07
Feb 2010

Kino-Kritik: "Survival of the Dead"

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA/Kanada 2009. Regie: George Romero. Darsteller: Alan van Sprang, Kenneth Welsh, Richard Fitzpatrick, Kathleen Munroe, Athena Karkanis, Stefano DiMatteo u.a.

survival-of-the-deadStory: Sechs Wochen, nachdem die Toten ihre Gräber verlassen haben, ist von der Zivilisation nicht mehr viel übrig. Der taffe Sarge lässt sich und seine kleine Truppe Ex-Soldaten nach Plum Island locken, wo er Ruhe vor den Untoten finden will. Doch auf der Insel bekriegen sich seit Generationen die Clans der Muldoons und der O’Flynns, die auch angesichts der Zombie-Epidemie gegensätzliche "Lösungsansätze" verfolgen.

Kritik: Kurz zur Einordnung für Hardcore-Fans: "Night of the Living Dead" ist ein Paranoia-Klassiker, der den modernen Zombie-Film als Genre aus der Taufe gehoben hat. "Dawn of the Dead" ist für mich das Meisterwerk der Gattung, eine brillante Konsum- und Gesellschaftskritik, verpackt in einem mehr als kompetenten Actionszenario. "Day of the Dead" war ein qualitativer Einbruch, ist aber immer noch weit besser, als die zeigenössische Kritik heute glauben macht. "Land of the Dead" war im Zeitalter von "28 days later" und "Signal" ein angenehm nostalgischer Oldschool-Streifen, der allerdings schon erkennen lässt, das Romero inhaltlich nichts Neues mehr beizutragen hat. "Diary of the Dead" habe ich nicht gesehen – der von der Kritik gescholtene Abstieg des Meisters zum Gonzo-Filmer hätte mir vermutlich zu weh getan.

Und nun also "Survival of the Dead", eine Rückkehr zum "richtigen" Film, und ein ordentliches Sequel zur "Dead"-Reihe. Oder eher ein Spinoff, denn in eine vernünftige chronologische Reihenfolge lassen sich die Teile schon lange nicht mehr bringen.

Es ist Romero hoch anzurechnen, dass er inhaltlich noch Ambitionen hat, über Videospiel-Plots (töte den Anführer der Zombies! Sprenge das Hauptquartier! Finde das Antiserum!) hinausgehende Geschichten zu erzählen. Sein Drehbuch ist in dieser Beziehung das Gegenteil des "Malen nach Zahlen"-Prinzips von "Avatar". Nicht jede Figur hat eine klar vorhersehbare Funktion, nicht jede Szene ist mechanischer Antrieb der Narrative. Bei ihm ist nicht alles schwarz und weiß, gut und böse – es ist eine verwirrende Welt, die flexible Moralvorstellungen verlangt.

Trotz des erkennbar geringen Budgets (die Explosion einer Hafenklause z.B. muss Romero komplett im Off halten) ist "Survival" flott inszeniert, professionell gespielt, und bis auf ein paar Schwächen bei den wenigen CGI-Effekten auf der Höhe der Zeit, was B-Movies angeht. Besser, aber auch schlechter sehen 70 Prozent der Filme beim Fantasy Film Fest auch nicht aus. Außerdem fokussiert Romero seine Kamera konsequent auf die Figuren, statt ständig mit Schauwerten zu huren, was seine erzählerische Solidität noch unterstreicht. Es geht um die Geschichte, nicht um filmische Angeberei. Er ist ein Handwerker, kein Feuerwerker.

sotd

An der vollends befriedigenden und konsequenten Weiterschreibung der "Dead"-Saga scheitert "Survival" letztlich aber aus zwei Gründen.

Da ist zum einen eine erzählerische Fahrigkeit, die der Suspense abträglich ist. Es war schon immer ein Kardinalfehler der Romero-Skripts, kein Interesse an einem klaren Protagonisten zu zeigen. Zwar wird "Sarge" als Held eingeführt, über weite Strecken schaut er den Ereignissen aber nur zu, und nimmt in der zweiten Hälfte des Films vielleicht 30 Prozent der Handlung in Anspruch. Romero verzettelt sich zwischen den Figuren, lässt sie dabei grob gezeichnet, und oftmals nur halb erzählt. Er hat den Anspruch, ein Sittengemälde zu malen, belässt es aber bei einem frustrierend krakeligen Entwurf. Immer wieder beschleicht den Zuschauer das Gefühl, Romero habe einen geradezu shakespearschen Willen, in seinen Figuren-Gruppen die großen Tragödien der gesamten Menschheit zu destillieren – allein, es fehlt ihm an der Konzentration und vielleicht an der schreiberischen Brillanz, das auch ausreichend zu transportieren.

In "Survival" wird dieses Problem noch durch den Mangel an erzählerischen Mitteln verstärkt: Was für einen straighten "Zombies gegen Inselbewohner"-Fetzer gereicht hätte, verschluckt sich an der großen Parabel. Im Gegensatz zu den ersten vier "Dead"-Filmen gelingt es Romero nicht mehr, das Gefühl allumfassender Ohnmacht zu erzeugen, die ersten Nebelschwaden der Apokalypse zu zeigen. Vom Ende der Welt wird erzählt, aber es wird nicht mehr wirklich vermittelt. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass es noch YouTube und iPhones gibt, von Late Night Shows ganz zu schweigen, impliziert eher, dass die Lage nicht annähernd so bedrohlich ist, wie die Protagonisten sie empfinden. Wenn Romero aus Kostengründen den Shot der entvölkerten Großstadt bei Tag gegen eine leere Landstraße bei Nacht tauscht, geht der dramatische Impact der Zombie-Invasion schnell den Bach runter. Es hilft auch nicht, dass sich Romero mitunter im sarkastischen Tonfall vergreift, und kleinere Plot-Twists fast schon beleidigend "aus dem Hut gezogen" wirken.

Schlimmer aber: Romero hat augenscheinlich kein Interesse mehr, einen echten Zombie-Film zu drehen. Es geht ihm nur um das Drama der Muldoons und der O’Flynns, dem er die Zombies als Katalysator unterschiebt, und Sarge als Beobachter zwischen den Fronten. Was die Beteiligten umbringt, ist ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihr starres Festhalten an alten Fehden. Die Untoten sind zum Hintergrund degradiert, und werden in "Survival" mit einer Leichtigkeit dezimiert, dass sie als Bedrohung fast schon lächerlich wirken. So ist das Finale auch kein Showdown "Menschen vs. Zombies", sondern "Patrick O’Flynn vs. Seamus Muldoon". Man fühlt sich um die eigentliche Geschichte, um den wahren Grund des Zuschauerinteresses an einem "Dead"-Film betrogen.

Genug Gründe, um von "Survival" abzuraten, gibt es also. Und doch möchte ich es mir so einfach nicht machen, weil es sich auch der Film nicht so einfach macht. Er ist vielleicht nicht perfekt, aber er ist wenigstens ambitioniert, und es ist genau der Mangel an Ambition, der mich bei so vielen perfekter inszenierten Filmen auf dem Fantasy Film Fest so nervt. Schon dafür gebührt Romero Respekt. Und es lässt sich auch nicht bestreiten, dass gerade aus der Ambition heraus immer wieder einzelne Szenen entstehen, die schön, ungewöhnlich, und bizarr sind. "Survival" hat fünf oder sechs Momente, die für sich allein schon besser sind als alles, was einige hochgelobte Nachwuchsfilmer auf die Leinwand hieven.

Der (besonders inhaltliche) Abstieg Romeros ist weiterhin beängstigend, und für mich könnte er gerne ernsthaft über die Rente nachdenken. Wenn die "Dead"-Reihe kreativen Bankrott erfährt, sollten andere dafür verantwortlich sein als der Meister selbst. Let it go, George. Du musst doch echt nichts mehr beweisen.

Fazit: Als B-Zombiefilm allemal unterhaltsam, als Romero-Zombiefilm ambitioniert, aber etwas zu müde und unausgegoren. Für Horrorfans meiner Generation trotz der vielen Defizite auf jeden Fall ein Muss.

http://www.youtube.com/watch?v=cuVpNNcwSXs



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Marko
7. Februar, 2010 17:45

"Diary of the Dead" fand ich nicht so schlecht, den kannste ruhig schauen.

Gruß,
Marko

reptile
reptile
7. Februar, 2010 17:54

Romero persönlich ist übrigens am 8+9 Mai in Deutschland beim Weekendofhorrors

Peroy
Peroy
7. Februar, 2010 18:05

Ich halte Night, Dawn, Day und Land für bedingungse Meisterwerke, wobei Day für mich die Speerspitze des gesamten Genres ist. Nix Einbruch.

Diary hingegen ist absolut lächerlicher und jämmerlicher Scheiss. Keine Ahnung, was der gute George da geraucht hat…

OnkelFilmi
7. Februar, 2010 19:53

"…wobei Day für mich die Speerspitze des gesamten Genres ist."

Wahrscheinlich so mit das einzige Mal, daß ich mit Deiner Meinung absolut konform gehe.

Heino
Heino
7. Februar, 2010 22:32

"Diary" kam übrigens nicht bei allen Kritikern schlecht weg. Die Splatting Image z.B. hat ihn sehr gelobt, wird allerdings auch von einem Haufen Romero-Verehrern erstellt. Ich habe ihn nicht gesehen, aber "Land of teh dead" fand ich schon recht müde.

Thies
Thies
7. Februar, 2010 23:49

"Diary of the dead" hatte ich bei den FFF-Nights gesehen und sehr genossen. Der wahrscheinlich Budget-bedingte Ansatz sich mehr auf die Figuren als auf die Effekte zu konzentrieren, führte zu einem dichten kleinen Genre-Film, der den Klassikern zwar nichts Neues hinzufügt, aber sich auch nicht vor Scham verstecken muß.

Und die tollste Neuigkeit dieser Woche war für mich, dass "Survival of the dead" ebenfalls bei den FFF-Nights laufen wird. Zusammen mit "[REC] 2". Jetzt fehlt nur noch ein französischer Gore-Knaller á la "Inside" um das Menü abzurunden. 😉

Julian
8. Februar, 2010 00:03

Ich hab leider die PV verpasst, was mich sehr ärgerte. Konkurrierender Termin (kein Film). Schade, schade, schade. Hätte ihn gern gesehen.

Peroy
Peroy
8. Februar, 2010 00:31

"Diary of the Dead" war bestenfalls "dicht" im Sinne von "Beim Dreh waren alle wohl knülle bis untern Rand", mehr nicht. Ein schlechter Witz Romeros auf Kosten der Fans…

Es gibt jetzt schon "D[REC]K 2" ? Wer tut sich den freiwillig an… ?

Thies
Thies
8. Februar, 2010 01:33

"[REC]" war für mich ein Fall, bei dem der Hinweis "Nehmen Sie bitte vor Beginn des Films ihre Herztropfen ein, ansonsten können wir für nichts garantieren." sehr angebracht gewesen wäre. Hab mir das US-Remake erspart, weil ich nicht geglaubt habe, dass diese Wirkung nochmal reproduziert werden könnte.

Nochmal Off-Topic: Wenn ich an die FFF-Nights 2008 zurückdenke, wundert es mich. dass der sehr hübsche Zeitschleifen-Film "Timecrimes" immer noch nicht auf DVD erschienen ist.

Peroy
Peroy
8. Februar, 2010 01:47

Och, das Remake hat die Wirkung des Originals ziemlich genau reproduziert, "Quarantäne" war nämlich genau so blöd und scheisse wie der spanische Mist… 😀

Emanuela
Emanuela
8. Februar, 2010 15:51

Seufz… ich habe mein Drehbuch für einen Zombiefilm an unzählige Agenten, Produktionsfirmen und TV-Sender geschickt, die Antwort war immer gleich – zu teuer. Für Romero wäre es sicherlich nicht zu teuer.

Im nächsten Leben dann…

Frank
Frank
18. Februar, 2010 16:20

Ich finde die komplette Dead-Reihe genial. Wann kommt Survival denn auf DVD hierzulande raus?