Einmal Kurzstrecke: Von der Yellow Press zum anspruchsvollen Online-Journalismus
Die Stimmen, die den SPIEGEL als “Sturmgeschütz der Demokratie” bezeichnen, werden leiser – und weniger. Besonders der Online-Ableger SPon muss sich häufig Schlabberigkeit bei der Themenauswahl und einen ungesunden Hang zum Boulevard nachsagen lassen. Kein Wunder, denn Klicks bringen Werbung, Werbung bringt Geld – und da darf es auch gerne mal eine Meldung über Hollywood-Starlets oder Promi-Brüste sein (samt Fotostrecke, versteht sich).
Ich habe damit gewöhnlich kein Problem: Auch SPon muss leben, und Artikel, die mich nicht scheren, lese ich auch nicht. SPon ist seit mittlerweile 15 Jahren meine Startseite ins Internet.
Heute habe ich mich aber mal wieder richtig geärgert:
Mein Problem an dem Artikel ist nicht das Thema. Soll SPon doch über das Liebesleid der Schwester von Britney Spears berichten, solange sie wollen – ich zahle nicht dafür, und “wenn’s schee macht”…
Mein Problem ist die Übernahme aus einer Quelle, die sich selbst nur auf (ziemlich wahrscheinlich erfundene) Quellen beruft.
Basis des Beitrags ist diese Meldung bei people.com, in der ausschließlich “friends” und “sources” zu Wort kommen. Und ich habe ja schon mal ausführlich erklärt, wie solche Aussagen zu werten sind.
Jungs und Mädels von SPon, in aller Freundschaft: Klatsch ja, aber bitte auch dabei Spreu und Weizen trennen.
SPon übernimmt bedenkenlos die vagen Quellen – zweimal direkt, und zweimal unter Berufung auf People. Es geht nicht um das, was Jamie Lynn Spears getan hat, sondern getan haben soll. Was man so hört. Über drei Ecken.
Ärgerlich daran: Damit ist die Luftnummer von Meldung immerhin schon auf der Webseite von Europas größtem Nachrichtenmagazin angekommen, und nach den Spielregeln der Boulevard-”Stille Post” legitimiert.
Andere Medien können nun fröhlich nachziehen, ohne sich die Finger an der amerikanischen Klatschpresse schmutzig zu machen, denn: “Wie SPIEGEL online vermeldet…”.
Klingt doch gleich erheblich seriöser als “Wie ein angeblicher Freund der Familie PEOPLE verraten haben soll…”
NACHTRAG: Ein weiteres schönes Beispiel für die sorglose Weiterreichung von gelber an graue Presse findet sich heute auch bei Bildblog.
