16
Nov 2010

Kino-Kritik: Rapunzel – neu verföhnt

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Poster of TangledMan kann Disney-Produkte als kitschig und klischeebeladen ablehnen. Man kann sie für verderblich halten, anti-emanzipatorisch, obrigkeitshörig. Kitsch, der kleinen Mädchen einredet, dass „Prinzessin sein“ das höchste Ziel ist, und Jungs, dass es da draußen noch Drachen zu töten gibt. Die Welt von Disney ist so bunt wie verlogen, und die Lehren, die man aus ihr ziehen kann, dienen nur ihr selbst. Es ist nicht die Absicht von Disney, Kinder für das „wahre Leben“ vorzubereiten – es geht nur darum, Kindern hohle Feelgood-Phrasen als Fluchtmöglichkeit zu bieten, die an der Realität scheitern müssen. Es gehört zum Erwachsenwerden, Disney-World von der echten Welt unterscheiden zu können.

Schamlos manipulativ, erzählerisches Dessert aus dramaturgisch leeren Kalorien. Sugar Rush ohne Ballaststoffe.

„Rapunzel – neu verföhnt“ (andere Kritiker mögen es mir abnehmen, diesen indiskutablen deutschen Titel zu verreissen) ist die 3D-Rückkehr zu den 2D-Rollenmodellen, und in seinem hemmungslosen Konservativismus trotz des technischen Fortschritts ein inhaltlicher Rückschritt gegenüber der traditionellen Cell Animation wie „Küss den Frosch“ oder „Mulan“. In seinen Figuren verweist der fünfzigste abendfüllende Spielfilm des „Haus der Maus“ als Best of auf die Traditionen des letzten Jahrhunderts: die großäugige naive Prinzessin, der charmante-lässige, aber letztlich impotente (weil sexuell nie aggressive) Held, die böse „Stiefmutter“, das trauernde Königspaar, die treuen wie vorwitzigen Tiere. Am Ende stehen als ultimatives Ziel die Hochzeit und der Adelsstand.

Und doch: In seiner Rückwärtsgewandtheit, seiner sklavischen Bindung an überholte Topoi und Erzählmuster läuft „Rapunzel“ zu einer Form auf, die man bei Disney lange verloren wähnte. Ohne Sarkasmus, ohne Zynismus, ohne popkulturelle Verweise konzentriert sich der Film darauf, Charme und Charisma zu versprühen, elegant und leichtfüßig eine alte Geschichte neu zu erzählen. Wer sich einlässt, ohne sich einlullen zu lassen, bekommt einen Regenbogen präsentiert, ein Spiel aus Licht und Farben, mit bezaubernd heiterer Musik (Alan Menken), prächtigen Bildern, und herzigen Figuren.

Es kann immer noch niemand „Disney“ wie Disney: Rapunzel ist nicht nur schön, sondern anmutig, in der Mimik erstaunlich lebendig, und von erfrischender Lebendigkeit. Das Chamäleon Pascal und das Pferd Maximus (beide stumm) sind pantomimische Wunderwerke, kraftvoll in Szene gesetzt. Die „Stiefmutter“ (eine Mischung aus Cher und Madonna) wird durch Beleuchtungswechsel zum Furcht einflößenden Dämon.

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Müsste ich eine Kritik anbringen, dann allenfalls diese: die gerade mal nach 14 Jahren aussehende Rapunzel muss behauptete 18 sein, um die Romanze mit ihrem Helden zu legitimieren. Das lässt ihr Verhalten mitunter ärgerlich unreif wirken.

Wer glaubt, es sei einfach, die klassischen Erzählmuster noch einmal aufzukochen, der sollte sich zum Vergleich mal die unerträglich siruppigen „Barbie“-CGI-Filme ansehen, die Mattel seit ein paar Jahren auf den DVD-Markt spuckt. Es sind die selben Figuren, die selben Plots, die selben Settings – und doch liegen Welten dazwischen.

"Rapunzel“ ist die Abkehr vom Versuch, Disney neu zu erfinden, stattdessen der Anspruch, ein neues Publikum mit alten Werten zu ködern. Und das gelingt mit geradezu erschreckender Leichtigkeit. Ist man schnell versucht, den Film nur jüngeren Mädchen zu empfehlen, erinnert man sich plötzlich, dass man sich auch als 42jähriger Kritiker prächtig amüsiert hat. Demnach: Ein Film für ein junges und jung gebliebenes Publikum.

Seit „Die Schöne und das Biest“ war es nicht mehr so einfach und verführerisch, sich dem reinen Kitsch hinzugeben.



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Shah
Shah
16. November, 2010 14:17

Ich find den Trailer sehr charmant – leichte Kost darf auch sein, so lang sie gut gemacht ist. Danke für den Review!

charlotte sometimes
16. November, 2010 14:29

Und Rapunzel war in der Version bestimmt auch nicht schwanger, oder?

Marko
16. November, 2010 14:48

Da freue ich mich drauf. Hoffentlich steht nicht wieder ein schnaubender Boll neben dem Eingang, wenn ich statt in seinen Film lieber in einen Zeich…, ähem, CGI-Streifen gehe. 😀

EDIT: Gute Stimmen im Trailer — haben sie es in den Film geschafft, oder mussten final wieder deutsche C-Promis vor die Mikros gezerrt werden? 😕

Lukas
16. November, 2010 15:13

Die Basiskritik an Disney-Produkten lasse ich nicht gelten. Auf Filme bezogen geht das in Ordnung (und ich denke mal, so war’s auch gemeint), aber die Comics werden weitgehend ohne Einmischung des Konzerns produziert – und es gibt nichts im Disneyversum, was so tragisch, bitter und erwachsen ist wie Don Rosas Hearts of the Yukon oder A Letter from Home.

Comicfreak
Comicfreak
16. November, 2010 15:14

..der Film steht auf unserer Kinobesuchsliste, und da steht normalerweise NICHTS drauf, was auch nur den Geruch von "Mädchenfilm" verströmt

pa
16. November, 2010 16:03

@Lukas: Don Rosa hat für Disney eine extreme Tiefe. Seine Dagobert Duck-Biografie ist ganz grosses Kino.
Ich kann da http://disneycomics.free.fr/index_rosa_date.php empfehlen, wo auch deine erwähten Geschichten zu finden sind.

Einen Zeichentrickfilm von Don Rosa würde ich gerne mal sehen.

Peroy
Peroy
16. November, 2010 17:08

Zeichentrick-Scheisse…

heino
heino
16. November, 2010 17:44

Ich habe bis zu "Herkules" jeden Disney-Film im Kino gesehen, das war für mich und meinen Neffen damals Pflicht. Da der jetzt erwachsen ist, warte ich inzwischen lieber auf die DVD, da kann ich abschalten, wenn es zu kitschig wird. Insofern werde ich auch hier die DVD abwarten

PabloD
PabloD
16. November, 2010 18:06

Sieht eher nach einer mäßigen Shrek-Kopie aus, welche überdies 5 Jahre zu spät kommt.

Chris
Chris
17. November, 2010 19:19

Neu verföhnt…hmm…Märchen…Föhn…da fällt mir doch mal ein, dass es Zeit wird, "Der Fönig" von Walter Moers mal als Film zu verwirklichen…

Kes von Mauseohr
18. November, 2010 13:46

Wieso muss die Prinzessin aussehen wie Miley Cyrus, ist das heutzutage Pflicht das das Konterfei von Hannah Montana uns überall angrinst und sogar im Disney-Film nicht Halt macht? *muääääh, das doof*

Wortvogel
Wortvogel
18. November, 2010 17:08

@ Lukas ff: Ich beziehe mich selbstverständlich auf die abendfüllenden Spielfilme des Hauses Disney. Schon bei den teilweise grandiosen Kurzfilmen wäre die Argumentation falsch. Don Rosa ist heilig. So there.

kosar34
kosar34
20. November, 2010 20:31

Ich werde das nie verstehen. Warum Disney nicht einen abendfüllenden Spielfilm nach Carl Barks,Don Rosa oder Floyd Gottfredson macht. Was man da an tollen Filmen machen könnte…

Marcus
Marcus
20. November, 2010 20:43

@kosar34: weil Disney-Comics, insbesondere die Ducks, in Amiland ein absolutes Nischenthema sind, mit dem kommerziell kein Blumentopf zu gewinnen ist. Leider…

Peroy
Peroy
20. November, 2010 21:09

Es gab doch einen 70minütigen Duck Tales-Film "Jäger der verlorenen Lampe"…

Das war einer der ansehbarsten Disney-Filme… weil man dort auf die ständigen sinnlosen, ekelhaften Songs und Musical-Einlagen verzichtet hat.

Marcus
Marcus
20. November, 2010 22:18

@Peroy: nee, der war Grütze.

Erst kam DuckTales, die Serie, daher und ruinierte die ganze Dynamik der Comics, indem sie Donald praktisch rausschreiben – und dann kommt dieser dumme Film und ruiniert alles, was noch übrig ist, indem er sich statt auf die Stammcharaktere nur auf diesen nervigen Lampengeist und einen komplett blassen neuen Schurken (statt auf ikonische Duck-Finsterlinge wie die Panzerknacker, Gundel, McMoneysac) konzentriert. Die Animation war gut, das Fehlen von Gesangseinlagen (wer glaubt eigentlich, dass Kinder auf sowas stehen?!) wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber unterm Strich bleibt zumindest für den Fan der Comics nur ein enttäuscht geseufztes: epic. fail.

kosar34
kosar34
21. November, 2010 01:06

@Marcus: Stimmt! Diese Idioten haben ja Donald aus ,,Duck Tales" rausgeschreiben. Das hatte ich total schon verdrängt. Man glaubt es kaum. Da fehlen einen die Worte. Unglaublich! Es ist schon wirklich seltsam, wie die Disneycomics außerhalb der USA erfolgreich sind. In der Heimat aber ein Flop. Wie konnte das denn passieren? Es kann doch nicht nur an die Übermacht der Superheldencomics liegen, oder etwa doch?

Ali
9. Dezember, 2010 18:36

Ich hab den Trailer als Vorschau zu Machete gesehen und dachte erst, ich sei im falschen Saal. Zuerst fand ich den Trailer total doof, doch dann kam dieses putzige Chamäleon ins Spiel. <3

heino
heino
9. Dezember, 2010 21:06

Ich habe den Trailer vor Megamind gesehen und fand ihn einfach fürchterlich nichtssagend.