03
Okt 2007

Schlagzeilen-Dummfug, neuste Version

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Stern CoverMeine Begeisterung für Richard Dawkins dürfte regelmäßigen Lesern dieses Blogs bekannt sein. Und meine Abneigung gegen religiösen Glauben, der sich das Mäntelchen der Rationalität umlegt, und sich in streng wissenschaftliche Belange einmischt, auch. Da empöre ich mich über Häuptlinge ebenso wie über Indianer. Ich stehe auf der Seite der Atheisten und Agnostiker. Besonders allergisch reagiere ich, wenn die vernünftigen Thesen der Atheisten auf dumme und falsche Phrasen reduziert werden, die dann den liberalen Medien die Gelegenheit geben, sich auf die wohlfühlige Seite der "Spirituellen" zu schlagen.

Gerade die Thesen und die Vorgehensweise von Richard Dawkins wurden in den letzten Wochen in einem Maße verzerrt dargestellt, dass man den sympathischen und sehr bedächtigen Professor für einen christenfressenden Hysteriker halten musste.

Und nach dem SPIEGEL gibt sich nun der Stern die Ehre…

Ich verstehe die Notwendigkeit, über das Cover Interesse zu generieren, und die Verkäufe anzukurbeln. Man kann auch keine drei Spalten Text vorne drauf knallen, um ein komplexes Thema ordentlich anzureissen. Aber ist es denn so viel verlangt, wenigstens halbwegs im Kontext der zugehörigen Story zu bleiben? Die Marktschreierei ist umso bedauerlicher, da der Artikel relativ sauber recherchiert und formuliert ist.

Bleibt es mal wieder an mir hängen…

Dawkins sagt NICHT, dass es keinen Gott gibt.

Und schon gar nicht sagt er, WARUM es keinen Gott gibt.

Die erste Behauptung wäre ja schon vermessen – die zweite wäre nachgerade absurd. Damit ist die Betextung des Stern-Covers gleichauf mit dem Unfug, den der SPIEGEL verzapft hat, als er Atheisten, die nicht an Gott glauben vorwarf, genau jenem die Schuld an allem Elend zu geben.

"Provokant" ist an Dawkins Thesen auch nichts, denn sie sind empirisch wie logisch vergleichsweise wasserdicht. Provokant sind in meinen Augen Thesen wie die, dass ein übergeordnetes Wesen das Universum zu unserem Nutzen in sieben Tagen geschaffen hat, und die Frau aus der Rippe des Mannes geschnitten wurde.

Was Dawkins meint (und oft genug sagt – ich zitiere hier das Stern-Interview): “Ich fälle ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz. Und die liegt unter 50 Prozent, ich glaube sogar, sie ist äußerst gering.”

Nun könnte man das alles leichtfertig unter den Teppich kehren – Zeitschriften blasen Themen unproportional auf, um Leser zu ködern. Was ist schon schlimm daran? Der SPIEGEL hat in den 80ern schließlich auch dutzendfach das Ende der Welt verkündet, und nix ist passiert.

Mein Problem daran ist das immer offensichtlichere System, das dahinter steckt. Die “weichen” Gläubigen wehren sich gegen Kritik an ihrem Glaubenskonstrukt, in dem sie den Kritikern Fundamentalismus und Irrationalität unterstellen. Damit werden die Atheisten und Agnostiker in die selbe Ecke gestellt wie Hassprediger und Terroristen – “die machen uns den schönen und natürlich immer friedlichen Glauben kaputt”. Jede Diskussion ist damit hinfällig, man sieht ja nicht Auge in Auge.

Besonders krass ist mir das Stern-Cover im Kontrast zu der Vortragsreihe 1991 von Richard Dawkins aufgefallen, die ich dieser Tage auf DVD gesehen habe. 5 Stunden lang erklärt der Professor einem gemischten Publikum die natürliche Welt so, wie man es sich wünscht: warm, humorvoll, nachvollziehbar, voll von sympathischen Einsichten und getragen von einer Begeisterung für das Universum, die ansteckend ist. Wer glaubt, man könne einem Professor nicht fünf Stunden lang an den Lippen kleben, soll sich hier eines Besseren belehren lassen. Dabei begegnet Dawkins auch 1991 schon sehr schön den auch heute noch immer nachgeplapperten "Beweisen" gegen die Evolution. Google Video hat beispielhaft den Ausschnitt zu der Behauptung, das menschliche Auge könne sich nicht durch natürliche Mutation entwickelt haben:

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Empfehlen möchte ich Interessierten auch die hervorragende Dokumentation "Enemies of Reason":

Teil1

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Teil 2

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Die Welt hat sich immer dann weiterentwickelt, wenn wir auf die Klugen gehört (Aufklärung), und sie nicht verdammt (Inquisition) haben. In meinen (durch Mutation evolutionär entstandenen) Augen wird Dawkins momentan einfach nicht genug zugehört…

Übrigens: Wenn ich mal sterbe, lasse ich mich erst für medizinische Zwecke ausnehmen, und danach einäschern. Ich will ja nicht so einen Grabstein:

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Peter Krause
3. Oktober, 2007 21:00

Sein neues Buch scheint sich ja ganz gut zu verkaufen, wenn es dem Stern eine Titelseite wert ist. Das ist schön für Dawkins und alle, die seinen Weltbild teilen.
Amazon verzeichnet bereits 33 Rezensionen, nach grad mal 3 Wochen.
Auch schön: die (wenigen) negativen Rezensionen entlarven sich selbst. Besonders lustig fand ich zum Beispiel: "Warum sollte die Evolution ausgerechnet zu unseren Lebzeiten ein Wesen hervorgebracht haben, das in der Lage ist, die Welt zu verstehen?"
Schön für Amazon ist, daß ihre nahezu unmoderierten Rezensionen viel weniger einseitig sind als, sagen wir, die Leservriefseite des Spiegel. (Auf die des Stern bin ich schon sehr gespannt.)

Nicht schön ist, daß der Titel – Der Gotteswahn – wohl dafür sorgt, daß seine Kritiker vor Wut nicht mehr unvoreingenommen weiter lesen können.

Wortvogel
Wortvogel
3. Oktober, 2007 21:11

Du hast sicherlich Recht – der US-Titel ist etwas weniger aggressiv, wenn auch inhaltlich synonym.

Es hilft sicher auch nicht, dass der Chefredakteur des Stern sein Editorial "Gotteswahn: Ein Professor gegen den Rest der Welt" überschreibt. Das halte ich für bestenfalls unglücklich, für schlimmstenfalls fahrlässig.

Peter Krause
3. Oktober, 2007 21:38

Ich hätte "Gottestäuschung" eher unterschreiben können. Dawkins sicher auch.
Das leidige Problem mit deutschen Buchtiteln ist ja nicht neu …
Aber gleich "gegen den Rest der Welt"? Was mag da wohl mit "rest" gemeint sein? Ist das eine neue anglizistische Wortschöpfung im Sinne von "to rest"?

Martin
Martin
5. Oktober, 2007 11:45

Ok, ich versuche noch einmal, meinen Eindruck (auch deines letzten Artikels zu Dawkin) zu formulieren.

Du beschreibst vollkommen zu Recht, das Dawkins Thesen falsch dargestellt bzw. über Gebühr provokativ dargestellt werden.
Und du schreibst meiner Meinung nach vollkommen zu Recht, dass es eine viel provokativere (Kann man das eigentlich steigern? Im Sinne von "more provocative") These ist, zu behaupten, Gott habe die Welt in sieben Tagen geschaffen.
Was mich daran etwas stört, ist, dass du suggerierst, Christen würde solch eine These vertreten. Nun möchte ich gar nicht absprechen, dass es Christen gibt, die diese harte Linie fahren, besonders amerikanische Gläubige tun sich da immer wieder hervor, aber der Großteil der Christen (wenigstens der deutschen Christen) würde nie auf den Gedanken kommen, diese These zu vertreten.
Und sie würden nie auf den Gedanken kommen, so etwas zu tun, weil für sie Wissenschaft, Vernunft und Religion durchaus zu vereinbaren sind.
Und ich glaube, viele Christen fühlen sich auf den Schlips getreten, weil sie immer wieder das Gefühl haben, man würde ihnen vorwerfen wissenschaftsfeindlich zu sein. (Und da ist solch eine reißerische Headline des Stern natürlich Wasser auf deren Mühlen.)

Aber generell besteht natürlich das Hauptproblem darin, dass es schwer ist, eine Diskussion zwischen Atheisten und Christen auf einer gemeinsamen Grundlage zu führen. Und das ist meiner Ansicht nicht hauptsächlich dadurch unmöglich, dass sich die Christen immer mal wieder unmöglich aufführen, wenn jemand ihre Religion kritisiert, sondern es handelt sich um ein grundsätzliches Problem:
Man findet einfach keine gemeinsame Grundlage, auf der man bis in letzte Konsequenz reden könnte. Der Atheist beruft sich in letzter Konsequenz immer auf die Vernunft, der Gläubige auf seinen Glauben. (Und ich meine damit seinen ganz persönlichen Glauben. Also etwa in dem Sinne: du sagst, da ist nichts, aber wieso Glaube ich. Dieser Glaube ist doch dann immerhin.) Glaube hat in dieser letzten Konsequenz nichts mehr mit Vernunft zu tun, aber wie könnte er auch, wäre er doch dann kein Glaube mehr.

Man kann das in einem endlosen Dialog fortführen:
Gläubige: "Aber einer muss das doch alles geschaffen haben!"
Atheist: "Aber wer hat dann den Schöpfer geschaffen."
Gläubige: "Na der Schöpfer."
Atheist: "Und wer hat diesen Schöpfer geschaffen."
Gläubige: "Na der Schöpfer."
usw….

Es ist eben schwer, jemanden mit rationalen Gründen darauf hinzuweisen, dass da aller Wahrscheinlichkeit nach nichts ist, wenn der sagt, aber ich Glaube doch, ist das denn etwa nichts?

Was ich allerdings wirklich problematisch finde, ist, wenn Gläubige beginnen, diesen Glauben nicht mehr als persönliche Angelegenheit zu sehen, sondern daraus auch Konsequenzen über die eigene Person hinaus ableiten wollen. Und da kommen wir zum System Religion, das du wie du sagst rundweg ablehnst. Diese Einstellung kann ich gut verstehen.

Hans Wurst
Hans Wurst
5. Oktober, 2007 17:35

Meiner bescheidenen Meinung nach kann man gegen einen Glauben nicht argumentieren. Muss man auch nicht – das tun die Theologen nämlich selbst am besten.
Martin schreibt, die wenigsten Christen würden die biblischen Ausführungen vertreten – das sollten sie aber. Schließlich ist die Bibel die Grundlage ihres Glaubens. Das beste Argument gegen jeden Glauben ist doch die Willkür, mit der Theologen ihre heiligen Schriften auslegen.
Die Schöpfungsgeschichte ist kaum misszuverstehen: Erster Tag … zweiter Tag … Blabla.
Bis heute wird es genau so gepredigt. Das muss man nicht verstehen, aber dulden – wir sind ja schließlich ein freies Land.
Vor einigen Jahren, als die Theorie des Big Bang wissenschaftlich wasserdicht gemacht wurde, schrien die Kirchenoberhäupter auf: „Hurra, das ist der Beweis, es gibt Gott! Der Moment der Schöpfung ist gefunden!!!“ Ich bin mir bis heute uneinig, ob das genial ist, oder einfach nur erbärmlich.
So wie ich das sehe, haben Religion und Wissenschaft keine Schnittstelle. Diese beiden Weltanschauungen sind in keiner Weise vereinbar. Es steht jedem frei sich für den Glauben zu entscheiden, und damit gegen das Wissen. Absolut unsinnig ist jedoch die Ansicht, man könne die Wissenschaft als Erklärung nutzen, aber ‚vorsichtshalber’ gleichzeitig an Gott glauben.

Wortvogel
Wortvogel
7. Oktober, 2007 15:08

Vieles, was ich zu Martins Kommentar schreiben könnte, hat mir Hans Wurst vorweg genommen (danke dafür). Es macht mich immer fassungslos, mit welcher Nonchalance Christen die Grundlage ihrer Religion (die Bibel) ganz und in Teilen ignorieren, wenn es gerade nicht in ihre Weltanschauung oder ihren Tagesablauf passt. Jeder schnibbelt sich die Anforderungen, die sich aus der Bibel ergeben, zurecht. In meinen Augen sind das keine Christen. Sie mögen sich selber Gläubige nennen, aber CHRISTEN sind nach meinem Dafürhalten jene, die die Grundlage ihres Glaubens auch als Grundlage ihres Handeln annehmen (so dusselig der Glaube auch sein mag). Ich glaube manchmal, dass der Erfolg des Christentums in seiner völligen Beliebigkeit liegt: Jeder kann sich rauspicken, was er braucht, und für die Ablehnung großer Teile des Dogmas wird man auch nicht exkommuniziert. Da sind mir wiedergeborene Christen lieber – die sind zwar eklig, aber wenigstens konsequent.

Der "endlose Dialog" ist totaler Unsinn: Der Schöpfer kann nicht den Schöpfer geschaffen haben. Wenn man nun argumentiert, das brauche er auch nicht, denn außerhalb des Schöpfers existiere nichts, somit auch kein "davor", dann übersieht man, dass die Physik genau jene Erklärung auf den Big Bang anwendet – vor ihm gab es weder Zeit noch Raum, auch keine physikalischen Gesetze. Also musste er auch nicht "erschaffen" werden – und genau diese Argumentationslinie (die sie für sich selber in Anspruch nehmen!) geht den Kreationisten gegen den Strich.

Nochmal: Ich habe nichts gegen persönlichen Glauben. Wenn dieser Glaube aber Gehör in wissenschaftlichen Dingen verlangt, wenn er Menschen moralisch verurteilt und verfolgt (Schwangerschaftsabbruch, Stammzellenforschung, Inquisition), wenn er Kriege anzettelt, Familien und Völker trennt (Irland), und auch noch moralische Deutungshoheit und gesonderten Schutz in Anspruch nimmt – DANN findet er in mir einen zähen Gegner.

Religion war nie die Lösung – sie war immer das Problem. Alles Positive, was wir weltgeschichtlich erreicht haben, verdanken wir der Ratio und der Wissenschaft – oft genug GEGEN den ausdrücklichen Willen der Kirche.

Peter Krause
7. Oktober, 2007 16:30

Christen müssen die Bibel wortwörtlich nehmen – verlangt ihr da nicht ein bischen viel? Bzw. unmögliches?
Zum einen besteht die Bibel aus Altem und Neuem Testament, die sich auch gegenseitig widersprechen. Für Christen kann daher nur das NT verbindlich sein, doch auch das besteht nicht nur aus eindeutigen Handlungsanweisungen, sondern aus Metaphern und Gleichnissen – und letztlich auch aus Übersetzungsfehlern und -ungenauigkeiten, wie der "jungfräulichen Geburt".

Das könnte man endlos auseinanderpflücken – ich stimme jedoch soweit zu, daß jemand sich wohl kaum Christ nennen darf, wenn er noch nichtmal das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" ernst nimmt.
Und nicht vergessen sollte man, daß "Ratio und Wissenschaft" nicht nur zu Positivem führen, sondern auch zu Hiroshima/Nagasaki, Kriegen ums Öl und Techno-Musik.

Wortvogel
Wortvogel
7. Oktober, 2007 16:42

Beide Argumente kann ich SO nicht stehen lassen, Peter:

– Es ist die katholische Kirche selbst, die die Bibel als unfehlbar und von Gott gegeben ausgibt, gleichzeitig aber beide Augen zudrückt, wenn es um Unstimmigkeiten geht. Die katholische Kirche BESTREITET, dass die Bibel als von Menschen niedergeschriebenes Werk interpretierbar ist (außer von katholischen "Wissenschaftlern", die "Fehler" bisheriger Lesarten ausmerzen). Und selbst wenn dem nicht so wäre – welchen Wert hätte die Bibel, wenn jeder sie nach eigenem Gusto interpretieren könnte?

– Ratio und Wissenschaft haben weder zu Hiroshima noch zu Techno-Musik geführt – das "verdanken" wir der Unfähigkeit, mit den Errungenschaften der Wissenschaft weise umzugehen. Ich kann auch jemandem einen Füller ins Auge stechen und dann brüllen: "Die Erfindung des Füllers ist des Teufels!".

Man könnte nun gegenhalten: "So ist es mit dem Glauben ja auch – der Mensch macht das Falsche daraus". Aber Wissenschaft und Technik haben einen objektiven Zweck jenseits ihrer moralischen Anwendung – ob man die Kontrolle über das Atom für gut oder schlecht hält, bestimmt nicht die Frage, ob man darüber forschen sollte. Religion hat aber als einzigen Zweck "das Gute" – wenn das nicht mehr funktioniert, hat jede Religion ihre Grundlage verloren.

Es ist doch interessant, dass die grundsätzliche Diskussion "Sollten wir all das hier überhaupt machen?" ständiger Bestandteil der Forschung ist, aber nicht der Religion? Hat mal EIN Pfarrer gesagt: "Wenn wir uns das Ergebnis unserer Religion so ansehen, müssten wir doch mal grundsätzlich die Frage stellen, ob sich das noch rechtfertigen läßt?!"

Peter Krause
7. Oktober, 2007 17:38

Nehmen wir mal Jesus: im Prinzip ein Reformer des jüdischen Glaubenssystems, der den Leuten gesagt hat, sie sollen sich endlich mal liebhaben; pfeif drauf, was die Rabbiner davon halten. Das ganze Christentum beruht seitdem darauf, das Alte Testament neu, also in Jesu' Sinne, zu interpretieren.
Die Auffassung, die Bibel sei nicht interpretierbar, kenne ich so nur von den "Zeugen Jehovas".
Überhaupt: die ganze Zersplitterung in viele verschiedene christliche Konfessionen und Religionsgruppen zeigt ja schon, daß Konsens unmöglich ist.

"Religion hat aber als einzigen Zweck “das Gute” – wenn das nicht mehr funktioniert, hat jede Religion ihre Grundlage verloren."

Naja, in vorchristlicher Zeit war die Bibel zwar mehr als das: Gesetzbuch, Geschichtsbuch, Helfer in allen Lebenslagen – aber heute hast Du schon recht. Wenn es der Religion nicht gelingt, Frieden zu stiften, hat sie sich überlebt.
Für alles außerhalb dem Seelenheil haben wir heute andere zuständige Stellen, die mehr oder weniger gut funktionieren. 🙂

Wortvogel
Wortvogel
7. Oktober, 2007 17:47

So ischt äs, wie Erwin Teufel sagen würde.

Ist ja auch interessant: Das Christentum hatte mittlerweile 2000 Jahre Zeit, sich zu beweisen, oder wenigstens substantiell zu verbessern – und die Gläubigen können die Religion ja auch nie in toto abwählen wie eine Regierung.

gfx
gfx
13. Oktober, 2007 13:42

Es muss klar gesagt werden, dass Jemand, der die Bibel wörtlich auslegen will, ein Ignorant ist. Das wissen auch viele (die meisten?) Christen. Und das Buch Genesis ist keinesfalls so "eindeutig" wie man vielleicht meinen könnte (1. Tag, 2. Tag etc.), viel mehr kommt diese Strukturierung daher, dass es urpsrünglich ein Lied in Strophenform war. Die "Idee" dahinter ist auch weniger, wie genau die Welt geschaffen wurde, es ging nur viel mehr darum, dass die Gestirne selbst keine Götter sind, sondern teil des weltlichen Systems (eine Anschauung, die damals extrem vortschrittlich war), und dass es nur einen einzige Gott gibt (anstatt der vielen Naturgötter, die vorher verehrt wurden).
Die Bibel ohne den Geschichtlichen und Kulturhistorischen Kontext verstehen zu wollen ist albern, und ehrlichgesagt verstehe ich die Kirchen da auch nicht, wieso man genau das von den Gläubigen fordert.

Auf der anderen Seite sehe ich sofort ein, dass die Institutionalisierung des Glaubens, wie er allerortens stattfindet, mit all dem dummen Geschwätz, das von sogenannten Experten kommt und dem Versuch, weltliche Macht zu akkumulieren, unerträglich ist. Allerdings berührt die Dummheit mancher (hochrangiger) Gläubigen ja nicht die – rein philosophische – Frage ob es eine art Metawesen gibt, dass die Physik "erschaffen" hat. Beweisbar ist Derartiges freilich nicht, aber genausowenig ist es wiederlegbar. Es als Axiom anzunehmen und seine eigene Wertvorstellung darauf aufzubauen kann also genauso wenig falsch sein, wie vom Gegenteil auszugehen.

Wortvogel
Wortvogel
13. Oktober, 2007 14:37

Ich stimme weitestgehend zu, aber: "Es als Axiom anzunehmen und seine eigene Wertvorstellung darauf aufzubauen kann also genauso wenig falsch sein, wie vom Gegenteil auszugehen." – das ist in meinen Augen falsch.

Etwas, das nicht zu beweisen ist, als Grundlage meiner Werte (und Handlungen!) zu nehmen, kann nicht richtig sein. Vor allem deshalb, weil es es willkürlich und unüberprüfbar ist.

Und die Atheisten/Skeptiker tun ja nicht das Gegenteil – ein Atheist richtet sein Leben nicht nach dem Maßstab aus, dass es keinen Gott gibt. So nach dem Motto: Weil es keinen Gott gibt, kann ich machen, was ich will. Das ist die alte (aber trotzdem falsche) Zirkelargumentation: Atheisten sind nur die Kehrseite der Theisten.

Moral und Ethik müssen konsensfähig sein – und konsens kann nur durch Überzeugung erreicht werden. Und Überzeugung basiert auf plausiblen Argumenten und allgemein anerkannten Wahrheiten, die wiederum belegbar sind. Darum können Religionen auch nicht fusionieren – ihre Wahrheiten sind elitär und unbelegbar, und daher nicht kompatibel.