thirstKorea 2009. Regie: Chan-wook Park. Darsteller: Kang-ho Song, Ok-vin Kim, Ha-kyun Shin, Hae-sook Kim

Story: Priester Sang überlebt allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz eine Infektion mit dem gefährlichen Emanuel-Virus. Der Haken: nun ist er ein Vampir, und braucht regelmäßig (und in steigender Menge) Menschenblut, um nicht am ganzen Körper von ungesunden Eiterblasen übersät hinzusiechen. Er verliebt sich in seine Jugendfreundin Tae-joo, die gegen ihren Willen mit einem hypochondrischen Muttersöhnchen verheiratet wurde. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, denn Sangs Vampirismus ist genau die Sorte Rebellion und Ausbruch, die Tae-joo braucht. Doch das Mädchen entpuppt sich als gerissene Manipulatorin, und Sang hat bald alle Hände voll damit zu tun, sie im Zaum zu halten.

Kritik: Ich habe diesen Review mal kackfrech vorgezogen, um präventivem Genöle vorzubeugen: „Dem Dewi gefällt ja gar nix, dem kann man es nicht recht machen, alter Miesepeter“, etc.

Doch – Chan-wook Park kann.

In meinem Review zu „I’m a Cyborg, but that’s okay“ schrieb ich 2007: „Chan-wook Park ist ein Ausnahme-Regisseur, der im asiatischen Raum allenfalls mit Takeshi Kitano vergleichbar ist, und weltweit vielleicht noch mit David Cronenberg. Seine Filme zeugen nicht nur von absoluter technischer Brillanz, sondern auch erzählerischem Übertalent. Park beherrscht das Medium auf eine Weise, die es ihm erlaubt, mühelos Genregrenzen zu durchbrechen, und sich das Kino untertan zu machen. Ein Park-Film ist immer ein Park-Film – nie ein Gangsterfilm, ein Drama, oder eine Komödie.“

Ich wiederhole diesen Absatz, weil „Thirst“ ihn unterstreicht, ja zementiert. Man zeige mir einen einzigen anderen Regisseur, der gleichzeitig Action wie John Woo, aber auch Personendrama wie Atom Egoyan beherrscht. Und das mit Comedy und Erotik anreichert, auf dass westlichen Kritikern die Köpfe explodieren.

Ist „Thirst“ vom Genre und seiner zentralen Geschichte her mit „I’m a Cyborg“ verwandt, orientiert er sich strukturell deutlich mehr an dem brillanten Gangsterdrama „Old Boy“: Ein Mann wird eingesperrt, kehrt verändert zurück. Er trifft ein Mädchen, die Beziehung ist so verzweifelt wie destruktiv, und am Ende bleibt wenig übrig von der Hoffnung auf ein neues Leben.

thirst1

Ebenfalls von „Old Boy“ stammt Parks Hang zur erzählerischen Überfülle: alle zehn Minuten hakt er einen Plot ab, aus dem andere (westliche) Regisseure einen ganzen Film gemacht hätten. Sangs Vampirwerdung allein hätte für 100 Minuten gereicht, seine Liebe zu Tae-joo auch – aber das ist Park nicht genug. Immer mehr Wendungen, immer neue Aspekte, ständig wechselnde Machtverhältnisse – „Thirst“ ist 133 Minuten Story-Konzentrat. Mehrfach denkt man, die Handlung gehe dem Ende zu, nur um sich von Park mit einer neuen Facette verführen zu lassen.

„Thirst“ ist Melodram, Drama, Vampirfilm, Komödie, und Satire, und obendrauf noch weit mehr als die Summe dieser Teile. Es ist eine Parabel über die Ausweglosigkeit der Lust, das Ausgeliefertsein an das destruktive Verlangen. Sang will nicht nur Blut – wie Tae-joo dürstet es ihn nach Sex, Schweiß, Hemmungslosigkeit. Die Absolutheit ihrer Gier kann in ihrem rigiden Umfeld nur zerstörerisch wirken – und es ist Sang, der diesen Preis nicht bezahlen will. Tae-joo hingegen, ihr Leben lang eingesperrt und gedemütigt, hat keine Empathie für den Rest der Welt, in letzter Konsequenz nicht einmal für Sang.

Park respektiert den Vampir-Mythos bis in die Details (Sonnenlicht, erhöhte Körperkraft), ohne sich dem Mythos zu beugen: es gibt keine anderen Vampire, keine Clans – Sang ist allein. Und er verbringt seine Nächte auch nicht damit, auf Hausdächern über die Unsterblichkeit zu sinnieren. Die amerikanische romantische Melodramatik der Vampire findet in „Thirst“ keinen Platz.

Dass Park auf hohem technischen Niveau dreht, ist nichts Neues – „Thirst“ ist visuell einfallsreich, und doch zurückhaltend. Beeindrucken können vor allem kleine, fast schon schmerzhaft intime Szenen – etwa, wenn Sang die barfüßige Tae-joo hochhebt, und sie dann sanft in seine viel zu großen Schuhe stellt. Nicht weniger meisterlich seine Handhabung der Sexszenen: deutlich, drastisch, auf befreiende Weise ordinär – aber niemals schmutzig oder plakativ. Die erotischen Qualitäten der süßen Ok-vin Kim dürften so manche Rückspultaste am DVD-Player männlicher Zuschauer ausleiern. Wie Park dazwischen noch Platz für einen ganze Reihe bezaubernder Gags gefunden hat – ich weiß es nicht. Aber er hat.

Kurzum: Wieder mal ein Meisterwerk. Ich verneige mich.

Übrigens gab es ein Q & A zu Parks Besuch in Berlin – er hatte an dem Tag auch Geburtstag:

Wortvogels pantomimische Bewertung:

subba



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Andi
Andi

Torsten, ich lese Dich sehr, sehr gerne. Du schreibst flüssig, klar, klug und cool. Aber wenn Dein Blog ab sofort nur noch aus pantomimischen Urteilen bestehen würde, weiß ich ehrlich nicht, ob es weniger gut wäre 🙂

Wortvogel
Wortvogel

@ Andi: Ich habe schon geahnt, dass ich mir damit was antue. Schlimmer: eigentlich war geplant, das mit kleinen VIDEO-Bewertungen zu machen, ich habe es aber technisch nicht befriedigend hinbekommen (vielleicht zum FFF 2010).

Wartet ab, ich habe noch ein paar ganze wilde Bilder 🙂

Marko
Marko

Endlich mal ein Film, den ich auch gesehen habe!

Mir war er stellenweise etwas zu lang, aber insgesamt war er wundervoll erinnerungswürdig (ich weiß noch genau, mit welchem Bild er anfing und mit welchem er endete — von welchen Filmen kann man das schon behaupten?). Die Hauptdarstellerin war wirklich sehr lecker anzusehen. Ein toller Film mit schöner, ungewöhnlicher Musik (fand ich jedenfalls).

Leichtes OT, ich habe gehört, „Old Boy“ soll amerikanisiert neu verfilmt werden — mit Will Smith?! Das ist doch hoffentlich eine Ente … 😕

Gruß,
Marko

PS: Auf den Pantomimen-Urteilen siehst Du irgendwie älter aus, als Dein Schreibstil vermuten lässt … such‘ Dir aus, ob das ein Kompliment ist für Dich oder eine Beleidigung. 😉

OnkelFilmi
OnkelFilmi

@Marko: Nein, kein Scherz. Endtwist adé!

@Wortvogel:

„Die erotischen Qualitäten der süßen Ok-vin Kim dürften so manche Rückspultaste am DVD-Player männlicher Zuschauer ausleiern“

Alter schmutziger Mann DEWI.

:p

Peroy
Peroy

Die Frage ist: Welcher Film ist so schlecht, dass er ihm seinen blanken Arsch zeigt… ?

Marko
Marko

Peroy: Hoffentlich keiner, oder willst DU den sehen? (Den Arsch, nicht den Film …)

Gruß,
Marko

Peroy
Peroy

Ich will ja auch das Gesicht nicht sehen… 😛

Marko
Marko

Das ist ein Argument. Fragt sich halt, was schl … nein, ich schreib’s nicht.

Gruß,
Marko

OnkelFilmi
OnkelFilmi

Ich finde der Vogel ist schon ganz schön grau geworden…

xanos
xanos

Oh mein Gott, ein neuer Chan-wook Park, ich dreh durch.

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