zaertliche_chaoten_2Auf Wilsons Dachboden wurde gestern „Zärtliche Chaoten 2“ besprochen, eine dieser deutschen Fremdschäm-Komödien der 80er, die nur von den Leuten für Kult gehalten werden, die sie nie gesehen haben. Retrospektiv ist allenfalls der Zynismus erstaunlich, mit dem man seinerzeit (zu Recht) annahm, es reiche für einen Kinofilm, wenn man ein paar deutsche TV-Nasen, Gaststars aus aktuellen US-Serien und die aktuellen Sommerhits zusammen blödelt. Was an Kreativität und tatsächlicher Handlung fehlte, wurde mit Adjektiven wie „frech“ und „rasant“ übertüncht, auch wenn die Inszenierung nie über das Niveau schlechter Werbespots hinaus kam.

Um euch auf meinen kleinen Exkurs einzustimmen, hätte ich euch gerne den Trailer zum Film gezeigt, den scheint es online aber nicht zu geben. Also muss der Trailer von Teil 1 herhalten – das gibt sich nix:

In Teil 2 geht es um eine Zeitreise – drei genervte Mitarbeiter des Patentamts wollen verhindern, dass ihr tyrannischer Chef je geboren wird, und reisen zu diesem Zweck in das Jahr 1988 zurück. Es gibt Verwechslungen, Romanzen, Stunts und David Hasselhoff – katastrophal synchronisiert – unter südlicher Sonne.

Genau genommen ist „Zärtliche Chaoten 2“ also Science Fiction, genau wie Gottschalks anderer Rohrekrepierer „Die Einsteiger“. Auf der Webseite Wilsons Dachboden wird der futuristische Prolog mit den kurzen Worten abgekanzelt:

„Das Jahr 2043 wird mit ein paar automatischen Maschinen zur Morgenhygiene und Mitarbeiterüberwachung dargestellt. „

Dieser pauschalen Abwertung möchte ich an dieser Stelle entschieden widersprechen. Wenn überhaupt, hat die Darstellung der schönen neuen Welt des gottschalkschen 2043 seit 1988 deutlich an Charme UND an Weitsicht gewonnen. Ich möchte das nun weiter ausführen.

Gleich die erste Aufnahme ist technophil, legt den Fokus nicht auf Mensch, sondern auf Technik, thematisiert schon vorausgreifend das Element Zeit:

ZK2 00001Zugleich ein Rückgriff: Ein für heute Begriffe altmodisches digitales Display, eine Uhrzeit, die der immer mehr um sich greifenden Gleitzeit der Arbeitswirklichkeit von 2015 nicht gerecht wird – und der von 2043, das dürfen wir annehmen, schon gar nicht.

Aber ist das falsch, ist es vielleicht nur zu spießbürgerlich gedacht? Kann es nicht auch sein, dass die Digialanzeige im Jahre 2043 „retro“ sein wird, dass Gottschalks Figur vielleicht eine Antiquität im Schlafzimmer hat – oder dass hier lediglich ein HD-Bildschirm nur die ILLUSION einer altmodischen Zeitansage erzeugt? Für die These spricht, dass es heute schon vergleichbare Apps für Smartphones gibt:

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Schauen wir weiter, ob es zusätzliche Hinweise gibt…

Der nächste Shot zeigt Gottschalk, wie er grummelnd im Bett liegt – manche Dinge, so wird suggeriert, ändern sich nie, dazu gehört der morgendliche Unmut über den Aufstehzwang:

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Was sehen wir im unscharfen Vordergrund? Einen Plasma-Globus, richtig! Das könnte einerseits die These erhärten, dass es sich nicht um die Klein Fritzchen-Version einer Utopie handelt, sondern um die vom Ausstatter bis ins Detail durchdachte Liebe des Charakters zu Retro-Artikeln aus den 70er und 80er Jahren (ein kongenialer Meta-Verweis auf Gottschalk und seinen Musikgeschmack? Nicht auszuschließen!).

Aber halt – nicht so schnell! Plasmagerätschaften als „retro“ einzustufen, ist voreilig und naiv, wird die Technologie doch selbst im Jahr 2373 von den hoch entwickelten Borg noch verwendet:

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Vorgriff? Rückgriff? Kommentar zur Vergangenheit oder hellsichtige Voraussage zukünftiger technologischer Ansätze? In diesem Moment kaum noch zu sagen…

Jetzt wird es spannend – der Wecker piepst und spricht nicht nur, er WECKT GOTTSCHALKS PHYSISCH AUF! Und zwar mit Hilfe einer Roboterhand!

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Fürwahr, SO sieht die Zukunft aus! Eine konsequente Weiterdenkung der Weckmechanismen von schrottigem Geklingel über MP3-Wecktöne und Vibrationen hin zum körperlichen Ausdruck digitaler Notwendigkeiten. Der Terminkalender wird physisch, analog, bekommt im wahrsten Sinne des Wortes „Hand und Fuß“. Die (in der Zukunft vielleicht verpönte) Partnerschaft von Mann und Frau wird ersetzt, die Maschine übernimmt die zärtliche Geste des „aufstehen, Liebling!“. Auf diese körperliche, ausdrücklich intime Symbiose von Mann und Maschine kommen wir noch zurück.

Bevor wir zum nächsten Bild springen, muss ein nur scheinbar krasser Fehler in Gottschalks und Dresslers Utopie angesprochen werden. Der Nachrichtensprecher berichtet von einer Begegnung mit Michael Jackson in Los Angeles. Es wäre sehr einfach, hier die mangelnde Voraussicht der Autoren zu beklagen, die 1988 nicht vorhersehen konnten oder wollten, dass der beliebte Popsänger 2043 nicht mehr am Leben sein würde. Aber ist das wirklich so? Könnte Gottschalk nicht genau so gut einen Parodie-Podcast von einer Quelle wie The Onion oder Funny or die hören?

Möglichkeit 2: Im Jahr 2043 ist der Tod kein Grund mehr, nicht berühmt zu bleiben. Ich habe seinerzeit für den Elektrischen Reporter mal die Vision einer Welt erfunden, in der digitale Stars Autonomie fordern, in der Hollywood-Legenden im Rechner nachgebaut werden. Der Film „Der Kongress“ hat das erst im letzten Jahr thematisiert. Somit ist es nicht bloß denkbar, sondern fast wahrscheinlich, dass im Jahr 2043 wieder Michael Jackson oder eine Variante von ihm auf Erden wandelt.

Schließlich ist er schon in unserer Generation als Hologramm aufgetreten:

Somit gibt es keinen Grund, den Machern von „Zärtliche Chaoten 2“ mangelnde Vision zu unterstellen. Es ist UNSERE mangelnde Vision, die uns seinerzeit unfähig gemacht hat, die Präzision dieser Utopie in vollem Umfang zu erfassen. Dafür spricht auch das nächste Bild:

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Anno 1988/89 hätte JEDER Kinobesucher gesagt: „Cool, der Gottschalk kann alle Geräte daheim mit der Fernsteuerung bedienen!“. Und das wäre schon erstaunlich genug gewesen, stellt es doch eine ziemlich passgenaue Vorhersage des aktuellen „home automation„-Trends dar. Gottschalk hat das, was wir anstreben und was 2043 in der Tat Standard sein dürfte: Das Smart Home.

Aber selbst DAS greift zu kurz, verkennt die tatsächlich prophetische Kraft dieser nur scheinbar banalen Details! Denn was Gottschalk da in der Hand hat, muss mitnichten eine Fernbedienung sein! Schaut euch das Format an! Die Farbe! Die Art, wie Gottschalk missmutig darauf starrt!

Es ist – ein Smartphone mit haufenweise Home Automation-Apps! 1988!

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Mind. Blown. Indeed.

Schon jetzt ist klar, dass die Aussage von Wilsons Dachboden

„Das Jahr 2043 wird mit ein paar automatischen Maschinen zur Morgenhygiene und Mitarbeiterüberwachung dargestellt. „

sträflich zu kurz greift, vielleicht sogar einer absichtlichen Ignoranz geschuldet, die nicht sehen will, was sie nicht ertragen kann. Weil es zu leicht ist, dem blondgelockten Seicht-Moderator Gottschalk mangelnde Kreativität zu unterstellen, wo in Wirklichkeit hellseherische Vision waltet.

Und wir sind noch lange nicht fertig.

Ebenfalls per Knopfdruck wird das Frühstück aktiviert, bläht sich ein Burger auf in einer Gerätschaft, die Mikrowelle oder Replikator sein könnte und deren Funktionsweise oberflächlich an den Rehydrierer aus „Zurück in die Zukunft 2“ erinnert. Die popkulturellen Verweise sind zu mannigfaltig, um Zufall zu sein:

ZK2 00006Dass ein solcher Burger nicht mit frischen Zutaten hergestellt werden kann, muss dem Visionär Gottschalk bereits 1988 klar gewesen sein – und nur 27 Jahre später sind wir auf dem Weg zu künstlich im Labor hergestellten Burgerfleisch. Auch hier predigt (predict!) „Zärtliche Chaoten 2“ keine Nostalgie, sondern Fortschrittsbegeisterung!

Die Aufnahme macht „Zärtliche Chaoten 2“ natürlich zur Ergänzung wie zum Widerspruch von Sylvester Stallones späteren, zweifellos von der deutschen Komödie inspirierten „Demolition Man“, in dem nur die Kette „Taco Bell“ die Fastfood Wars überlebt hat. Wollte Stallone mit Taco und Burrito einen trotzigen Gegenentwurf zu Gottschalks Burger-Herrlichkeit bauen oder werden nur zwei Seiten der gleichen Medaille bedient – der Burger als Speise des Privaten, der Burrito als Speise des Öffentlichen?

Nächster Punkt auf Gottschalks SF-To Do-Liste ist (wir nehmen es an, es wird clevererweise nicht explizit ausformuliert) der morgendliche Kaffee. Eine seltsame Konstruktion, unhandlich, fast eine Labor-Anordnung, die auf den ersten Blick unbeholfen und sperrig wirkt:

ZK2 00007Wir ahnen es schon: Es steckt mehr dahinter. Eine Hommage an Steampunk, die Offenlegung des Wirkens mechanischer und thermischer und chemischer Kräfte, eine Lobeshymne auf den Kaffee als Kulturgut im Barista-Zeitalter. Technologie in den 40er Jahren des 21 Jahrhunderts – sie wird wieder transparenter, lässt den Nutzer an der Entstehung seiner Nahrung teilhaben. Ein Luxus nicht für alle, sicherlich – es ist anzunehmen, dass für die orwellschen Massen das Kaffee-Substitut im Jahr 2043 aus anonymen Zapfhähnen an der Wand kommt. Aber Gottschalk, Elitist der er ist, leistet sich „echten“ Kaffee.

Auch hier drängen sich filmhistorische Verweise ins Blickfeld: Der Wunsch des Trancer-Jägers Jack Deth nach echtem Kaffee in „Trancers“ oder die Bewunderung Charlton Hestons für ein echtes Stück Fleisch in „Soylent Green“. Mag Gottschalk auch nicht der begnadete Schauspieler sein – als filmhistorisch bewanderter Drehbuchautor ist er ohne Fehl.

Die Sichtbarkeit des fließenden, dampfenden Kaffees in all seiner Sinnlichkeit dürfte in Kombination mit der zart weckenden Roboterhand auch noch einmal auf die soziale Isolation des Charakters verweisen: Offensichtlicher (und plumper, was wohlweislich vermieden wird) wäre die Aufgabe der Dualität Mann/Frau zugunsten von Mann/Maschine nur noch durch ein gesäuseltes „Der Kaffee ist fertig“ von Peter Cornelius auf dem Soundtrack gewesen.

Und nun das Highlight, das pièce de résistance – der Mycop-Helm:

ZK2 00008Vier Programme für Gesichtswäsche, Haarwäsche, Zahnhygiene und Rasur – in exakt gestoppten 21 Sekunden wird aus dem schrubbeligen Schnarch-Gottschalk eine gelackte Arbeitsdrohne inklusive Gummiband im Pferdeschwanz!

Ich brauche dem geneigten Filmfan sicher nicht zu erklären, dass Gottschalk mit dem Mycop den noch funktionsuntüchtigen „bathroom buddy“ aus „Gremlins“ konsequent zu Ende gedacht hat:

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Hätte Steve Jobs „Zärtliche Chaoten 2“ gesehen – wir würden heute vermutlich myPhones, myPads und myMacs benutzen. Hätte Gottschalk, Jobs augenscheinlich intellektuell ebenbürtig, seinen Film 20 Jahre später gedreht, hätten wir hier sicher den iCop zu sehen bekommen. Aber es war den brillanten Geistern des ausgehenden 20. Jahrhunderts verwehrt, sich gegenseitig zu befruchten.

So blieb der Mycop, dieses Badezimmer in Helmformat, das so viele Raum- und Hygieneprobleme weltweit lösen könnte, nur Theorie.

Dass das Problem der effizienten Raumnutzung in Zeiten urbaner Überfüllung dem Tüftler Gottschalk am Herz lag, erkennt man auch daran, dass er es gleich in der nächsten Szene wieder aufgreift – sein Bettzeug verschwindet auf Knopfdruck, aus der Liegefläche wird ein bequemes Sofa:

ZK2 00010Das ist brillant durchdacht und mag den meisten Zuschauern 1988 noch als wilde Science Fiction erschienen sein. Wir sind eine Generation weiter, wir wissen es besser – und verdanken es Gottschalk:

Die gesamte bis hier beschriebene Sequenz dauert gerade mal drei Minuten. Drei Minuten Dystopie, für die die Wachowskis drei ganze Filme brauchten – und an der sie scheiterten.

Kommen wir vom Privaten ins Öffentliche, vom Mikrosozialen zum Makrourbanen – Gottschalks Vision der Stadtsphäre des Jahres 2043. Reduziert auf wenige Details, lässt sie doch breiten Raum zur Interpretation:

ZK2 00011Zuerst einmal fällt auf, welchen Fehler Gottschalk NICHT macht: Er ersetzt aktuelle Architektur nicht willkürlich durch CGI-Skylines. Denn so funktioniert Fortschritt nicht. So wie heute noch ganze Stadtteile aus 100 Jahre alten Häusern bestehen, so wird vermutlich auch die Cityscape des Jahres 2043 von „alten“ Gebäuden dominiert sein. Stein wandelt sich nur langsam, scheint Gottschalk hier zu sagen. Und Recht hat er.

Ein besonders kongenialer Kniff ist dabei die bewusste Verwischung von Wahn und Wirklichkeit – was uns hier als Patentamt der Stadt München präsentiert wird, ist… das Patentamt der Stadt München! Es treffen sich Fakt und Fiktion und versetzen den Zuschauer in eine gespannte Unruhe, als wäre hier schon die Hybridkultur der Scripted Reality à la 2015 ahnbar.

Man mag 1988 über die „futuristischen Kleinwagen“ gelacht haben, die kaum dazu dienten, von unserem PS-Wahn und unserer „Freie Fahrt für freie Bürger“-Mentalität abzulenken. Und war es nicht Gottschalk gewesen, der nur ein paar Jahre zuvor in „Zwei Nasen tanken Super“ das Hohelied des verkehrstechnisch absolut indiskutablen Trikes gesungen hatte?

Alles falsch. Gottschalk war uns bloß wieder eine Nasenlänge voraus.

Ich habe für euch mal Bilder ein paar aktueller Studien zum Thema „Verkehr im 21. Jahrhundert“ rausgesucht – die Ähnlichkeit mit den von Gottschalk gezeigten Studien ist frappant:

Futuristic-Vieria-Vehicle

Selbst neben dem in Entwicklung befindlichen Google-Car könnten die Fahrzeuge aus „Zärtliche Chaoten 2“ bestehen:

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Apple, Google: Gottschalk hat ihnen in „Zärtliche Chaoten 2“ im Sommer 1988 viele wundersame Kilroys hinterlassen.

Bisher befinden wir uns allerdings nur auf der Ebene der Technik, die vergleichsweise wertfrei und weithin sogar als positiv dargestellt wird. Aber Gottschalk wäre nicht der brillante Durchdenker seiner und unserer Zeit, wenn er die politischen Konsequenzen des Fortschritts nicht ebenso erkannt und thematisiert hätte. Hellsichtig ist ihm klar, dass 1988 die irrige Annahme herrschte, man habe 1984 ohne den „großen Bruder“ überstanden. Dabei war es Orwell, der sich verrechnet hatte – und Gottschalk korrigiert den britischen Futuristen plausibel ins Jahr 2043, was die totale Überwachung angeht. In diesem Momenten bekommt der Titel „Zärtliche Chaoten 2“ einen zynischen Beigeschmack, dreht die bis dato leichte Komödie in paranoides Drama ab:

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Zwei Menschen, der eine sich verschämt abwendend, der andere den Blick der Kamera entschuldigend suchend, beide Büttel des gnadenlosen, anonymen Systems. Hätte man nicht nur den Überwachungsstaat, sondern auch die Stimmung des zusammenbrechenden Ostblocks besser visualisieren können? Ich glaube nicht.

Die Kamera, die alles sieht, stummes, urteilendes Werkzeug der Unterdrückung. erinnert nicht von ungefähr an Webcams und das Auge des HAL 9000 gleichermaßen:

ZK2 00012We. Are. Watching.

Es drängt sich förmlich die Frage auf, ob der eigentümlich unpassende Titel „Zärtliche Chaoten 2“ nicht nur Code ist, ob ZC2 als Chiffre Hinweis sein soll, Warnung vielleicht? Zukünftiges Chaos? Ziel Chemie? Vieles klingt plausibel – die Antwort kennt nur Gottschalks selbst und es ist bezeichnend, dass er sich zum Thema nicht äußern will.

Und damit sind wir raus aus dieser Utopie – gerade mal 15 Minuten gönnt uns Gottschalk in der Zukunft, bevor es in die „Gegenwart“ geht, die mit albernsten Verwechslungen und dümmlichem Slapstick ihrer eigenen Parodie gleicht. Nur zum Ende gibt es noch einen kurzen Epilog in der Gegenwart der Zukunft des Jahres 2043 – und wie mit dem Vorschlaghammer zertrümmert Gottschalk in nur einem Moment die Hoffnung, Zeitreisen könnten eine bessere Zukunft garantieren:

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Der vormals beste Freund ist zum Urvater einer Dikatorendynastie geworden, in Deutschland regiert „der schwarze Mann“, eine Ahnung von Obama vielleicht, von Pegida auch, auf jeden Fall eine zynische Pointe für das leichte Stück. Dem Helden – wenn man ihn als solchen sehen kann – bleibt nur eine erneute (endgültige) Flucht in die Vergangenheit und die Erkenntnis, dass „früher alles besser war“.

Früher war alles besser? Es lichtet sich der letzte Nebel, Gottschalks analoge Digitalanzeigen und der Plasma-Globus drängen sich wieder ins Bild, Michael Jackson und Boris Becker, das Münchner Patentamt. Die Reise der Figur findet ihr zwangsläufiges Ende, das nun schon im Prolog absehbar war: Gottschalk war von der ersten Kameraeinstellung ein Mann „aus anderer Zeit“, weder sozial noch emotional gebunden an das, was Dressler als die Zukunft vorstellt. Und so ist die Reise in die Vergangenheit auch viel eher eine Rückkehr, kehrt ein verlorenes Puzzleteil in das gesamte Bild zurück. Die Botschaft ist klar: Um die Zukunft zu retten, muss Gottschalk die natürliche Ordnung nicht aufrecht erhalten, sondern durch sein Opfer erst erschaffen. Er erzeugt die Zukunft, die er selber nicht mehr erleben wird.

„Zärtliche Chaoten 2“ ist neben „Metropolis“ und „Operation Ganymed“ vielleicht der wichtigste deutsche SF-Film über die conditio humana und eine Neubewertung scheint mir längst überfällig. Es kann kein Zufall sein, dass Wolf Gremm sein eigenes Opus Magnum „Kamikaze 1989“ ein Jahr nach der „Gegenwart“ von „Zärtliche Chaoten 2“ angesiedelt hat. Der Kontrast zwischen den Jahren 1988 in ZC2 und 1989 in „Kamikaze“ könnte größer nicht sein und belegt eindrucksvoll, dass – auf der fiktionalen Ebene zumindest – das Opfer von Gottschalks Charakter Zukunft und Weiterentwicklung erst möglich gemacht hat. Es würde zu weit führen, sei aber zumindest vermerkt, dass die Hauptfigur des Film dadurch natürlich auch messianischen Charakter bekommt.

Es bleibt anderen Filmforschern überlassen, die Verweise auf diesen Meta-Erlöser auch in Werken wie „Super“ und „Die Sturzflieger“ zu suchen. Auch eine Aufarbeitung des dadurch in völlig neuem Licht erscheinenden „Die Einsteiger“ wird Material für einen anderen Beitrag hergeben müssen.



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Mic

Und das hast du alles spontan geschrieben, nachdem Christian Genzel gestern seine Kritik veröffentlicht hat? Das macht deine Ausführungen über Zeitprobleme leicht unglaubwürdig ;-).

Ich hab den Film vor knapp zwei Wochen zum ersten Mal (wie ich dann feststellte) gesehen – hatte ich ja in deinem Adventskalender gewonnen. Ich fand ihn definitiv besser als Teil 1, was jetzt nicht schwer war. Und gebe dir in einem Recht: Die Hasselhoff-Synchro ist vollkommener Horror!

Ansonsten möchte ich nicht zwischen die Fronten zweier von mir geschätzter Kritiker geraten und halte mich mit einem Urteil vorsichtig zurück.

Peroy
Peroy

Soviel zu „Ich habe keine Zeit“…

DMJ

Überzeugende Analyse!

Wobei ich vermute, dass Michael Jacksons Tod durchaus Teil Gottschalk’scher Prophetie war – vielleicht ist Jackson dort das Erbe Elvis‘ angetreten (der King of Pop folgte dem des Rock) und wird immer wieder mal gesichtet.

Genzel

Fürwahr, da habe ich die hochkreativen Details der ersten 15 Filmminuten tatsächlich beinahe zu leichtfertig unter den Teppich gekehrt. Des Wortvogels präzise Analyse der übersehenen visionären Sprengkraft dieses Werks (von wegen, im deutschsprachigen Raum wäre SciFi-Kino nicht möglich!) sehe ich mit applaudierender Zustimmung als gelungene Ergänzung meines Textes inklusive aller seiner blinder Flecken an.

Oibert
Oibert

Das in Zurück In Die Zukunft 2 war übrigens ein Re-Hydrator.
Dehydriert war das Essen ja schon 😉

invincible warrior
invincible warrior

Nur so zur Info: Michaels Soehne heissen Michael Jackson Jr (aka Prince) und Prince Michael Jackson II (aka Blanket). Vielleicht hat Gottschalk ja auch vorhergesagt, dass einer der beiden das Erbe von Papa uebernimmt. Immerhin waere der originale Michael Jackson auch schon 85 im Jahre 2043.

Lothar
Lothar

Da ich den gesprochenen Text nicht kennte, auch nur ein Vermutung: Vielleicht ging es um den „wahren Michael Jackson“, also die US-amerikanische Kopie vom „wahren Heino“.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

„Retrospektiv ist allenfalls der Zynismus erstaunlich, mit dem man seinerzeit (zu Recht) annahm, es reiche für einen Kinofilm, wenn man ein paar deutsche TV-Nasen, Gaststars aus aktuellen US-Serien und die aktuellen Sommerhits zusammen blödelt.“

Man nehme die US-Serien-Gaststars raus und hat das aktuelle Erfolgsrezept von Schweiger, Schweighöffer & Co. – manche Dinge ändern sich nie 🙁

Pascal
Pascal

OK, du hast dargelegt wann du warum Zeit für diesen Beitrag hattet.
Fehlt nur noch der Grund:
Billige Btm in und um Speyer?
Wette verloren?
😉

Andy Beck
Andy Beck

@ wortvogel
Ich dachte in Demolition Man war das Pizza Hut.
Aber das hier verwirrt mich jetzt doch:
https://youtu.be/gpRzusd9Yi8
?!
Gruss, Andy

invincible warrior
invincible warrior

Ja, einer der ersten Einsaetze von CGI Product Placement sogar. Da Taco Bell in Ol‘ Europe nahezu ungekannt ist, griff man zu der hiesigen, besser bekannten Tochtergesellschaft des gleichen Konzerns. Das betrifft auch die britische Version, die ist somit nicht identisch mit der US Fassung.

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[…] kann es nicht bestreiten – ich habe Blut geleckt. Die Analyse von „Zärtliche Chaoten 2″ hat mir bewiesen, dass die deutsche Kinokomödie der 70er […]