23
Nov 2021

Kino Kritik: RESIDENT EVIL – WELCOME TO RACCOON CITY

Themen: Film, TV & Presse |

Kanada/Deutschland 2021. Regie: Johannes Roberts. Darsteller: Kaya Scodelario, Robbie Amell, Hannah John-Kamen, Neal McDonough, Tom Hopper, Donal Logue, Avan Jogia etc.

Story: 1998. Claire Redfield kehrt in ihre Heimatstadt Raccoon City zurück, die nach dem Wegzug der Umbrella-Zentrale schnell wirtschaftlich verfallen ist. Dummerweise haben die skrupellosen Wissenschafter ein paar "Altlasten" hinterlassen, die in dieser Nacht zu einer Zombie-Apokalypse mit weitreichenden Folgen führen werden. Claire, ihr Bruder und ein paar weitere Cops nehmen den Kampf gegen die Monster auf…

Kritik: Ich fange ja selten eine Kritik mit der Kritik an. Es gibt immer Background zu erzählen. So auch hier. Ich habe die RE-Spiele nie gespielt – die stammen aus einer Konsolen-Generation, die schon nicht mehr meine war. Meine Gamer-Sozialisation endete seinerzeit mit dem SNES.

Ich saß allerdings im Kino, als vor fast 20 Jahren der erste große RESIDENT EVIL-Film seine Presse-Premiere hatte. Es war die Zeit, als deutsche Produktionsfirmen sehr erpicht darauf waren, im internationalen Markt mitzuspielen. Rechte an Videospielen waren gar nicht teuer (siehe Uwe Boll), weil man darin kein allzu großes Potenzial sah. Also schnappte sich Constantin die Rechte an RESIDENT EVIL und holte Paul W.S. Anderson als Mastermind an Bord, der mit MORTAL KOMBAT die erste wirklich erfolgreiche Adaption eines Videospiels abgeliefert hatte.

Erinnert sich noch jemand, dass man als "deutschen Cast" allen Ernstes Heike Makatsch in einer Nebenrolle untergebracht hatte?

Ich gestehe: ich fand schon den ersten Film der Reihe käsig. Ein krudes und gleichzeitig generisches Zombie-Splatterstück, das mit den Spielen wenig zu tun hatte und das seinen Reiz primär aus der überraschenden Actiontauglichkeit von Milla Jovovich zog.

Aber was weiß ich schon? Der Film kostete (angeblich, aber nie im Leben) 33 Millionen Dollar und spielte weltweit über 100 Millionen ein. Unter der Leitung von Anderson und dem Lead von Jovovich wurde RESIDENT EVIL zu einer echten Cash Cow für Constantin mit satten fünf Sequels. Die Filme waren dabei nie Blockbuster in dem Sinne, dass sie z.B. in den USA mal die 100 Millionen geknackt hätten, aber sie brachten zuverlässig auf ALLEN Märkten Geld ein – und das summierte sich. Ein schönes Beispiel ist der letzte Teil von 2017: in den USA konnte man gerade mal etwas über 23 Millionen einspielen, aber weltweit holte man beeindruckende 320 Millionen ab.

Es stellte sich allerdings eine gewisse Franchise-Müdigkeit bei Anderson und Jovovich ein und die völlig konfuse zu Tode-Entwicklung des RE-Universums machte eine Fortführung praktisch aussichtslos – auch, weil damit kein neues Publikum mehr zu ziehen war. Da man eine lukrative Lizenz aber nicht verfallen lässt, entschied man sich bei Constantin für ein Reboot-Sequel, das zeitlich noch vor dem ersten Film ansetzt und die Geschichte von Raccoon City neu erzählt. Damit wolle man auch, so versprach man den Fans, näher an den Spielen bleiben.

Als neuen Showrunner holte man sich Johannes Roberts an Bord, der durchaus heute dort steht, wo Anderson vor 20 Jahren stand: ein junger Regisseur, der seine eigenen Drehbücher schreibt, Erfahrung mit Horror und Spezialeffekten hat, ohne dabei die Budgets über zu strapazieren.

Meine eigene Beziehung zu Roberts… bei Facebook würde man vermutlich "es ist kompliziert" anklicken. Ja, ich bin durchaus beeindruckt, was der Mann immer wieder aus wenig Geld rausholt. Ja, Filme wie THE STRANGERS: PREY AT NIGHT und 47 METERS DOWN: UNCAGED fand ich ziemlich fetzig. Aber ich fand sie eben auch nicht "gut" im klassischen Sinne und Roberts hat auch immer wieder halbgaren Käse wie F und STORAGE 24 abgeliefert. Der ist keine sichere Bank – bestenfalls eine wackelige.

Hinzu kommt, dass ich den Trailer für den neuen RESIDENT EVIL-Film auf dem Fantasy Filmfest mehr als 30 mal anschauen musste – und er wirkte beim ersten Mal so wenig überzeugend wie beim letzten Mal:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Nun gut, aber das muss man alles ausblenden können. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Ich bin immer bereit, mich überraschen zu lassen.

Und überrascht wurde ich dann auch.

RESIDENT EVIL: WELCOME TO RACCOON CITY unterbietet tänzelnd alle meine Erwartungen, als seien sie eine Limbo-Stange. Dem Film gelingt es, auf Ebenen zu scheitern, die mittlerweile selbst Asylum-Produktionen im Griff haben. Hier stimmt nichts – und das Ergebnis hat im Kino wahrlich nichts verloren.

Das Skript ist mit unterirdisch noch freundlich umschrieben. Ich lasse es nicht als Ausrede gelten, dass schon die Spiele keine großen Würfe in Sachen Storytelling waren. Es ist die Aufgabe eines Films, das besser zu machen. Johannes Roberts hat vermutlich das Memo nicht bekommen. Nicht mal die Timeline macht grob irgendeine Form von Sinn – wir glauben weder, dass Claire als Kind ernsthaft aus Raccoon City hätte fliehen können, noch dass die Stadt binnen weniger Monate nach dem Umbrella-Wegzug zu einem depressiven Loch verkommt. Warum gibt es da noch ein großes Polizei-Revier, das augenscheinlich keinen Unterschied zwischen Cops, Detectives und Pförtnern macht? Warum sieht die Spencer-Villa aus, als wäre sie seit Jahren verlassen? Das alles sind brauchbare Settings in Videospiel-Leveln, aber im Rahmen dieses Narrativs ergeben sie keinerlei Sinn.

Warum kommt Claire überhaupt zurück nach Raccoon City – ausgerechnet in der Nacht, als die Zombie-Apokalypse ausbricht? Ein auch nur brauchbares Skript hätte das miteinander verbunden, hätte ihr irgendein Herrschaftswissen gegeben, irgendeine Abfolge von "A ergibt B und führt zu C". Nix da. Claire kommt, Dinge passieren, Bumm, Affe tot, Klappe zu. Keine Charakterentwicklung, kein Storybogen, keine Twists.

Das Zeitkolorit der späten 90er Jahre ist dabei komplett "off". So berichtet Claire ihrem Bruder, sie hätte mit jemandem gechattet, der von bösen Absichten der Umbrella-Corporation wusste. Und diese "Chat-Nachricht" hat sie als Video auf einem VHS-Band. Das ist an so vielen Stellen falsch, dass ich einen eigenen Beitrag bräuchte, um es zu sezieren.

RE:WTRC leidet auch am RAIDERS OF THE LOST ARK-Syndrom:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Weil die Dinge letztlich alle mit oder ohne Einschreiten der Hauptfiguren geschehen, sind sie komplett irrelevant. Am Ende des Films ist nichts erreicht, nichts verhindert, nichts besiegt. Game Over. Press Start to Continue.

Es ist halt die tausendfach gesehene Geschichte von der Zombie-Attacke in der Kleinstadt mit dem üblichen Personen-Mix aus aufrechten Polizisten, schurkischen Wissenschaftlern, heroischen Märtyrern und kreischendem Monsterfutter. Kaya Scodelarios gesamter "Charakter" besteht daraus, mit grimmigem Blick großkalibrige Waffen abzufeuern. Und alle Figuren drumherum müssen sich denkbar dusselig verhalten, damit das notwendig und beeindruckend wirkt. So ziemlich jede Szene wird von einem rhythmischen Kopfpatschen aus dem Publikum begleitet.

Wenn es denn wenigstens gut gemacht wäre! Die CGI ist auf dem Level der Zeit, in der der Film spielt – Monster- und Zombie-Action haben wir in den 90er Jahren schon deutlich überzeugender gesehen (SPECIES, THE RELIC, KOMODO). Raccoon City sieht an keiner Stelle wie ein realer Ort aus – die Mischung aus CGI-Establishing Shots und billigen Sets sollte allen Beteiligten peinlich sein. Die schauspielerischen Leistungen sind so sediert, wie die Dialoge dünn und dumm sind. Und die Action kriegt den Arsch auch nie über das Niveau mittelmäßig bepreister TV-Serien hoch.

Das hier ist Bodensatz. Ich muss unterstellen, dass es Constantin nie darum ging, die Franchise für eine neue Generation aufzufrischen. Es geht ausschließlich darum, sie noch ein letztes Mal auszupressen, bevor man sie irgendwo im Straßengraben verklappt und hofft, dass sie dort unbemerkt verrottet.

Wir wurden nach dem Screening übrigens mal wieder nach unserer Meinung gefragt und ich habe dem Knecht am Clipboard diktiert: "Übelster Trash aus der B-Schublade, der im Kino nichts verloren hat.". Ich denke, das werden die nicht aufs Plakat drucken.

Fazit: Ein auf B-Trash-Niveau für die DVD-Schütte bei Müllers Drogeriemarkt herunter gebrochener eierloser Reboot der Franchise, der statt einer Wiederbelebung eher einer Leichenfledderei gleichkommt.

P.S.: Variety sieht’s auch so.



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
15 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Markus
23. November, 2021 11:53

Schön, wie du im Fazit subtil andeutest, dass dir der Film an der einen oder anderen Stelle nicht ganz so gut gefällt. 🙂

Marcus
Marcus
24. November, 2021 12:15
Reply to  Torsten Dewi

Du hast "wohlwollend" vergessen.

Christian Siegel
23. November, 2021 12:16

Den ersten fand ich – nicht zuletzt aufgrund der jegliche Atmosphäre im Keim erstickende Techno-Mucke – furchtbar. Zwei bis vier habe ich als solide und kurzweilig in Erinnerung. Dann war aber bald die Luft raus, und den siebenten habe ich erst gar nicht mehr gesehen. Am Reboot hatte ich dementsprechend wenig bis kein Interesse – somit danke für die Bestätigung :-).

Jake
Jake
23. November, 2021 14:04

Und überrascht wurde ich dann auch.

Für einen ganz kurzen Moment ging mein Euphorie-Pegel nach oben als ich diesen Satz las. Hätte ja sein können, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheiten. Ich bin ein großer Fan der RE-Games, Teil 2 war der ausschlaggebende Grund, warum ich mir Ende der 90er eine PS1 zulegte.

Die Anderson-Filme fand ich allesamt furchtbar, brachten den Vibe der Spiele nicht ansatzweise rüber. Die Trailer zum Reboot enthielten zwar ne Menge Fanservice für die Kenner der Spiele (z.B. die Nachstellung des legendären ersten "Zombie-Auftritts" aus Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=sc5gealeMHw), allerdings wirkte alles relativ billig und auch der Cast stimmte mich eher skeptisch. Mit einem derartigen Totalausfall wie Du ihn beschreibst, habe ich zwar nicht gerechnet, aber wirklich überraschen tut es mich jetzt auch nicht. Danke für die Warnung!

Feivel
Feivel
23. November, 2021 15:46

Ui, der Trailer ist wirklich schmerzhaft. Da macht sich eine enorme Egalheit breit – eine generische Bedrohung für Leute, die mir als Zuschauer maximal egal sind. HättensemalliebergezeigtwiederHundsichinfiziert..

Wer verbricht sowas? Doch wohl kaum der Regisseur?

Exverlobter
Exverlobter
23. November, 2021 22:16

Ohne Milla Jovovich eh uninteressant.

Matts
Matts
24. November, 2021 14:09

Jepp, damit bestätigst du ziemlich genau den Eindruck, den ich nach der (dank FFF x-fachen) Ansicht des Trailers hatte.

lostNerd
lostNerd
24. November, 2021 19:44

Was ich nicht verstehe: Vor was ist Claire als Kind aus Raccoon City geflohen? Der erste Ausbruch des T-Virus war doch erst 1998.Oder wurde das im Film geändert?

Last edited 11 Tage zuvor by lostNerd
Goran
Goran
25. November, 2021 11:18

Mal ne kleine Lanze für die Spielstories gebrochen:

Das Erste wäre ein solider B(-)-Movie und war auch gerade deswegen ja so erfolgreich, weil man eben so einen richtigen klassischen Plot durchspielen durfte.
Wenn man das Ganze auf die Kernszenen kürzt, ist das Drehbuch da schon fast fertig.
Das Spiel ist auch aus der Ära der Festkameraperspektive.
Also, zurechtkürzen, Dialoge überarbeiten und man hat sogar schon Vorschläge zur Bildregie.

Das Zweite war dann eine ganz ordentliche Weiterentwicklung des Szenarios, wie es halt weitergehen würde, wenn der Virus auf eine ganze Stadt überspringen würde.

Den im Spiel schon geteilten Handlungsstrang zwischen den zwei Protagonisten könnte man hier ohne Probleme schön als Doppelplot laufen lassen, und eben immer zeigen, wie sich beide gegenseitig beeinflussen.
Da das Spiel den Handlungsverlauf ändert, je nachdem mit welchem der Zwei man startet, wurden auch hier wirklich genug Szenen für ein Drehbuch vorgelegt.

Der dritte Teil ist mit dem Supermonster, das jagt auf die Mitglieder der Polizeieinheit macht und sich Stück für Stück durchmetzelt, auch ein Selbstläufer und leichte Genre-Erweiterung.

Es ist mir ein Rätsel, warum sich die Produktionen andauernd Neudrehbücher schreiben lassen, wenn doch Alles so ordentlich vorgelegt wurde.

Last edited 10 Tage zuvor by Goran
Marcus
Marcus
25. November, 2021 23:53

Aua. 3/10 ; 1 davon für die recht stimmungsvollen Szenen am Anfang, bevor die ganze Chose zum Krauchfilm ((c) Christian Keßler) wird.

Andreas
Andreas
26. November, 2021 15:26

OT: Gibt es ein "First View" zu Hawkeye