15
Dez 2007

Filmkritik: „I am Legend“

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

I am LegendNACHTRAG 16.12.: 76,5 Millionen Dollar am ersten Wochenende, weit jenseits der Insider-Erwartungen.

Sage keiner, der Wortvogel kenne sich nicht aus: Ich habe Richard Mathesons Geschichte "I am Legend" gelesen und das Comic, ich habe die BBC-Radio-Adaption gehört, und mir die Vincent Price-Version "The Last Man on Earth" besorgt, lange bevor es sie auf DVD gab. Und "Der Omega Mann" mit "Knarre" Heston gehört zur heiligen Dreifaltigkeit der Heston/70er/Hollywood-SF, neben "Planet der Affen" und "Jahr 2022 – die überleben wollen". Im DVD-Player wartet sogar "I am Omega" auf mich, der krude Billig-Trittbrettfahrer mit Marc "hatte ich nicht mal ’ne Karriere?" Dacascos. In dem sehr lesenswerten Buch "The greatest sci-fi movies never made" (kaufen! – gibt’s gebraucht schon für 3 Pfund!) habe ich außerdem die schmerzhafte zehnjährige Entstehungsgeschichte des Films nachgelesen.

http://www.youtube.com/watch?v=diCVYg9XTnQ

Langes Geschreibsel, kurzer Sinn: Ich weiß, wovon ich rede, ich habe Respekt vor der Vorlage, und ihr könnt mir glauben, wenn ich vorab schon mal sage, dass die Neuverfilmung mit Will Smith massivst rockt.

Ja ja: Der Regisseur hat sein Geld mit J.Lo-Videos verdient, Autor Akiva Goldsman haben wir "Batman & Robin" zu verdanken (und "Lost in Space"), und Will Smith ist bei mir nach "Wild Wild West" immer noch nicht im grünen Bereich angekommen. Gründe, "I am Legend" a priori zu verteufeln, gibt es also mehr als genug.

Und dennoch: Der Film beweist, dass auch aufgeblasene Effekt-Spektakel für das Popcorn-Publikum noch Herz und Hirn haben können. Wer nach "Spiderman 3", "Shrek 3", "Pirates of the Caribbean 3" und "Transformers" endgültig den Sargdeckel der Blockbuster zunageln wollte, wird zum Jahreswechsel tatsächlich nochmal bekehrt. Schöne Bescherung.

Gehen wir in die Details…

Story: Robert Neville ist ein hoch dekorierter Soldat, ein exzellenter Wissenschaftler – und der letzte Mensch in New York, vielleicht sogar auf der ganzen Welt. Ausgerechnet ein 100 Prozent wirksames Heilmittel gegen Krebs hat die Menschheit 2009 dahin gerafft. Mit seinem Schäferhund Sam streift Robert 2012 tagsüber durch Manhattan, deckt sich mit Nahrung ein, spricht mit Schaufensterpuppen, und wartet am Hafen auf Gesellschaft, die wohl niemals kommen wird. Wenn die Sonne untergeht, verbunkert er sich in einem Haus, das er zu einer Festung ausgebaut hat. Denn mit der Nacht kommen SIE – vampirartige, glatzköpfige Kreaturen, ehemals Menschen, die das Virus in Monster verwandelt hat. Gegen sie hat Neville keine Chance, und er weiß es. Ihm bleibt nur der immer verzweifeltere Versuch, ein Gegenmittel gegen die Seuche zu finden (er selbst ist immun), und darauf zu hoffen, dass jemand übrig bleibt, der sich heilen lassen will. Doch auch Nevilles Zeit läuft ab…

Kritik: Vorweg – "I am Legend" ist kein Slambang-Actionfilm, dessen Story nur ein dünner Faden ist, an dem sich Stuntsequenzen und CGI-Orgien entlang hangeln. Über weite Strecken ist der Streifen ruhig, fast bedächtig, und eindeutig auf das menschliche Drama Robert Nevilles konzentriert.

Hier ist ein Mann, der wirklich alles verloren hat, und dessen verzweifelte Versuche, das Rad der Zeit zurück zu drehen, wenig mehr sind als Gestaltungstherapie, um nicht wahnsinnig zu werden. Er ist ein Held in einer Welt, in der niemand mehr zu retten ist. Ein Ritter, der den Drachen bekämpft, obwohl es schon lange keine Prinzessin mehr zu befreien gibt. Pommerland ist abgebrannt.

In seiner stupiden Routine, im immer gleichen Versuch, das eigene Überleben mit Bedeutung zu füllen, schleichen sich die ersten Fehler ein, die ersten Unachtsamkeiten: Neville ignoriert die kruden emotionalen Bande der Kreaturen, erkennt in seinem Gegner nicht das eigene dunkle Spiegelbild, sieht sich immer noch als Kämpfer der Mehrheit, die nicht mal mehr eine Minderheit darstellt. Seine soziale Kompetenz verkümmert ebenso wie die der Monster, die er bekämpft. Er ahnt nicht, dass er nicht mehr die letzte Hoffnung der alten Welt ist – sondern das letzte Hindernis einer neuen…

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Man braucht den segelohrigen Smith, der seinen Körper mittlerweile auf Lundgren-Format aufgepumpt hat, nicht zu mögen, um von seiner Leistung in "I am Legend" beeindruckt zu sein. Über eine Stunde lang sehen wir nur ihn. Kein Voice Over. Kaum Dialog. Er ist allein, verzweifelt, müde, haßerfüllt, ängstlich, frustriert. Will Smith könnte diese Szenen mit dem Stoizismus von Heston spielen. Aber er gibt seinem Neville viel mehr Nuancen, betont die Brüchigkeit seiner emotionalen Rüstung. Smith spielt Neville als Survivor, der nur eine ärztliche Überweisung von der Klappse entfernt ist. Ich hätte weder gedacht, dass sich Hollywood einen so gebrochenen Protagonisten traut – noch dass ausgerechnet der Fresh Prince ihn glaubhaft spielen könnte.

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Es hilft natürlich, dass die Einsamkeit und die Isolation von Richard Neville durch das entvölkerte Manhattan perfekt eingefangen wird – was in "Omega Mann" schon ziemlich überzeugte, wird hier durch digitale Tricks perfektioniert: eine verlassene Metropolis, die langsam von der Natur zurückerobert wird, ein im wahrsten Sinne des Wortes urbaner Dschungel, in dem auf keine gesellschaftlich sanktionierte Gewaltenteilung mehr gesetzt werden kann. Damit ist "I am Legend" endlich mal wieder ein Film, der nicht nur große Bilder zeigt ("Day after tomorrow", "Resident Evil: Extinction"), sondern daraus auch eine glaubwürdige Welt zimmert.

Ebenso erstaunlich: "I am Legend" ist vorbildlich sorgsam durchkonstruiert. In vielen Details kehrt die Story immer wieder zu ihren Wurzeln zurück, nichts geschieht ohne Grund, alles spiegelt sich, hat Subtext, wirft weitergehende Fragen auf. Natürlich sind die Autoren Goldsman und Mark Protosevich nicht Max Frisch und Berthold Brecht – aber einen smarteren Blockbuster als "I am Legend" kann man von Hollywood wirklich nicht erwarten.

Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil der Kritik – nämlich den Fehlern von "I am Legend". Auch die gibt es, und sie stören umso mehr, weil der Rest des Films so perfekt funktioniert.

Zuerst einmal fängt der Film mit einer Actionsequenz an, die im "Fast & Furious"-style durch das entvölkerte Manhattan führt, und deren einziger Zweck offensichtlich der Wow-Effekt ist, den man nur im IMAX-Kino gut genießen kann. Eye Candy der schlimmsten Sorte, das nicht besser wird, wenn außerordentlich unglaubwürdige CGI-Löwen die Leinwand betreten. Es wäre wahrlich eine gute Idee, das ganze Intro für die DVD einfach wegzulassen. "I am Legend" benötigt keinen Remmidemmi-Einstieg.

Tja, und dann treten die "Monster" auf. Und aus dem potenten Drama mit starker Intimität wird plötzlich ein Creature-Spektakel im übelsten Stephen Sommers-Stil. Diese gummigesichtigen Computer-Kreaturen, die wie Pingpongbälle über Autos und Mauern hüpfen, mögen vielleicht Nevilles Blut wollen – tatsächlich saugen sie aber jeden Realismus aus dem Film. Allein die Entscheidung, die Vampirzombies nicht (wie etwa in "30 days of night") von Menschen in Makeups spielen zu lassen, hätte den Film komplett ruinieren können. Doch dankenswerterweise konzentriert sich "I am Legend" auch weiter auf das menschliche Drama, und die Kreaturen bleiben nerviges Beiwerk, allenfalls ein "ticking clock element" für den Showdown. Was sich die Macher dabei gedacht haben, will mir einfach nicht in den Kopf (und wenn man sich online die Kritiken anschaut, stehe ich mit dieser Meinung wahrlich nicht allein).

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Ich hätte auch noch was über die religiösen Anspielungen geschrieben, aber die gab es im "Omega Mann" auch schon (und sie werden hier recht hübsch auf den Kopf gestellt). Bei den 9/11-Bezügen (mittlerweile Pflicht in allen Filmen, die in Manhattan spielen) hält sich "I am Legend" angenehm zurück, dreht sie sogar ins Absurde, wenn Neville sich weigert, das entvölkerte New York zu verlassen: "This is Ground Zero! This is my site! I can still fix this!"

Über das Ende des Films werden sich die Fans der Vorlage natürlich die Haare raufen. Muss man aber nicht. Es ist konsequent, halbwegs logisch, und nicht so zuckersüß, dass man Diabetes bekommt. Überhaupt ist "I am Legend" trotz des Titels eher ein zeitgemäßes Remake des Heston-Films. Und als solches ein gutes.

Abschließend: "I am Legend" gelingt das mittlerweile seltene Blockbuster-Kunststück, nicht nur gute Unterhaltung zu sein, sondern ein richtig guter Film. So wie in den 80ern, als man sein Taschengeld in "Indiana Jones", "Ghostbusters", "Gremlins" und "E.T." stecken konnte. Man suche sich ein Kino mit großer Leinwand, fetten Lautsprechern, und lasse sich gepflegt aus den Schuhen pusten…



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Peroy
Peroy
15. Dezember, 2007 21:12

Ich mochte schon sowohl "Constantine" als auch "Wild Wild West" und "I, Robot", also beste Voraussetzungen, um auch "I Am Legend" zu mögen…

Aber verat' mir mal ruhig, hat der ein "gutes" Ende (gerne auch happy), weil sonst spar' ich ihn mir… ich hab' die Schnauze voll von Filmen, in die ich 100 Minuten meiner Zeit investiere, nur um zu sehen, wie sie sich in den letzten 5 mit Schmackes in die Scheisse reiten…

Wortvogel
Wortvogel
15. Dezember, 2007 21:14

Geht als Happy End durch…

Peroy
Peroy
15. Dezember, 2007 21:25

Sehr gut… 8)

Martin
15. Dezember, 2007 23:49

Es gibt kein "Happy End" in US-amerikanischen Spielfilmen… allerhöchstens ein ""Happy Ending"!

So, wollte auch mal klugscheißen *grins*

Nee, ernsthaft, ich freue mich auch schon tierisch auf den Film!

Einleitend hast Du übrigens noch einen – meiner Meinung nach – sehr wichtigen Film aus diesem Genre ausgelassen: Die neuseeländische Produktion "Quiet Earth"

Wortvogel
Wortvogel
15. Dezember, 2007 23:53

@ Martin: nein, den habe ich nicht vergessen – aber ich habe in der Einleitung nur alle Fassungen von "I am legend", und die Heston-SF der 70er erwähnt. Da passte "Quiet Earth" nicht rein, auch wenn’s ein guter Film ist.

Peroy
Peroy
16. Dezember, 2007 01:35

Ein bissl überschätzt…

Und das Ende hab' ich nie kapiert… wtf?

Tornhill
16. Dezember, 2007 13:00

Na dann hülle ich mich doch mal in Hoffnung (auch, wenn ich den “Omega Mann” nicht leiden konnte und mich seine positive Nennung hier misstrauisch stimmt), dass der wirklich was werden könnte!
Ich kenne die Vorlage (leider Gottes) nicht, habe aber zumindest die gute Price-Version und den Comic (mE ein Beispiel einer wirklich lahmen Literaturumsetzung, welche die meiste Zeit einfach nur den Text verkürzt wiedergibt und dazu ein paar Bilder stellt, aber das Medium nicht wirklich füllt) vorzuweisen.

Wortvogel
Wortvogel
16. Dezember, 2007 13:06

Ich gehöre wahrlich nicht zu den "Das Buch war besser"-Nölern, denen man es gar nicht recht machen kann, weil auf der Leinwand die Kommas fehlen. Schon gar nicht, weil in diesem Fall der Film unabhängig, aber trotzdem hervorragend ist. Nichtsdestotrotz rate ich die Lektüre der Geschichte dringend an: Matheson ist ein Meister der einfachen, unglaublich wirkungsvollen Prosa. Weniger Schnickschnack und mehr Drama geht kaum. Der Ernest Hemingway der phantastischen Literatur!

Zu "Omega Mann" – man muss wohl ein Kind der 70er sein…

GIGI DAG
23. Dezember, 2007 16:28

Ich weiß auch nicht, ich bin einer der einzigen Menschen die Wild wild West klasse finden ^^
Selbst Will Smith sagt heute dass das der schlechteste Film seiner Karriere wäre, was ist denn mit mir los? ^^

Aladin
Aladin
11. Januar, 2008 09:29

film ist toll, leider die ursprungliche ende ist geändert sowohl auch die ende die man im trailer sieht ist im kino veröffentlichung nicht vorhanden, wo sich die vampozombies rund um ihm stellen. tja und da sagt man: "behalte die künstlerische freiheit" (alles anpassen an massen publikum) schade, schade, schade

Roby Robson
Roby Robson
20. Januar, 2008 22:29

Film war sehr beeindruckend! Habe im Netz eine Comic-Vorlage noch gefunden (irgendwas mit Isolation?) und wusste (-peinlich…) nichts von der literarischen Vorlage.
Kennt jemand Buch und Comics bzw. sind diese zu empfehlen? Das Ende vom Kinofilm fand ich ziemlich enttäuschend, wuerde gern "Das Original" lesen.
Beste Grüsse an alle

Sebastian
21. April, 2009 18:36

Wortvogel, hast Du denn das alternative Ende inwzischen mal gesehen? Hält sich näher an die Vorlage und geht endlich auf den Aspekt der neuen gesellschaftlichen Ordnung ein. Weit besser als das Kino-Ende imho.

Wortvogel
Wortvogel
21. April, 2009 18:41

@ Sebastian: Wurde hier bereits an anderer Stelle besprochen.

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[…] unter der Regenbogenbrücke. Schlimmer noch: Die Frostgiganten sehen aus wie die Monster in “I am legend” und fühlen sich so austauschbar wie unecht an. Es schert uns einfach nicht, wer da wen […]

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[…] die Idee, die Affen diesmal in CGI zu gestalten, hat mich ungefähr so begeistert wie die Idee, im “I am legend“-Remake auf Vampire aus dem Computer zu setzen. Das klang alles so… unnötig. Hat die […]

Exverlobter
Exverlobter
24. Juni, 2012 15:16

"Wurde hier bereits an anderer Stelle besprochen."

Und in welchem Artikel wurde das besprochen?

Wortvogel
Wortvogel
24. Juni, 2012 21:04

@ Exverlobter: Ist es zuviel verlangt, das auch mal selber zu googeln?

https://wortvogel.de/2008/03/i-am-legend-alternative-ending/

Exverlobter
Exverlobter
24. Juni, 2012 22:48

Nach mehr als 5 Minuten Suche über die Blog-Suchfunktion habe ich aufgegeben. Vielleicht war ich aber auch einfach nur zu blöd dazu. Trotzdem danke.

Howie Munson
Howie Munson
25. Juni, 2012 06:19

? einfach "legend" eigneben und suche drücken… (nicht zufalll)

https://wortvogel.de/?s=legend

wobei ich mich wunder warum das bei mir wirklich über eine Minute dauert bis das Ergebnis kam…

Exverlobter
Exverlobter
25. Juni, 2012 07:57

Ich hatte I am Legend eingegeben. Wahrscheinlich war das zu viel.