Dark KnightBester Start aller Zeiten, höchstes Wochen-Einspielergebnis, 450 Millionen nach 10 Tagen – alles unwichtig, wenn ich mit einer Flasche Bier und dem Kollegen Sixtus in einem Düsseldorfer Kino sitze, um mir den neusten Batman-Film anzusehen. Der olle Flatterheinz hat es sowieso schwer, denn in meinen Augen ist „Iron Man“ in diesem Jahr schon alles gewesen, was man von einer Comic-Verfilmung erwarten kann. Und „Batman begins“ fand ich als Neustart der Franchise vielversprechend, aber letztlich ein wenig unbefriedigend, was Handlung und Charaktere angeht.

Egal – Vorurteile über Bord, Arsch in den Sitz, Licht aus, Film an.

Story: Eine Kampagne des Staatsanwalts Harvey Dent zur Verbrechensbekämpfung in Gotham macht den Gangs das Leben schwer. Sie lassen sich auf einen Deal mit dem irren Joker ein, der verspricht, den Bürgern der Stadt die Angst vor dem Verbrechen zurück zu geben. Dazu muss er Dent brechen – und Batman korrumpieren. Schlüssel ist in beiden Fällen die attraktive Rachel Dawes.

Kritik: 2008 wird in die Filmgeschichte eingehen. Nicht als „Sommer der Superhelden“, wie SPIEGEL online kürzlich vermeldete (gab es in den letzten Jahren eine einzige Saison OHNE größere Comic-Starts?), sondern als der erste Sommer, in dem das Versprechen der Superhelden auch eingelöst wurde. In dem Hollywood erkannt hat, dass verschiedene Helden verschiedene Erzählstrukturen brauchen. Und in dem Gespräche über die Verfilmungen unter Fans nicht mit dem Satz beginnen „Man muss natürlich Abstriche machen, aber…“

Bruce Wayne

„The Dark Knight“ ist nicht einfach nur ein über weite Strecken brillanter Batman-Film. Er holt die Welt des Dunklen Ritters so nah wie nur irgend möglich an unsere eigene heran, um den Zuschauer emotional zu involvieren. Regisseur Nolan verweigert diesmal konsequent alle Konzessionen an die Burton/Schumacher-Streifen. Er befreit Gotham von allem ornamentalen Ballast, holt es aus dem puderigen Gotic-Look, in dem es bisher zu ersticken drohte. Das Universum von „The Dark Knight“ ist nicht mehr beruhigend in sich geschlossen, ein Spielfeld einer Schar bunter Figuren, denen wir von außen bei ihrem närrischen Treiben zuschauen. Nolans neues Gotham ist kein studiolastiger Modell-Moloch (Chicago dient eindeutig als Vorlage), sondern Beton gewordener Alptraum, in dem Geschäft, Politik und Verbrechen schon längst nahtlos ineinander übergehen. Es eine urbane Arena, in der Menschen sterben, Loyalität käuflich ist, und das totale Chaos nur ein paar Bombenexplosionen entfernt. Hier gibt es keine Unschuldigen, und hier werden auch keine Gefangenen gemacht.

Nolan verzichtet konsequent auf die Ikonographie der Superhelden-Mythen: Kostüme werden nicht mehr zelebriert, es gibt kein übertriebenes Posing, um den Panel-Look zu emulieren, und lächerlich aufgesetztes Melodrama (siehe „Superman Returns“) macht ENDLICH echtem Drama platz. „The Dark Knight“ ist eine Zelluloid gewordene „graphic novel“, kein verfilmtes Comic-Heft. Komplexe Charaktere, verschachtelte Handlungsebenen, und immer neue Twists beweisen, dass die Begriffe „anspruchsvolles Storytelling“ und „Comic-Verfilmung“ eben doch Schnittmengen haben können. In seiner Struktur und seiner Dynamik steht „The Dark Knight“ Filmen wie Michael Manns „Heat“ in nichts nach. Ich hätte Geld darauf gesetzt, dass es noch zehn Jahre dauert, bis Regisseure das Genre in solche Höhen hieven können. Ich habe mich geirrt.

Neben dem völlig neuen urbanen Look überzeugen auch die Darsteller. Ich fand es unerträglich und albern, dass überall kolportiert wurde, Heath Ledger müsse für den „Joker“ posthum den Oscar bekommen. Asche auf mein Haupt: Es wäre gerechtfertigt. Ledgers Joker ist keine Witzfigur (pun intended), sondern ein gefährlicher, undurchschaubarer, und unberechenbarer Psychopath ohne jegliche Moral. Er hat letztlich kein Ziel, nur die Freude am Chaos, an der Angst. Mit ihm kann man nicht verhandeln, ihn nicht einschüchtern, oder gar resozialisieren. Er ist ein schwarzes Vakuum, perfekt verkörpert von einem Schauspieler, der erst nach seinem Tod zeigen kann, dass er immer viel besser war als „Der Patriot“ oder „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“ ihm erlaubten.

Joker

Ledgers Performance erlaubt eigentlich kein Gegenüber – und doch schafft es Christian Bale, sowohl Batman als auch Bruce Wayne ausreichend Raum zu erspielen, in dem er auf das Gegenteil setzt: Reduktion. Der „neue“ Bruce Wayne hat mehr Würde und Gravitas als das Alter von Bale vermuten lassen würde. Es hilft auch, dass Bruce und Batman nicht mehr zwei verschiedene Seiten einer Medaille sind – denn mit dem Joker ist die dunkle Seite Batmans bereits besetzt, und Two Face spielt mit dem gleichen Ansatz. Nein, diesmal sind Batman und Bruce Partner, der Playboy als kompetenter Helfer des Superhelden. Wenn der Film kurzzeitig nach Hongkong springt, dann fliegt Bruce, Batman quasi „im Gepäck“.

Fehlerfrei ist „The Dark Knight“ allerdings nicht. In seiner Verweigerung großer Comic-Momente nimmt Nolan dem Stoff jegliches Pathos, und es sei die Frage erlaubt, ob man den Erwartungen des (auch jüngeren) Zuschauers nicht ein wenig mehr Rechnung tragen sollte. Und Nolan mag vieles sein – ein brillanter Action-Regisseur ist er nicht. Apologeten werden sagen, die Unübersichtlichkeit der Kampf- und Crash-Szenen sein gewollt, aber das macht sie nicht weniger irritierend. Ein wenig Choreographie hätte hier durchaus geholfen. Trotzdem sind diese Makel Kinderkram, wenn man bedenkt, wie weit sich Nolan hier aus dem Fenster lehnt, welches Risiko er eingeht.

„The Dark Knight“ ist nicht die Fortsetzung von „Batman begins“ – es ist der Neustart der Franchise, der vor zehn Jahren schon nötig gewesen wäre. Nachdem Nolan bewiesen hat, dass er Batman erfolgreich führen kann, hat er diesmal wirkliche alle Rücksicht fahren lassen, und einen düsteren Actionthriller geschaffen, der auch den Titel „Christopher Nolan’s Batman“ verdient hätte. Damit drängen sich Parallelen zu Burton auf, dessen „Batman returns“ auch deutlich näher an der Vision des Regisseurs war als der Erstling. Aber im Gegensatz zu Burton ist Nolan an den Figuren näher dran, versteht ihren Schmerz, ihre Ängste, und ihre Schwächen.

Wer auch nur den geringsten Zweifel hegt, dass „The Dark Knight“ ein ganz neues Level erreicht, der sollte sich für eine Minute vor Augen führen, wie der Joker und Two Face in früheren Filmen präsentiert wurden – und einen direkten Vergleich anstellen. Der Begriff „da liegen Welten dazwischen“ reicht schon nicht mehr aus…

Ich glaube nicht, dass sich die Frage beantworten lässt, ob nun „Iron Man“ oder „The Dark Knight“ der bessere Film ist. IM strotzt vor Spielfreude, spricht das Kind im Manne an, zelebriert Zerstörung und Übermut. DK ist ein Moraldrama, schwermütig und zerrissen, eher Antihelden- als Superhelden-Film. Statt sich zu entscheiden, sollten Fans lieber die Tatsache feiern, dass beide Ansätze möglich und erfolgreich sind.

Es ist ein verdammt guter Sommer für Superhelden-Fans.



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