Fahrenheit 451

Man muss die Truffaut-Verfilmung von Ray Bradburys legendärem Roman, die 1966 in die Kinos kam, nicht mögen. Als Kind fand ich den Film immer zu spröde, emotionslos, sperrig. Meine spätere Bewunderung für die sehr verkopfte Adaption ist entsprechend intellektuellen Ursprungs – begeistern kann mich „Fahrenheit 451“ bis heute nicht. Als Kind seiner Zeit und Dokument des anspruchsvollen europäischen SF-Kinos wie „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ oder „Barbarella“ hat er sich seinen Platz in der Filmgeschichte aber redlich verdient.

Gerade weil Truffauts Umsetzung sehr mit dem Regisseur und seiner Epoche verbunden ist, habe ich mich auf diese Neuverfilmung gefreut. Klar würde das amerikanischer werden, moderner, bunter, mit einem klareren Auge für die Schauwerte und einer deutlicheren Empörung für die der Story zugrundeliegende Missachtung kultureller Werte. Was Bradburys Roman vordenkt, ist ja teilweise bereits eingetreten, vielleicht sogar überholt – die Währung Literatur hat an Wert verloren. Die Kenntnis um die Vergangenheit weicht einer allumfassenden, unausweichlichen Gegenwart.

Am Arsch die Räuber.

„Fahrenheit 451“ ist ein Debakel, ein Desaster so vollständigen und ernüchternden Ausmaßes, dass man ihn nicht mal für eine Verkettung unglücklicher Umstände halten kann – er ist eine Verkettung unglücklicher Entscheidungen, jede einzelne davon falsch. Er weiß, dass der die Originalstory nicht erzählen kann, weil sich im Amazon-Zeitalter die Literatur längst vom Medium Buch getrennt hat – und hat doch keine Antwort auf die Frage, worum es denn alternativ gehen könnte. Also versucht er hilflos, das Netz zum faschistischen Verdummungswerkzeug zu erklären, Social Media zum gesellschaftlichen Pranger – und die paar Megabyte literarischer Klassiker zum erlösenden Lichtschalter bis dato schlafschafender Gutmenschen.

Nichts, nichts davon funktioniert. Michael B. Jordan wirkt tranig, Michael Shannon spielt seine Rolle aus „The Shape of Water“ einfach nochmal, und die gesamte Darstellung des F451-Universums ist unserer Gegenwart so ähnlich, dass wir die kontrastierenden Elemente nicht ernst nehmen können. In keiner Sekunde glaube ich, dass in dieser Welt die Menschen nicht wissen, dass Feuerwehren eigentlich Feuer löschen, statt sie zu entfachen – oder dass man binnen nicht mal einer Generation die gesamte Weltliteratur vergessen hat. In seinem Bemühen, etwas über das „heute“ zu sagen, wird diese Verfilmungen „morgen“ schon massiv von „gestern“ sein. Sie ist ein Blip, ein müdes Aufblitzen von Ray Bradburys Geschichte ohne jeglichen Anspruch an dauerhaften Wert. TV-Fastfood, wie es 2018 eigentlich nicht mehr vorkommen sollte. Erinnert ihr euch noch an die „Brave New World“-Verfilmung von 1998 mit Leonard Nimoy? Nicht? Eben.

Fazit: Eine der ärgerlichsten und sinnlosesten Neuverfilmung seit Menschengedenken, die man genau so schnell vergisst, wie sie es verdient.

Ich brauchte nach diesem Fiasko was, um meine Geschmacksnerven durchzuspülen. Irgendwas, das mir den Glauben an die SF, die Literatur ganz allgemein, wiedergeben würde. Also buddelte ich eine bisher untergegangene Verfilmung von 2010 aus. Philip K. Dick immerhin – mit Alanis Morissette?!


Radio Free Albemuth

Nick Brady lebt in einem latent faschistoiden Amerika, das irgendwie zwischen den 60ern und den 90ern gefangen ist. Er erhält Botschaften von einer Entität, die er Valis tauft und die ihm rät, nach Los Angeles zu ziehen, um Karriere in einer Plattenfirma zu machen. Ist Valis Gott? Ein Alien? Das Menschheitsgewissen? Auch mit seinem Freund Phil und der ebenfalls mit Valis in Kontakt stehenden Sylvia tut sich Nick schwer, seinen Platz im kommenden Drama zu entschlüsseln. Außerdem ist ihm die Geheimpolizei des Präsidenten bereits auf der Spur…

Diese Verfilmung habe ich nicht nur nicht kommen sehen – sie ist dann auch total an mir vorbei gegangen. Auf den ersten Blick erschreckend, auf den zweiten verständlich: wir haben es hier mit einem SEHR preisgünstig zusammen gestoppelten Indie-Film zu tun, in den alle Beteiligten mehr Herzblut als Geld investiert haben. Es knarzt an allen Ecken und Enden, bekanntere Schauspieler stecken mal den Kopf zur Tür herein, und bei der CGI ist teilweise Fremdschämen die einzig angebrachte Reaktion. Kein Wunder, dass vom ersten Screening bis zum Release vier Jahren vergingen.

Vor allem hadert „Radio Free Albemuth“ mit einem sehr schwachen Skript, das hilflos von Szene zu Szene stolpert, weder die Figuren noch das Setting ordentlich etabliert oder die Spannungsbögen richtig setzt. Die Darsteller hangeln sich überfordert von der Willkürlichkeit der Ortswechsel durch hölzerne Dialoge, die ein rangetackerter Erzähler (ein fiktionalisierter Dick selbst) in Kontext setzen soll.

Und doch… und doch…

„Radio Free Albemuth“, wenn man ihm die Zeit gibt und keinen B-Kracher erwartet, funktioniert. Das faschistische Alternativwelt-Amerika mit seinem machtgeilen Präsidenten und der eilfertigen Geheimpolizei hat eine trumpsche Relevanz, die den Film heute stärker macht als zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Im Gegensatz zu „Fahrenheit 451“ hat die Geschichte von „Radio Free Albemuth“ immer noch etwas zu sagen, das über die Laufzeit hinaus nachwirkt. Es ist ein Film über die bereitwillige Aufgabe der konkreten Freiheiten im Namen der theoretischen Freiheiten, über das spirituelle Erwachen in profaner Zeit. Das braucht ein wenig, um sich aus der anfangs wirren Abfolge von Szenen heraus zu schälen und zu verdichten, aber es formt sich. Hier wird viel angerissen, eingeworfen, mehr angedacht als auserzählt. Es ist spürbar, dass Philip K. Dick den Roman teilweise in entweder bewusstseinserweiterndem oder mental eingeschränkten Zustand geschrieben hat.

Das ändert aber nichts daran, dass „Radio Free Albemuth“ mit unfassbar geringen Mitteln eine sehr große Geschichte erzählt – und das zum Ende hin durchaus spannend und überraschend.  Manchmal steht dem Film seine eigene humorlose Aufrichtigkeit im Weg und ich hätte mir vielleicht teilweise bessere Darsteller gewünscht, aber hier muss man mit der Rohversion des Diamanten vorlieb nehmen. Besser als die polierte Scheiße von „Fahrenheit 451“ ist es allemal.

Fazit: Wer ein Herz für technisch und erzählerisch holperige, aber durchaus bemühte SF mit Anspruch hat, der findet hier einen neuen „The Man from Earth“ (dessen aktuelles Sequel ich so scheiße fand, dass ich es hier nicht besprechen möchte).

 



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Sheene ShannonWortvogelMarcusJens Recent comment authors
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Sheene Shannon

„Michael Sheen spielt seine Rolle aus „The Shape of Water“ einfach nochmal.“

Die des Unsichtbaren? Tipp: Shannon.

Jens
Jens

Hallo Torsten, ich lese deinen Blog schon seit einer gefühlten Ewigkeit und freue mich immer wieder, Neues von dir zu lesen. Bisher habe ich noch nie einen Kommentar hinterlassen, was ich jetzt hiermit ändere.
Deine Kritik für Fahrenheit 451 lässt mich zweifeln, ob ich mir ihn noch ansehe. Das Buch ist für mich ein Heiligtum und eines meiner Lieblingsbücher (ja ich kenne Bücher noch). Der Film Equilibrium von 2002 mit Christian Bale ist ja sehr an das Buch angelehnt, wenn auch mit einigen Freiheiten und modernen Ideen wie der Gun-Kata. Mir hat er jedoch gut gefallen, weil er die Geschichte gut transportiert hat.
Kennst du den Film auch, und wie würdest du ihn im Vergleich zu dieser Neuverfilmung bewerten?
Wahrscheinlich werde ich mir die Neuverfilmung dennoch ansehen, um mir ein Urteil zu bilden.
Beste Grüße
Jens

Marcus
Marcus

Und ich so: VALIS? Häh? War das nicht sein eigenes Philip K. Dick-Buch bzw. sogar seine eigene Trilogie? (Und eins der zu wenigen Werke von ihm, die ich gelesen habe.)

Und Tante Wiki so: „Der Roman wurde, obwohl bereits 1976 unter dem Titel VALISystem A verfasst, erst 1985 posthum veröffentlicht, weshalb er zuweilen als „Dicks letzter Roman“ beworben wird[1]; Dicks Verlag, Bantam, hatte tiefgreifende Änderungen gefordert, was dazu führte, dass Dick die Idee stattdessen neu anging und die VALIS-Trilogie verfasste.“

Aha. Quasi ein erster Entwurf. Wieder was gelernt.