Die Meldung kam selbst für Branchen-Auguren überraschend: Google veröffentlicht einen eigenen Browser namens „Chrome“. Die erste Reaktion im Web war ein herzhaftes „Warum eigentlich?“

Google selbst beantwortet die Frage nicht mit blumigen Pressemeldungen, sondern in einem von Scott McCloud angefertigten, vierzigseitigen Comic.

Der Grundgedanke ist bestechend: Die aktuellen Browser sind immer noch aufgepumpte Relikte einer Zeit, in der das Internet aus Texten und kleinen Bildchen bestand, und sie können daher den modernen Anforderungen der Web-Architektur nicht gerecht werden. Das gilt besonders deshalb, weil User immer mehr Informationen, Daten und Dateien ins Netz einstellen, und deshalb auf absturz- und abhörsichere Systeme angewiesen sind.

Kurzum: Das ganze Konzept „Browser“ muss neu überdacht werden, und Google hat das nach eigenen Angaben getan. Größte Änderung ist die Zuweisung eigener Prozesse für Tabs – wenn ein Script in einem Tab abstürzt, stürzt nicht gleich der Browser ab. Ich kann in einem Tab anonym surfen, in einem anderen gleichzeitig offen.

Das klingt cool. Aber der ganze Zweck von Tabs war ja ursprünglich mal der, eben NICHT sechs verschiedene Instanzen des Browsers öffnen zu müssen. Hier muss mich Google noch überzeugen – durch ausgefuchstes Speichermanagement und hohe Bedienungsfreundlichkeit.

Google gibt auch zu, dass Plugins die sorgsam aufgebaute Sicherheit des Browsers kompromittieren können. Von einer konkreten Lösung ist nicht die Rede, aber ich denke, hier wird es einen Google-Shop geben, in dem zertifizierte Plugins angeboten werden (dieser Shop wird für das mobile Google-Betriebssystem Android sowieso aufgebaut).

Es scheint mir, dem Laien, offensichtlich, was das große Endziel von Google ist: Der Browser als Betriebssystem IM Betriebssystem, unabhängig von der jeweiligen Plattform. Darauf deutet auch die Möglichkeit hin, Anwendungen in Browserfenstern laufen zu lassen, die gar nicht nach Browserfenstern aussehen. Google Chrome als kompaktes OS mit der Möglichkeit, Daten online zu speichern, und damit letztlich nicht nur den dezidierten dedizierten PC unnötig zu machen, sondern auch die permanenten Sync-Orgien zwischen den Rechnern und Handhelds.

Weiter gedacht: Es gibt momentan erste Ansätze zu „Express-On“-Betriebssystemen, die fest auf den Motherboards der Rechner installiert werden. Diese sind keine vollständigen OS‘ wie Windows Vista, sondern stellen nur die Grundarchitektur für ein paar festgelegte Anwendung (Internet, Videos, Musik, VOIP). Der Vorteil: Der Rechner ist binnen von ein paar Sekunden „on“, und der riesige Ballast, den ein OS mitbringt, bleibt außen vor. Wenn es nun gelingt, einen Browser in ein Quasi-OS zu verwandeln, kann dieser mit einem Minimalaufwand gestartet werden, und trotzdem eine große Bandbreite von Anwendungen zur Verfügung stellen. Das wäre nicht nur für Netbooks und andere mobile Geräte von Vorteil. Es wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg ins Grab für aufgeblasene Alleskönner-Betriebssysteme wie Windows Vista.

Das alles finde ich nach der Lektüre des Comics erheblich spannender, als ich zuerst gedacht hatte. Der neue Ansatz von Google Chrome könnte das Surfverhalten drastisch verändern. Ein Browser als Revolution, nicht als Evolution. Aber natürlich kommt die schöne neue Welt mit einem Preis, den viele nicht bezahlen wollen: Chrome ist das Produkt eines kommerziellen Unternehmens, dessen Ziel es ist, aus dem Verhalten der User Profit zu generieren. Natürlich stellt Google den Browser Open Source, und davon werden auch IE und besonders Firefox mittelfristig profitieren, aber die Frage muss erlaubt sein, warum Google sich nicht enger mit Firefox verzahnt hat, wo man den Ideen der Company gegenüber sicher aufgeschlossen gewesen wäre. Chrome hätte genausogut Firefox 4 werden können.

Solange ich der Google-Prämisse „Don’t be evil“ vertraue, kann Chrome ein großer Wurf sein. Wenn ich aber davon ausgehe, dass monopolistische Unternehmen ihren Status grundsätzlich missbrauchen („because we can“), dann stellt Chrome eine Bedrohung dar, denn er könnte Firefox in die Bedeutungslosigkeit zurückwerfen wie der IE einst den Netscape Navigator. Was bleibt, ist dann ein Duopol von Microsoft und Google.

Ich werde Google Chrome laden, und ausführlich testen. Letztlich zählt für mich nicht der politische Ansatz, sondern der konkrete Nutzwert eines Browsers. Und ob man es nun glaubt oder nicht – ich vertraue Google. Noch.



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OnkelFilmi

Das „Chrome“-Logo sieht aus wie „Senso“

Beep-Boop-Boop-Beep-BRRRRRRRRRRRRP!

Paddy-o
Paddy-o

Ich habe die gleichen Bedenken (oder Panik-Atacken) wenn es um die Kombination von „Pivatsphäre“ und „Google“ geht.
Aber obwohl ich es besser weiß und einigermaßen informierte Menschen wissen dass „Don’t be evil“ einfach nur lächerlich daherkommt, nutze ich ausgiebig Gmail und andere Dienste, die Suche sowieso.
Ich glaube man wird da einfach bequem und „fügt sich seinem Schicksal“.

Jeff Kelly
Jeff Kelly

Chrome ist ein kleines Betriebssystem

– eigenes Prozessmanagement
– eigenes Memory Management
– eigener verdammter Task Manager

Im Prinzip ist das ganze Produkt Ergebnis der ganz weit verbreiteten Software-Entwickler Hybris.

„Wenn wir nur von Anfang an neu starten könnten und alle kritischen Elemente selbst in der Hand halten, dann hätten wir ein viel besseres Ergebnis als das existierende“

Im Normalfall degeneriert das ganze schnell in die andauernde Neuerfindung des Rades und man begeht auch alle Fehler, die andere längst ausgebügelt habe auch gleich neu.

Das Comic ist interessant zu lesen und einige Dinge sind auch richtig erkannt. Revolutionär würde ich es aber nun nicht nennen, es ist vielmehr die Idee wegen der Microsoft vor Jahren Netscape gekillt hat, nämlich die Vision des „Browsers als OS“ unabhängig vom Wirtssystem und damit die Marginalisierung des Wirts-OS.

Das Google da natürlich seine eigene Suche, seine eigene Bannerwerbung, sein Gear und seine eigenen Web-Apps integriert ist klar.

Jens

Bin ja eigentlich kein Freund von kleinlicher Rechtschreib-Nörgelei, aber da der Wortvogel ja ein Mann (oder Federtier?) der Schrift ist, riskiere ich es mal trotzdem:

Da wo bei Dir etwas von einem „dezidierten PC“ steht, meinst Du wohl eher einen „dedizierten“.

Lt. Wiktionary:
—-
dezidiert: entschieden, entschlossen, es stimmt, es gilt, unwiderruflich
Dezidiert sind nur Entscheidungen, Anweisungen oder Forderungen.

dediziert: kann auch im Sinne von einzig, speziell verwendet werden. Ein „dediziertes“ Gerät ist speziell dazu ausgelegt, eine einzige, spezielle Aufgabe zu erfüllen.
—-

Markus
Markus

Also:

Die Codebasis von Firefox scheint zu aufgebläht und kompliziert zu sein. Viele andere Firmen wie Nokia, Adobe und jetzt auch Google oder auch Open Source Projekte wie Gnome/KDE setzen dagegen auf Webkit, das ist eine schlanke Browserengine deren Entwicklung von Apple koordiniert wird. Direkt wird von Googles Engagement also vor allem Apples Browser Safari profitieren.

Firefox hat davon nix, außer mehr Konkurrenz (die das Geschäft belebt).

Das ist die technische Seite. Das ist faktisch begründbar.

Über die politische kann man aber herrlich mutmaßen. Vielleicht sieht Google in einer engeren Zusammenarbeit mit Mozilla keinen Nutzen, weil ihnen das Projekt nicht gehört. So bekommt Mozilla zwar neunzig Millionen Dollar im Jahr von Google, aber Mozilla kann jederzeit zum Entschluss kommen, oha, Yahoo bezahlt uns noch mehr, wir stellen die Standardeinstellung unserer Suchbox um. Die ganze Investition war dann für die Katz.

Außerdem kann Kontrolle an sich schon ein erstrebenswerter Wert sein. Eben etwas eigenes haben, das eigene Ding durchziehen. Du könntest anstatt ein eigenes Blog zu haben z.B. deine Filmkritiken auch bei Spreeblick bloggen. Aber dann gibt es dort auch immer anderen Content und du kannst das Design nicht eigenmächtig ändern usw etc.

Ob der Google Browser sonderlich erflogreich wird, das bleibt aber abzuwarten.

the Geek

Ich bin gerade am Testen des neuen Google Abkömmlings.

Die „Wortvogel-Applikation“ direkt vom Desktop starten zu können hat auch was. Jetzt ist der Feuervogel auf meiner Oberfläche auch nicht mehr so alleine. Leider ist das mitgeliferte Icon des Wortvogels etwas pixelig.

the Geek

Look: keine Ahnung.
Schnelligkeit: fiel mir auch sofort auf
Was mir fehlt: Feed-Unterstützung, oder habe ich Tomaten auf den Augen?

Marko

Nett schnell. Leider packt „Chrome“ es nicht, meine Firefox-Lesezeichen zu importieren, das endet jedesmal mit einem Absturz von „Chrome“. Schade.

Gruß,
Marko

Soederberg
Soederberg

Nur so zur Beruhigung (oder auch nicht): In der ZDF Medienbibliothek gibt es eine halbstündige Reportage namens „Die Welt ist eine Google“. Dort erläutern die Mitarbeiter und Manager ganz leutselig wo Google hin will. Faszinierend und beängstigend zugleich.
Kann man leider nicht verlinken.

Soederberg
Soederberg

Ok, Korrektur.
„Kann ich nicht verlinken!“

deflow

Muss sagen, Chrome ist der erste Browser der für mich die Note 4.0 bekommt. Und das mein ich als Lob. Ich hab den gesamten Browser-War mitgemacht mit jeder dummen inkompatiblen Webseite, mit jedem unnützen, überladenen Feature das den Browser weiter aufbläht. Chrome ist der erste ders (augenscheinlich) aufs notwendige reduziert. Fleisspunkte für Firefox in dieser Beziehung.

Was die Kritik an der Komplexität angeht: Mir ist egal ob im Hintergrund ein eigenes GoogleOS arbeitet, solange sie diesen Umstand nicht zu meinem Problem machen. 😉

Darüberhinaus finde ich als Softwareentwickler Chrome eine hochinteressante Geschichte, zumal für die nächste Zeit noch eine ganze Menge ähnlicher Tools kommen werden. Adobe baut an einer Plattform die angeblich aus jedem Flash eine Stand-Alone-Applikation machen soll, Microsoft auch an etwas ähnlichem.

IT-Fuzzi
IT-Fuzzi

Ja, aber…

… jeder downgeloadete Chrome hat eine eigene Seriennummer, natürlich nur zu unserem Besten.

… jede Eingabe im Adress-Feld wird Buchstabe für Buchstabe zum Google-Server übertragen und dort gespeichert, natürlich nur zu unserem Besten (gilt übrigens auch für den Porno-Modus).

… und wenn man dann auch noch einen Account bei Google hat (z.b. Mail), ergibt sich daraus ein Userprofil, wie es genauer nicht sein kann, noch dazu ein zuordenbares.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

deflow

Ich hab durch Bekannte ein wenig Einblick in Google und ich muss sagen: Klar, es ist ein Unternehmen das „at the end of the day“ Geld verdienen muss. Aber sie sind sich auch sehr bewusst, welcher Sturm über sie kommt wenn auch nur einmal etwas schief geht, oder sie nur einmal in Verdacht geraten „evil“ zu sein.

Ich bin da vorsichtig optimistisch.

deflow

Nachtrag:

Kleines Beispiel warum ich das Programm mag:
In meinem IE war Yahoo als Standardsuche eingetragen.

Chrome hat das anstandslos übernommen und nicht Google als Standard eingetragen.

Das passt einfach zur Policy wie ich sie von Google bisher gehört und erlebt habe, sie wollen durch Qualität Kunden gewinnen und nicht durch Taschenspielertricks.

hilti
hilti

Kann mir mal jemand erklären, wieso es jetzt diesen Hype gibt? Ist die Unzufriedenheit mit dem FF so groß, oder woher kommt das? Warum nehmen die dann nicht Opera?

Gut, prinzipiell gibt es schon ein Ding, was Chrome von FF und Opera unterscheidet. Google hat finanziell viel mehr Power und könnte mit Dell/HP/whatever Deals abschließen und sich in die Standardkonfiguration von neuen Komplettrechnern einkaufen und Chrome prominent auf dem Desktop platzieren.

Nunja, egal. Wenn ich Google-Chrome – die Intention liegt auf der Hand lese, dann sinkt der Spieltrieb gegen Null. Datenhalden werden genutzt werden. Irgendwann, irgendwie…

Mario H.

Komisch, ich dachte eigentlich, es hätte sich herumgesprochen, dass die, die sagen, sie seien nicht böse, die Schlimmsten sind…
Bei mir ist Google jedenfalls mit sämtlichen Servern mit NoScript geblockt und auch die Cookes werden nicht angenommen.
Google vs. Mozilla ist erstmal egal, die wollen an MS ran. Und ich hatte so gehofft, dass MS Yahoo kaufen kann, damit Google endlich Konkurrenz bekommt und jede neue Suchmaschine teste ich auch.

Stony
Stony

Nachdem ich mir den ‚Neues‘-bericht angesehn habe bin ich auch mehr als zuvor bestürzt. Nicht nur, daß Google in weit größerem Umfang Datn sammelt als ich zuvor gedacht habe, auch wohin es zu gehn scheintfür diese Firma macht mir, vorsichtig gesagt, Kopfschmerzen. Da wird ein unglaublicher Gigant in Sachen Dateerfassung geschaffen, der andere Firmen/Systeme wie nix aufkauft und und jede Konkurrenz die Geld verdienen muß scheinbar sehr leicht ausschalten kann. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das, daß es irgendwann quasi sowas wie eine ‚Weltherrschaft‘ in vielen Bereichen für diese Firma geben wird. Und dann? Wird Google dann weiterhin seine Diestleistungen kostenlos für ‚den kleinen Mann‘ anbieten? Vielleicht ja, vielleicht nein, wahrscheinlich kommt es darauf nicht einmal an. Und selbst wenn, wie im Falle von Microsoft, die Politik eingreift um den Monopolisten zu ‚zerschlagen‘, bleiben die ungeheueren Datenmengen, die Strukturen diese zu erfassen und was sonst noch alles dazu gehört.

Google muß nicht mal selbst ‚evil‘ sein wollen, es kann, meiner Meinung nach, schlicht ausgenutzt/mißbraucht werden.

Nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber die Geschichte zeigt, daß so ziemlich alles was gemacht werden kann auch getan wird und gerade eine solche Machtfülle wie Google sie letztlich anstrebt wird gewisse Begehrlichkeiten zeitigen, die für uns, die dumm genug sind sich dem auszuliefern, sehr gefährlich werden können.

Lindwurm

Google gut oder böse? Auf jeden Fall ist Google nicht mit Microsoft, diesem Kraken, der rund 85 Prozent Marktanteil an ZU BEZAHLENDER Software hat, zu vergleichen. Google ist gratis, Google muss man nicht benutzen, Google sammelt nur deswegen mehr Daten als andere Suchmaschinen, weil es so populär ist. Und: Zu Google wird es immer Alternativen geben. Keiner wird gezwungen, Google zu benutzen. Und „Chrome“ rockt bislang wirklich ordentlich. Der bisher schnellste Browser, den ich kenne. Da wird sogar das Ansurfen vom Wortvogel, das sich – bei mir zumindest – mit FF oder IE beim Seitenaufbau als recht zäh erwies, ein Vergnügen. DivX-Filme laden schnell wie Sau, Youtube sowieso und auch extrem große PDF-Datein öffnen sich rascher als die Schenkel einer besoffenen Nymphomanin. Ich mag es.

deflow

„Keiner wird gezwungen, Google zu benutzen.“

Und man sollte hinzufügen: Außer mit ihrer Suchmaschine und mit Abstrichen mit GoogleMail sind ihre anderen Produkte nette Nischensachen, aber den wirklichen Durchbruch hatten sie nirgendwo. Und solange es für Suchmaschinen und Mail-Accounts noch einen gescheiten Markt gibt, hab ich da eigentlich keine Sorgen vor der Weltherrschaft Googles.

Paddy-o
Paddy-o

>>Und solange es für Suchmaschinen
>>und Mail-Accounts noch einen gescheiten Markt gibt..

Ach und wie sieht dieser Markt denn aktuell aus?
Na klar, es gibt noch einige (wenige anständige) Alternativen zu Google Search, zu Gmail sowieso.
Aber wie lange noch?
So wie die sich zur Zeit Aufblähen, in welche neuen Geschäftsfeldern und Bereichen des täglichen Lebens die sich stündlich einnisten, wird auf kurz oder lang einfach deren Marktmacht so riesig sein, dass alle anderen Anbieter das Nachsehen haben.
Mehr noch als jetzt sowieso schon.

Google ist cool, bringt Innovationen, udn andere tolle Sachen aber zu welchem Preis?!

Mein Alptraum: Die Welt wird irgendwann von einem GooglApple Konglomerat gekauft. *panik!*

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[…] wiederholt sich: Vor über 9 Jahren brachte Google seinen eigenen Browser Chrome auf den Markt – und ich […]