Ich schaue längst nicht mehr so viel, wie ich will oder vielleicht sollte. Das ist das Ergebnis einer glücklichen Ehe und geregelter Schlafenszeiten. Früher, zu Anbeginn meiner Blogger-Zeit, hatte ich einen Standard-Spruch: „Ich gehe meistens gegen 23.00 Uhr ins Bett – das heißt nicht, dass ich dann schlafe“. Üblicherweise habe ich bis 2 oder 3 Uhr Serien und Filme geguckt. Dieser addiert sehr üppige Timeslot fehlt mir heute.

Das ist auch einer der Gründe, warum „binge watching“ für mich nur selten in Frage kommt. Ich schaue lieber einzelne Episoden vieler Serien als viele Episoden einzelner Serien. Da geht mein Wissen dann eher in die Breite als in die Tiefe.

Dieser Tage (und dank Schweden-Urlaub) habe ich allerdings mal wieder eine Ausnahme gemacht und mir sowohl die Miniserie „Good Omens“ als auch die komplette erste Staffel „What we do in the Shadows“ gegönnt.


Good Omens

Dass „Good Omens“ auf dem gleichnamigen Roman von Terry Pratchett und Neil Gaiman basiert, sollte bekannt sein. Für die sechsteilige Verfilmung hat Amazon kräftig am Sparschwein gerüttelt, denn es sollte ja eine Prestige-Produktion werden. Bei den Darstellern wurde drauf geachtet, beiderseits des Atlantiks zu punkten: David Tennant, Michael Sheen, Jon Hamm, Michael McKean – und Frances McDormand als Gott.

Inhaltlich geht es um nicht weniger als die biblische Apokalypse, die finale Schlacht zwischen Himmel und Hölle, das Ende der Menschheit und Gottes finales Urteil, angestoßen durch die Geburt des Antichristen, der die Welt nach seinem Willen formen kann. Zwischen den Fronten: der Dämon Crowley und der Engel Aziraphale, die seit den Tagen des Garten Eden einen gemütlichen Waffenstillstand vereinbart haben und die kein Interesse an der Auslöschung ihres privaten Spielplatzes haben. Ebenfalls involviert: die Hexe Anathema Device, die kümmerlichen Reste der englischen Hexenjäger-Armee und die Reiter der Apokalypse.

Ahhhh ja… genau so. „Good Omens“ ist nicht überblasenes Bombast-Kino, sondern eine sympathisch schräge Erzählung mit Ecken, Kanten und vielen bezaubernden Details. Nicht der Flow der Geschichte ist der Fokus oder die konsequente Entwicklung von Charakteren, sondern der staunende Spaziergang in die Apokalypse und ein Blick hinter die Kulissen derselben. Das Drehbuch (von Neil Gaiman selbst verfasst) springt dabei zwischen Figuren, Epochen und Orten hin und her wie ein Zicklein im Frühling und schert sich wenig um die Aufmerksamkeitsspanne von Gelegenheitszuschauern, die nebenher noch Würstchen grillen und Facebook-Streams lesen. „Good Omens“ belohnt eine gewisse Disziplin beim Konsum. Ein üppiges Büffet, keine Tüte von McDonalds.

Damit greift die Miniserie ungefähr zwei Jahrzehnte zurück in eine Zeit, als die Briten schon einmal bezaubernde Miniserien wie „Gormenghast“ oder „Neverwhere“ produziert haben, gefolgt von Pratchett-Miniserien wie „Hogfather“ und „Color of Magic“. Auch damals wurden schon weniger auf die Perfektion von Effekten und Action geachtet und mehr auf den Sense of Wonder und „the britishness of it all“.

Das bedeutet natürlich auch, dass man eine gewisse Affinität sowohl zu britischer Fantasy im Allgemeinen als auch zu Terry Pratchett im Speziellen braucht. Wer einen Discworld-Roman nach 20 Seiten kopfschüttelnd beiseite legt, braucht hier gar nicht erst einzuschalten. Es ist die reine Lehre.


What we do in the Shadows

Hier haben wir es natürlich mit dem TV-Ableger zum Überraschungshit von 2014 zu tun – wenn auch nicht dem ERSTEN TV-Ableger. Völlig an der Masse der Zuschauer und der Reviewer vorbeigegangen scheint die Tatsache, dass 2018 mit „Wellington Paranomal“ bereits ein Subplot aus WWDITS in eine eigene Serie ausgelagert wurde. Die Mockumentary über zwei depperte Polizisten, die einen Vampir nicht bemerken würden, wenn er ihnen in den Hals beißt, fand ich allerdings nur mäßig unterhaltsam und zu gewollt lakonisch. Es mangelte auch sichtlich an Budget – trotzdem dürfen wir uns noch in diesem Jahr auf eine zweite Staffel freuen:

Und damit zu WWDITSTS (What we do in the Shadows – The Series). Erwartungsgemäß hat man nicht den Cast den Kinofilms anheuern können, gerade Taiki Waititi ist mittlerweile ja primär damit beschäftigt, Hollywood-Blockbuster zu drehen. Man hat aus der Not eine Tugend gemacht und zwar das Konzept der Serie beibehalten, aber auf neue Figuren in einer neuen Umgebung übertragen. Kayvan Novak, der großartige Matt Berry, Natasia Demetriou, Harvey Guillén und Mark Proksch spielen teilweise Variationen der Originale, teilweise gänzlich neue Charaktere. Die Hinzunahme einer weiblichen Vampirin und eines Energie-Vampirs verbreitert ein wenig die Basis, um die ersten Folgen auch füllen zu können. Setting ist statt Neuseeland nun Staten Island.

Ich gestehe – ich brauchte ein wenig, um mich reinzufinden. Zwar emuliert die Serie Look & Feel des von mir verehrten Kinofilms sehr genau, aber es wirkt eben doch manchmal wie eine Kopie – eine gestreckte und von weniger Brillanz getragene noch dazu. In den ersten Folgen fühlte ich mich mitunter etwas unterwältigt, weil halt doch viel Laufzeit mit patzigen Dialogen in düsteren Häusern rumgebracht wird. Die Magie, der spezielle Humor des Films glänzten durch Abwesenheit.

Das bessert sich allerdings im Laufe der Episoden, die Darsteller fassen Fuß in ihren Figuren, die Mythologie der einzelnen Vampire wird (mit teilweise hysterischen Konsequenzen) ausgebaut und der Energie-Vampir Colin Robinson erweist sich als Geniestreich, besonders in der Folge „Werewolf feud“, in der er einen eigenen Subplot (und eine eigene Antagonistin) bekommt.

Die Folge „The Trial“, das war im Netz auch schon überall zu lesen, ist nicht weniger als sensationell, denn hier versammeln die Macher des Kinofilms nicht nur nochmal den Cast der Vorlage, sondern auch diverse Hollywood-Größen in ihren früheren Vampir-Rollen (Wesley Snipes, Tilda Swinton, Danny Trejo, Paul Reubens, Evan Rachel Wood).

Und so findet WWDITSTS seinen Groove und ein paar rote Fäden und zum Ende ist man dann doch stinkig, dass es schon vorbei ist – und froh, dass eine zweite Staffel geordert wurde. Das guckt sich sehr schnell und kurzweilig weg.

Es gilt allerdings wie bei Pratchett die Geschmacksfrage – wer den Kinofilm (in Deutschland „5 Zimmer Küche Sarg“) nicht mochte, sollte auch hier abwinken.



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