USA 2012. Regie: Tim Burton. Darsteller: Johnny Depp, Eva Green, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Jackie Earle Haley, Bella Heathcote, Chloe Moretz, Jonny Lee Miller u.a.

Story: Barnabas Collins, Spross aus reichem Hause, begeht den Fehler, die Avancen des Stubenmädchens Angelique abzuwehren. Daraufhin treibt Angelique zuerst Barnabas‘ Verlobte in den Selbstmord und macht ihn dann auch noch zu einem Vampir, den sie vom Mob der Küstenstadt Collinsport in einem gesicherten Sarg begraben lässt.

196 Jahre später: Die Reste der Familie Collins sind fast bankrott, man lebt in den verfallenden Reste des Anwesens Collinwood. Bei Bauarbeiten wird der Sarg mit Barnabas gefunden, der sich von den Errungenschaften der Neuzeit anno 1972 nur kurz irritieren lässt – er will der Familie zu altem Glanz verhelfen, das Geschäft mit dem Fisch wieder aufbauen, aber vor allem: er will sich an Angelique rächen, die auch nach 200 Jahren kein Interesse hat, von ihm zu lassen…

Kritik: Es wäre vermessen zu sagen, ich sei ein „Dark Shadows“-Fan. Ich habe von der Original-Seifenoper gut ein Dutzend Folgen gesehen und fand sie größtenteils lachhaft. Die beiden Kinofilme der frühen 70er waren bestenfalls okay. Vom Serienremake Anfang der 90er habe ich die ersten drei Folgen gesehen, das hat mir schon deutlich besser gefallen. Es ist immer noch mein erklärtes Ziel, eine Kopie des nie fertig gestellten Piloten mit Alec Newman als Barnabas zu bekommen. Trotzdem war ich nur milde entsetzt, als Tim Burton verkündete, sich an das Kino-Remake zu wagen. Ist ja nicht so, dass er sich an einem geheiligten Klassiker vergeht.

Siehe: Es ist „Dark Shadows“. Oder korrekter gesagt „Tim Burton’s Dark Shadows“, denn man würde auch ohne Vorspann und Vorwissen sofort erkennen, wer hier die Hand im Spiel hatte. „Dark Shadows“ ist so typisch und eindeutig Burton wie „Sleepy Hollow“ und „Edward mit den Scherenhänden“ (die nicht zufällig beide ebenfalls mit Johnny Depp aufwarteten). Mit ihnen könnte er eigentlich auch prima als Triple Feature aufgeführt werden.

Und damit ergibt sich der Rest des Reviews auch schon zwangsläufig: eine oppulente, bild- und farbgewaltige Produktion von ausgesuchter Künstlichkeit, bei der sich Designer Rick Heinrichs und Kostümbildnerin Colleen Atwood mal wieder so richtig austoben konnten. Es dröhnt der Soundtrack von Danny Elfman an allen Ecken und Enden (plus ein paar sorgfältig ausgewählte Popklassiker), die unvermeidliche Helena Bonham Carter gibt sich puppenhaft exzentrisch und Eva Green scheint Burtons Ex Lisa Marie zu channeln. Das Absurde trifft das Makabre, das Delikate trifft das Groteske. Been there, done that, bought the T-Shirt.

So sehr man sich von der Leichtigkeit und dem operettenhaften Charme dieses sündigen, aber letztlich aus leeren Kalorien bestehenden Konfekts mitreißen lassen möchte – es hakt doch an einigen Stellen. So artifiziell wie die Bauten und die Effekte ist auch Burtons Regie, die zwar auf grandiose Gesten setzt, aber keine echten Gefühle produziert, kein profundes Drama. Was das „Vom Winde verweht“ der Vampir-Oper hätte sein können, verzettelt sich im Klein-Klein der Vorlage, weil die Drehbuchautoren sich nicht entscheiden können, welchen Handlungsstrang der Seifenoper sie in den Mittelpunkt stellen wollen – und deshalb so ziemlich alle Plots der ersten 100 DS-Folgen anreißen und wieder fallen lassen. Der Wiederaufbau und die erneute Zerstörung der Fischfabrik ist ebenso nebensächlich wie die angeblich unsterbliche Liebe von Barnabas. Durch die Verlegung des Fokus von „Victoria“ auf Barnabas reduziert sich die Love Story, an der wir uns eigentlich durch fast zwei Stunden hangeln sollen, auf eine Handvoll so banaler wie unglaubwürdiger Szenen. Figuren tauchen auf, werden fallen gelassen, aus der Handlung geschubst, nur um dann unerwartet doch wieder auf der Matte zu stehen. Es wirkt alles ein wenig hingeschludert.

Business as usual demnach: Herr Burton schert sich nicht um die Geschichte oder starke Emotionen, so lange er albern kostümierte Clowns durch aufwändige Kulissen scheuchen kann. Das ist umso bedauerlicher, da er diesmal mit einem Cast arbeitet, der besser als das Drehbuch ist: ein sich aus dem Klischee heraus spielender Jackie Earle Haley, eine würdevoll verwelkte Michelle Pfeiffer, ein paar erfreuliche Gaststars, vor allem aber eine Chloe Moretz, die mit einer sündig-ambivalenten Lolita-Nummer nach „Kick ass“ und „30 Rock“ erneut zeigt, dass sie die nächste Generation der Kinderstars anführt. Sie ist nach Winona Ryder Tim Burtons zweite große Entdeckung.

Woran „Dark Shadows“ hingegen nicht krankt, ist eine ungesunde Mischung aus Horror und Humor, die viele Kritiker vorab befürchteten. Das hat Burton (wie schon in „Sweeny Todd“ und „Sleepy Hollow“) jederzeit im Griff. Er kann Gothic-Stimmung mit Sitcom-Pointen verbinden wie kein Zweiter. Auch Erotik und Verfall, Schönheit und Furcht sind bei ihm keine Gegensätze.

„Dark Shadows“ wird niemanden bekehren, der bisher mit Tim Burtons Filmen nichts anzufangen wusste. Er wird aber auch (im Gegensatz zu „Planet der Affen“) niemanden abschrecken, der den wirren Amerikaner mit den multiplen persönlichen Exzentrismen für einen Kino-Gott hält. Steht man wie ich zwischen den beiden Stühlen, merkt man doch deutlich, dass Burtons Masche hier mitunter zu altbekannt und routiniert wirkt. Nichts an „Dark Shadows“ kann ihn auch nur im geringsten Maße (heraus)gefordert haben.

Dass der Film trotzdem Spass macht, viel fürs Auge bietet (wenn auch sehr konsequent auf 2D hin komponiert) und allemal immer über dem Durchschnitt bleibt, ergibt sich angesichts des involvierten Talents von selbst.

Fazit: Ein Konditorspeise, sündhaft und süß, mit viel Liebe und Geld gestaltet, die letztlich papp satt macht, ohne wirklichen Kino-Hunger zu stillen. Tim Burton halt.



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Peroy
Peroy

„vor allem aber eine Chloe Moretz, die mit einer sündig-ambivalenten Lolita-Nummer nach “Kick ass” und “30 Rock” erneut zeigt, dass sie die nächste Generation der Kinderstars anführt. Sie ist nach Winona Ryder Tim Burtons zweite große Entdeckung.“

Die Moretz hat DER aber nich‘ entdeckt…

Marcel
Marcel

„(wenn auch sehr konsequent auf 2D hin komponiert)“ – Die Bemerkung lässt mich etwas ratlos. Ich erkenne zwar, wenn Szenen auf 3D-Effekte hin gebaut sind, aber was kann ich mir unter einer 2D-Komposition vorstellen?

Andrea Bianchi
Andrea Bianchi

„eine würdevoll verwelkte Michelle Pfeiffer“.

Charmant, charmant.

Männer, die altern sind „badass“, wenn sie mit fast 70 Expendables 2 drehen, aber ältere Damen sind bloß „verwelkt“.

Teleprompter
Teleprompter

Nicht jede hat das Glück, altersgerechte bis oscarträchtige Rollen angeboten zu bekommen wie Mirren oder Streep. Dann bleiben nur noch endlose Nip/Tucks oder kiloweise Kummerspeck; wer sich mal richtig gruseln will, zu besichtigen bei Turner in Californiaction oder Arquette in Divide.

Ben

Der Auftritt von Alice Cooper wirkte so lustlos gespielt und von Burton so krass unterinszeniert, dass ich das Gefühl nicht losgeworden bin, dass sich beide der kompletten Irrelevanz dieser Szene in jeder Sekunde bewusst waren. Gott, war das furchtbar.

justus_jonas
justus_jonas

@Wortvogel: Chloë Moretz stand schon für Scorsese vor der Kamera. Dafür brauchte Winona Ryder nach Burton noch 5 Jahre. Insofern hinkt die Sache mit „Star“ und „entdeckt“ doch etwas. Das kann sich dann wohl eher Matthew Vaughn mit „Kick-Ass“ auf die Fahnen schreiben.

Ansonsten: Schade, dass sich Burton nur noch halbherzig selbst zitiert. Und auch wenn es alt ist (und wahrscheinlich auch hier schon zig mal gebracht): http://www.collegehumor.com/video/5941081/tim-burtons-secret-formula
Es ist so lustig, weil es wahr ist.

Peroy
Peroy

„@Wortvogel: Chloë Moretz stand schon für Scorsese vor der Kamera. Dafür brauchte Winona Ryder nach Burton noch 5 Jahre. Insofern hinkt die Sache mit “Star” und “entdeckt” doch etwas. Das kann sich dann wohl eher Matthew Vaughn mit “Kick-Ass” auf die Fahnen schreiben.“

Ich bin für die Underdogs, also sage ich, J.S. Cardone hat sie ein paar Jahre früher für „Zombies“ entdeckt… 8)

Comicfreak
Comicfreak

..Junior und ich mögen Elfman und Burton. ^^
Wobei Junior generell sehr zielsicher Filmhandlungen vorher sagen kann

DMJ

So in etwa das hatte ich von dem Film auch erwartet. Schade, dass Burton momentan so festgefahren scheint, ich mag sein Zeug aber trotzdem.
Wobei ich mich hier wie gesagt vor den plumpen fisch-out-of-water-gags fürchte, mit denen der Trailer einen ja beschämte.

„Komm raus, kleine Sängerin!“ 🙁

Peroy
Peroy
Mencken
Mencken

Eindeutig zu gut besprochen hier, einer der schlechtesten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

heino
heino

Ich fand den sehr unterhaltsam und wesentlich besser als alles, was Burton seit „Big fish“ auf die Welt losgelassen hat. Natürlich krankt der Streifen an zuviel Melodram und Uneinheitlichkeit, aber insgesamt war er ziemlich witzig und nie langweilig. Mehr habe ich nicht erwartet.

Thies
Thies

Nach den vielen „so la-la“-Kritiken hatte ich ein wenig gezögert bevor ich mir den Film angesehen habe. Die massive Enttäuschung die ich nach „Alice in Wonderland“ empfand wirkte immer noch nach und konnte auch durch eine Zweitsichtung nicht behoben werden. Insgesamt habe ich mich doch gut unterhalten gefühlt, obwohl ich die Kritikpunkte des Wortvogels alle unterschreiben könnte. Ich mag halt Burtons Stil und dieser Film bot ausreichend Momente um ihn unverfälscht geniessen zu können.

Ich möchte zusätzlich noch anmerken, dass Johnny Depp von Burton kaum noch schauspielerisch gefordert wird. Seine Hauptaufgabe besteht offenbar darin stark maskiert in skurrilen Kulissen zu posieren. Ob mit versteinerter Mimik als Barnabas oder mit dem irren Dauergrinsen als verrückter Hutmacher – es sind beides reine One-Note-Performances und ich würde Burton und Depp raten der nun schon über zwei Jahrzehnte andauernden Zusammenarbeit mal eine längere Pause zu gönnen.

Ich hatte in einem Podcast zu „Men in black 3“ gehört, dass es Barry Sonnenfeld überhaupt nicht mag, wenn man seinen Stil mit dem von Tim Burton vergleicht. Ich frage mich ob das auch umgekehrt gilt, denn „Dark Shadows“ sah oft so aus, als ob in der nächsten Szene die Adams Family vor der Tür stehen könnte.

Marcus
Marcus

Hmtja. Der hätte wesentlich besser werden MÜSSEN.

Das Drehbuch ist unfokussierter Kappes, der gleichzeitig zuviel Plot und zuwenig hat. Das Drama fällt flach, der Film entwickelt keinen „Zug“, der Humor beschränkt sich auf schale „fish-out-of-water“-Gags, 70s-Referenzen und Mr. Depps patentierte Captain Jack-Weirdo-Nummer (diesmal halt mit Goth-Flavor).

Der Look ist Malen nach Zahlen-Burton. Schick, aber nix Besonderes mehr.

Auch schlimm: weil sie nix haben, womit sie arbeiten können, schafft der Film, Michelle Pfeiffer, Jackie Earle Haley UND Chloe Grace Moretz komplett zu verschwenden. Und Helena Bonham Carter hat wohl noch beim Drehen gemerkt, wie überflüssig ihre Figur ist – die spielt nicht, die schlafwandelt.
Einzig Eva Green vermag mit ihrem bewährten Lechz!-Faktor und hemmungslosem Overacting ein bisschen Entertainment aus dieser müden Nummer rauzukitzeln.

Fazit: alles nicht wirklich schlecht, nur furchtbar egal. 6/10.

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[…] Tim Burton mit dem unvermeidlichen Johnny Depp eine Kino-Farce basierend auf dem Stoff, die ich eher so meh […]