komplett:

http://www.youtube.com/watch?v=bvbfWLQjsdE

Zwischen den Filmen brachte der gute Doc immer mal wieder DVDs mit Quizfragen unter das Volk – ratet mal, wer drei von vier eintütete?

Als ich meiner LvA stolz davon berichtete, meinte sie nur: „Wieso hast du nicht alle vier gewonnen?“. Die kennt mich gut. Weil ich aber keine der DVDs wirklich sehen wollte (Garfield: „Es geht ums Kriegen, nicht ums Haben!“), habe ich sie im Kino zurück gelassen. Möge ein anderer damit glücklich werden.

Hard Rock Zombies

Eine Legende der 80er, vorab schon zum Highlight des Festivals erklärt, von Doc Acula clevererweise in die Primetime gelegt. Tatsächlich war das Kino rappelvoll, man saß sogar auf den Stufen zwischen den Sitzreihen.

Kurz zu dem, was hier als Plot durch geht: Eine Heavy Metal-Band, die allerdings eher nach Pussy-Rock klingt, will in einem Kuhkaff ein Konzert geben. Die spießige Bevölkerung will das à la „Footlose“ verbieten, aber wirklich Probleme gibt es erst, als Zwerge, Monster, Weromis, Schlampen und Adolf Hitler auftauchen. Das hindert den Sänger der Band jedoch nicht daran, selbst untot noch seinen Schmusesong „Cassie“ zu intonieren – denn ja, er hat sich in eine Provinzschönheit verliebt:

Wir haben alle mitgesungen.

Am Ende geht es in die Gaskammer – und ich wünschte, das wäre nicht wörtlich zu nehmen.

Diesen Film unfassbar scheiße zu nennen, wäre noch eine unbotmäßige Untertreibung. Er ist das Vanity-Projekt sich hemmungslos überschätzender Musiker, will Comedy UND Horror sein (schafft aber beides nicht), ist eine pure Zeitkapsel des Jahres 1984 – und alles, was wir an schlechten Filmen schon immer gehasst haben. Und wofür wir sie so lieben. Stuss der höchsten Ordnung, der darum bettelt, dass man ihn von Saalseite her verhöhnt:

Doof war nur, dass die gezeigte „Hard Rock Zombies“-Fassung stark geschnitten war, was zu einigen Lücken in dem führte, was der Regisseur wohl für eine Narrative hielt.

Kurzum: ein „crowd pleaser“ voller WTF-Momente, ein „worst of the 80s“, zitiertauglich und dabei immer dumm wie Stulle. Großartig.

Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens

Zur Nacht gab es dann einen bedauerlichen Aussetzer – mit „Helga und die Männer“ war uns ein Aufklärungsfilm der 60er versprochen worden, der laut Acula ausreichend Exploitation-Elemente mitbringen sollte. Doch ich kenne die „Helga“-Filme. Die sind mitnichten trashig und geben im Gegensatz z.B. zu den „Schulmädchen-Reports“ nicht bloß vor, einen hehren dokumentarischen Anspruch zu verfolgen. Sie sind tatsächlich bemühte Lehrfilme, die dem deutschen Nachkriegspublikum die Sache mit den Bienen und den Blumen erklären sollten.

Und dann der Doppel-Whopper: Auf den Spulen befand sich nicht mal „Helga und die Männer“, sondern „Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens“. Darin geht es um so schlüpfrige Themen wie Eisprung, Schwellkörper und Befruchtung. Höhepunkt sind Aufnahmen einer echten Geburt.

Bei aller Liebe: Nach der Hälfte habe ich das Kino verlassen. Das war einfach nur unnötig. Und unkomisch.

Sadomona – Die Insel der teuflischen Frauen

Die Nacht war wieder kurz und nach einem ausgiebigen Brunch im „O’Sheas“ wedelte Doc Acula am Sonntag Mittag noch mit einer Filmrolle als „Rausschmeißer“. Wer kann bei einem Titel wie „Sadomona – Die Insel der teuflischen Frauen“ schon widerstehen? Ich jedenfalls nicht. Und ein paar andere Gerechte fanden auch noch den Weg in den Saal.

„Sadomona – die Insel der teuflischen Frauen“ – zweifelsfrei der beste Filmtitel des Festivals. Das klingt nach Jess Franco, nach Joe D’Amato, nach Frauenknast und Peitschenknall. Und die ersten fünf Minuten bewegen sich auch munter in diese Richtung: Aufstand in der Weiber-JVA, nackte Tatsachen, hysterische Schlägereien, billige Stunts.

Dann aber geht „Sadomona“ (mein zweitliebster Festival-Name gleich nach „Trompeten-Emma“, auch wenn er im Film gar nicht vorkommt) in eine ganz andere Richtung: Wie der US-Titel „Policewomen“ schon andeutet, geht es hier eher um „female action“ à la „Charlie’s Angels“, garniert mit einer Sackladung Exploitation aus der Asservatenkammer des 70er-Sleaze-Kinos.

Unsere Heldin muss sich nicht, wie üblich und erwartet, fangen, foltern und fingern lassen, sondern teilt selbst kräftig aus. Gegen Lucy Bond (logo!) sehen selbst muskelbepackte Kerle wie William Smith alt aus. Klein, aber knallhart – und sehr sexy obendrein. Umgeben ist die Protagonistin von Geschlechtsgenossinnen aller Haut- und Haarfarben und aller Kleidergrößen. Es wird geschossen, gefahren, geschwommen und geprügelt, was das Zeug hält. Damit ist „Sadomona“ dem Blaxploitation-Film seiner Zeit deutlich mehr verpflichtet als den „Women in prison“-Dramen. Wenn dabei soviel Entertainment rum kommt, soll es mir nur recht sein.

„Sadomona“ (eigentlich ist die harmlose Ferieninsel Catalina gemeint) lebt von seiner Hauptdarstellerin. Sondra Currie (Schwester von Cherie Currie von den „Runaways“) ist ein Knaller, hat Talent, kennt keine Furcht – und wäre in einer gerechten Welt eine B Movie-Queen vom Schlage Pam Grier, Sybil Danning oder Julie Strain geworden.

Kurzum: Ein mehr als würdiger Abschluss und für mich neben „Perrak“, „Ninja Terminator“ und „Hard Rock Zombies“ DAS Highlight des Festivals.

Glaubt mir – ich hatte meinen Spass:

Und morgen gibt es zum Abschluss noch ein paar fotografische Eindrücke und Anekdoten, mit denen ich mich auch für die nette Gesellschaft bedanken möchte.



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