Katzen halten sich klar an die bekannten Geschlechterrollen – Rufus ist der leichtsinnige Schreihals, der mit jedem Scheiß durchkommt, weil er zu 20 Prozent aus Fell, 20 Prozent aus Schnurren und 160 Prozent aus Charme besteht. Er ist der Ben Affleck unter den Katern, man KANN ihm nicht böse sein.

Becky ist ganz Dame, hält sich gerne zurück, braucht auch mal Me-Time, und jeder Gang durch das Wohnzimmer ist ein Lauf auf dem Catwalk – elegant, schwingend, keck. Sie scheint immer ein Auge auf Rufus zu haben: „Der macht immer so schnell Blödsinn, da schaue ich mal lieber“. Vorgestern haben wir festgestellt, dass Becky auch im Privatbereich ihre eigenen Sphären sucht – soweit möglich, geht sie nicht mehr aufs Katzenklo, sondern hinter einen Busch im Blumenbeet. Da kann sie niemand sehen, da ist sie für sich, da kann sie Zeitung lesen und heimlich rauchen. Vermute ich jedenfalls.

niederknien KopieHeute morgen liege ich noch im Bett und träume was Schönes, als ich meine Frau rufen hören. Ich reagiere erst gar nicht, weil: „Meine Frau ruft nie so laut nach mir – und schon gar nicht in dieser hysterischen Tonlage“. Da die Zahl anderer Frauen, die in unserem Haushalt hysterisch meinen Namen rufen könnten, eher beschränkt ist, raffe ich mich schließlich auf.

Auf der Treppe höre ich Britta verzweifelt rufen: „Die Kleine – die hat einen Vogel!“. Ihr, meine klugen und vorgewarnten Leser, ahnt an dieser Stelle bereits, dass hier mitnichten ein Euphemismus am Werk ist. Die Aussage ist wörtlich zu nehmen.

Unsere Katze. Hat. Einen Vogel.

Und tatsächlich: Da hockt sie in der Ecke des Wohnzimmers, einen reglosen Spatz im Maul. Britta berichtet mir atemlos, dass sie mit Becky auf der Terrasse war, als der Spatz an ihr vorbei ins Wohnzimmer flog (zur Gattung der Schlauspatzen gehört er also offensichtlich nicht). Unsere sonst eher zurückhaltende Katze muss daraufhin in den ihr selbst unbekannten Jäger-Modus geschaltet haben und war binnen Sekundenbruchteilen über das Sofa geschossen und hatte das Federvieh aus der Luft geschnappt.

Respekt. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut.

Das Problem: Becky bekommt als reine Wohnungskatze permanent ausreichend Futter angeboten, das nicht um Federn, Schnabel und Knochen bereinigt werden muss und außerdem vermutlich besser schmeckt. Sie hat deswegen auch nie wirklich Hunger, Snacks und Süßigkeiten reizen sie null.

Also hatte sie nun den Vogel im Maul und diesen Blick im Gesicht: „Okay, soweit ganz gut gelaufen. Was mache ich jetzt damit?“

Britta tat natürlich primär der kleine Piepmatz leid, dessen Schicksal ich in diesem Moment nicht einschätzen konnte. Ich sah mich schon einem verletzen kleinen Vögelchen aus Empathie den Hals umdrehen. Da schaudert’s.

First things first: Terrassentür auf, Becky vorsichtig hochnehmen und nach draußen tragen. Unter freiem Himmel lässt sich so etwas besser klären. Die Katze auf die große alte Werkbank, den Drang unterdrücken, sie dort fluchtsicher einzuspannen. Dann den Kopf der Katze nehmen, Hand um den Vogel legen und leise flüstern: „Ist gut, Süße, du kannst jetzt loslassen.“

Und tatsächlich – Becky lässt los. Sie scheint froh, dieses komische Ding, das sie eher aus Instinkt als aus tatsächlichem Interesse gefangen hat, abzugeben. Ihr Unterkiefer klappt runter und ich habe den Spatz in der Hand (wieder eine Aussage, die nach Sprichwort klingt). Britta nimmt Becky an sich.

Ich fürchte Schlimmstes, als ich die Hand öffne – gebrochene Flügel, Blut, ein leise gepiepstes „Mir ist kalt… sooo kalt…“. Stattdessen springt der Spatz auf seine spirreligen Beinchen und hebt augenblicklich ab. Keine Sekunde später sehe ich ihn hinter den Häusern verschwinden. Wenn ich von seiner Flugleistung auf seinen Zustand schließen kann, geht es ihm prima. Vermutlich ein wenig aufgewühlt noch, aber beim Stammtisch mit den Kumpeln hat er heute Abend wenigstens was zu erzählen.

Britta streichelt Becky das Köpfchen und setzt sie dann auf den Boden. Die Katze marschiert wieder ins Wohnzimmer und wirft mir einen unmissverständlichen Blick zu: „DAS mache ich garantiert nicht noch mal.“

Doch, Süße, machst du. Weil du eine Katze bist.



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WhiskerJensEHERDIRDietmarKai Recent comment authors
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comicfreak
comicfreak

..Superleistung von der Dame!

Jojo
Jojo

Kein Grund zur Freude ist, wenn die Katze auf der Jagd nach dem Vogel Madames Lieblingsorchidee zerfleddert und auch sonst noch einigen Kollateralschaden im Esszimmer anrichtet um danach den gefiederten Snack im Wohnzimmer zu verspeisen (was auch nicht ohne Schweinerei vonstatten geht). Noch weniger Grund zur Freude wenn man diese Entdeckung nachts um halbeins nach einem entspannten Kinobesuch macht.
Und mach Dir keine Illusionen: auch ausreichende Futterversorgung dämpft nicht unbedingt den Jagdtrieb.

Andreas
Andreas

„Mir ist kalt… sooo kalt…“

…. röchel, „küss mich nochmal“ … hust keuch

Großes Kino. Meine Katze fängt auch Vögel – hab ihr schon versucht das abzutrainieren, nur wie? Seufz.

Mic

Irgendwann siegt der Instinkt, der Trieb, wie immer man es nennen mag. Ein Freigänger hätte nur vielleicht viel schneller angefangen, das Vögelchen aufzufressen. Wobei unser Kater auch mal einen Spatz auf dem Wohnzimmerteppich ablegte. War ihm dann vielleicht nicht lecker genug. Im Gegensatz zu Mäuschen, die sind ratzfatz weg. Und wir meistens ratzfatz genug, dass er mit den armen Tieren auf der Terrasse bleiben muss.

Kai
Kai

Mein Hund fängt Mäuse, bricht ihnen das Genick und beerdigt sie dann sofort. 🙂

Dietmar

Die wird sich vorgekommen sein, wie der Werwolf, der morgens erwacht und nicht weiß, dass er in der Nacht zuvor die blutrünstige Bestie war.

HERDIR
HERDIR

Respekt …

Bei Bekannten hat die Hauskatze einen noch gerade so lebenden Vogel mitgebracht und ihn in der Wohnung „fliegen“ lassen um ihn unter Publikum zu jagen … und das ganze eine halbe Stunde vor dem sonntäglichen Familienkaffee … Wir haben als Gäste nicht schlecht gekuckt .. so wie die Wohnung nach der (dann erfolgreichen) Jagd aussah 🙂

JensE
JensE

Schön geschrieben die Story. Hat mich mitgenommen. :o)

Whisker
Whisker

@Andreas:
> Meine Katze fängt auch Vögel – hab ihr schon versucht das
> abzutrainieren, nur wie? Seufz.

Kurze Version: Geht nicht. Auch der verschmusteste und faulste Sofatiger ist letzten Endes ein Raubtier mit Jagdinstinkt. Damit muß man leben.

Etwas längere Version (hab ich selbst nicht ausprobiert, wird in diversen Ratgebern empfohlen): Katze ignorieren. Weder loben noch schimpfen, sondern die erlegte Beute einfach stillschweigend entsorgen.
Das baut darauf auf, dass man der Katze mit Lob oder Tadel eine Rückmeldung gibt und ihr damit ihr Verhalten „bestätigt“. Und diese Bestätigung vermittelt der Katze angeblich, dass sie das Richtige tut. Wenn man sie einfach ignoriert, fehlt diese Bestätigung und das soll dazu führen, dass die Katze irgendwann damit aufhört.
Aber wie gesagt, das habe ich bisher nur gelesen, praktische Erfahrung hab ich damit keine. D.h. your mileage may vary.