D/GB/S/DK 2011 / 35 MM / 92 MIN / Englische OV

REGIE David Mackenzie
DARSTELLER Eva Green / Ewan McGregor / Connie Nielsen / Ewen Bremner / Stephen Dillane / Alastair Mackenzie

Story (offizielle Synopsis): Die globale Katastrophe ist da, das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Es schlagen keine Meteoriten ein, es landen keine Raumschiffe, und weder explodieren Vulkane noch rollen Monsterwellen an. Und obwohl die Geißel der Menschheit hier eine weltweite Epidemie von erschütterndem Ausmaß ist, muss auch niemand verbluten oder Innereien kotzen. Aus unerklärlichen Gründen verlieren die Menschen schlicht nach und nach ihre Sinne, jeweils angekündigt durch überschwängliche Gefühlsausbrüche: Zuerst spüren alle eine überwältigende Traurigkeit und brechen in Tränen aus – im nächsten Moment ist der Geruchssinn verloren. Erst kommt ein schier unstillbarer Appetit, und in einer ungeheuerlichen Fressattacke stopfen sich die Infizierten voll mit allem, was nur geht – kurz danach verabschiedet sich der Geschmack. Auf den Tobsuchtsanfall folgt der Verlust des Gehörs. Und schließlich – nach einer kollektiven Welle von Glückseligkeit, Zufriedenheit, Akzeptanz – erlischt das Augenlicht, wird die Welt dunkel…

Kritik: Es gibt einen guten Grund, warum die obige Inhaltsangabe den Film eigentlich komplett bis zum Ende durcherzählt: Es ist unmöglich und unnötig, „Perfect Sense“ zu spoilern, weil er keine Story im herkömmlichen Sinne besitzt. Es ist egal, woher der Verlust der Sinne kommt, die Bekämpfung der weltweiten „Epidemie“ (wenn es denn eine ist) ist keine Option, Militär und Politik stehen nicht im Fokus, weil sie machtlos sind. Dafür widmet sich „Perfect Sense“ viel mehr der Frage, was der Verlust unserer Sinne mit uns macht. Wie er sich auf den Zusammenhalt der Gesellschaft auswirkt. Wie er Menschen zusammen bringt – am Beispiel von Michael und Susan, die einander in einer „normalen“ Welt vermutlich nie gefunden hätten.

Dieser Ansatz macht eine nennenswerte Analyse der Handlung komplett zweckfrei. Es ist so unnötig, sich über die interne Logik von „Perfect Sense“ Gedanken zu machen, wie es unnötig ist sich zu fragen, ob Rotkäppchen den Wolf wirklich nicht erkennt, wenn er als Großmutter verkleidet ist. Denn darum geht es nicht.

Ich habe kein Problem damit, „Perfect Sense“ als filmisches Gedankenspiel zu sehen, als Spielfilm, der holzschnittartig wie ein Kurzfilm erzählt wird. Zumal Eva Green sich wieder ausgiebig nackig macht und Ewan McGregor den immer noch potenten jungenhaften Charme anwirft. Kein Zweifel: Das hier ist edles Schauspielerkino ohne Makel.

Leider ist „Perfect Sense“ aber auch in jeder Szene gewollt (ge)wichtig, suhlt sich in seiner Message, die für den cineastisch weniger bewanderten Zuschauer auch noch per penetrantem Voiceover und wehleidigem Soundtrack in die Köpfe gehämmert wird. Subtilität ist weder Stärke noch Interesse von „Perfect Sense“, der immer wirkt, als hätten sich ein paar hochbezahlte Londoner Werbefilmer zusammen gefunden, um „auch mal was mit Botschaft“ zu machen. In seiner Perfektion wirkt das Ergebnis oft kalt und unaufrichtig.

Zuerst dachte ich: „Schade, vom Regisseur von ‚Hallam Foe‚ hätte ich mehr erwartet“. Dann wurde mir aber rückschauend klar, dass auch „Hallam Foe“ schon sehr auf artifizielle Emotionen setzt und keinen Deut authentisch sein will. Es funktioniert nur bei „Hallam“ besser als bei „Perfect Sense“.

Das ist umso frustrierender, da „Perfect Sense“ im Hintergrund immer wieder Details vorbei laufen lässt, die auf einen besseren Film im größeren Kontext hindeuten: Die erstaunliche Fähigkeit der Menschen, sich dem Verlust der Sinne anzupassen und eben nicht auf breiter Front zu kollabieren, hätte sicher mehr Spannung bereit gehalten als die letztlich narzisstische Liebe von Susan und Michael. In der Katastrophe findet „Perfect Sense“ nämlich Hoffnung, proklamiert nicht den Untergang, sondern die Transformation. Aber es bleibt Staffage, Hintergrundrauschen, während im Vordergrund Ewan McGregors Dödel beim Anziehen in die Kamera baumelt.

Fazit: Stylishe und gut gespielte, aber auch prätentiöse und unangenehm hippe Parabel auf die Liebe als einzig notwendiges Element des Zusammenlebens.



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K. Lauer
K. Lauer

„Zumal Eva Green sich wieder ausgiebig nackig macht“

YES! Daran hat der Bond mit ihr gekrankt, und seit „Dreamers“ will man einfach mehr davon…rrrrrrrrr.

Marcus
Marcus

@Torsten: „…während im Vordergrund Ewan McGregors Dödel beim Anziehen in die Kamera baumelt.“

Bis zu exakt der Stelle fragte ich mich, ob ich den nicht doch anstelle von „Urban Explorer“ sehen sollte.

Aber gut zu wissen, dass mein erster Eindruck beim Lesen des Prgrammhefts („prätentiöser Arthouse-Krempel ahoi“) nicht ganz falsch zu sein scheint.

Marcus
Marcus

@K.Lauer:

„Daran hat der Bond mit ihr gekrankt,“

Der Bond krankte gerade mal an gar nix…..

„und seit “Dreamers” will man einfach mehr davon“

Mehr von „Dreamers“? Die nackte Eva war gut, der Film hätte einige interessante Ideen für ein gutes Drama gehabt…. alas, er wurde den schmierigen Altherrenphantasie-Geruch nicht los. Bertolucci hätte am Set öfter mal kalt duschen sollen.

„…rrrrrrrrr.“

Grundsätzlich richtige Reaktion. 🙂

Peroy
Peroy

„Der Bond krankte gerade mal an gar nix…..“

„Casino Royale“ ist 45 Minuten lang der beste Bond aller Zeiten. Dann stirbt der Film. Gefühlte 8 Stunden Phantasie-Poker, Bond bekommt die Eier verkloppt, der Bösewicht wird off screen abserviert und wenn man meint, der logische Schlusspunkt wäre erreicht, geht es nur deshalb nochmal eine halbe Stunde lang weiter, damit man rausfindet, dass die Green mitdrinsteckt… was man sich an diesem Punkt auch schon denken konnte. Warum die sich am Ende selbst ersäuft, hab‘ ich immer noch nicht verstanden…

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